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Thomas Schuler „Voyeur des Alltags

Gay Talese ist eine Legende. Er ist einer der Mitbegründer des US-amerikanischen "New Journalism". Er recherchierte jahrelang für seine Bücher - und landete mehrere Bestseller. Für "Thy Neighbors Wife" etwa, Taleses Buch über die sexuelle Revolution der 1960er Jahre (deutsch: Der Talese-Report), arbeitete er eine Weile als Manager eines Massage-Salons und war regelmäßiger Besucher eines Nudisten-Camps in Kalifornien.

"Wie überzeugt Talese Menschen, ihm intimste Details zu erzählen und sich damit einverstanden zu erklären, dass er darüber schreibt und ihre echten Namen benutzt?", schreibt der Münchner Autor Thomas Schuler in seinem Aufsatz, selbst ein akribischer Rechercheur. "Die Antwort ist so einfach, wie ihre Umsetzung schwierig ist: Er verbringt viel Zeit mit ihnen. Talese hat Regeln für seine Arbeit und er macht es sich nicht leicht. Bei der Recherche lehnt er Rekorder oder Interviews am Telefon ab. Diese Geräte führten zur Aneinanderreihung von Soundbites, die den Lesefluss nur hemmten. Er will seine Gesprächspartner sehen und macht sich Notizen. Als die Literaturwissenschaftlerin Barbara Lounsberry ihn zum ersten Mal traf, dachte sie, Talese müsse eine besonders sympathische oder einnehmende Art der Interviewführung entwickelt haben. Doch seine Art, Interviews zu führen, zeichne sich nicht durch besonderes Einfühlungsvermögen oder besonderen Charme aus, behauptet sie. (Einige Kritiker behaupten gar, es mangle ihm an Humor.) Sein Erfolg beruhe auf Geduld und Beharrlichkeit."

Der Verlag Rogner & Bernhard hat im August 2007 eine neue (und diesmal vollständige) deutsche Übersetzung des Buches "Thy Neighbors Wife" unter dem Titel "Du sollst nicht begehren" (672 Seiten; Euro 29.90) veröffentlicht.


von Thomas Schuler

Anfang Juni 1974 war wieder einmal Tag der offenen Tür in Sandstone, einem ganz besonders freizügigen Freizeitcamp nahe Los Angeles. Mehr als 200 Leute waren die neblige Zufahrtsstraße heraufgekommen und mischten sich unter die Mitglieder.

Es war wolkig und kühl. Kein Wetter, um nackt herumzulaufen. Die meisten Leute behielten ihre Kleider an – ein ungewöhnlicher Anblick in der Anlage, die der amerikanische Sexualforscher Alex Comfort einmal als »Therapiezentrum« bezeichnete, in dem viele »normale« Menschen ihre erste und einzige Erfahrung mit wirklich offener Sexualität machten. An diesem Tag betrat nach Comfort und einem engen Mitarbeiter des Playboy-Chefredakteurs Hugh Hefner auch ein schlanker 42-jähriger Journalist aus New York das Podium und sprach über sein Buchprojekt über die sexuelle Befreiung Amerikas: Gay Talese war vielen der Anwesenden von seinen zahlreichen Besuchen bekannt.

»Er präsentierte sich dem Publikum als pflichtbewusster Rechercheur und Schriftsteller, der im Augenblick an seinem wichtigsten Werk arbeitete«, schrieb er über sich selbst im Nachwort dieses Buches. »Darin wollte er die Menschen und Ereignisse schildern, die in den letzten Jahrzehnten den Wandel der Sexualmoral in Amerika entscheidend beeinflusst haben.«

Besucher, die von Talese als verheiratetem Vater zweier Kinder und seriösem Autor gehört und gelesen hatten, waren vielleicht erstaunt und glaubten, er setze sich für die sexuelle Revolution ein.

Dabei war sein Auftritt nur Teil seiner Recherche über die »Revolution der Sinne«, die dieses Land gerade »überrollt«, wie er sich ausdrückte. Bei diesen Worten stand er wie selbstverständlich nackt auf dem Podium. Denn Talese wollte einer der ihren sein, und das war ihm im Laufe seiner vielen Besuche in Sandstone tatsächlich gelungen.


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Thomas Schuler


Thomas Schuler, geboren 1965, ist Absolvent der Columbia Journalism School in New York. Er war als Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung und der Berliner Zeitung tätig und lebt heute als Journalist in München.
Dokumente
Thomas Schuler: Voyeur des Alltags (pdf)

erschienen in:
###ARTICLE_PUBLISHER###,
am 01.01.1970

 

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