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26.05.17

Ariel Hauptmeier „Reader zum Henri-Nannen-Preis

Hier kommt Lese-Nachschub: ein gut 300 Seiten starker Reader mit jenen 32 Reportagen, die vornominiert waren für den Egon-Erwin-Kisch-Preis, der jetzt, am 6. Mai 2011, im Hamburger Schauspielhaus vergeben wird. Drei Texte sind noch im Rennen: die von Malte Henk (Geo), Rene Pfister (Spiegel) und Christian Schüle (Zeit). 


Erstaunlich: Zu welch unterschiedlichen Ergebnissen die Vorjuroren des Kisch-Preises und des Reporterpreises (LINK) gekommen sind (dessen Ausschreibung drei Monate früher endet). Nur zwei Reportagen schafften es bei beiden Preisen in die Endrunde: “Respekt” von Holger Gertz/Alexander Gorkow und “Der Goldhamster” von Wolfgang Uchatius. Carolin Emcke, Gewinnerin des Reporterpreises, wurde bei “Kisch” gar nicht erst nominiert. Reportagen sind das subjektivste Genre im Journalismus – das gilt auch für ihre Beurteilung. Texte, die den einen zu Lobpreisungen inspirieren, entlocken der anderen nur ein lahmes Lächeln. Jeder Juror hat seine, jede Jury ihre Kriterien, mit denen die Texte gewogen und geprüft und bemessen werden, und das ist auch gut so. Man sollte deswegen nicht die Beliebigkeit von solchen Jurierungen beklagen, sondern die Vielfalt loben, die solche Wettbewerbe ans Licht fördern, die Vielfalt der Stimmen und der Schreibweisen.

Ich habe in den vergangenen Tagen alle 32 Texte gelesen. Bei 22 habe ich irgendwann weitergeblättert, bei zehn Stücken bin ich hängen geblieben. Meine (derzeitigen) Kriterien: Mir gefallen Reportagen am besten, die mehrdeutig sind, die vielschichtig sind und die mich berühren. Was ich nicht mag sind Geschichten, die einfach geradeaus laufen, die mich durch besonders drastische Gewalt schockieren wollen, und Bekenntnisse persönlichen Unglücks.

Sehr gern mochte ich “Respekt”, das in der SZ erschienene Porträt über Ex-Bayern-Trainer Louis van Gaal – eine Reportage so mehrdeutig wie das Leben, die einen mitnimmt auf eine erstaunlich weite Reise, auch wenn man die ganze Zeit nur in einem Zimmer sitzt. Sie beginnt als Showdown und endet als Liebeserklärung. Großes Kino. Schade, dass es solch vermeintlich “kleinen” Reportagen, in denen es einmal nicht um Mord und Totschlag geht, fast nie in die Endrunden der großen Preise schaffen.

Und mich hat die Reportage von Waltraud Schwab über den häkelnden Sexualstraftäter berührt (“Ein Leben, das am Faden hängt”), erschienen in der “taz”. Den vermeintlichen Triebtäter wohlgemerkt – wahrscheinlich saß der Mann fast 20 Jahre unschuldig ein in der forensischen Psychiatrie. Der es irgendwann aufgegeben hat zu sprechen. Der sein Fahrrad umhäkelt hat. Der mundtot gemacht wurde von rücksichtslosen Gutachten. Ein Justizskandal, geschildert in klaren, schönen Sätzen. Anrührend.

Von den drei Reportagen, die nominiert sind, haben mir zwei besonders gut gefallen:

Hier der eiskalte Mörder, der im Gefängnis Jura studiert und nun, eiskalt, über seine Resozialisierung spricht – Malte Henk stellt in seiner Reportage “Im Herz der Finsternis” (GEO kompakt) die ganz großen Menschen-Fragen: Wie wird jemand böse, wie bringt man ihm das Gute bei, und wie entscheidet man, auf welcher Seite er nun steht? Immer tiefer bohrt Malte Henk, beschreibt seine eigene Ambivalenz, maßt sich kein Urteil an. Ganz groß.

Dort beschreibt Christian Schüle in der “Zeit” junge Leute, die erklärtermaßen keinen Bock auf Arbeit haben, denen von einem stets und immer wieder aufs Neue wohlmeinenden Staat aber alles verziehen wird. Ein eigenwillig, fast schon literarisches Stück, dass sich nicht um Reportage-Konventionen (Einstieg, Portal, Szene) schert, sondern seine beiden Protagonisten einführt, wann es dem Autor passt. Gezeigt wird unbekannter, deutscher Alltag: Der Staat vernachlässigt nicht, er verzeiht zu viel. Hochspannend.

Nicht nominiert, leider, wurde die Geschichte über den Sportreporter Rolf Töpperwien (“Zettels Traum”), von Holger Gertz. Gefühlvoll und meinungsstark. Ich mag, wie warmherzig, trotz allem, er Töppi vorführt – und dass es der Text dabei nicht belässt, sondern eine Gegenfigur einführt, um zu illustrieren: wie sehr der Sportjournalismus auf den Hund gekommen ist.

Noch ein toller Text: “Die Ausputzerin” von Kerstin Greiner. Eine klassische Sozialreportage, ein Ausflug zu denen weit unten, dankenswerterweise einmal ohne Drama und Tränen. Ökonomen sagen es seit langem: Der Niedriglohnsektor in Deutschland wird immer größer. Greiner beschreibt, wie sich das anfühlt: Arbeiten bis zum Umfallen und trotzdem nicht genug haben. Unsentimental und voll Mitgefühl.

An Florian Hanigs Text über private Waisenhäuser in China (“Die entsorgten Kinder”) gefiel mir der ehrliche, bescheidene Blick - wenn er etwa beschreibt, wie der Leiter eines dieser gotterbarmenswerten Waisenhäuser versucht, den Fotografen zu bestechen. Und keiner der beiden Reporter versteht, warum.

Gefallen hat mir auch die Ehrlichkeit von Marcus Jauer, der die Verunsicherung beschreibt, in die ihn seine Bekanntschaft mit einem Obdachlosen immer wieder bringt (“Herr Hennig”).

Ich habe gemocht, wie behutsam sich Renate Meinhof an Sahra Wagenknecht herangetastet hat (“Die Linkshaberin”).

Und schließlich habe ich die Geschichte von Wolfgang Uchatius über den “Goldhamster” gern gelesen. Weil sie originell ist, weil sie klug ist, weil sie den Aufs und Abs im Leben eines Menschen distanziert, aber ohne Häme folgt, und beschreibt, wie sich dieser Gefallenen immer wieder aufrappeln will.

Zehn Lese-Erlebnisse. Ist das nun viel oder wenig? Gibt es genug lange Reportagen im deutschsprachigen Raum, Texte, die den Raum haben, komplexe Themen zu entwickeln? Oder gibt es zu viele kurze Reportagen? Warum mag man die Reportagen, die eng an ein aktuelles Ereignis geknüpft, schon wenige Monate später kaum noch anschauen?

Und welches sind Ihre Favoriten?

Ariel Hauptmeier

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Ariel Hauptmeier


Ariel Hauptmeier ist Redakteur bei "Geo" und einer der Gründer des Reporter-Forums. Er hat Germanistik und Philosophie studiert, die Henri-Nannen-Schule besucht und fünf Jahre lang als freier Autor die Welt durchstreift, ehe er 2005 zu "Geo" ging. Er gibt leidenschaftlich gern Schreibseminare, an den Unis Berlin, Hildesheim, Hamburg und anderswo.
Dokumente
Die Shortlist zum Henri-Nannen-Preis, Kategorie Reportage als PDF

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 03.05.2011

 

Kommentare

Ali, 16.12.2014, 21:00 Uhr:

Hi hi...Inger lise der er bare blevet rydedt op :)Skabene, be5de det dorte og det hvide er fra Lene Bjerre Design, fra den gang jeg var designer/indkf8ber der.Og billederne er ganske rigtigt familie.For mig er et hjem noget der bare udvikler sig. Har ikke se5 meget gjort det pe5 en gang. Vi har f.eks. anskaffet tingene skabe efter bord og reol efter stole o.s.v. altse5 ikke ngoet engangs kf8b.Meget er arvestykker. Det er lidt sjovt at vise det frem, og endnu bedre hvis det endda kan inspirere nogen.Karen

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