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27.03.17

Marin Majia „Taktik mit Berliner Weitblick


Doris Dörrie hat noch eine Frage, bevor es losgeht. "Carolin Emcke, ist das ein Mann oder eine Frau?" Carolin ohne e, könnte ja auch ein Mann sein, sagt Dörrie, sie sei sich da beim Lesen unsicher gewesen. Sie schaut auf und blickt in die verblüfften Gesichter von Harald Schmidt und Axel Hacke. Ah ja, eine Frau, wäre das also geklärt.

Doris Dörrie hält in der Hand einen Ausdruck von Emckes Reportage "Der erste Schuss fällt nach fünf Minuten", ein eindrücklicher Bericht aus dem Irak, der ausgiebig die Rolle des Kriegsberichterstatters reflektiert, erschienen im Magazin der Zeit. Der Text ist Dörries Favorit für den Reporterpreis 2010, über den sie und die anderen Mitglieder der Jury zu entscheiden haben. Neben Schmidt und dem SZ-Kolumnisten Hacke sind das der frühere ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender, der Publizist Manfred Bissinger, die Zeit-Gerichtsreporterin Sabine Rückert und ein Leser, der sich am Internet-Voting beteiligt hat. Im Nebenraum sitzt der zweite Teil der Jury, jede Gruppe übernimmt vier Kategorien. Reichlich Arbeit.

Man hat sich im Berliner Soho House getroffen, einem exklusiven Club in Mitte. Vor den Fenstern des Erkerzimmers steht der Alexanderplatz. Berliner Schmuddel-Weitblick als Arbeitsgrundlage. Zur Stärkung sind Ciabatta-Brote bereitgestellt, groß wie Kindsköpfe, dick mit Mehl bestäubt, fatal für einen dunklen Anzug. Öffentlichkeits-Profis wie Harald Schmidt lassen von so etwas natürlich die Finger.

Was also macht eine gute Reportage aus? Während dies bei anderen Journalistenpreisen hinter verschlossenen Türen entschieden wird, dürfen beim Reporterpreis Beobachter zuhören, wenn die Jury diskutiert. "Ich möchte auf eine Eisenbahn springen und durch die Landschaft fahren", sagt Rückert und plädiert gegen ein Politikerporträt, das nur am Restauranttisch spielt. Doris Dörrie möchte von einer Reportage gefesselt werden, obwohl sie deren Thema zunächst abschreckend findet.

Einen völlig anderen Zugang hat Harald Schmidt gewählt. Er hat nur jene nominierten Texte gelesen, denen er sich auch als normaler Zeitungsleser gewidmet hätte. Er hat deshalb viel weggelassen: alle Texte, in denen es um Islam, Integration und Gewalt gegen Kinder geht. Ein Bekenntnis, das für Amüsement in der Jury sorgt und Schmidt den Auftrag einträgt, den "Kinderknast von Lesbos" des Zeit-Reporters Roland Kirbach zu lesen und am Abend darauf die Laudatio zu halten.

In der Königskategorie gibt es am Nachmittag ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Carolin Emcke gegen Wolfgang Bauers "Das Sterben der Mütter", eine blutig-dramatische Reportage aus Westafrika, erschienen in Nido. Es wird abgewogen, argumentiert, wortlos werden Allianzen geschmiedet. Fast komisch klingt es da, als Moderator Christoph Kucklick der Jury zuruft: "Sie müssen hier nicht taktisch sein." Alternativen? Ein SZ-Porträt von Bayern-Trainer Louis van Gaal zerpflückt Harald Schmidt eloquent, das hat er offenbar gelesen. Und dann bemerkt er beiläufig, man habe noch gar keine Frau ausgezeichnet. Dörrie lächelt. Mit den sterbenden Müttern hätte man immerhin ein Frauenthema, schlägt Rückert vor. Es wird abgestimmt. Emcke gewinnt.

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Marin Majia



erschienen in:
Berliner Zeitung,
am 08.12.2010

 

Kommentare

Deejay, 25.04.2016, 02:47 Uhr:

I thugoht finding this would be so arduous but it's a breeze!

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