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21.07.17

Katrin Blum „"Ich will's wiederhaben!"

Nominiert für den Deutschen Reporterpreis 2010.

Ich will’s wiederhaben“

Bis zur Niederkunft wusste sie nicht, dass sie schwanger war. Vielleicht wollte sie es auch nicht wissen. Die Geschichte einer 25-Jährigen, die ihr Neugeborenes in der Stuttgarter Babyklappe abgegeben hatte - und es ein paar Tage später zurückholte.


Von Katrin Blum, Stuttgarter Zeitung, 08.06.2010


Draußen war es kalt. Laura fror nicht. Vielleicht schneite es sogar in dieser Nacht. Laura erinnert sich nur an das Kind, das in Handtücher eingewickelt in ihrem Arm lag und schlief. Es musste weg, da war sie sich sicher. Einfach nur weg. Ein Kind. Das passte doch nicht in ihr Leben. Nicht so plötzlich, und schon gar nicht von diesem Mann.

Nun möchte man meinen, eine Frau habe neun Monate Zeit, sich auf ein Kind vorzubereiten. Laura, die in Wirklichkeit anders heißt, hatte zwei Stunden. Selbst in dem Moment als ihre Wehen einsetzten, war ihr nicht klar, dass sie ein Kind bekommen würde. Sie dachte, die Wehen seien einfach Bauchschmerzen und dass sie etwas Falsches gegessen hätte. Als die Wehen stärker und stärker wurden, ging sie ins Bad. Dort wurde ihr langsam bewusst, was gerade geschah. Sie fing an zu pressen.

Das Kind kam ohne Komplikationen. Laura, 25, dachte nur, das kann nicht sein. Da lag ein Baby - ihr Baby. Es schrie nicht, weinte nicht, es lag nur da. Laura war geschockt, überfordert und dann wieder völlig klar. Sie machte einen Knoten in die Nabelschnur, schnitt sie durch, wickelte das Kind in Handtücher und rief einen Freund an. Er solle im Internet nach einer Babyklappe schauen und sie hinbringen, sagte sie ihm. Es war ein Uhr nachts.

Eine Stunde später fuhren sie in den Hof des Weraheims im Stuttgarter Westen. Auf einmal war die Angst da: „Was ist, wenn mich jemand sieht? Was ist, wenn die das Kennzeichen notieren, wenn man mich festhält, mir Vorwürfe macht?“ Laura stieg aus, das Kind im Arm. Neben dem Haus sah sie die Klappe. Sie war nur schwach beleuchtet. „Liebe Mutter“, stand da, „wenn Sie diese Klappe geöffnet haben, können Sie Ihr Kind in ein Babybett legen. Wir werden Ihr Kind gut versorgen. Wir versprechen Ihnen vollkommene Anonymität. Weitere Informationen befinden sich in der Klappe.“

Laura las nichts davon. Sie zögerte nicht mehr. Klappe auf, Kind rein, Klappe zu. Fertig. Als Laura sich umdrehte, fing das Kind an zu weinen. Zu dem Freund sagte sie, er solle sie schnell wegfahren. Zu irgendeinem Parkplatz. Dort zündete sie sich eine Zigarette an. „Ich dachte, es ist alles in Ordnung.“ Der Freund brachte sie nach Hause. „Ich bin erst morgens um sechs eingeschlafen und hab gedacht, dass ich das als Albtraum abstempeln, es irgendwie ausblenden kann.“

Sie wollte vergessen, was sie sich selbst nicht erklären konnte. Wie konnte es sein, dass sie ein Kind in sich trug und nichts davon merkte? Ihre Periode hatte sie regelmäßig gehabt und vielleicht zwei Kilo zugenommen. Heute glaubt sie: „Der Kleine hat sich versteckt. Er ist kaum gewachsen, weil er wusste, dass er nicht sein darf.“

Es hatte eine Zeit gegeben, in der Laura in den Vater ihres Sohnes verliebt gewesen war. Er hatte sie abends in einer Bar angesprochen. Er war nett. Laura traf sich wieder mit ihm, und sie wurden ein Paar. „Der erste Monat war perfekt, dann haben die Psychospielchen angefangen. Er hat ständig angerufen, wusste immer, wo ich bin.“ Er habe Freunde von ihm beauftragt, sie zu beobachteten, sagt sie: beim Einkaufen, bei der Arbeit, beim Ausgehen. Er wollte sie heiraten, sie wollte ihn erst mal kennenlernen. Und je mehr sie das tat, desto fester war sie davon überzeugt, dass er nicht der Richtige war. Sie trennte sich, er akzeptiere das nicht. Sie gab ihm eine Chance, „doch er hat gelogen, gelogen, gelogen“. Als er anfing grob zu werden, trennte sie sich endgültig. „Dann hat er mir gedroht und meinen Eltern auch.“ Laura wollte ihn nie wieder sehen. Das will sie bis heute nicht.

Am Abend nach der Geburt ging Laura mit Freunden aus, um auf andere Gedanken zu kommen. Sie sagte sich, sie sei gerade nicht in der Verfassung, ein Kind großzuziehen. Sie liebte ihre Freiheit. Natürlich wollte sie irgendwann Kinder haben, aber viel später mit dem richtigen Partner.

Mit dem Freund, der sie zur Babyklappe gefahren hatte, sprach sie zwei Tage kein Wort. Dann rief sie ihn an. „Wir haben es schöngeredet. Ich hab ihm gesagt, dass ich keine Mama sein kann, dass ich die Verantwortung nicht übernehmen kann, dass es einfach nicht geht.“ Vielleicht glaubte sie das selbst nicht. Vielleicht war ihr irgendwann doch klar, dass es jetzt zu ihrem Leben gehörte, Mutter zu sein. Denn anstatt ihre Freiheit zu genießen, hörte Laura auf zu essen und fing an zu weinen - stundenlang. „Ich hab mir vorgestellt, wie ich jeden Tag an den Kleinen denke und mich mein Leben lang frage, was er macht und wie er heißt.“ Sollte sie anrufen? Sollte sie sagen, dass sie die Mutter des Kindes ist und es sehen möchte? „Ich dachte, dass ich dann irgendwie verurteilt werde oder dass mir jemand blöd kommt und sagt: , Wie kannst du nurʻ.“

Eine Mutter, die ihr neugeborenes Kind im Wärmebettchen der Babyklappe ablegt, hat acht Wochen Zeit, es wieder zu sich zu holen. In dieser Zeit wird es von einer Pflegefamilie versorgt. Ist die Frist abgelaufen, wird eine Adoption eingeleitet. Spätestens nach einem Jahr ist das Verfahren rechtsgültig, dann hat die leibliche Mutter keine juristischen Ansprüche mehr auf das Kind. Ein Kontakt ist dann nur möglich, wenn die Adoptiveltern auch damit einverstanden sind.

Laura brauchte fünf Tage. Dann wählte sie die Nummer des Mutter-Kind-Heims. Eine Frau nahm ab. „Ich hab am Donnerstag mein Baby in die Babyklappe gelegt, und ich will’s wiederhaben“, sagte Laura. Die Frau am anderen Ende antwortete nicht: „wie können Sie nur“, die Frau freute sich.

Die Stuttgarter Babyklappe gibt es seit acht Jahren. 19 Frauen haben während dieser Zeit ihr Kind dort abgegeben. Sechs wollten es, wie Laura, wieder zurück. Weil eine DNA-Analyse zu teuer ist, wird die Mutterschaft auf eine andere Weise festgestellt. Laura musste zuerst alles so genau wie möglich beschreiben: wie das Kind aussah, was es angehabt und wann sie es in die Klappe gelegt hatte. Dann ging sie zum Frauenarzt, der untersuchte, ob sie auch wirklich ein Kind geboren hatte. Er stellte ihr eine Bescheinigung aus.

Am selben Tag, an dem Laura offiziell Mutter wurde, veröffentlichte der Deutsche Ethikrat eine Stellungnahme, die den Titel trug „Das Problem der anonymen Kindesabgabe“. Darin werden nicht nur ethische, sondern auch rechtliche Bedenken beschrieben. So würde dem Kind etwa das Recht auf Kenntnis seiner Herkunft verweigert, und die Eltern würden ihrer Fürsorge- und Unterhaltspflicht nicht nachkommen. Der Rat empfahl am Ende, die Klappen aufzugeben und legale Hilfsangebote zu verstärken. Das Bundesfamilienministerium gab etwa zur gleichen Zeit ein Forschungsprojekt in Auftrag, um Sinn und Wirkung von Babyklappen zu ermitteln. Ergebnisse werden für Mitte 2011 erwartet, Gesetzesänderungen sind vorerst nicht geplant.

Laura bekam von alldem nichts mit. Sie stand zwei Tage nach ihrem Anruf beim Kinderheim zitternd in der Intensivstation einer Klinik, in der ihr Sohn lag, weil er leicht unterkühlt und untergewichtig gewesen war. Lauras Herz klopfte, sie hatte Tränen in den Augen. Dann durfte sie ihn in den Arm nehmen: „Es war schön und komisch, weil ich nicht gleich glauben konnte, dass er mein Kind war“, sagt sie. Eine Sozialarbeiterin vom Jugendamt sagte ihr, welcher Name ihrem Sohn gegeben worden war: Benjamin. Laura hätte ihn ändern können. Aber Benjamin blieb Benjamin.

Die Sozialarbeiterin sagte Laura auch, was sie jetzt alles machen müsse, solle und könne. Die beiden, so ihr Vorschlag, sollten erst mal in das Mutter-Kind-Heim ziehen, weil Laura ja nichts für das Baby hatte, weder ein Bett noch einen Kinderwagen noch irgendwelche Kleider. Laura stimmte zu. Zu ihren Eltern wollte sie nicht zurück. „Das hat aber nichts mit meiner Beziehung zu ihnen zu tun“, sagt sie, und ihre Stimme wird lauter. „Die Leute sagen immer, wenn sich eine Frau nicht anders zu helfen weiß, als ihr Kind in die Babyklappe zu legen, muss sie ja aus schwierigen Verhältnissen kommen.“ Lauras Eltern sind seit 30 Jahren verheiratet, Angestellte, haben zwei Kinder. „Mir hat es nie an etwas gefehlt. Meine Eltern haben mir alles ermöglicht und mir immer geholfen. Immer.“ Auch jetzt. Doch zurück wollte Laura nicht.

Ihre Stimme zittert, wenn sie über die erste Zeit mit Benjamin spricht. Lauras Stimme zittert sonst nie. Sie versucht immer, die Kontrolle zu behalten, aber manchmal fällt es ihr schwer: „Ich durfte Benni nicht aus dem Krankenhaus holen. Das war schlimm.“ Er war zu schwach. Als sie ihn endlich bei sich hatte, wusste sie erst nicht, wo sie ihn anfassen sollte, ohne etwas kaputt zu machen, „so klein und so dünn war er“.

Benni ist immer noch klein und dünn. Er ist ein ruhiges Kind und blond wie Laura. Wenn Benni weint, weiß Laura inzwischen gleich, was ihm fehlt. Und er will immer oben sein. Sobald er liegt, beschwert er sich. Dann nennt sie ihn „kleine Motzkuh“. „Selbst wenn er müde ist, hält er die Augen offen und guckt, ob ich noch da bin“, sagt Laura. Ihr ist es egal, ob ihr jemand glaubt, dass sie von ihrer Schwangerschaft nichts wusste. Mittlerweile ist es ihr auch egal, was andere darüber denken, dass sie ihr Kind in die Babyklappe gelegt hat. „Ich bin froh, dass ich so reagiert hab. Dass ich in dem Schock noch so handeln konnte, dass ich gesagt hab, ich geb das Kind da hin und schmeiß es nicht weg.“

Aus dem Mutter-Kind-Heim will sie so schnell wie möglich ausziehen. Obwohl sie froh über das Heim und die Klappe ist, gibt es hier nach ihrem Empfinden zu viele Verpflichtungen, etwa die „Aufarbeitung der nicht bemerkten Schwangerschaft“. „Ich muss da nichts aufarbeiten“, sagt Laura, „ich rede mit meiner Familie. Das reicht mir. Vielleicht brauch ich’s in zehn Jahren mal. Aber ich muss nach meinem Kind gucken. Es bringt nichts, jetzt in meiner Vergangenheit stochern zu lassen.“

Laura wird ihr neues Leben ohne Bennis Vater leben. Wenn ihr Sohn einmal groß ist, will sie ihm nicht erzählen, wie sein Leben angefangen hat. Sie hat Angst, dass er einmal denken könnte, sie habe ihn nur zurückgeholt, um ihr schlechtes Gefühl zu beruhigen. „Ich glaube, ich würde ihm damit mehr schaden als Gutes tun.“ Vielleicht würde er dann ja auch abhauen, sie nicht mehr lieben. Aber das sind Spekulationen. „Benni ist jetzt auf der Welt“, sagt Laura, „und er ist bei seiner Mutter und fertig.“

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Katrin Blum


Katrin Blum wurde 1977 geboren. Sie ist eine deutsch-persische Mischung, was man ihrem Namen nicht anmerkt, ihrer Gastfreundlichkeit aber schon. Sie dachte irgendwann, sie müsse Worte zu Papier bringen und wurde dafür an der Deutschen-Journalistenschule in München ausgebildet. Sie arbeitete danach bei der Stuttgarter Zeitung und schreibt auch heute noch gerne für sie. Allerdings arbeitet Katrin Blum jetzt als freie Reporterin in Berlin, weil sie dachte, es gebe noch zu wenige Journalisten und Schwaben in der Hauptstadt. Und weil Hören mindestens genauso schön ist wie Lesen, macht sie auch noch Programm für den Hörfunk.
Dokumente
"Ich will's wiederhaben!"

erschienen in:
Stuttgarter Zeitung,
am 08.06.2010

 

Kommentare

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