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20.09.17

Prämierte Texte

Christian Schüle „Kein Bock

"Kein Bock" ist für den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2010 nominiert.

Kein Bock

Kein Bock

Jungen Hartz-IV-Empfängern werden von den Arbeitsagenturen Jobs angeboten, vielfach ohne Erfolg. Wollen sie nicht arbeiten, oder können sie nicht? Zwei Fälle aus München

Christian Schüle, Die Zeit, 18.11.2010

Um 9.53 Uhr ruft Felix Bischoff* an und sagt, dass er ein bisschen später komme, halbe Stunde vielleicht, er beeile sich, ’tschuldigung. Herr Bischoff ruft den Staat an, nicht der Staat Herrn Bischoff. Im Raum 1.141 des Sozialbürgerhauses bricht Jubel aus. »Das ist ja super, dass er anruft und sogar sagt, er beeilt sich!« »Und sich auch noch entschuldigt!« »Toller Fortschritt!« »Es geht aufwärts.« Vier Angestellte des Staates warten im Besprechungsraum des Sozialbürgerhauses München/Milbertshofen-Am Hart auf Felix Bischoff, weil es heute um seine Zukunft geht: seine Arbeitsvermittlerin U25 (Unter 25), sein Leistungssachbearbeiter, seine Bezirkssozialarbeiterin und seine Betreuerin aus dem U25-Arbeitsmarktprogramm Ganzil (Ganzheitliche Integrationsleistung) der Deutschen Angestelltenakademie, die dann eingeschaltet wird, wenn die Arbeitsvermittler nicht mehr weiterwissen. Ist nicht jetzt die Zeit des Jobwunders angebrochen, mit weniger als drei Millionen Arbeitslosen bundesweit? Ist das nicht vielleicht die Chance für Felix Bischoff? Das »Fallmanagement Bischoff« war für 10 Uhr angesetzt. Bischoff hat das Einschreiben der Arbeitsagentur für diesen Termin vor Wochen per Kurier zugestellt bekommen. Wer so einen verpflichtenden Termin nicht einhält, kann wegen »Regelverstoßes« von seinem Leistungssachbearbeiter auf null gesetzt werden. Auf null heißt: Der Hartz-IV-Regelsatz von zurzeit 359 Euro wird bei ihm für drei Monate ausgesetzt, das Wohngeld wird weitergezahlt, und es werden Lebensmittelgutscheine ausgegeben. »Vielleicht hat Herr Bischoff verschlafen«, sagt die Arbeitsvermittlerin. »Oder er hat Angst, weil heute so viele Leute hier sind«, sagt seine Ganzil-Betreuerin. »Er leidet unter Depressionen und Paranoia«, sagt die Bezirkssozialarbeiterin. »Ist das klinisch indiziert?«, fragt der Leistungssachbearbeiter. Das weiß keiner. »Er ist vielfach traumatisiert«, sagt die Arbeitsvermittlerin. Von Missbrauch ist nichts bekannt. Felix Bischoff ist 23 Jahre alt. Um 10.41 Uhr taucht er auf und setzt seine Baseballkappe ab. Jedem gibt er die Hand, in die Augen sieht er keinem. Sein Aktenordner sagt: Felix Bischoff bezieht seit fünf Jahren Hartz IV. Er hat noch nie sozialversicherungspflichtig gearbeitet. Zuletzt lebte er im Bodelschwingh-Haus für männliche Obdachlose in der Münchner Innenstadt. Sein ganzes Leben lang war er heimatlos. Die Geborgenheit eines Zuhauses kennt er nicht, die Eltern haben gestritten und trennten sich, seine Kindheit hat Bischoff zu großen Teilen im Heim verbracht. Seine Mutter lebt angeblich in London, jedenfalls hat er keinen Kontakt zu ihr. Zurzeit wohnt Bischoff in einer Sozialwohnung, allein, auf Probe. Die Behörden wollen ihm das selbstständige Wohnen beibringen. In seiner Wohnung gibt es keinen Schrank, keinen Duschvorhang, der Herd ist nicht angeschlossen, die Spüle nicht eingebaut. Seine Ganzil-Betreuerin war kürzlich da. Das Wort »verwahrlost« fällt. Was er brauche, fragt die Arbeitsvermittlerin. Er brauche, sagt Bischoff, einen Kochtopf und Geschirr. »Ich kümmere mich darum«, sagt jemand. So geht es weiter. 40 Minuten lang versuchen vier Vertreter des Staates, Felix Bischoff das Gefühl zu geben, er sei willkommen, er sei erwünscht, er werde gebraucht. Sie loben ihn, motivieren ihn, reden ihm gut zu. Alle vier in Zimmer 1.141 sind sich einig, dass es so gut wie aussichtslos ist, Felix Bischoff in nächster Zeit in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Zu viele »Baustellen« wären zugleich zu schließen. Während sie das bisher Beschlossene in ihre Akten notieren, blickt Bischoff auf den Tisch, seine Schultern hängen herab. »Gibt es noch etwas zu besprechen, Herr Bischoff?«, fragt seine Arbeitsvermittlerin und lächelt ihn an. Er könne einen größeren Wasserboiler gut brauchen, um sich warm zu duschen und bei einem Vorstellungstermin ordentlich auszusehen. Felix Bischoff ist noch nie bei einem Vorstellungstermin erschienen. Die Bezirkssozialarbeiterin will sich den Boiler anschauen und mit der Gemeinnützigen Wohnstätten- und Siedlungsgesellschaft mbH darüber verhandeln. »Das ist super«, sagt Bischoff. Um halb zwölf unterschreibt er die neue »Eingliederungsvereinbarung«, wie jeder, der zu einem Beratungstermin ins Sozialbürgerhaus geladen wird. Die Vereinbarung dokumentiert die Pflichten des Menschen, der hier Kunde heißt, sowie die angebotenen Förderleistungen der Arbeitsagentur. Felix Bischoff hängt seinen schwarzen Rucksack über die linke Schulter, nickt in die Runde und geht. »Er hat das toll gemacht«, sagt die Arbeitsvermittlerin. Dass Bischoff überhaupt gekommen ist und geredet hat, ist das Erfolgserlebnis ihres Tages, an dem anschließend eine schwangere Sechzehnjährige, ein perspektivloser Expunker und die vierte Tochter einer Hartz-IV-abhängigen Familie in ihrem kleinen Zimmer sitzen werden. Herr Bischoff, sagt Arbeitsvermittlerin Petra Schneider, sei komplett mit der Bewältigung von Realität überfordert. Der Staat hilft Felix Bischoff deshalb seit Jahren, eine, wie sie es hier nennen, integrationsfähige Persönlichkeit auszubilden. Mindestens vier Betreuer sind für ihn zuständig. Solange er die Termine einhält, gewährt der Staat Toleranz und Solidarität. Solange er auftaucht und mitmacht, wird Bischoff nicht bestraft. Aber nach diesem Termin verschwindet Bischoff und ist in den kommenden Wochen nicht mehr zu erreichen. Die Bezirkssozialarbeiterin nimmt es auf sich, ihn zu suchen. Sie fühlt sich für ihn verantwortlich – warum, kann sie nicht sagen. Seit 18 Jahren arbeitet sie hier, aber einen Fall wie Bischoff hat sie noch nie gehabt: dass ein Mensch einfach wieder verloren gehen kann. Obwohl sie es nicht will, denkt sie oft an ihren eigenen Sohn. Das Gefühl, dass Bischoff es schaffen könnte, lässt sie sich nicht nehmen. Der Staat gibt Felix Bischoff nicht auf. Will er vielleicht gar nicht arbeiten? Kann sein. Kann aber auch eine Unterstellung sein. Vielleicht will er arbeiten und kann nicht. Wie aber ist es möglich, dass jemand, der will, nicht kann? Nichtwollen und Nichtkönnen ist oft kaum voneinander zu unterscheiden. Es gibt Jugendliche, die traumatisiert sind, ohne es zu wissen. Es gibt Jugendliche, die sich ihrer Traumatisierung bewusst sind und sie geschickt einsetzen. Und es gibt Jugendliche, die seit ihrer Geburt in einen verhängnisvollen Zusammenhang aus Zurückweisung und Verwahrlosung hineinwachsen, den sie fortan als so normal empfinden wie andere Geborgenheit. Sie wissen nicht, was Verantwortung bedeutet, weil sie nie gelernt haben, wie sich Verantwortung anfühlt. Wer hat Schuld, wenn ein junger Staatsbürger wie Felix Bischoff seit Jahren für den Arbeitsmarkt nicht infrage kommt und Transferleistungen bezieht? Er selbst? Die Schule? Die Familie? Der Kapitalismus? Der Staat? Alle ein bisschen? Seine Arbeitsvermittlerin Petra Schneider ist neun Jahre älter als Bischoff, eine groß gewachsene Frau, 32 Jahre alt, Mutter zweier Kinder. Ihr richtiger Name, sagt sie, tue so wenig zur Sache wie der richtige Name des Herrn Bischoff. Wie oft sie am Tag angelogen wird, weiß Petra Schneider nicht. Sie musste sich ja einmal entscheiden: vertrauen und versuchen – oder die täglichen Dauerdramen verwalten. Petra Schneider hat sich für Vertrauen entschieden. Aber würde sie merken, wenn sie hinters Licht geführt werden sollte? Und wenn sie es merken würde: Wäre sie rigoros genug, daraus Konsequenzen zu ziehen? »Ich kenne«, sagt Frau Schneider, »von clever über kreativ, von skurril bis offensichtlich blödsinnig alle möglichen Begründungen und Ausreden, warum es hier nicht geklappt hat und dort partout nicht klappen will.« Sie ist, wie die anderen Arbeitsvermittlerinnen auch, überarbeitet. 220 statt 75 Kunden pro Vermittlerin und kaum Erfolgserlebnisse. »Frustrierend«, dieses Wort sagt sie mehrmals. Wer dauernd mit 17-Jährigen zu tun hat, die schwanger, mit 19-Jährigen, die heroinsüchtig, mit 20-Jährigen, die mehrfach vorbestraft oder hoch verschuldet sind, den erschüttert die Realität täglich aufs Neue – oder er stumpft ab. Die einen Vermittler sind im Zweifel für, die anderen gegen den Kunden. Frau Schneider ist im Zweifel fast immer für den Kunden. Sie tippt das mit Felix Bischoff Besprochene ins System ein. Im System sind Biografien wie die von Bischoff untre einer Kundennummer archiviert. Wenn Petra Schneider am Feierabend ihre Tür schließt, versucht sie, die Verlorenen als Nummer im System zu lassen. Manchmal gelingt es ihr. Die Chancen stehen fünfzig zu fünfzig, dass Marcel kommt. Das letzte Mal kam er nicht. Heute ist er per Einschreiben für 10 Uhr bestellt. Um halb elf wählt Frau Schneider, die auch seine Arbeitsvermittlerin ist, eine Handynummer. Stimmt die Nummer noch? Ist die Karte wieder gesperrt? Marcel nimmt ab. Oh, Scheiße, er habe es »verspult«. Er sei gerade im Krankenhaus. Nein, alles gut bei ihm, aber er habe um zwei in der Nacht seine Mutter ins Krankenhaus bringen müssen, Atemnot, Lungenschmerzen, Notarzt, Herzkatheter. »Auf geht’s, zack, kommen Sie her, wir können darüber reden«, sagt Frau Schneider. Es wäre gut, bemerkt der anwesende Betreuer des Kinderschutzbundes, wenn Marcel endlich von seiner Mutter loskäme. Seit einem Jahr arbeitet der Betreuer an Marcels Stabilität und Motivation, »ambulante Erziehungshilfe« heißt das Instrument. Der Betreuer sucht das Gespräch mit der Mutter, vermittelt bei Problemen, begleitet Marcel zu Terminen auf Ämtern. »Das ist halt traurig«, sagt der Betreuer, »aber man kann den Marcel nicht sich selbst überlassen. Er schafft es einfach nicht, etwas längerfristig durchzuhalten.« Marcel Meyer, 19 Jahre alt, lebt in einer kleinen Wohnung in Milbertshofen gemeinsam mit seiner Mutter. Drei Zimmer, 72 Quadratmeter, zwei Katzen, ein Hund. Die Stadt München zahlt ihnen 571,62 Euro für die »Kosten der Unterkunft«, also Grundmiete, Heiz- und Nebenkosten wie Garage und Müll. Seine Mutter bekommt Rente und Kindergeld plus 31,68 Euro im Monat, damit der Hartz-IV-Regelsatz erreicht wird. Dem Haushalt Meyer werden monatlich 603,30 Euro aus dem Sozialbürgerhaus 4 überwiesen. Marcel ist der Einzige, der bei seiner Mutter geblieben ist. Sein Bruder ist abgehauen, seine Schwester ins Rheinland gezogen. Und sein Vater ist seit Langem tot, Alkohol, Drogen. Die Mutter: krank, Agoraphobie – unter Menschen hat sie Angstattacken. Früher arbeitete sie als Kassiererin, aber seit fünf Jahren geht das nicht mehr, vier Finger der rechten Hand sind taub. Ein Arztfehler, sagt Marcel. Für seine Mom, sagt Marcel, würde er jedem die Fresse polieren. Seine Mom habe sich vor seinen Augen schon mal die Arme aufgeschlitzt. »Wenn er auszieht, will sich die Mutter was antun«, sagt der Mann vom Kinderschutzbund. Woher weiß er das? »Von Marcel.« Arbeitsvermittlerin Schneider und der Kinderschutzbundbetreuer mögen Marcel. Erscheint er regelmäßig, will heißen: ist er zweimal nacheinander physisch zu einem vereinbarten Zeitpunkt anwesend, löst das in Zimmer 1.141 Euphorie aus. Beispiel Landschaftsgärtnerei: Marcel ging hin, die Ausbilder waren von ihm angetan. Dann aber kam er nicht mehr. Warum, weiß nur er. Bisher ging alles schief, was er angefangen hat. Wenn es Marcel irgendwo nicht gefällt, geht er einfach nicht mehr hin. Er entscheidet das unvermittelt. So wie in der Schule. Den Hauptschulabschluss hat er nicht gemacht. Damals hat er sich gesagt: Ich scheiß drauf. Er wollte Freiheit. Er wollte raus. Heute bereut er das. Oder er sagt, er bereue es, weil er glaubt, das sagen zu müssen. 10.27 Uhr, er ist da. Lila Hip-Hop-Schirmmütze, schwarze Jeans, schwarze Gravis-Skaterschuhe, dicke Sony-Kopfhörer um den Hals, Andeutung eines Kinnbarts. Ein hagerer, forscher Mann mit porzellanweißer Haut und reichlich Charme, der als Erstes seine Arbeitsvermittlerin zum Schmunzeln bringt, und das schaffen nicht viele. »Sie sind die Frau«, er lächelt sie an, »zu der ich am liebsten komme!« »Was möchten Sie machen?«, fragt die Vermittlerin. Heute ist es: Sanitätsdienst bei der Bundeswehr. »Aha, wieder was Neues.« Das vorletzte Mal wollte Marcel Landschaftsbau machen, davor beim Nachrichtendienst arbeiten. »Und das letzte Mal wollten Sie doch Koch lernen.« »Ja, Koch ist super, ich liebe gutes Essen.« »Aber Koch ist ein sehr stressiger Job«, sagt die Arbeitsvermittlerin. »Ich werde erst richtig wach, wenn ich unter Stress stehe!«, sagt Marcel. Wenn Marcel lacht oder lächelt, presst er seine Lippen zusammen, weil er sich für seine Zähne schämt. Die Zähne. Eine lange Geschichte. Eine Scheißgeschichte. Von einer festen Spange eingefasst, stehen in seinem Zahnfleisch Ruinen und schwarze Stummel, dazwischen Leerstellen. Ohne Zähne kein Job. Die Zähne sind plausible Begründung oder ideale Ausrede, je nach Lesart. Der Zahnschmelz sei zu weich, ein DNA-Defekt in der Familie, sagt Marcel und vermag aus dem Stand genetische Zusammenhänge en detail zu erklären. Er liest Sachbücher über Gendefekte, Abszesse, was immer gerade mit seinem Leben zu tun hat. Dabei sitzt er gern auf dem Balkon, trinkt ein Glas Whisky, unter ihm im Hof des ockerfarben gestrichenen Wohnkomplexes spielen Kinder. Schöne Stimmung, so am Abend auf dem Balkon, findet er. Marcel, sagt seine Arbeitsvermittlerin Petra Schneider, neige zur Übertreibung. Sie sagt auch, dass Marcels Mutter sich nicht um seine Zähne kümmere, weshalb sie es tue. Ein Zahnarzt zieht ihm zurzeit alle Zähne, jede Woche einen. Bisher seien es 62 Einstiche am Oberkiefer, ständige Abszesse, zwei Antibiotikatabletten pro Tag. »Mit solchen Schmerzen kann doch kein Mensch arbeiten«, sagt Marcel. Wie stark die Schmerzen sind, weiß nur er. Die Arbeitsvermittlerin vertraut ihm. Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung des Arztes liegt ihr vor. Den Vermittlern sind durchaus Ärzte bekannt, die gerne Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ausstellen – rückwirkend oder kurz vor anberaumten Terminen. Eine AUB zu schreiben dauert ein paar Sekunden und bringt mindestens 35 Euro »Behandlungspauschale«, bei weiterführender Untersuchung noch mehr. Welche Ärzte das sind, spricht sich rum. Aber von Marcels Arzt hat die Vermittlerin noch nichts Verdächtiges gehört. Mit neuen Zähnen, schwört Marcel, werde ein komplett neues Selbstbewusstsein wachsen. Danach werde er durchstarten, versprochen. In Marcels Leben gab es schon viele leere Versprechen. Die Arbeitsvermittlerin holt tief Luft. »Sie haben bei mir Welpenschutz, das wissen Sie«, sagt sie und lehnt sich zurück, »aber ab nächstem Jahr müssen Sie echt richtig mitmachen.« So lange wird sie Marcel im Hartz-IV-Bezug lassen. So lange gilt er als arbeitsunfähig, muss zu keinem der monatlich angesetzten Termine mehr in die Behörde kommen, sein Geld wird nicht gekürzt. Marcel weiß, dass seine Vermittlerin ihn mag. Seit dem Ende seiner Schulpflicht 2008 hat er sieben Eingliederungsvereinbarungen unterschrieben. Sozialversicherungspflichtig gearbeitet hat er noch nie. Um 11.43 Uhr erhebt Marcel Meyer seine hageren 1,83 Meter und will gleich einen Stock höher gehen, um seine Leistungssachbearbeiterin auf den neusten Stand seines Lebens zu bringen. Da scheint jetzt Zug drin zu sein, die Arbeitsvermittlerin und der Betreuer des Kinderschutzbundes lächeln. Doch die Kollegin einen Stock höher hat leider keine Zeit mehr. Marcel wird eine neue Vorladung erhalten, zum Ärger seiner Arbeitsvermittlerin Petra Schneider. Wer weiß, sagt sie, ob er das nächste Mal komme. Man müsse auch mal flexibel reagieren. Man müsse die Kunden abholen, wo sie sind, sonst verliere man sie. Ginge es nach Susan Raecke, einer weiteren Leistungssachbearbeiterin ein Stockwerk tiefer, müsste man Menschen wie Felix Bischoff und Marcel Meyer nirgendwo abholen. Man müsste verlangen, dass sie kommen. Raecke äußert sich nicht über Bischoff oder Meyer persönlich, sagt aber: »Gäbe es nicht so viele Leistungsbezieher, die den Staat ausnutzen, hätten die wirklich Bedürftigen mehr.« Die sportliche Frau ist Verwaltungsoberinspektorin, gehobener Dienst, 31 Jahre alt. Als Leistungssachbearbeiterin weist sie Hartz IV an – oder nicht. Eins stellt sie gleich klar: »Den meisten Ausländern ist der Hartz-IV-Bezug weitaus unangenehmer als vielen Deutschen, die den Fall ins soziale Netz als ihr gutes Recht ansehen.« Eine Leistungssachbearbeiterin ist keine Sozialpädagogin. Sie steigt nicht in die Seelentiefen ihrer Kunden hinab und will das auch gar nicht. Susan Raecke versteht sich als Treuhänderin der Beitragszahler und vergibt in dieser Funktion monatlich eine Viertelmillion Euro. Ohne Beamteneid geht das nicht. Der Eid ist auch ein Eid auf das Wohl der Gesellschaft. Leistungssachbearbeiter wie Frau Raecke haben das Recht und die Pflicht, denjenigen zu sanktionieren, der an seiner Vermittlung nicht mitwirkt. Wer sich wann auf welche Weise verweigert, das zu beurteilen liegt im Ermessen des Leistungssachbearbeiters. »Meine Begründungen waren immer sehr lang und detailliert«, sagt Raecke, »bislang hat niemand dagegen Einspruch eingelegt.« Für einige ihrer Kollegen in den Stockwerken darüber übt Frau Raecke ihr Recht viel zu rigoros aus. Die Kunden, sagen die Vermittlerinnen, darunter auch die, die Bischoff und Meyer betreut, würden heute wesentlich schneller und härter von den Leistungssachbearbeitern gekürzt, wenn sie nicht sofort jenen geradlinigen Weg gehen, den sie gehen sollen. Darf der Staat keine Geradlinigkeit verlangen? Bei fast allen Kunden U25, sagen die Vermittler, funktioniere dieser Weg nicht mehr, weil sie unberechenbar seien, das Vermittlungssystem aber Berechenbarkeit voraussetzt. Es geht um mehr als nur um Geld: Welchen Typus Bürger will, braucht und fordert der Staat? Wo endet Pech und beginnt persönliche Schuld? Setzt Schuld Verantwortung voraus? Sozial gerecht ist aus Sicht der Verwaltungsoberinspektorin Raecke, wenn alle gleiche Rechte, aber auch gleiche Pflichten haben. Sie redet zügig und ohne Versprecher. Dass der überwiegende Teil der Kunden U25 in seinem bisherigen Leben gescheitert ist, ist für sie kein Grund, auch künftiges Scheitern hinzunehmen. Härtefälle sind dazu da, gelöst zu werden, so sieht sie das. Aber verstehen die Jugendlichen zwischen 15 und 25, was »Rechte« und »Pflichten« bedeuten? Dass es ein Regelverstoß ist, nicht zu einer Beratung zu erscheinen? »Die verstehen das, dafür leg ich meine Hand ins Feuer!« Wer auf null gesetzt wird, ist zuvor im Erst- und Zweitgespräch und nach jeder Eingliederungsvereinbarung über mögliche Sanktionen belehrt worden. Wer auf null gesetzt ist, kann nicht verhungern, Lebensmittelgutscheine erhält er immer. Er muss sie nur persönlich an der Kasse abholen. In Raeckes Zuständigkeitsbereich im Sozialbürgerhaus Milbertshofen-Am Hart habe, sagt sie, noch kein einziger auf null gesetzter Jugendlicher jemals seine Gutscheine abgeholt. Das heißt nicht, dass dies auf alle Jobcenter der Republik zutreffen muss. Wenn kein Sanktionierter zur Kasse der Arge Milbertshofen-Am Hart geht, kann das viele Gründe haben. Manch einer schämt sich vielleicht. Aber da bleibt auch dieser große Zweifel: Wird der Staat in Milbertshofen-Am Hart tatsächlich in dem Maße gebraucht, in dem er sich engagiert? Tja, sagt die Verwaltungsoberinspektorin und macht eine überraschend lange Pause. »Wenn es denen egal ist, ob sie gekürzt werden, was willste da noch machen?« Die Realität hat Susan Raecke Ernüchterung gelehrt. Es ist eine Realität, die nicht immer in ihre Weltsicht passt. Sie selbst hat schnell Karriere gemacht. Marcel kommt um Punkt zwei Uhr Montagnachmittag in ein Café in der Münchner Innenstadt, wie ausgemacht. Weißes T-Shirt, schwarze Dreiviertelhose, Skaterschuhe, lila Kappe, Halskette, Armkette mit Heiligenbildchen. Marcel würde verdammt gern hier arbeiten, sagt er, sein Stammcafé. Er fragt gleich mal. Gleich fragen ist nie verkehrt. Er kennt ja die Leute. Er hat früher mal in der Nähe in einem Skateshop gejobbt. »Tom, sag mal, gibt’s bei euch ’nen Job für mich?« Der Chef sei morgen wieder da, sagt Tom. Okay, sagt Marcel. Er raucht Zigarillos auf Lunge. Früher 35 am Tag, jetzt fünf. Das ganze Wochenende hat er Combat Arms gespielt, ein Ballerspiel mit animierten Soldaten. Von morgens bis abends vor dem PC, zwischendrin mal duschen und essen. Den PC hat er von einer Freundin bekommen, den iPod vom Bruder, das Samsung-Handy von irgendwem, egal. Okay, die Drogen. Mit zwölf hat er sich einen Schuss Heroin gesetzt. Es war der einzige. Okay, die Schule hat er verschissen, da will er ganz offen sein. Immer nur geschwänzt, das war dumm. Er hing im Stadtteil Neuperlach rum. Erst bei den Nazis, dann bei den Punks. Ob links oder rechts, die kiffen doch eh nur alle. Drogen sind Geschichte. Und er trinkt nicht mehr. Sein Vater starb als Alkoholiker. Marcel trinkt jetzt Eistee. Seine Heldin ist Mutter Teresa. Die war für die Jugend da. Heute ist niemand für die Jugend da. Die Jugend kommt viel zu schnell an Alkohol und Drogen, sagt er. Die Jugend hat keine Zukunft mehr, definitiv nicht. Warum nicht? Weil die Jugend keinen Bock hat zu arbeiten. Warum nicht? Weil die Jugend schnell das Interesse verliert. Warum? Weil niemand mehr eine Perspektive hat. Warum nicht? »Hey, weil du heute selbst für eine Schreinerlehre mittlere Reife brauchst!« Und 80 Prozent der Jugend sei auf der Hauptschule, und die ganzen Ausländer seien auf der Hauptschule, und die Muslime scheißen auf den Staat, weil der Staat ihnen eh alles zahlt. Aber nee, nee, Muslime sind nicht das Problem. Seine beiden besten Kumpel sind Muslime. Das Problem sei: Die Jugend hat Angst. Wovor? Der ständige Erfolgsdruck, das drückt einen runter. Die Politik streicht Kindergeld, erhöht Steuern, steckt’s Griechenland hinten rein, schließt aber Skaterparks und Jugendzentren. Der Staat will doch nur, dass die Jugend arbeitet, arbeitet, arbeitet, und baut nicht mal Kickbox-Center, wo man sich abreagieren kann. Die Aggression der Jugend wächst, die Jugend hat irgendwann keine Lust mehr auf den Staat. Das alles weiß Marcel Meyer, und wenn er Jugend sagt, dann meint er vor allem sich selbst. »Ey, ehrlich, was tut der Staat für die Jugend?« Der Staat soll sich für die Jugend mal den Arsch aufreißen! Frau Merkel soll sich mal mit ihm treffen! Als Vertreterin des Staates pocht Leistungssachbearbeiterin Susan Raecke auf Pünktlichkeit, Disziplin, Evaluation. Für sie und den Staat sind Engagement und Motivation dokumentierbar, ist die Transferleistung ein bürokratischer Akt, der objektive Maßstäbe braucht, um gerecht sein zu können. Während sie über Mitwirkungspflichten spricht, bewegt sich ihr kurzer blonder Pferdeschwanz kaum. Hat sie weniger begriffen als die Arbeitsvermittlerin: dass man die Kunden eben nicht mit normalen Maßstäben messen kann? Oder hat sie, im Gegenteil, viel mehr begriffen: dass manche Kunden dem Staat auf der Nase herumtanzen? Vielleicht haben sie die Härtefälle selbst hart gemacht. »Freunde haben mir gesagt, ich hätte mein Wesen verändert und würde an allem nur noch zweifeln, alles nur noch bekritteln«, sagt sie. Aus ihrer Sicht ist der von einigen Mitarbeitern des Sozialbürgerhauses sogenannte Sozialhilfe-Adel das größte Problem des deutschen Sozialstaats – vererbte Hartz-IV-Karrieren, ein Teufelskreis: Hartzer, wie manche Kunden sich selbst nennen, die Kinder von Hartzern sind und deren Kinder wiederum Gefahr laufen, zum Hartzer zu werden. Oft kommen die Jugendlichen mit 15, 16 zum ersten Mal in den Fokus der Arbeitsvermittler – längst zu spät, um sie noch retten zu können. Zu 80 Prozent sind dies Jugendliche, deren Eltern seit Jahren, manchmal Jahrzehnten im Leistungsbezug sind. »Wenn aber von Eltern keinerlei Anreiz und Mut ausgeht, wenn Eltern Werte nicht vorleben, dann wird auch das Kind später den eigenen Kindern nichts dergleichen vorleben«, sagt Susan Raecke. Schon wieder ist Marcel pünktlich, er hat sogar ein Bierchen mitgebracht in den Skatepark, der in der Nähe seiner Wohnung liegt. Nichts von dem, was er an diesem und den anderen Nachmittagen erzählt, muss wirklich stimmen. Vielleicht trinkt und kifft er exzessiv und hat mit Mutter Teresa nichts am Hut, und Arbeit interessiert ihn einen Dreck, und er richtet sich als Hartzer auf Lebenszeit ein. Die kaputten Zähne. Die kranke Mom. Vielleicht lügt er und macht sich später bei seinen Kumpels darüber lustig, wie leicht man den Staat an der Nase herumführen kann. Marcel weiß, wie er wem Hoffnung macht. So entstehen Sätze wie folgende: »Ich nehme die Hilfe des Staates gern an, will aber selbst was aus meinem Leben machen.« Oder: »Ich erwarte, dass sich meine Arbeitsvermittlerin für mich schlau macht, aber ich suche ja auch selber extrem viel.« Tatsächlich? Na klar, er sei sogar zum Beate-Uhse-Laden gegangen und habe gefragt, ob er ein Praktikum machen könne. Ging halt nicht. Warum nicht? Wisse er nicht mehr. Im Grunde sei ihm Ausbildung eh egal. Er wolle Geld verdienen, um nicht mehr vom Staat abhängig zu sein. Marcels Bruder arbeitet seit Jahren beim Wachdienst einer Gebäudeschutzfirma, gutes Geld. Ohne Ausbildung. Der Staat aber sucht einen Ausbildungsplatz für ihn, weil die Vermittler und Betreuer meinen, dass er auf Dauer nur mit einer abgeschlossenen Ausbildung eine Chance auf dem Arbeitsmarkt hat. Minuten später ist Marcel die Ausbildung doch nicht egal. Aber erst wenn die Zähne gemacht sind, oben Brücke, unten Komplettprothese. Mit neuen Zähnen werde er der glücklichste Mensch der Welt sein. »Da gehst du dann raus in die Welt und hast ein komplett neues Lächeln!« Er gehe zum Zahnarzt, obwohl er Angstpatient sei, bitte schön! Das tut Marcel Meyer für einen Job. Er glaubt, er tue das für den Staat. Der Staat tut eine Menge für Marcel Meyer. Bis zu acht Mitarbeiter des Sozialbürgerhauses sind – unterschiedlich lang, oft und intensiv – damit beschäftigt, einen einzigen Kunden wie ihn in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Das bindet Kräfte, verlangt Zeit, kostet Geld. Meyers Arbeitsvermittlerin Petra Schneider ist über die Monate frustrierter geworden. Sie könnte dasselbe Problem bei sich diagnostizieren, das sie auch bei ihren Kunden sieht: Motivationsdefizit. Aus dem zufällig entstandenen Verhältnis zwischen Vermittlerin und Kunde ist eine Schicksalsgemeinschaft gegen die gemeinsame Ohnmacht geworden. Irgendwie halten sie zusammen. Die Kunden werden in teure »Maßnahmen« gesteckt und dort bis zu einem Jahr geparkt. »Oft ist das völlig sinnlos«, sagt Frau Schneider, »ändern wird sich dadurch überhaupt nichts, das wissen auch die Kunden.« Anfangs setzte sie noch auf die Vermittelbarkeit jedes Einzelnen. Aber mit den Monaten und Jahren verlor sie diese Illusion. »Es gibt nicht zu wenig Jobs«, sagt sie, »es gibt die falschen.« 90 Prozent der Arbeitgeber wollten Leute mit Berufserfahrung. Woher aber sollen Kunden wie Bischoff oder Meyer die nehmen? Das erste Halbjahr 2010 verzeichnet für das Sozialbürgerhaus Milbertshofen-Am Hart im Vergleich zum ersten Halbjahr 2009 eine Steigerung der Integration von Jugendlichen U25 in den ersten Arbeitsmarkt oder in ein Ausbildungsverhältnis um 24 Prozent. Das heißt verteilt auf drei Arbeitsvermittlerinnen: pro Kopf und Monat vier integrierte Jugendliche. Ist das viel? Da lächelt die Vermittlerin nur. Sie hat mehr als 200 weitere Kunden in ihrer Kartei. Gerade hat sie erfahren, dass einer ihrer Kunden wieder auf den Strich geht. Sie nimmt es zur Kenntnis. Was immer der Staat noch für ihn tun wird – in einem Büro arbeiten wird Marcel Meyer nie. Das gehe nicht, sagt er. Er brauche die Freiheit, die Bewegung, draußen an der Luft, er müsse den Regen spüren und so. Und wenn das alle sagen würden? Das sei ihm egal. In seine linke Wade tätowiert ist das Wort »Meyer«, in seine rechte will er sich ein Pin-up-Girl stechen lassen. Der Name gibt ihm Stärke. Seinen Namen und seine Freiheit kann ihm keiner nehmen. Diese Freiheit ganz oben meint er, auf der Treppe, beim Skaten, wenn du Anlauf nimmst, wie er sagt, und dann der Sprung, und nach dem Sprung diese Sekunden in der Luft, diese zwei, drei Sekunden Freiheit, in denen du auf alles scheißt, auf den Staat, auf Frau Merkel, auf die anderen, und bevor du fliegst, stehst du da oben auf der Treppe und überlegst, was passiert, wenn es dich jetzt gleich zerlegt. Und dann ziehst du’s durch und wirst mit Adrenalin belohnt. Das kann dir der Staat nicht bieten. So sagt es Marcel Meyer. Vielleicht weiß er, dass seine Freiheit auf Kosten der Gemeinschaft geht. Vielleicht weiß er das nicht. Vielleicht verdrängt er es. Vielleicht ist es ihm auch egal. Aber wenn er wählen müsste, würde er sich sofort für zwei Sekunden Adrenalin entscheiden. Menschen wie Meyer, sagt Petra Schneider, die Arbeitsvermittlerin, hätten die Kontrolle über ihr Leben nicht verloren. Sie hätten noch nie Kontrolle über ihr Leben gehabt. »Meine Kunden sind mit ihrem Leben bestraft genug, warum soll ich sie also durch Kürzung noch weiter bestrafen?« Mehr noch: Kürzt man dem Kunden den Bezug, geht er dem Staat verloren, weil das bisschen aufgebaute Struktur zerschlagen wird und der Jugendliche sich das Geld woanders besorgt, als Dealer, Stricher, Schwarzarbeiter oder Dieb. Es gibt Bürger, die dem Staat verloren gegangen sind und die er dennoch betreut, damit sie ihm nicht endgültig abhandenkommen. »An den harten Kern der Unwilligen kommt man nicht ran«, sagt der Arge-Chef Johannes Wastian. Er schätzt, dass fünf bis zehn Prozent der zurzeit 149 arbeitslosen und 96 arbeitssuchenden Jugendlichen in seinem Bezirk zu diesem harten Kern gehören. Andere in seinem Haus glauben, dass es mehr sind, bis zu 40 Prozent. Genau weiß es aber niemand. »Aber wir stehen hier sicher viel besser da als im Bundesbereich«, sagt Wastian. »In Berlin oder in anderen Ballungsräumen ist das Problem noch größer.« Die größte Sorge der Verantwortlichen im Sozialbürgerhaus, der untersten Einheit des Sozialstaats, besteht darin, dass der harte Kern der Verlorenen trotz Jobwunder größer wird. Je stärker es aufwärts geht, desto drängender ist die Frage: Was macht man mit jenen, die auch in guten Zeiten niemals gut genug sind? Für den Staat bleibt Felix Bischoff ein Phantom. Über die Jahre ist er ab- und wieder aufgetaucht, verschwunden in diffusen Strömen der Stadt. Vielleicht wollte er nicht kommen. Vielleicht hatte er Termine einfach vergessen. Alles, was beim Fallmanagement vor einem halben Jahr ausgedacht und angeschoben wurde, ist jetzt hinfällig. Dabei ging es aufwärts: Bischoffs Wohnung war eingerichtet, der nächste Termin stand an. Doch Bischoff tauchte nicht auf. Die Bezirkssozialarbeiterin erfuhr am Telefon, dass er gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen habe, von der Polizei erwischt worden und von einem Richter zu 280 Sozialstunden und, sollte er sie nicht abarbeiten, zu einer Haftstrafe verurteilt worden sei. Zur Ableistung der Sozialstunden durfte er sich die Tätigkeit und den Ort aussuchen, er wählte den katholischen Männerfürsorgeverein. Auf Nachfrage dort erfuhr die Bezirkssozialarbeiterin, dass Bischoff zum Gartenbau auf dem Friedhof zweimal erschienen sei, danach nie wieder. Ferner erfuhr sie, dass Bischoff seine Strafe im Gefängnis abgesessen habe. Zurzeit ist er auf null gesetzt. Seine Lebensmittelgutscheine hat er nie abgeholt. Wovon Bischoff lebt, ist nicht bekannt. Ein neuer Leistungssachbearbeiter ist jetzt für ihn zuständig und somit auch eine neue Arbeitsvermittlerin. Sie werden sich in seine Geschichte einarbeiten und in Felix Bischoff hineindenken müssen. Sie werden ihn aufs Neue einladen, um ihn kennenzulernen. Wenn er denn auftaucht. Die Bezirkssozialarbeiterin will herausfinden, was mit Bischoff los ist. Sie will sein Vertrauen gewinnen. Der Staat kann das Rätsel Bischoff nicht lösen, er wartet auf den nächsten messbaren Fortschritt. Der Staat gibt Felix Bischoff nicht verloren. Postskriptum. 1. Marcel Meyers Arbeitsvermittlerin Petra Schneider sitzt jetzt selbst beim Arbeitsvermittler. Ihr Vertrag wurde nicht verlängert. Sie ist jetzt eine Nummer mit Datensatz. Status: arbeitssuchend. 2. Bis Ende kommenden Jahres wird der Staat eine beträchtliche Anzahl seiner Arbeitsvermittler und Leistungssachbearbeiter im Sozialbürgerhaus 4 entlassen haben und dafür neue einstellen, wiederum befristet. 3. Die Verwaltungsoberinspektorin Susan Raecke hat das Sozialbürgerhaus verlassen und ist jetzt Standesbeamtin. 4. Marcel Meyer geht immer noch zum Zahnarzt. *Die Namen der Arbeitslosen wurden geändert

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Christian Schüle


Christian Schüle, Jahrgang 1970, Studium der Philosophie und Politischen Wissenschaft in München und Wien, ist freier Buch-Autor, Essayist und Reporter. Er lebt und arbeitet in Hamburg und München. Seine Texte wurden mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt erschienen im Piper-Verlag der Essay „Deutschlandvermessung“ und das reiseliterarische Buch „Türkeireise“ (beide 2006).
Dokumente
Kein Bock (PDF)

erschienen in:
Die ZEIT,
am 18.11.2010

 

Kommentare

Kayden, 25.04.2016, 13:59 Uhr:

really interesting post. Would love to hear more about the farms in the air!Also appreciate the Catch-22 reference, I too read in as a teenager after finding my dads old paperback copy on our book shCs,.eheerlfBrian

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