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20.09.17

 „Kommentare zur Debatte

Ich möchte Wolfgang Michals Kommentar nur in einem einzigen Punkt widersprechen.

Er schreibt, die bedenkliche Tendenz der Reportage neige in Richtung der Literatur - „...der Reporter verwandelt sich in den Schriftsteller..."? Aber wie oft hat die Literatur sich ihrem Leser gegenüber widerspenstig, provozierend, sogar abweisend verhalten und trotzdem überlebt?

Die Lasso- und Lies-mich-Einstiege und die Cliffhanger-Schlüsse haben doch dort begonnen, wo man anfing, den Leser verführen zu wollen. Weil er die Geschichten genauso lieben soll wie das Produkt, das auf der gleichen Seite beworben wird. Um dann in Verwechslung seiner Begehren das Portemonnaie zu öffnen.

So gesehen herrschte wohl bereits Gerechtigkeit, als René Pfister seinen Preis noch hatte. Er wollte einen Reportagepreis, hat aber ein Portrait mit nicht selbst erlebtem szenischem Einstieg eingereicht. Er hat den Egon-Erwin-Kisch-Preis gewonnen, aber gegeben hat man ihm eine Büste von Henri Nannen.

Ania Faas

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Ich finde die Aberkennung des Nannen-Preises an René Pfister absurd und den Vorwurf der Lüge an den Haaren herbeigezogen.

Es beginnt damit, dass Pfister seinen Einstieg mit „Ein paar Mal im Jahr“ beginnt – schon dadurch ist es vollkommen offensichtlich, dass er sich diese Information aus Erzählungen erschließt und nicht „ein paar Mal im Jahr“ dabei war. Pfister schildert nicht, wie er Seehofer mit der Eisenbahn spielen sieht. Er sagt nicht: „Jetzt“ oder „in diesem Moment“. Er behauptet nur, dass dort eine Eisenbahn steht, in der nun auch Angela Merkel herumfährt. Eine Tatsache, die recherchiert und unbestritten ist. Übrigens auch von Horst Seehofer. Der Einstieg steht für Pfisters Idee über Seehofer – „ Seehofer hat sich in Schamhaupten eine Welt nach seinem Willen geformt, er steht dort am Stellpult, und die Figuren in den Zügen setzen sich in Bewegung, wenn er den Befehl dazu erteilt.“ Darum geht dieser Einstieg.

Ob Pfister daneben stand, ist vollkommen irrelevant. Er behauptet es auch nicht. Erfahrene Journalisten, wie sie in der Henri-Nannen-Jury sitzen, wissen um diese Art der Technik, bei der es sich um eine szenische Rekonstruktion handelt. Viele Reporter arbeiten so. Und es führt genau zu der Art von Spannung und Lesbarkeit, durch die sich gute und preiswürdige Reportagen auszeichnen.

René Pfister weiß schätzungsweise nicht, wie ihm geschieht. Und zwar zurecht.

Schöne Grüße, Silke Lambeck

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Ein kurzer Einschub wie "...erzählt Seehofer" hätte die Szene als das gezeigt, was sie ist: eine Schilderung aus zweiter Hand. René Pfister hat also einen handwerklichen Fehler gemacht. Nicht mehr, nicht weniger. Ein Skandal ist das nicht. Ihn mit Guttenberg in einen Topf zu werfen ist infam. Vor allem aber hat die Jury schwere Fehler gemacht: Sie hätte genauer hinsehen müssen, BEVOR sie den Preis für die beste Reportage verleiht. Und sie hätte René Pfister dazu anhören müssen, hat es aber unterlassen. Für René Pfister muss das Ganze ein einziger Alptraum sein. Aus einer dilettantischen Tölpelei der Jury ist jetzt eine mindestens fachöffentliche Diskussion geworden, die letztlich alle Beteiligten beschädigt: Herrn Pfister, die Jury-Mitglieder, den Henri-Nannen-Preis und die grundsätzliche Glaubwürdigkeit journalistischer Leistungen.

Schöne Grüße, Prof. Stefan Heijnk, FH Hannover

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erschienen in:
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am 01.01.1970

 

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