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23.04.17

Shalom Auslander „Ich vermisse Dich

Nominiert für den Deutschen Reporterpreis 2010.

Ich vermisse Dich!



Ein Jude wendet sich von Gott ab und hält das für eine gute Idee. Doch dann stellt er fest, dass er niemandem mehr die Schuld geben kann



Von Shalom Auslander, Zeit Magazin, 31.03.2010



Kürzlich hat ein grauenhaftes Erdbeben den kleinen Karibikstaat Haiti erschüttert. Hunderttausende sind gestorben, Millionen wurden obdachlos, unzählige Weitere wurden verletzt oder sind vermisst. Familien, die gerade noch beisammensaßen, waren plötzlich nicht mehr da. Väter und Mütter verschwanden unter ihren Häusern, Söhne und Töchter wurden unter ihren Schulen zerquetscht. Glück hatte, wer gleich starb; Pech hatte, wer über einen langen Zeitraum einen langsamen, qualvollen Tod starb; das größte Pech hatten wohl die Überlebenden, die nun hungerten und obdachlos waren, die Leichen stapeln und ihre Toten begraben mussten.


Es war unbegreiflich.


Es war unvorstellbar.


Es war unerklärlich.


Und da trat hier, in Amerika, noch bevor der Staub sich auf die geschundenen Unschuldigen hatte niederlassen können, ein Mann namens Pat im Fernsehen auf und gab die Schuld den Haitianern selbst.


Pat ist Pfarrer. Er ist auch der Gründer des Christian Broadcasting Network, eines christlichen Fernsehsenders, und Moderator von dessen Vorzeige-Talkshow The 700 Club. Warum 700, fragen Sie? Ist das vielleicht eine mystische Zahl? Bezieht sie sich auf ein besonderes Datum im Leben Christi? Ist sie ein kryptischer Verweis auf einen alten Vers von moralischer Bedeutung? Nein. Sie bezieht sich auf die ersten 700 Menschen, die Pat zur Förderung des Christian Broadcasting Network zehn Dollar im Monat spendeten. Und so stellte sich Pat, gleich nachdem die haitianische Tragödie in den amerikanischen Nachrichtensendern erschienen war, in seiner Talkshow hin und erklärte, die Haitianer hätten das Erdbeben selbst über sich gebracht, weil sie einige Jahre davor einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hätten. »Sie versammelten sich und gelobten einen Pakt mit dem Teufel«, sagte Pat. »Seitdem werden sie mit einer Strafe nach der anderen belegt.« Sieht man es so, kann man Gott keine Schuld an dem kaltblütigen Mord an Hunderttausenden von ihnen geben.


Manche entrüsteten sich über Pat.


Manche sagten, Pat solle sich schämen.


Manche sagten, Pat solle sich entschuldigen.


Ein Mann namens Yehuda jedoch nicht.


Yehuda ist Rabbiner. Er ist der Sprecher der Rabbinical Alliance of America, einer Vereinigung von über 800 Rabbinern. Yehuda, der im Namen von über 800 Rabbinern sprach, hatte eine andere Erklärung für das Erdbeben in Haiti. Yehudas Erklärung für das schreckliche Erdbeben in Haiti war: Männer und Frauen, die Liebe zu Angehörigen des eigenen Geschlechts bekunden. Yehuda, der im Namen von über 800 Rabbinern sprach, sagte, die Homosexuellen lösten Erdbeben aus. Er sagte auch, die Homosexuellen hätten Katrina verursacht, was allerdings kein Erdbeben, sondern ein Hurrikan war, daher glaubt Yehuda entweder a), die Homosexuellen könnten Hurrikane wie auch Erdbeben auslösen, oder b), Hurrikane würden durch Erdbeben ausgelöst, die, wie jeder weiß, von den Homosexuellen ausgelöst werden.


Manche entrüsteten sich über Yehuda.


Manche sagten, Yehuda solle sich schämen.


Manche sagten, Yehuda solle sich entschuldigen.


Ein Mann namens Jerry jedoch nicht. Zum Teil deswegen, weil Jerry tot ist, aber wenn er noch am Leben gewesen wäre, hätte er Pat und Yehuda wahrscheinlich zugestimmt.


Jerry war ein amerikanischer Baptist, Fernsehprediger und Mitgründer einer Gruppe namens Moral Majority, die weder moralisch war noch eine Mehrheit. Nach den Anschlägen vom 11. September trat Jerry in Pats Talkshow auf und gab die Schuld an den Anschlägen den Abtreibungsbefürwortern, Heiden, Feministinnen, Schwulen und Lesben. »Ich zeige mit dem Finger auf sie«, sagte Jerry, »und sage: Ihr habt dazu beigetragen.« Die restliche Welt gab die Schuld unerklärlicherweise den neunzehn islamistischen Entführern, die die Flugzeuge ins World Trade Center gesteuert hatten.


Manche entrüsteten sich über Jerry.


Manche sagten, Jerry solle sich schämen.


Doch Jerry schämte sich nicht.


Auch Yehuda nicht.


Auch Pat nicht.


Ich weiß, was sie haben.


Sie haben eine Riesenangst. Sie haben eine solche Angst, dass ihnen die Hände zittern, dass ihnen der Schweiß auf der Stirn steht, dass sie ins Bett machen. Nicht vor den Homosexuellen, nicht vor dem Teufel, nicht einmal vor Gott. Diese Angst - eine solche, dass ihnen die Hände zittern, der Schweiß auf der Stirn steht, sie ins Bett machen - haben sie vor dem Leben. Vor der Menschheit. Vor dem Tod. Vor dem Zufall.


Ich weiß, was sie haben.


Vor Kurzem, nach fast 35 gemeinsamen Jahren, gingen Gott und ich getrennte Wege. Es lief einfach nicht gut. Offen gesagt, war Er ein bisschen ein Kontrollfreak, und ich glaube, Er hat einige tiefliegende seelische Probleme, die anzugehen er sich hartnäckig weigert. Er geht gern an die Decke, Er tötet mit hemmungsloser Hingabe und neigt dazu, immer wieder für längere Zeit zu verschwinden und sich nicht mal telefonisch abzumelden.


Ich tat mein Bestes, doch mein Bestes war nicht gut genug. Ihm genügt von keinem das Beste, glauben Sie mir. Dem orthodoxen Judentum zufolge, in dem ich aufgezogen wurde, hat Er über 600 Vorschriften, und die auch nur, damit Er einen nicht umbringt. Meine Rabbiner haben mich gelehrt, dass es ein unmittelbares Verhältnis von Ursache und Wirkung zwischen meinen Handlungen und meinem Schicksal gibt: Adam aß vom Baum der Erkenntnis, also wurde er aus dem Garten Eden geworfen; die Menschen waren gewalttätig, also flutete Gott die Erde; die Sodomiter vergewaltigten Fremde, also zerstörte Gott ihre Stadt; Lots Frau drehte sich zu der untergehenden Stadt um, also machte Gott sie zur Salzsäule. In der dritten Klasse, als der Vater eines Klassenkameraden plötzlich an einem Herzinfarkt starb, meinten meine Rabbiner, er müsse etwas getan haben, womit er das verdiente. Als meine Schwester an der Schilddrüse erkrankte, sagte man mir, ich solle um Vergebung beten.


»Vergebung wofür?«, fragte ich.


»Für das, was du getan hast«, sagte mein Rabbiner. »Gott bestraft nur die Bösen.«


Schon damals überlegte ich, ob das Alte Testament nicht besser »Das Große Buch des Sonst« hätte heißen sollen. Halte den Sabbat ein, sonst. Halte Fleisch und Milch getrennt, sonst. Ehre meinen Namen, sonst.


Ich war fünfunddreißig.


Ich brauchte eine Veränderung.


Ich musste frei sein.


Ich musste neu anfangen.


Fairerweise gebührt ein Teil des Verdiensts für diese Trennung Bill Gates, dem Begründer von Microsoft und dem weitverbreiteten Textverarbeitungsprogramm Microsoft Word. Microsoft Word hat eine interessante Funktion namens »Suchen/Ersetzen«, womit man jedes Wort suchen und gleichzeitig durch ein anderes ersetzen kann. Ich hatte einen schlechten Tag gehabt - morgens verschlafen, dann noch ein Knöllchen und daher einen Termin beim Psychiater verpasst. Gott war zornig auf mich und ich auf ihn, und als ich mich dann an jenem Nachmittag zum Schreiben an den Computer setzte, fragte ich mich: Was wäre, wenn ich wahllos Passagen aus der Bibel nähme, in ein Word-Dokument tippte und ein einfaches Suchen/Ersetzen machte? Was wäre, wenn ich »Gott« oder »Herr« oder »Gott unser Herr« oder »Herr unser Gott« durch, sagen wir, Frank ersetzte?


Da reute es Frank, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen, und er sprach: »Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde...« (1. Mose 6,6-7)


So sagt Frank: Ich will zu Mitternacht ausgehen in Ägyptenland; und alle Erstgeburt in Ägyptenland soll sterben... (2. Mose 11,4-5)


Frank hat gewisse Probleme.


Und ihre Auen, die so wohl standen, verderbt sind vor dem grimmigen Zorn Franks. Er hat seine Hütte verlassen wie ein junger Löwe, und ist also ihr Land zerstört vor dem Zorn des Tyrannen und vor Franks grimmigem Zorn. (Jeremia 25,37f.)


Frank muss mit jemandem sprechen.


Frank aber sprach zu Mose: Der Mann soll des Todes sterben; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen draußen vor dem Lager. Da führte die ganze Gemeinde ihn hinaus vor das Lager und steinigte ihn, dass er starb, wie Frank dem Mose geboten hatte. (4. Mose 15,35f.)


Ganz klar, Frank ist eine ziemliche Arschgeige.


Denn ich, Frank, dein Frank, bin ein eifriger Frank, der da heimsucht der Väter Missetat an den Kindern bis in das dritte und vierte Glied, die mich hassen. (2. Mose 20,5)


Transkribieren Sie nun das ganze Alte Testament. Ersetzen Sie »Gott« durch »Frank«, drucken Sie es aus und zeigen Sie das Buch Frank einem Fünfjährigen. Bitten Sie ihn, er soll den Bösen heraussuchen.


Es sind nicht die Israeliten.


Es ist Frank.


Die ganze Beziehung machte mich irgendwie nervös. Noch nachdem ich den Versuch aufgegeben hatte, Ihn zu besänftigen, lebte ich in Furcht vor Seinem Zorn. Jedes Missgeschick - jeder platte Reifen, jede Grippe, jede Steuererhöhung - war Sein Werk. Es gab keine Zufälle, keine simplen Missgeschicke, keine schlechten Tage. Es gab immer nur Bestrafung, Rache, Vergeltung.


Also verließ ich Ihn.


Ich ging.


Und ich sagte mir, jetzt wird alles gut.


Dr. Green, der Kinderarzt meines Sohnes, hat zwei bedauerliche Eigenheiten, die lustig wären, wenn mein Sohn zu der Zeit, als sie mir zum ersten Mal auffielen, nicht dem Tod nahe gewesen wäre. Seine erste Eigenheit ist, das absolute Worst-Case-Szenario bis ins letzte, schauerliche Detail darzulegen - ohne dabei zu erklären, dass das, was er beschreibt, eben das absolute Worst-Case-Szenario ist.


Mein Sohn lag wenige Wochen nach seinem fünften Geburtstag in der Notaufnahme des Benediktinerkrankenhauses in Kingston, New York, auf einer Trage, auf dem Gesicht eine Sauerstoffmaske, im Arm eine Kanüle. Eine Röntgenaufnahme seiner Brust zeigte, dass der gesamte linke Lungenflügel blockiert war und der rechte nur halb frei. Die Sauerstoffsättigung seines Bluts lag gerade etwas über 50 Prozent. Ein Apparat hinter ihm piepste bestürzend. Ich hielt ihn fest, während die Schwestern versuchten, ihm aus dem rechten Arm Blut abzunehmen. Er schrie und bettelte, nach Hause zu dürfen.


»Natürlich«, sagte Dr. Green, »wirken nicht alle Antibiotika bei allen Patienten. Manchmal machen sie die Sache noch schlimmer.«


»Schlimmer?«, fragte ich.


»Selbst wenn sie wirken«, sagte Dr. Green, »kann sich Flüssigkeit im Brustkorb sammeln, wenn die Schwellung zurückgeht.«


»Schwellung?«


»Der Lungen. Natürlich kann das zu weiteren Infektionen führen, die schlimmer sind als die ursprüngliche. Wenn das Atmungssystem schlappmacht, haben wir ein echtes Problem. Und wenn seine Sauerstoffsättigung zu niedrig wird, kann das aufs Gehirn gehen.«


Ich richtete mich auf und wandte mich zu ihm. Das Zimmer kreiste um mich.


»Was sagen Sie mir da?«, fragte ich. »Was erzählen Sie mir da, erzählen Sie mir, dass mein Sohn einen Hirnschaden haben wird? Was sagen Sie da, verdammt?«


»Nein, nein«, sagte Dr. Green. »Das ist das Worst-Case-Szenario. »Den meisten Kindern mit einer Lungenentzündung geht es nach einigen Tagen besser.«


»Lungenentzündung?«, fragte ich. »Wie sind Sie denn von Lungenentzündung auf Hirnschaden gekommen?«


Dr. Greens zweite bedauerliche Eigenheit, die lustig wäre, wenn mein Sohn zu dem Zeitpunkt, als sie mir zum ersten Mal auffiel, nicht dem Tod nahe gewesen wäre, ist sein zweitklassiger jüdischer Humor, der immer im denkbar schlechtesten Moment kommt.


»Besser als Jungenentzündung«, sagte Dr. Green.


»Jungenentzündung?«


»Jungenentzündung, Lungenentzündung«, sagte Dr. Green, »let's call the whole thing off.«


»Was?«


»Louis Armstrong. Sie wissen schon: »Tomato, to-mah-toe, let's call the whole thing off.«


«Verdammt, was reden Sie denn da?«


»Wir sollten ihn auf die Kinderstation bringen«, sagte Dr. Green.


Die Kinderstation war im Albany Medical Center, anderthalb Autostunden entfernt. Die Sanitäter steckten meinen Sohn in einen Rettungswagen, meine Frau stieg ein und setzte sich neben ihn, ich folgte in meinem Wagen. Unterwegs rief ich meinen Freund Jason an, um zu hören, ob er sich um meine Hunde kümmern könnte, solange wir weg waren.


»Kein Problem«, sagte Jason.


»Danke«, sagte ich. »Wie geht's Lisa?«


»Nicht so besonders«, sagte er.


Lisa, Jasons Frau, hatte Krebs im Endstadium. Die Ärzte hatten ihr noch ein halbes Jahr gegeben. Das war ein Vierteljahr her. Jetzt hatte sie Flüssigkeit im Magen. Warum, wussten sie nicht.


»Herrgott«, sagte ich.


»Herrgott«, sagte Jason.


»Ein beschissenes Leben, Mann.«


»Alles beschissen«, sagte Jason.


Mein Sohn wurde in ein Isolierzimmer gefahren; man hatte die Sorge, dass seine Lungenentzündung noch durch eine Schweinegrippe verschärft war. Um drei Uhr morgens hatten sie ihn endlich stabilisiert. Meine Frau hustete nun ebenfalls, also schickte man sie nach unten in die Notaufnahme, wo sie sich auf Schweinegrippe testen lassen sollte. Jeder, den ich liebte, war krank. Ihre Lungen füllten sich mit Flüssigkeit. Ihre Mägen füllten sich mit Flüssigkeit. Keiner wusste, warum.


Ich ging hinaus, setzte mich auf die Stufen des Albany Medical Center, steckte mir eine Zigarette an und versuchte verzweifelt, Gott die Schuld zu geben.


Vor einigen Jahren, als meine Beziehung zu Gott gerade anfing zu bröckeln, versuchte meine Mutter, uns zu helfen, mit uns klarzukommen. Sie wusste, dass ich inzwischen gegen Gottes Willen Cheeseburger aß, sie wusste, dass ich am Sabbat, den Gott zum Tag kriegerisch aufgezwungener Ruhe erklärt hatte, Auto fuhr. Sie wollte unbedingt, dass meine Beziehung zu Gott gut war, und so nahm meine liebevolle Mutter mich beiseite, legte liebevoll den Arm um mich, sah mir liebevoll in die Augen und sagte: »Du führst zu Ende, was Hitler begonnen hat.«


Vielleicht bedarf die Mathematik dieser Gleichung einer Erklärung:


A: Hitler hat versucht, die Juden zu töten.


Und:


B: Die Juden gehorchen Gottes Vorschriften.


Und:


C: Ich beachtete Gottes Vorschriften nicht.


Daher:


D: Ich tötete einen Juden (mich) und womöglich noch andere Juden (meine noch kommenden Kinder und Enkel).


Somit:


E: Ich führte zu Ende, was Hitler begonnen hatte.


Ich glaube, man kann einigermaßen sicher sagen, dass Mom die Auszeichnung »Mutter des Jahres« in nächster Zeit nicht erhalten wird, doch um die Sache noch schlimmer zu machen: Sie log. Sie glaubte an Gott, und sie wusste, was meine Rabbiner wussten: Hitler hat niemanden getötet.


Sondern Gott.


Hitler war, wie meine Rabbiner sagten, eine Strafe der Juden in Deutschland, die sich assimiliert hatten.


Die Inquisition war, wie meine Rabbiner sagten, eine Strafe der spanischen Juden, die zum Christentum konvertiert waren.


Überschwemmungen, Hungersnöte, Völkermord, Dürre, Krieg, Krankheit. Für all das gibt es einen Grund.


Gott.


Frank.


Nur jetzt, nach 35 Jahren, plötzlich nicht mehr.


Ich dachte, wenn ich erst mit meinem ausfälligen Gott gebrochen hätte, würde alles einfacher. Ich dachte, ich müsste nicht in Angst leben, ich dachte, ich müsste mir nicht so viele Sorgen machen. Das war falsch. Was sagt einer, der sein ganzes Leben damit verbracht hat, zu glauben, dass alles Schlechte, das auf der Welt geschieht, das Ergebnis eines böswilligen Gottes ist, wenn er morgens aufwacht und aus dem Fenster schaut und die Welt noch immer so beschissen ist, wie sie es immer war?


Er sagt: »Scheiße.«


Das jedenfalls habe ich gesagt.


Ich saß auf den Stufen des Albany Medical Center und versuchte, Gott die Schuld zu geben, vermisste Ihn, wünschte, ich könnte Ihm die Schuld geben, wünschte, es gäbe einen Grund für das alles und eine Lösung, für die Lungen meines Sohnes und den Krebs der Frau meines Freundes, und als ich keinen fand, sagte ich: »Scheiße.«


Ich vermisste Gott.


Ich vermisste es, eine Antwort zu haben.


Es ist eine Sache, in einem Universum zu leben, das von einem brutalen Diktator kontrolliert wird, dessen Wille manipuliert, dessen Zorn gezügelt werden, gegen dessen Urteile Berufung eingelegt werden kann. Aber ohne den Diktator, was bleibt einem da noch? Es bleibt einem eine beschissene Welt, in der alles ohne guten Grund geschieht, in der sechs Millionen Menschen in Todeslagern umgebracht werden und dreitausend Menschen im World Trade Center sterben und zweitausend in einem Hurrikan in New Orleans und eine Viertelmillion in einem Hurrikan in Haiti. So halt. Man kann nur dem Universum die Schuld geben, man hat nur Menschen zu fürchten, die aus einem freien und oftmals grausamen Willen handeln. Hitler hat nicht getötet, weil sich die Juden assimilierten. Hitler tötete, weil Hitler ein Mörder war. Das Erdbeben in Haiti hatte als Ursache keinen Pakt mit dem Teufel; seine Ursache war die Verschiebung der Karibischen Platte. Die Karibische Platte verschob sich nicht wegen der Homosexualität, sondern wegen eines Bruchs in der Enriquillo-Plantain-Garden-Verwerfung.


Was mich wieder zu dem Pfarrer namens Pat und dem Rabbiner namens Yehuda und dem Prediger namens Jerry führt und der Furcht, die sie und ich teilen. Es ist die Furcht vor einer Welt, die wir nicht beherrschen können. Es ist die Furcht vor einer brutalen Welt. Es ist die Furcht vor einer Welt, in der alles passieren kann und wahrscheinlich auch wird. Es ist schwer, auf diesem Planeten gut zu schlafen.


Nachdem der Pastor namens Jerry 2007 gestorben war, nannte Christopher Hitchens ihn einen Schwindler. Er nannte ihn auch noch andere Dinge, aber ich glaube, mit dem Schwindler hatte er unrecht. Ich glaube nicht, dass Jerry ein Schwindler war. Ich glaube nicht, dass Yehuda ein Schwindler ist, ebenso wenig Pat. Ich glaube, sie haben Angst. Und ich glaube, sie sind feige.


Es ist schwer, auf diesem Planeten gut zu schlafen.


Der Deal, den wir machen, ist hart. Werden Sie damit fertig. Wenn Sie beten wollen, beten Sie. Wenn Sie sich betrinken wollen, betrinken Sie sich. Ich mag Marihuana. Aber nur Feiglinge schauen auf die Welt in all ihrer Unschönheit und versuchen, ihre Ängste zu vertreiben, indem sie mit dem Finger auf andere zeigen. Pat ist ein Feigling, weil er die Schuld den Haitianern gibt. Yehuda ist ein Feigling, weil er die Schuld den Homosexuellen gibt. Jerry war ein Feigling, weil er so ziemlich jedem die Schuld gab. Manche geben die Schuld den Juden. Manche geben die Schuld den Schwarzen. Ich habe Gott die Schuld gegeben. Und jetzt kann ich nur noch zugeben, dass wir in einem grausamen Universum leben und dass die Einzigen, denen wir die Schuld an den meisten der schlimmsten Dingen geben können, die passieren, wir selbst sind. Oder niemand.


Ich vermisse Gott.


Ich vermisse die Drohungen, die Strafen. Ich vermisse das Flehen und das Beten und die Kontrolle des Unkontrollierbaren. Ich vermisse es, eine Ursache für die Abscheulichkeit des Lebens zu haben.


Ich vermisse die Klagemauer.


Ich vermisse es, in die Ritzen zwischen ihren alten Steinen Gebete zu stopfen und sicher zu sein, dass sie erhört werden. Ich vermisse es, einen Ort zu haben, zu dem ich mit einem Stift und einem Fetzen Papier gehen und um den Weltfrieden bitten kann, um eine sichere Geburt oder einen neuen Job oder die Heilung des Krebses einer Freundin oder dass Gott in Seiner Gnade herunterlangt und die Lunge meines Sohnes von Flüssigkeit befreit, wenn ich nur verspreche, nie, nie mehr das zu tun, was er bei mir nicht mehr sehen will.


Ich vermisse Frank.


Frank tat gut. Meine Tage waren angespannt, aber ich schlief besser.


Und als ich da auf den Stufen des Albany Medical Center saß und versuchte, Gott die Schuld zu geben, aber merkte, dass ich über Ihn hinweg war, merkte, dass es mir nicht mehr möglich war, Ihn erneut heraufzubeschwören, war mein erster Gedanke nach einer derart langen und schmerzhaften Trennung: »Endlich bin ich frei.«


Mein zweiter Gedanke war: »Scheiße.«


***


Übersetzung aus dem Englischen von Eike Schönfeld

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Shalom Auslander


Shalom Auslander was born and raised in the Ultra-Orthodox Jewish town of Monsey, New York. He is the author of the short-story collection 'Beware of God,' and the memoir 'Foreskin's Lament,' each of which has been published around the world. He has written for The New Yorker, GQ Magazine, The Guardian, The New York Times and many others. He is a frequent contributor to the BBC and Public Radio International's 'This American Life.' He lives in Woodstock, NY with his wife and two sons, and is at work on a novel about Anne Frank that is going to make some people laugh, and a lot of people mad.
Dokumente
Ich vermisse Dich

erschienen in:
ZEITmagazin,
am 31.03.2010

 

Kommentare

Leidy, 25.04.2016, 03:13 Uhr:

There is a parallel of sorts to 'schoolboyish error' in Macaulay's hostile review of the edition of Boswell's 'Life of Johnson' by his political rival Croker "Indeed the decisions of this editor on points of claasicallesrning, though pronounced in a very authoritative tone, aregenerally such that, if a schoolboy under our care were to utterthem, our soul assuredly should not spare for his crying."

Maria, 07.03.2013, 12:30 Uhr:

Sebarealize1cia rozumieme rozvedjanie a sfastavne9 využedvanie naandia a schopnosti indiveddua, uplatňovanie dispozedcied jedinca k určitej činnosti. U ľuded so zdravotnfdm znevfdhodnenedm je sebarealize1cia a s ňou spojene9 uplatnenie na trhu pre1ce ďaleko viac zložitejšie, pretože predpokladom jej faspešnosti je spre1vne zhodnotenie a rozvoj tfdch schopnosted a zručnosted hendikepovane9ho človeka, ktore9 nezanikli kf4li defektu, nemoci alebo farazu.Vo všetkfdch spoločnostiach na svete existujfa preke1žky, ktore9 bre1nia osobe1m so zdravotnfdm znevfdhodnenedm uplatňovať svoje pre1va a slobody a sťažujfa im plne9 zapojenie do spoločenskfdch aktivedt. Šte1ty sfa zodpovedne9 za to, aby prijali vhodne9 opatrenia k odstre1neniu takfdch preke1žok. Vyrovne1vanie predležitosted pre osoby so zdravotnfdm znevfdhodnenedm je ze1kladnfdm predspevkom vo všeobecnom a celosvetovom fasiled o mobilize1ciu ľudskfdch zdrojov.Zdroj: krizint

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