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26.05.17

Gustav Seibt „Im Glauben gescheitert

Nominiert für den Deutschen Reporterpreis 2010.

Im Glauben gescheitert


Öffentliche Reue und ein Rücktritt: Die historische Krise der katholischen Kirche



Gustav Seibt, SZ, 23.04.2010


Nichts beleuchtet den Einschnitt, den die Skandale um den Missbrauch Schutzbefohlener für die katholische Kirche bedeuten, so scharf wie das Bild von Priestern, die sich in der Öffentlichkeit für diese Taten entschuldigen und bei den Opfern um Verzeihung bitten; oder wie ein Bischof, der wegen öffentlich sichtbar gewordener Unwahrhaftigkeit seinen Rücktritt anbieten muss.

Denn die Kirche hatte für Verfehlungen ihrer Amtsträger seit jeher selbstverständlich ihre internen Foren, zunächst Beichte und Bußen, aber auch die innerkirchliche Gerichtsbarkeit der verschiedenen Inquisitionen. Und das ist nicht nur eine rechtliche Frage im Verhältnis von Kirche, bürgerlicher Gesellschaft und Staat; die innere Verschlossenheit der kirchlichen Strafmechanismen war natürlich aufs Engste mit dem Selbstverständnis der Kirche und ihrem Begriff von Sünde verbunden. Beides hatte auf dem Marktplatz der bürgerlichen Öffentlichkeit nichts zu suchen.

Die Kirche rechnete nämlich zu allen Zeiten mit der Fehlbarkeit und Sündhaftigkeit ihrer Träger. Größe und göttliche Substanz der apostolischen Kirche sollte ja gerade darin bestehen, dass ihr der menschliche Makel der irdischen Vertreter nichts anhaben konnte: Das priesterliche Charisma war nach strengen Regularien nicht zuletzt durch interne Bußmechanismen gesichert und außerhalb des kirchlichen Raums keinesfalls auch nur diskutierbar. Die katholische Kirche ist etwas Überindividuelles, darin nicht unähnlich den Kommunistischen Parteien. Nur findet der Mechanismus der Selbstkritik und Selbstreinigung, den der Kommunismus in der gelenkten Öffentlichkeit von Parteigremien vollziehen ließ, in der Kirche traditionell unter völligem Ausschluss von Öffentlichkeit statt. So ging der katholische Priester seit Urzeiten noch vollständiger in seiner Organisation auf als der kommunistische Parteifunktionär in der seinen.

Wenn nun ein Pfarrer, ein Abt oder ein Bischof auf Pressekonferenzen, durch Briefe oder im Internet persönliche Verantwortung übernehmen, Bedauern ausdrücken und Reue bekunden oder gar, wie jetzt Walter Mixa, auf ihr Amt verzichten wollen, treten sie aus dem überindividuellen Schatten der Institution heraus. Sie machen sich als Einzelwesen kenntlich, und zwar nicht nur als Sünder vor Gott, sondern als Täter vor einem säkularen Publikum. Es geht auf einmal um die "Glaubwürdigkeit" der Kirche vor der Welt. Das aber ist schon tödlich: Es ist ein in der bisherigen Kirchengeschichte vollkommen unüblicher, nach klassischem Verständnis ungeheuerlicher Vorgang, dessen umstürzende Qualität erst allmählich begriffen wird. Er ähnelt gewissen bizarren Vorgängen beim Untergang der kommunistischen Regime vor zwanzig Jahren, als ein Machthaber wie Erich Mielke auf einmal vor live mitfilmenden Kameras stammelnd versicherte: "Ich liebe euch doch alle." Auch hier verschwand der Funktionär hinter dem nun allerdings sichtlich desorientierten Individuum.

Was hat sich für die Kirche durch die Missbrauchsfälle verändert, dass einzelne ihrer Amtsträger zu so revolutionären Schritten genötigt sind? Traditionell konnte sie alle Sünden vor allem als Verfehlungen wider Gott behandeln; eine Rechenschaftspflicht gegenüber der säkularen Öffentlichkeit bestand dagegen nicht. Und der für solche gotteswidrige Sündhaftigkeit zuständige Urteils- und Strafmechanismus konnte daher in keinem irdischen Gesetzbuch oder diesseitigem Moralkodex beschlossen sein. Sünden sind Vergehen, deren Behandlung mit irdischer Gerechtigkeit nichts zu tun haben brauchte, auch nichts mit den Interessen von Geschädigten oder Opfern, denn hier ist Gott selbst der Verletzte; nur Gott kann Genugtuung verlangen und Verzeihung gewähren.

Und das vollzieht sich im Rahmen jener sakral-kirchlichen Riten und Verfahren, bei denen es auf die persönliche Qualität der Personen, die sie vollziehen, auf keiner Ebene ankommt, solange die Qualität des religiösen Charismas rituell, also formal gesichert ist. Ein potentiell sündhafter Priester kann im Beichtstuhl einen anderen sündhaften Mitpriester im Namen Gottes absolvieren, wenn beide die gesetzlichen Vorgaben in allen Punkten einhalten. Denn es geht ja um Gott, nicht um die Menschen.

Nach diesen Kriterien wurden selbstverständlich auch sexuelle Verfehlungen behandelt. Bei ihnen handelte es sich aus katholischer Sicht um ein Problem der Täter, die sich versündigt hatten, nicht um eine Sorge der Opfer. Das unschuldige Opfer ist vor Gott ohnehin gerechtfertigt, also hatte die Kirche sich vor allem um die Täter zu kümmern, um ihr Seelenheil und ihre Errettung vor ewiger Verdammnis. Was heute nur noch wie Täterschutz oder wie Selbstschutz der Institution Kirche anmutet, ist eigentlich das traditionelle Kerngeschäft der Kirche, die Sicherung des Seelenheils möglichst aller Menschen, vor allem der Sünder und Verbrecher.

Dieses theologisch, ja logisch schlüssige Konzept gerät allerdings im Fall des Kindesmissbrauchs durch die Erkenntnisse der modernen Psychologie und Psychiatrie ins Wanken. Denn die Sünden der Täter verletzen ja nicht nur Gott, sie schädigen ihre Opfer nicht nur punktuell, sie stellen also nicht einfach eine isolierte Ungerechtigkeit dar, sondern sie haben oft genug die Kraft, die Seele von ganz jungen Menschen irreversibel zu schädigen. Das macht ihre irdische Unverzeihlichkeit aus. Sie berühren die selbstgesetzte Kernaufgabe der Kirche, die Seelsorge, in einer so dramatischen Weise, dass der Rückzug auf die Gotteswidrigkeit dieser Art von "Unkeuschheit" als nicht mehr ausreichend erscheint.

Martin Mosebach hat soeben in einem Artikel in der Welt zum fünften Jahrestag der Papstwahl Benedikts XVI. darauf hingewiesen, dass es das Neue Testament selbst gewesen ist, "das den Schutz der Kinder vor geschlechtlichem Missbrauch in einer Welt verkündigte, die Bedenken gegen erotische Beziehungen mit Kindern nicht kannte; der Schutz der Kinder ist genuin christliche Botschaft - ein Priester, der sich dagegen vergeht, hat deshalb keineswegs nur sein Gelübde gebrochen, sondern ist auch in seinem Glauben gescheitert". Selbst diese im katholischen Rahmen unüberbietbar harte Diagnose könnte aber immer noch als innerkirchliche Sorge angesehen werden; denn dem für sein Leben geschädigten Opfer mag das Glaubensscheitern seines Peinigers am Ende doch eine nachgeordnete Sorge bleiben. In einzelnen schweren Fällen kann der Missbrauch die Qualität von Mord annehmen, bei Weiterleben der Opfer.

Es handelt sich also um einen nicht ausgleichbaren Zwiespalt zwischen dem Innen und Außen der Kirche, und zwar nicht nur auf rechtlicher, sondern auch auf moralischer Ebene. Und diesem Zwiespalt kann die Kirche, die sich als ein Spieler unter mehreren im Raum der säkularen Gesellschaft bewegt, heute nicht mehr ausweichen. Die damit bezeichnete Vertrauenskrise trifft sie im Kern ihres Selbstverständnisses als Institution. Wie angeschlagen es ist, zeigt eben der Umstand, dass die allermeisten unfreiwilligen Rücktritte aus hohen kirchlichen Ämtern, in den Vereinigten Staaten, in Irland und jetzt in Deutschland, mit den Missbrauchsskandalen zusammenhängen.

Der im Glauben gescheiterte Priester steht auf einmal in aller Öffentlichkeit nackt da, er stammelt eine persönliche Entschuldigung und zieht Konsequenzen wie ein auf Zeit und Abruf gewählter Politiker. Das Christentum hat vielleicht die Kraft, das auszuhalten, doch wie steht es mit der Kirche? Dass sie in einer ihrer größten Krisen steht, ist nicht nur die Wahrnehmung einer steril aufgeregten Öffentlichkeit. Der Vorgang bedeutet nicht nur, wie Alois Glück, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, feststellte, eine "riesige Vertrauenskrise, wie sie seit Jahrhunderten nicht da war", sondern vor allem auch eine beispiellose Demütigung. Denn wie anders wäre der Satz des evangelischen Kirchentagspräsidenten Eckhard Nagel zu verstehen, die Würde des Menschen mache nicht Halt vor Kirchentüren? Die Menschenwürde, das war einmal eine christliche Erfindung.



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Gustav Seibt


Gustav Seibt kam 1959 in München zur Welt und arbeitet seit 2001 von Berlin aus für die "Süddeutsche Zeitung". Er studierte Literatur- und Geschichtswissenschaft in Konstanz, Rom und Bielefeld, u.a. bei Arno Borst. Von 1987 bis 1996 war er Redakteur bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", zuletzt als Leiter des Literaturblatts, danach Autor für die "Berliner Zeitung" und die "ZEIT". Seit 1999 schreibt er auch Geschichtsbücher: "Rom oder Tod" (2001), "Goethe und Napoleon" (2008). 1995 erhielt er für seine Doktorarbeit den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa. Zahlreiche Essays für die Zeitschriften "Merkur" und "Sinn und Form".
Dokumente
Im Glauben gescheitert

erschienen in:
Süddeutsche Zeitung (SZ),
am 23.04.2010

 

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