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Jochen Stahnke „Auf Außenposten

Jochen Stahnke zeichnet den schweren und widersprüchlichen Alltag deutscher Soldaten in Afghanistan nach. Er beschreibt spannende und wenig bekannte Details aus ihren Einsätzen – und ergänzt so die Kriegsberichterstattung in deutschen Tageszeitungen um ganz neue Aspekte. Er erklärt anschaulich - am Beispiel einer Bundeswehr-Einheit -, wie komplex die Einsätze der Soldaten sind, mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben, wie kompliziert es ist, einheimische Kämpfer einzubinden, und mit welchen Sorgen sich die ausländischen Soldaten herumschlagen.

Jochen Stahnke nähert sich seinem Protagonisten, einem Bundeswehrsoldaten, einerseits mit kritischer Distanz, zugleich aber auch mit großer Empathie. Auf einer Tageszeitungs-Seite gelingt es ihm, uns Lesern das Leben eines Soldaten im Krieg nahezubringen.

Für mich ist dieser Text ein Höhepunkt der Afghanistan-Kriegsberichterstattung in deutschen Tageszeitungen. Ich habe die Reportage sehr gern gelesen!

Christian Unger


In ihrem ersten Brief schrieb seine Oma: „Lieber Johannes, meinen letzten Feldpostbrief schrieb ich 1943, da war ich in der siebten Klasse. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, das jetzt noch einmal zu tun.“ Im Juni 2010 ging Johannes C. nach Afghanistan, er hatte das lange gewollt. Knapp drei Wochen später geriet er in sein erstes Feuergefecht, das hatte er nicht gewollt, aber damit gerechnet hatten alle. In 14 Gefechte war er seither verwickelt, zwei Sprengstoffanschläge überlebte er, und einmal schlug eine Panzerfaustgranate direkt vor ihm auf - es war ein Blindgänger.

Der Stabsgefreite Johannes C. sitzt im heruntergekommenen Polizeihauptquartier von Chahar Darah und reibt sich den Staub aus dem erschöpften Gesicht. Er ist 25 Jahre alt, gerade kommt er von einem wenige Kilometer entfernten Außenposten zurück. Er gehört zur zweiten Kompanie der „Task Force Kunduz“, Golf-Zug, erste Gruppe. Auf die Rückwand des gepanzerten Fahrzeugs (“Dingo“) seines Trupps hat jemand eine Abschussliste gemalt: „Taliban III“. Johannes und seine Kameraden sind Fallschirmjäger, die sind näher an zwanzig als an dreißig Jahren, viele von ihnen tätowiert. Seit drei Monaten sind sie jetzt im Einsatz, sieben sollen es werden. Ihre Kleidung ist schon ein wenig abgenutzt, die Männer aber scheinen noch gut in Form zu sein.

Vor zwei Tagen erst hatten sie ihr letztes Gefecht, nur wenige hundert Meter von der Polizeistation entfernt. Davon sprechen heute Abend alle. Sie haben viele Gegner getötet, hatten aber auch einen Verletzten in den eigenen Reihen. Einem jungen Fallschirmjäger wurde in die Schulter geschossen. „Das war erfolgreich, meint ihr nicht?“, fragt Johannes, genannt Joe, in die Runde. „Ich weiß nicht, ob wir erfolgreich sind“, sagt ein schlaksiger Soldat, den sie Flamingo nennen, bedrückt. „Ich will nur, dass es Timmy bald wieder bessergeht.“

Flamingo und die Männer sitzen am Lagerfeuer auf dem Hof auf angerissenen Plastikstühlen, andere lümmeln auf ihren Feldbetten im staubigen und trotzdem feuchten Gebäude. Sie tragen Badelatschen, Unterhose oder Uniformteile. Je weiter man vom Basis-Feldlager weg ist, desto weiter sind auch die hohen Dienstgrade entfernt. Vier Mannschafter diskutieren im Küchenkabuff, ob das Wasser für die Spaghetti mit dem Tauchsieder oder auf dem Gasherd zum Sieden gebracht werden sollte.

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Jochen Stahnke


Im Herbst 1980 geboren in Hamburg. Studierte in Hamburg und Bradford Geschichte, Afrikanistik und Politikwissenschaft. Anschließend Volontariat bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Im April 2010 Eintritt in die politische Redaktion.
Dokumente
Auf Außenposten (PDF)

erschienen in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ),
am 06.11.2010

 

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