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19.11.17

Uwe Buse „Das Gewissen der Welt


Sätze, die Welten überspannen. Schwer fassbare Sätze. Schlichte Sätze, die Unglaubliches erzählen.

“Festlich gekleidete Diplomaten betreten das Foyer und schlendern zwischen weinroten Stellwänden, auf denen verstümmelte Menschen zu besichtigen sind.”

“Wenn Dallaire sich mit Oberst Théoneste Bagosora traf, dem Mann, den er "den obersten Völkermörder" nennt, dann leerte Dallaire seine Dienstwaffe. Er fürchtete, er würde die Beherrschung verlieren und Bagosora erschießen.”

“Er fuhr über Brücken, die aus ihren Fundamenten gehoben wurden von den Körpern, die sich unter ihnen stauten.”

In Uwe Buses Reportage über den Völkermord in Ruanda stehen viele Sätze, die kristallklar vom Grauen erzählen. Ich hatte damals nur vage Bilder aus Ruanda im Kopf: Halbstarke mit Macheten, Leichen auf Ladeflächen. Ein Gefühl von Agonie hatte ich abgespeichert. Aber meine Bilder waren verschwommen. Seit ich Uwe Buses Geschichte über den Völkermord gelesen habe, und das ist nun schon sieben Jahre her, verwechsle ich nichts mehr. Er beschreibt das Morden der Hutu und das Versagen der Vereinten Nationen so präzise, so nüchtern, so klar, dass ich nicht vergessen kann.

„800.000 Tote wiegen schwer“, steht an einer Stelle. Was für ein Satz. Vielleicht berührt mich gerade diese innere Distanz des Autors. Bei jedem Lesen wieder.

Insa Rücker

Vor zehn Jahren hat General Roméo Dallaire, Kommandeur der Uno-Truppen in Ruanda, untätig mit angesehen, wie 800 000 Menschen ermordet wurden. Jetzt kehrte Dallaire zum ersten Mal nach Ruanda zurück, auf der Suche nach Vergebung.

Es riecht nach Seife im Foyer des Hotel Intercontinental in Kigali, der Marmor des Fußbodens glänzt feucht. Vor dem Eingang halten dunkle Limousinen und silberne Jeeps mit kugelsicheren Scheiben. "Democratic Republic of Congo", "Tanzania" steht in Blockbuchstaben auf den Nummernschildern. Festlich gekleidete Diplomaten betreten das Foyer und schlendern zwischen weinroten Stellwänden, auf denen verstümmelte Menschen zu besichtigen sind. Einigen fehlt ein Arm, ein Bein, andere haben alptraumartige Kerben in den Köpfen. Auf einem Tisch, bedeckt mit schwarzem Samt, liegen eine rostige Machete, eine eiserne Hacke und ein Knüppel, aus dessen Kopf Nägel ragen. Dann öffnen breitschultrige Männer eine Seitentür, die Gespräche verstummen und die Augen der Anwesenden richten sich auf den Mann, der das Foyer auf diese seltsame Weise betritt. Seine Augen sind gerötet und glasig, sein Schritt ist unsicher. 800 000 Tote wiegen schwer. Der Name des Mannes ist Roméo Dallaire, sein Titel: General a. D., sein Alter: 57 Jahre. Vor zehn Jahren befehligte der Kanadier die Uno-Schutztruppe Unamir hier in Ruanda, Afrika. Dallaire geht eilig, leicht gebeugt, den Blick hat er fest auf die Tür des Konferenzsaals am anderen Ende der Eingangshalle geheftet. Dort, auf dem Podium, steht ein Stuhl für ihn bereit. Er schiebt sich durch die Menge, die sich vor ihm teilt. Als Dallaire das Podium erreicht, setzt er sich, stützt die Ellenbogen auf den Tisch, faltet die Hände, dann schließt er die Augen. Vor genau zehn Jahren begann das große Schlachten in Ruanda. 800 000 Menschen starben in nur 100 Tagen. Damals fuhr er durch die Straßen Kigalis, sah Mülllaster, auf ihren Ladeflächen schwankten Leichenberge. Er passierte Straßensperren, es waren Hunderte, an ihnen standen die Killer und gingen ihrem Handwerk nach. Er fuhr über Brücken, die aus ihren Fundamenten gehoben wurden von den Körpern, die sich unter ihnen stauten. Dallaire wusste, dass die Menschen, die vor seinen Augen starben, an ihn geglaubt hatten, dass sie dachten, er würde sie beschützen. Er war ein General, er repräsentierte das Gewissen der Welt. Er war ein Soldat. Er hatte den Befehl erhalten, zuzusehen und nicht zu handeln. Und er gehorchte. Den Befehl gab Kofi Annan, damals Koordinator aller Uno-Missionen, jetzt Generalsekretär der Uno. Weil der Soldat Dallaire gehorchte, nahm der Mensch Dallaire Schaden an Leib und Seele. Hätte er sich dem entscheidenden Befehl widersetzen sollen? Hätte er Annan nicht doch überzeugen können? Hat er zu früh aufgegeben? Das sind die Fragen, die Dallaire seit zehn Jahren quälen, die ihn in Depressionen trieben und in einen misslungenen Selbstmord. Das sind die Fragen, auf die er nur in Ruanda eine Antwort zu finden glaubt. Seit dem Völkermord hat er dieses Land nicht mehr betreten. Paul Kagame, der Mann, der das Morden mit seiner Rebellenarmee schließlich beendete und der heute Präsident Ruandas ist, hat Dallaire eingeladen, am zehnten Jahrestag des Völkermords der Toten zu gedenken. Die Regierung hat ihn in einer Villa einquartiert, deren Lage geheim gehalten wird. Soldaten bewachen das Haus. Es gibt Überlebende des Völkermords, die Dallaire dafür hassen, dass er sich damals, im Januar 1994, drei Monate vor Beginn der Massaker, den Befehlen seiner Vorgesetzten fügte. Dallaire hat 800 000 Gründe, diese Überlebenden zu fürchten, er hat Anlass, die Hände zu falten und zu beten. Nicht nur das Gewissen drückt ihn nieder, auch das Wissen. Er weiß seit zehn Jahren, wie Weltgeschichte passiert, welche Zufälle sie beeinflussen, wie der Mensch sie lenkt und was passiert, wenn der Mensch das Falsche tut. Dallaire ist Berufssoldat, er ist der Sohn eines Berufssoldaten. Sein Vater tat das Richtige, er kämpfte im Zweiten Weltkrieg und half, die Niederlande zu befreien. Solange Dallaire denken konnte, wollte er es seinem Vater gleichtun und ein Land befrieden. Er wuchs in Quebec auf, auf der falschen Seite der Stadt, dort, wo die Armen wohnen. Er meldete sich zur Armee, machte Karriere und begann, Soldaten auszubilden. Sie wurden in Krisengebiete geschickt und konnten sich bewähren. Nur Dallaire blieb jedes Mal zurück. Als man ihn fragte, ob er nach Ruanda gehen wollte, fragte er: "Das ist in Afrika, oder?" Es ist ein Anruf, der Roméo Dallaire am Nachmittag des 10. Januar in den Sog der Weltgeschichte stößt. Das Telefon steht in Dallaires Hauptquartier in Kigali, er nimmt den Hörer ab. Am anderen Ende der Leitung ist einer seiner Offiziere, der mitteilt, er habe Kontakt zu einem Ruander, der beweisen könne, dass eine rassistische Clique, angeführt von der Frau des ruandischen Präsidenten und ihren Brüdern, einen Völkermord plane. Die Clique trage den Namen "Clan de la Madame". Der Offizier berichtet weiter, dass der Informant ein Soldat sei, ein ehemaliges Mitglied der präsidialen Garde. Der Informant behaupte, er habe den Auftrag erhalten, Listen mit den Namen aller Tutsi und der moderaten Hutu in Kigali zu erstellen. Der Informant selbst hasse die Tutsi, sie seien eine Schande für Ruanda, aber er wolle kein Komplize der Völkermörder sein. Um die Authentizität seiner Informationen zu beweisen, biete der Informant an, Dallaires Soldaten zu geheimen Waffenlagern in Kigali zu führen. Als Gegenleistung fordere er, dass er und seine Familie in Sicherheit gebracht werden, dass seine ruandischen Francs in Dollar umgetauscht werden. Dallaire weiß, in Ruanda existiert eine rassistische Clique, ein Gangster-Clan, dessen Mitglieder den brüchigen Frieden und den Erfolg seiner Mission gefährden. Aber bis zu diesem Moment besitzt er keine Beweise für die Existenz des Clans. Die Uno-Truppen sind drei Monate zuvor nach Ruanda entsandt worden, um die Umsetzung des Friedensabkommens von Arusha zu fördern. Das Abkommen hat einen drei Jahre währenden Bürgerkrieg zwischen der Armee von Präsident Juvénal Habyarimana und den Rebellen der Ruandischen Patriotischen Front (RPF) beendet, und er besiegelt zugleich das Ende des Apartheidsystems, das Habyarimana von seinem Vorgänger übernommen hatte. Habyarimana hatte den Bürgerkrieg so gut wie verloren. Profiteure des Apartheidsystems sind Hutu wie Habyarimana, sie stellen die Mehrheit der Bevölkerung Ruandas, sie kontrollieren die Politik, das Militär, die Justiz. Die Opfer sind Tutsi, sie sind so etwas wie die Juden Ruandas. Statt eines Sterns tragen sie Pässe, in denen das Wort "Tutsi" zu lesen ist. Das Friedensabkommen von Arusha sieht Wahlen vor, es garantiert den Tutsi 40 Prozent aller Offiziersstellen im neu zu bildenden Militär, unter anderem. Für die Mitglieder des Clans, allesamt Hutu-Herrenmenschen, ist das nicht akzeptabel. Sie träumen von der "Endlösung der Tutsi- Frage", von neuem Lebensraum im am dichtesten besiedelten Land Afrikas. Für sie ist Habyarimana, der das Friedensabkommen unterzeichnete, ein Volksverräter. Er muss sterben. Nachdem Dallaire den Hörer zurück auf die Gabel gelegt hat, setzt er ein Fax auf an seine Vorgesetzten im Hauptquartier der Uno in New York: "Truppenkommandeur hat Kontakt zu Informant. Informant ist ein hochrangiger Ausbilder der Interhamwe-Miliz ... Er wurde angewiesen, alle Tutsi in Kigali zu registrieren. Er ist überzeugt, sie sollen vernichtet werden. Informant gab Beispiel. Sein Personal könne in 20 Minuten 1000 Tutsi töten ... Informant ist bereit, genauen Ort eines Waffenlagers mit mindestens 135 Waffen offen zu legen. Er hat bereits 110 Waffen, davon 35 mit Munition, verteilt. Es handelt sich um G3 und AK47 ... Es ist unsere Absicht, innerhalb der nächsten 36 Stunden aktiv zu werden." Dallaire sendet das Fax an die globale Einsatzzentrale aller Uno-Missionen im 36. Stock des Uno-Hauptquartiers. Der offizielle Name dieser Einsatzzentrale lautet "Department of Peace Keeping Operations", kurz DPKO. Der Chef des DPKO ist Kofi Annan. Es ist eine von vielen Meldungen, die das DPKO an diesem Tag erreichen, und wie alle anderen wird auch sie von den Krisenmanagern in New York mit Skepsis betrachtet. Im DPKO hat man die Erfahrung machen müssen, dass Truppenkommandeure dazu neigen, die Situation vor Ort zu dramatisieren. Eine kurze Besprechung findet statt, an der Annans Stellvertreter Iqbal Riza teilnimmt. Annan erfährt erst später von dem Fax, von der Besprechung. Er hält die Reaktion seines Stellvertreters für angemessen und korrigiert sie nicht. Als Dallaire am nächsten Morgen in sein Hauptquartier kommt, findet er das Antwortfax aus dem DPKO auf seinem Tisch. Annans Stellvertreter untersagt ihm strikt, das Waffenlager auszuheben. Die von Dallaire angekündigte Aktion sei durch das Mandat, mit dem die Uno-Truppen ausgestattet sind, nicht gedeckt. Dallaire hat zwar die Mittel und die Männer, um das Waffenlager auszuheben, aber er hat nicht die Macht. Fragt man Dallaire heute nach dem Fax aus dem DPKO, sinkt er in sich zusammen, dann antwortet er resigniert: "Sehr schwierig, eine sehr schwierige Situation. Und völlig unverständlich." Dallaire ist überzeugt, hätte er dieses Waffenlager ausgehoben, hätte er die Chance gehabt, den Lauf der Geschichte zu ändern. Er hätte weitere Waffenlager geleert, im ganzen Land. Er hätte bewiesen, dass Tausende Hutu in Ausbildungscamps der ruandischen Armee das Töten mit der Machete trainieren, dass Präsident Habyarimana die Kontrolle über das Militär an eine rassistische Clique verloren hat oder selbst Teil dieser Clique ist. Das Morden hätte nie begonnen. Dallaire kann die Absage aus New York nicht akzeptieren. In den folgenden Wochen schickt er täglich Lageberichte an das DPKO, in denen er Annan mitteilt, dass der Clan plane, Soldaten des belgischen Kontingents zu töten, um den Bürgerkrieg fortzusetzen und ihn doch noch zu gewinnen, irgendwie. Dallaire sendet weitere Faxe, in denen er bittet, endlich handeln zu dürfen. Die Antwort des DPKO ist immer dieselbe: Nein, auf keinen Fall. Es gibt europäische Diplomaten in Kigali, die sagen nach ein paar Gläsern Wein, dass Butros Butros Ghali, der damalige Uno-Generalsekretär, mehr Schuld trage an dem Morden als Kofi Annan. Butros Butros Ghali habe Annan zum Nichtstun verurteilt, so wie Annan Dallaire dazu zwang. Und einer der Diplomaten, der seinen Namen nicht genannt sehen möchte, weil er um seine Karriere fürchtet, sagt: "Dieser Kerl sollte nicht frei herumlaufen. Er sollte mit den Völkermördern vor den Richtern des Internationalen Kriegsverbrechertribunals in Arusha stehen." Ghali war ein politischer Freund von Habyarimana, dem Präsidenten Ruandas. Als ägyptischer Staatsminister fädelte er im Jahr 1990 einen Waffenhandel ein, der wichtig war für Habyarimana, der damals als Diktator herrschte. Als der Völkermord nach Wochen die Zeitungen füllt, Hunderttausende sind bereits ermordet worden, weigert sich Butros Butros Ghali, eine Europa-Reise abzubrechen und ins New Yorker Hauptquartier zurückzukehren. Die Mitglieder des Weltsicherheitsrats hätten Dallaires Bitte nach mehr Truppen erfüllen können, nach einem neuen Mandat, das ihm die Möglichkeit geben würde, Menschen zu retten, statt Zeuge ihres Sterbens zu werden. 5000 Soldaten, ein Zwanzigstel der US-Truppen, die heute im Irak stehen, hätten ausgereicht, um 800 000 Menschen zu retten, darin sind sich Militärexperten einig. Für die Soldaten wären die Völkermörder, die meisten trugen nur Macheten, keine Bedrohung gewesen. Aber statt Dallaire Truppen zu schicken, statt dem Auftrag der Uno gerecht zu werden, nahmen die Mitglieder des Weltsicherheitsrats ihm die wenigen Soldaten, die er hatte. Als das Morden begann, als moderate Hutu und zehn Belgier getötet wurden, zogen die Regierungen von Belgien, von Bangladesch ihre Soldaten ab, und Dallaire musste es geschehen lassen. Nicht die Uno, sondern die Regierungen, die Truppen zur Verfügung stellen, entscheiden bis heute, wann sich ihre Einheiten aus umkämpften Gebieten zurückziehen. Dallaire blieb mit 450 Mann zurück. Er sollte mit den Völkermördern verhandeln, um "den Friedensprozess wieder in Gang zu bringen". Wenn Dallaire sich mit Oberst Théoneste Bagosora traf, dem Mann, den er "den obersten Völkermörder" nennt, dann leerte Dallaire seine Dienstwaffe. Er fürchtete, er würde die Beherrschung verlieren und Bagosora erschießen. Im Mai 1994, fünf Wochen nach Beginn des Völkermords, rund eine halbe Million Tutsi waren tot, konnten die Mitglieder des Weltsicherheitsrats das Morden nicht länger ignorieren. Sie verabschiedeten die Resolution 918, die vorsah, 5500 Mann nach Ruanda zu schicken. Aber die Resolution war nichts wert. Es gab keinen Zeitplan, es gab keine Nation, die Truppen zur Verfügung stellen wollte. Dallaire bat um gepanzerte Fahrzeuge, damit sich seine Soldaten im Land bewegen konnten, um den Völkermord wenigstens zu protokollieren. Er besaß nur noch 5 fahrbereite Wagen, er verlangte 100. Die Amerikaner besaßen 50, sie standen nutzlos in einem Lager, aber es gab wichtige Fragen zu klären: Wer bezahlt die vier Millionen Dollar Leihgebühr? Ist Ratenzahlung möglich? In welcher Farbe sollen die Wagen lackiert werden? Wie sollen sie beschriftet werden? Wer soll sie lackieren? Am Ende des Völkermords hatte kein einziges Fahrzeug Ruanda erreicht. Aber alle Europäer, alle Amerikaner waren mit Truppentransportern aus Ruanda ausgeflogen worden. Will man begreifen, was damals geschah, was Dallaire bis heute auf der Seele liegt, kann man an viele Orte fahren. Ein mögliches Ziel liegt südlich Kigalis, an einer Sandpiste, es ist gesäumt von Lehmhütten mit löchrigen Wellblechdächern. Zwischen den Hütten steht ein Gebäude aus rotem Backstein. Besucher öffnen ein Eisentor, gehen die Auffahrt hinauf und sehen dann einen Mann, dessen Eltern hofften, er könne Ruanda irgendwann einmal verlassen und das Meer sehen. Der Mann ist ein Tutsi, er heißt Pacifique Rutanganga. Er hebt einen Knochen auf und legt ihn in einen alten Reissack. Es ist ein menschlicher Knochen, das Becken eines Kindes. Rutanganga bückt sich erneut, diesmal liegen die Rippen eines Erwachsenen auf seiner Hand, dann ein paar Wirbel, ein Stück Fuß, ein Unterkiefer. Er legt alle Knochen in den halb vollen Sack. Vier gefüllte Säcke lehnen bereits an einer weiß verputzten Wand. Es sind die kleinen Knochen, die in den Säcken landen. Die großen, sperrigen stapelte Rutanganga in Regalen. Oberschenkelknochen liegen dort. Und Schädel. Es sind Hunderte. Sie liegen akkurat ausgerichtet in einem weißen Holzregal und blicken über Holzbänke auf einen Tisch am anderen Ende des Raumes. Auf dem Tisch steht ein staubbedeckter Becher, neben dem Becher liegt ein weiterer Schädel, unterkieferlos. Er starrt auf das Regal. Der Tisch ist ein Altar. Der Raum ist eine Kirche. Der Name dieses Ortes ist Ntarama. Am Nachmittag des 15. April 1994 starben hier 5000 Menschen. Pacifique Rutanganga gehört zu den wenigen Überlebenden. Er verlor 12 Familienmitglieder. Heute ist Rutanganga Hausmeister dieses Ortes und Fremdenführer. Er staubt die Schädel ab, und für 5000 ruandische Francs, etwa 7,50 Euro, holt er die Bilder jenes Nachmittags aus seinen Erinnerungen und erzählt, was vorgefallen ist. Er sagt, es mache ihm nichts aus. Er habe es schon oft erzählt. Auch sei es einfacher, seinen Lebensunterhalt auf diese Art zu verdienen als durch harte Arbeit auf dem Feld. Alpträume habe er so oder so. Es war eng in der Kirche, damals, am neunten Tag des Völkermords. Lautsprecherwagen der Armee fuhren durch die Dörfer. Tutsi sollten sich in die Kirche flüchten, so lautete die Nachricht, dort würde das Militär sie beschützen können vor den Killern. Pacifique Rutanganga saß schon seit zwei Tagen unter einem eisernen Kreuz, zusammen mit seiner Familie. Sie singen, sie beten, sie versuchen zu schlafen. Sein Vater hatte ihn und die anderen gedrängt, hierher zu kommen. Rutangangas Vater hatte im Jahr 1959 Massaker in einer Kirche wie dieser überlebt. Die Hutu-Killer hatten es nicht gewagt, im Haus Gottes zu morden. Gott werde sie auch diesmal beschützen, sagt Rutangangas Vater. Es ist schwierig, sich in der Kirche zu bewegen, es ist fast unmöglich zu sitzen. Es sind einfach zu viele Menschen hier, sie drücken, sie schieben, sie schwitzen. Es riecht nach Angst. Neuankömmlinge sagen, dass draußen gemordet wird in großem Stil. Wenn Rutanganga nicht fallen will, muss er sich von der Menge treiben lassen. Er wird von seiner Familie getrennt. Er steht in der Mitte der Kirche, als die Killer angreifen. Das rettet ihm das Leben. Die Leiber der vor ihm Stehenden sind sein Schutzschild. Die Türen fliegen auf, Handgranaten segeln durch die Luft und explodieren. Draußen stehen über 5000 Killer. Panisch weichen die Eingeschlossenen vor den Granaten zurück. Männer, Frauen und Kinder, die an den Wänden stehen, werden zerquetscht. Handgranaten reißen Löcher in die Wände. Schrapnelle und Steine zerschlagen Körper. Hände erscheinen im Rauch, Arme, sie zerren die Verwundeten heraus, töten sie, an ihre Stelle werden Maschinengewehre gestellt, die ihre Läufe schwenken und Kugeln speien. Der menschliche Schutzwall vor Pacifique Rutanganga fällt Reihe um Reihe. Rutanganga lässt sich zu Boden fallen. Leichen und Sterbende bedecken ihn. Die Last auf seinem Körper wächst. Er atmet schwer. Er verliert das Zeitgefühl. Irgendwann, es scheint noch hell zu sein, enden die Explosionen und das Schießen. Er hört Männer reden, hört sie fluchen. Es ist das Aufräumkommando der Killer. Sie balancieren über die Toten, suchen die Halbtoten und erschlagen sie. Rutanganga spürt einen Schlag, fühlt Blut über sein Gesicht rinnen, aber er stirbt nicht. Als er sich aus der Kirche wagt, ist es dunkel. Er findet den Körper seines Vaters, den seiner Mutter, er findet seinen Bruder Ruzindana, der noch lebt. Rutanganga kann sich von ihm verabschieden. Heute nennt er das Glück. Und er sagt, er sei froh, dass die Killer nur Handgranaten hatten und Maschinengewehre, als sie nach Ntarama kamen. An anderen Orten trugen die Killer auch Tränengasgranaten. Um alle Verwundeten zwischen den Toten zu finden, warfen sie die Granaten zwischen die Leiber ihrer Opfer und töteten die, die noch weinen konnten. Hat Pacifique Rutanganga jemals daran gedacht, Rache zu nehmen an den Mördern seiner Familie? Hat er jemals daran gedacht, Hutu zu töten? "O nein", sagt der Hüter der Toten, dieser Gedanke sei ihm nie gekommen. Es sei die Aufgabe der Regierung, die Täter zu bestrafen. Er habe diesen Leuten verziehen, Leuten wie Reverien Ngiruwonsanga, der sieben Tutsi auf dem Gewissen hat. Er habe keine Wahl gehabt, sagt Reverien Ngiruwonsanga. Er sitzt auf einem Hocker, 200 Kilometer von der Hauptstadt Kigali entfernt, in einer Hütte, die er sich mit seinen Schweinen teilt. Hätte er nicht gehorcht, wäre erst er ermordet worden, und dann wären die gestorben, die er hätte töten sollen. Es hätte keinen Unterschied gemacht. Ein Abgesandter der Regierung sei vor seiner Hütte erschienen und habe ihm befohlen, morgen um 17 Uhr in der Bar im Dorf zu erscheinen. Dort werde er erfahren, zu welchen Häusern er gehen solle, welche Menschen er zu töten habe. Ngiruwonsanga blickt auf seine nackten Füße, als er das erzählt. Er schnippt ein wenig Lehm von seiner Ferse. Er gehorchte. Am nächsten Tag saß er in der Bar, mit etwa 20 weiteren Hutu. Macheten und Äxte lagen vor ihnen auf den Tischen, lehnten an ihren Stühlen. Ngiruwonsanga hielt einen angespitzten Stock in der Hand. Die Männer hatten die Waffen aus ihren Häusern mitgebracht. Der Abgesandte der Regierung nannte die Häuser, die Ngiruwonsanga und die anderen Hutu "säubern" sollten. Zusammen mit ein paar anderen Männern aus dem Dorf machte Ngiruwonsanga sich auf den Weg. Es war nicht weit, sie gingen nur ein paar Minuten. Sie fanden ihre Opfer in der Ecke eines Raumes, zerrten sie hinaus auf die Straße und erschlugen sie. Sie taten das zusammen, erinnert sich Ngiruwonsanga, "so war es einfacher für uns. Wir wussten nicht, wer die tödlichen Schläge getan hat". Dann ging er nach Hause. "Ich habe für meine Taten gebüßt", sagt Ngiruwonsanga, "jetzt ist alles gut." Er klingt trotzig. Sechs Jahre saß Ngiruwonsanga in einem Gefängnis in der Nähe des Dorfes. Dann gestand er die Morde und wurde entlassen, wie so viele andere. Er lebt in der Hütte, die vor dem Morden sein Zuhause war. Er sagt, er verstehe sich gut mit den Tutsi, die jetzt in dieser Gegend wohnen. Sie treffen sich in der Kirche, sagt Ngiruwonsanga, sie beten zusammen zu demselben Gott. Was die Tutsi von Gott erbitten, will er nicht wissen. Während des gesamten Gesprächs sitzt neben Ngiruwonsanga der Bürgermeister des Ortes. Zu Männern wie ihm gehen Journalisten, wenn sie in Ruanda Völkermörder suchen. Er ist ein Tutsi, er kennt die Mörder, er bringt die Fremden zu ihnen und achtet darauf, dass die Täter angemessen bereuen. Die staatlich verordnete Reue der Täter, das staatlich verordnete Verzeihen der Opfer, die große Versöhnung, sie soll das Fundament sein, auf dem ein neues Ruanda entsteht. So will es Paul Kagame, der Präsident des Landes. Ruanda soll jetzt, nach zehn Jahren, endlich mehr sein als eine gigantische Selbsthilfegruppe, bevölkert von Schwersttraumatisierten, es soll mehr sein als ein Land, um das Investoren und Touristen einen großen Bogen machen. Auch Dallaires Anwesenheit dient diesem Ziel, der großen Versöhnung. Nichts soll vergessen werden, aber alles vergeben. Dallaire würde sich darüber freuen. Er sitzt nicht mehr allein im großen Konferenzsaal des Hotel Intercontinental in Kigali auf dem Podium, die Plätze links und rechts von ihm sind besetzt mit anderen Referenten, der Zuhörersaal hat sich gefüllt. Es sind Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, die dort sitzen, Soziologen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Völkermorde der Welt zu vergleichen, Diplomaten, Politiker und Überlebende des Genozids. Sie alle sind Opfer oder Helfer, auf die eine oder andere Weise. Nur Dallaire, er ist die Ausnahme, er ist halb Opfer, halb Täter. Die Blicke aus dem Zuschauerraum richten sich auf ihn. Er rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Bevor er damals nach Ruanda kam, gab es für ihn nur zwei Sorten Soldaten: Helden und Feiglinge. Inzwischen weiß er, dass derselbe Soldat halb Held sein kann und halb Feigling. Dass überall dort, wo Uno-Soldaten das Gewissen der Welt verteidigen, Feiglinge zu Helden und Helden zu Feiglingen werden. Und dass viele von ihnen, so wie er, als Kriegsverletzte zurückkehren, psychisch beschädigt für den Rest ihres Lebens. Nachdem Dallaire Ruanda verlassen hatte, kehrte er zurück nach Kanada und versuchte, sich mit Arbeit zu betäuben. Er blieb in der Armee, vorerst, hielt Vorträge, über das, was er gesehen hatte, und er hoffte, dass ihm das Reden helfen würde, sich selbst zu vergeben. Aber das gelang ihm nicht, die Toten kehrten Nacht für Nacht zu ihm zurück und schließlich auch am Tag. 1998, in dem Jahr, in dem er zum ersten Mal die Völkermörder wiedersah, vor dem Internationalen Gerichtshof in Arusha, gaben sein Körper und sein Geist auf. Er brach zusammen, wurde aus der Armee entlassen, begann eine Therapie. Noch heute nimmt er Psychopharmaka. Damit anderen Soldaten, anderen Kommandeuren das erspart bleibt, was er erleben musste, damit kein neuer Völkermord geschieht, fordert er, wie viele andere auch, eine Armee unter dem Kommando der Uno. Sie soll ausrücken, wenn es die Menschlichkeit erfordert, und nicht, wenn es politisch opportun erscheint. Dallaire will diese Konferenz in ein Tribunal verwandeln, das die wahren Schuldigen verurteilt: die Bosse der Uno, die Mitglieder des Weltsicherheitsrats, die belgische Regierung. Die Belgier waren die Ersten, die ihre Truppen abzogen, sie leiteten den Exodus der Uno-Truppen ein. Sie nahmen ihm die besten Kämpfer, auch sie verurteilten ihn mit zum Zusehen. "800 000 Menschen mussten sterben, weil sich die Welt einen Scheißdreck um Ruanda kümmerte. Hier starben ja nur Schwarze", donnert Dallaire in den Saal, er erntet nur spärlichen Applaus. In den Gesichtern der Überlebenden ist zu lesen: Du hättest es ändern können. Du hattest es in der Hand. "So viel habe ich gefordert", sagt Dallaire und hält die ausgestreckten Arme auf Schulterbreite wie ein Angler, dem der Fang seines Lebens entgangen ist. "Und so viel haben sie mir gegeben." Seine Hände rücken auf Fingerbreite zusammen. Er klingt entschlossen, dann verzweifelt. Er redet viel zu lange, der Tagungsleiter blickt auf seine Uhr. Das Publikum beginnt zu murmeln. Er wird zu einem Ärgernis. Schließlich verstummt er, nach einer halben Stunde. Zu hören ist nur höflicher Applaus. Nach ihm spricht Joël Kotek, Dozent an der Freien Universität in Brüssel, ein belgischer Holocaust-Experte. Er spricht aus, was viele Überlebende denken: "Warum haben Sie sich den unmenschlichen Befehlen der Uno nicht widersetzt, Herr Dallaire?" Dallaire sucht nach Worten. Was soll der General dem Mann auch sagen? Dass er nun weiß, wie Weltgeschichte funktioniert? Dass ein einzelner Mensch manchmal zu schwach ist, sich ihrem Lauf zu widersetzen? Und dass dieser Mensch sich selbst nicht verzeihen kann? Nur ein paar dünne Sätze fallen Dallaire ein, nur wenige hören ihm zu. Dallaire steht auf und geht. Draußen am Pool warten Journalisten. Dallaire gibt lustlos und erschöpft ein paar minutenlange Interviews, dann ist er allein. Eine Frau kommt zögernd auf ihn zu, sie trägt einen Blumenstrauß. Sie heißt Donatile, sie ist etwa 40 Jahre alt, eine stämmige Frau, die das Morden überlebt hat und jetzt als Therapeutin mit Traumatisierten arbeitet. Sie geht auf Dallaire zu, reicht ihm die Hand und sagt, sie sei ihm dankbar. Er sei dageblieben, als alle anderen gingen. Dann reicht sie ihm die Blumen. Es sind gelbe Tulpen, ihre Blüten leuchten in der Sonne. Dallaire nimmt die Blumen, er lächelt schwach. Wenigstens eine hat ihm verziehen. Reicht ihm das? Er sieht nicht so aus.

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Uwe Buse


Uwe Buse, geboren 1963 in Emmerich, Studium der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Hamburg, Volontariat bei der Ostfriesen-Zeitung in Leer/Ostfriesland, dann dort Redakteur, seit 1997 als Reporter beim Spiegel.
Links
Das Gewissen der Welt (PDF)

erschienen in:
Der Spiegel,
am 19.04.2004

 

Kommentare

Jolyn, 25.04.2016, 09:48 Uhr:

aku suka gak laki bau best.BAU BEST JE.yg busyuk aku dah agak muka dia caahaa.harhnramr jahat ta statemen?Dr Azhar Sarip ialah perunding Islamic NLP pertama. yess...boleh google nama beliau ye.eh aku nak letak link bloh kaula kat blogroll aku. hik hik hik

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