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30.05.17

Ariel Hauptmeier „Der Skandal findet nicht statt

Hamburg, 9. Mai 2011


Sehr geehrte Frau Nannen,

wir wundern uns. Ich wundere mich, und auch die Kollegen, mit denen ich heute morgen gesprochen habe, wundern sich. Über die Anwürfe, die Sie gegen den Kollegen René Pfister erheben, in Ihrem heute im Hamburger Abendblatt erschienenen Artikel „Skandal beim Henri-Nannen-Preis“.

Sie kritisieren, dass René Pfister die Auszeichnung für die beste Reportage erhalten hat. Es geht um sein im „Spiegel“ erschienenes Porträt über den CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer. René Pfister erklärte bei Entgegennahme des Preises frank und frei, dass er die Einstiegsszene – Horst Seehofer am Stellpult seiner Modelleisenbahn – nicht selbst beobachtet, sondern rekonstruiert habe. Aus wiederholten Gesprächen mit Horst Seehofer über besagte Modelleisenbahn-Leidenschaft.

Dieses Eingeständnis sorgte durchaus für Stirnrunzeln im Publikum. Denn in der Tat ist die Rekonstruktion nicht als solche kenntlich gemacht, und sicher haben viele Leser – darunter offenbar auch etliche Juroren – diesen Textabschnitt so gelesen, als habe René Pfister persönlich neben Seehofers Stellpult gestanden. Was er nicht hat.

Daraus konstruieren Sie einen Skandal. Ich fasse zusammen:

„Die Reportage, die beste Reportage des Jahres 2010, ist eine Vortäuschung falscher Tatsachen. Sie ist nicht echt. Weil der Autor nicht das aufgeschrieben hat, was er gesehen hat. Eben weil er nichts gesehen hat. (..) Die Wahrheit lautet: Pfisters Reportage ist in wichtigen Teilen des Textes keine Reportage, und er hat diesen Umstand nicht kenntlich gemacht. (..) Pfisters Text ist ein Betrug an der Wahrheit, ist Verrat dessen, woran Journalisten mindestens zu glauben vorgeben. Er ignoriert alles, was an diesem Abend gefeiert wird, und erhebt sich in einer Weise über die Recherchen und Mühen der Kollegen, dass man sich abwenden möchte. Anders als es bei einem Guttenberg gewesen wäre - dem es geholfen hätte, wäre deutlich geworden, dass er die Wissenschaft nicht absichtlich getäuscht hätte -, ist der fehlende Vorsatz hier nicht schuldmindernd. Nicht zu wissen bedeutet in diesem Falle, sein Handwerk nicht zu verstehen. Das ist die nächste Ohrfeige. Für den Qualitätsjournalismus, der doch den Unterschied machen soll zu Facebook und Twitter. Um den allein es an diesem Abend in Hamburg und um den es den meisten Gästen lebenslang geht. (..) Im Foyer und am Büfett gibt es eine halbe Stunde später kein anderes Thema, und am Wochenende brodelt es hinter den Kulissen der Medienwelt. Manche meinen, man müsse René Pfister den Preis gleich wieder entziehen. Auch in der Jury gibt es diese Stimmung. Es rauscht nun im Blätterwald. Man fühlt sich getäuscht. Und was dem "Spiegel" als Doppelsieg (das Autorenteam um Ullrich Fichtner erhielt für "Bundeswehr. Ein deutsches Verbrechen" den "Henri" für die beste Dokumentation) zum Triumph hätte gereichen können, wird jetzt zur Schande.“

Das kann man so nicht stehen lassen. Bitte erlauben Sie mir, die Vorwürfe nach und nach durchzugehen.

1. „Vortäuschung falscher Tatsachen“. Pardon: Sie übertreiben. Schauen Sie sich den Text noch einmal genau an: René Pfister erweckt nicht den Eindruck, er sei mit Horst Seehofer in dessen Keller hinabgestiegen, wo der CSU-Vorsitzende, ich phantasiere, „die Lok behutsam aufs Gleis zurücksetzt“ – solche szenischen Beschreibungen, die eine direkte Beobachtung suggerieren, gibt es nicht.

2. „Ist in wichtigen Teilen des Textes keine Reportage“. Auch das stimmt nicht: Reportagen leben immer auch von der szenischen Rekonstruktion von Vorgängen, die der Autor nicht selbst erlebt hat. Bitte machen Sie sich die Mühe und schauen Sie sich die Kisch-Preisträger der vergangenen Jahre an. Da gibt es etliche Beispiele. Ich nenne nur eines: Ullrich Fichtners Rekonstruktion des „Falls von Bagdad“. Nein, er ist nicht dabei gewesen, als sich die irakische Armee-Einheit auflöste, ja, er schreibt im Indikativ darüber, szenisch, so, als sei er dabei gewesen – und das zu Recht. Weil er das Material seiner Rekonstruktion sorgfältig recherchiert hat. Stimmt: In jenem Fall ist die Rekonstruktion offensichtlich, in diesem Fall mischt sie sich mit direkt Erlebtem. Hätte man trennen müssen. Ungeschickt.

3. „Betrug“, „Verrat“, „erhebt sich“, „Guttenberg“, „schuldmindernd“, „Ohrfeige“ – mit Verlaub, Sie vergreifen sich im Ton. Die Vergleiche hinken und sind beleidigend. Es geht hier um einen Reportage-Einstieg, um einige Absätze, nicht um eine gefälschte Doktorarbeit.

4. „Im Foyer und am Büfett gibt es eine halbe Stunde später kein anderes Thema.“ Jetzt muss ich zurückfragen – sind Sie am Freitag da gewesen? Waren wir auf der gleichen Veranstaltung? Ich habe an dem Abend mit vielen Leuten gesprochen, und exakt null Menschen haben sich aufgeregt über den rekonstruierten Einstieg von René Pfisters Siegerreportage. Ich habe es so gehört: „Schade, dass ein ganz normales Politikerporträt gewonnen hat. Klar, guter Text, aber die anderen beiden (Henk, Schüle) waren origineller. Und dass Pfister die Seehofer-Modelleisenbahn-Erzählung nicht als solche kenntlich gemacht hat, ist natürlich ungeschickt. Wäre besser, wenn er es getan hätte.“ That’s it.

5. „Am Wochenende brodelt es hinter den Kulissen der Medienwelt.“ Auch das ist an mir vorbei gegangen. Stimmt: Erste Zeitungen und Online-Medien berichten. Fragen. Lassen nicht genannten Juroren anonym mit Schlamm werfen. Meinen Sie das mit „brodeln“?

Liebe Frau Nannen, ihr „J’accucse“ läuft ins Leere. Der Text über Horst Seehofer wurde nicht ausgezeichnet, weil René Pfister bei Seehofer im Keller war, das ist keine Leistung, dort sind viele Journalisten gewesen. Der Text wurde ausgezeichnet, weil ihn die Jury offenbar für tiefschürfend, treffend, erhellend, gut beobachtet und klug notiert hielt; die Einsstiegsszene ist nur ein Element unter vielen. Die Frage, ob diese Reportage die beste des ereignisreichen Jahres 2010 sei, ist berechtigt. Die Debatte, wie weit ein Journalist gehen darf bei der Rekonstruktion von nicht selbst Erlebtem, ist alt, sinnvoll und muss weiter geführt werden.

Aber der Skandal findet nicht statt.

Mit freundlichen Grüßen, Ariel Hauptmeier


Nachtrag 10. Mai 2011

Nun also doch große Aufregung - die Jury hat René Pfister den Preis aberkannt. Das wirft viele Fragen auf. Welche Rolle spielte die Einstiegsszene bei der Bewertung des Textes? Warum sah niemand, dass es sich dabei um eine "Spiegel"-übliche Rekonstruktion handeln könnte? Warum fragte niemand beim Autor nach, ob er im Keller war? War es richtig, ausgerechnet diesem Text die Bürde der "besten Reportage" umzuhängen? Ist es richtig, nun die Höchststrafe zu verhängen? Wer hat nun den Schwarzen Peter, René Pfister oder die Jury? Fragen über Fragen.

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Ariel Hauptmeier


Ariel Hauptmeier ist Redakteur bei "Geo" und einer der Gründer des Reporter-Forums. Er hat Germanistik und Philosophie studiert, die Henri-Nannen-Schule besucht und fünf Jahre lang als freier Autor die Welt durchstreift, ehe er 2005 zu "Geo" ging. Er gibt leidenschaftlich gern Schreibseminare, an den Unis Berlin, Hildesheim, Hamburg und anderswo.
erschienen in:
Reporter-Forum,
am 09.05.2011

 

Kommentare

Mellie, 25.04.2016, 02:12 Uhr:

continua cu activitatea frumos pe site-ul. Îmi place. Ar putea utiliza unele acu#uliz&Aaml;&t131;ri mai frecvente, dar eu sunt sigur că ai lucruri mai mult sau mai bun de facut, hehe. : P

Yasmin, 22.07.2012, 01:33 Uhr:

Ich war damals live dabei, der Walter tat mir wiilkrch leid er war der einzige der gelaufen ist. Wir (15 Fans) sind extra wegen ihm nach Spanien geflogen von M nchen aus mit lauter Deutschen. Es war ein einzigartiges Erlebnis wenn auch etwas negativ behaftet.

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