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19.09.17

Alex Rühle „Da kann ja jeder kommen

Nominiert für den Deutschen Reporterpreis 2010.

Da kann ja jeder kommen

Unser Autor beendet gerade seinen Zivildienst, als die Mauer fällt und im Osten der Pflegenotstand ausbricht. Er will helfen, reist kreuz und quer durch die DDR, aber keiner will ihn haben. 20 Jahre später macht er die Reise nochmal.


Von Alex Rühle, Süddeutsche Zeitung, 07.11.2009


Einige Wochen nach dem Mauerfall machte Hajo Friedrichs die „Tagesthemen” auf mit einem Bericht über die katastrophale Situation in den Krankenhäusern und Pflegeheimen des Ostens. Ganze Abteilungen mussten damals schließen, weil so viele Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte in den Westen gingen. Ich erinnere mich noch an das Bild einer Ärztin, die in einem endlosen, linloleumglänzenden Gang stand und sagte, sie sei inzwischen alleine in diesem Trakt. Das Ganze hatte für mich als Westzuschauer was von Liveberichterstattung aus Rumänien. Noch am selben Abend fasste ich den Entschluss, rüberzufahren in den Osten und dort in irgendeinem Krankenhaus zu helfen. Ich hatte meinen Zivildienst gerade hinter mir und einige Monate Zeit, bevor das Studium losging. Warum ich das machen wollte, vermag ich 20 Jahre später nicht mehr genau zu sagen. Vielleicht kann man in Umkehrung eines mittlerweile ziemlich ausgelutschten Zynikerbonmots sagen: Ich war jung und brauchte kein Geld.

Der Zug nach Nürnberg war damals rappelvoll, in dem nach Hof und Saalfeld saß ich dann fast alleine. Der deutsch-deutsche Grenzverkehr war in jenen Wochen eine Einbahnstraße: Allein in den ersten zwei Wochen des neuen Jahres meldeten sich 20 818 DDR-Bürger bei den bundesdeutschen Behörden, die im Westen bleiben wollten. Am 12. Januar, dem Tag, an dem ich fuhr, teilte Bayerns Sozialminister Gebhard Glück mit, dass Übersiedler künftig keine Entschädigung mehr für zurückgelassenes Vermögen oder Hausrat erhalten, man könne schlichtweg nicht alle bezahlen.

Aus meinem damaligen Tagebuch (alle kursiven Stellen in diesem Text stammen aus dem Tagebuch): 12. Januar 1990 – sitze im grasgrünen Reichszug, der nach Plaste riecht. Mit mir im Abteil ein älteres sächisches Paar, er liest die tz, auf der Titelseite steht: ,,Riesige Nachfrage in der DDR nach Pornos und Erotikartikeln.‘‘ Tja, hätt ich wohl anders packen müssen. Ich hab nur eine Tasche voller Umweltbroschüren im Rucksack. Backpflaumen für Tante Bärbel, falls ich bis Dresden komme. Ansonsten dieses Tagebuch, Pulli, Schlafsack, und obendrauf die Ängste von Mami und Papi, die gestern nachmittag auf mich einredeten: mordende SED-Verbände, Neonazihorden, neidische DDR-Bürger! Und wo willst du überhaupt wohnen?

Das mit dem Wohnen war das Beste an der Reise. Mein Plan war, mich vom Bahnhof aus durchzufragen zur Kirche, so ein Pfarrer muss einen doch unterbringen. Zumal einen, der umsonst das Gesundheitswesen der DDR retten will. Aber ob nun in Saalfeld, Erfurt oder Arnstadt, Weimar, Eisenach, Jena oder Leipzig – ich kam kein einziges Mal bis zum Pfarrer, immer sagte der Erste oder Zweite, den ich nach dem Weg zur Kirche fragte, ach kommse mit zu uns.

,,Entschuldigen Sie die Störung, mein Name ist Alex Rühle, spreche ich mit Herrn Demmler?‘‘ – ,,Ja.‘‘ – ,,Haben Sie eine Tochter namens Kathi?‘‘ – ,,Was wollen Sie denn?‘‘ – ,,Sie werden sich nicht an mich erinnern, aber ich hab mal vor 20 Jahren bei Ihnen übernachtet. Ich bin gerade im ICE, fahre die Strecke jetzt nochmal ab und wollte fragen, ob ich bei Ihnen vorbeikommen darf.‘‘ Abends, beim zweiten Bier, in der Küche in Saalfeld, in der ich vor 20 Jahren schon einmal saß, sagt Herr Demmler: ,,Als Sie vorhin anriefen, dachte ich zuerst, Sie wollen mir etwas andrehen, ein Abo oder so was. Wir haben erst mal unsere Tochter angerufen, ob die sich an Sie erinnert.‘‘

Das Gedächtnis ist wie ein streunender Hund, keine Ahnung, wo es seine Marken setzt: Ich erinnere mich an die Bachstatue in Arnstadt. An die Kirche in Eisenach, in der an meinem ersten Abend in der Stadt eine Versammlung war, auf der der Pfarrer sagte, man solle bitte nicht mit den Füßen applaudieren, das halte die Statik nicht aus. Das war ein beeindruckendes Bild für die bebende Spannung, die über diesen ersten Tagen der Reise lag. Und ich erinnere mich an Kathi, die damals 17-jährige Tochter von Demmlers, mit der ich an meinem ersten Abend im Osten gleich demonstrieren ging.

Wir laufen durch Braunkohle- und Trabbidunst, vorbei am Stasigebäude und an Kathis Schule. Sie zeigt mir ihr Klassenzimmer, in dem statt des Honnibilds nur noch ein verräterischer Staubschatten zu sehen ist. Zu Hause bei Demmlers geht’s um die SED und die arroganten Bundis, und Herr Demmler fragt, was es mit diesem Aids auf sich habe, ob das jetzt auch zu ihnen komme. Als ich ihnen was von dem Schokoladevorrat schenke, den Mami mir kurz vor der Abfahrt noch in den Rucksack gestopft hat, komm ich mir blöde und gönnerhaft vor. Als würden wir alte Rollen spielen, reicher Bundi, dankbarer Zoni.

20 Jahre später stellt Frau Demmler Mon Cheri und Smarties hin, ,,all die Sachen, die’s bei Ihrem letzten Besuch noch nicht gab”, und Herr Demmler sagt, der Westen sei an dem Tag in Saalfeld angekommen, an dem es erstmals Bier im Konsum gab. Frau Demmler erzählt von ihrem ersten Westbesuch mit D-Mark, auf dem Oktoberfest, im Herbst 1990, morgens hin, abends zurück. ,,Wir haben uns nichtsahnend ins Käferzelt gesetzt, weil das das einzige Zelt war, in dem noch Tische frei waren. Und ich weiß noch, wie sauer ich auf meinen Mann war, dass er mit dem kostbaren Westgeld Eurostar fahren musste‘‘, sagt Frau Demmler. ,,Das hab ich doch sofort bereut‘‘, ruft er. ,,Wie elend hoch das war! Wie die gekreischt haben in den Wagen. Ich wollte unbedingt wieder raus aus der Schlange, aber ich wurde in den Wagen geschoben, festgeschnallt mit einem Riesenbügel und dann – der reine Horror.‘‘ Am Wochenende danach war Wiedervereinigung. Da fing die Achterbahn erst richtig an.

Meine Reise durch den Osten war damals keine Achterbahn, dafür waren schon die uralten Busse und Züge zu langsam. Aber es wurde eine groteske Irrfahrt: Sie wollten mich alle nicht haben. Ich habe es in acht Kliniken, einer psychiatrischen Anstalt und einem Altersheim versucht. Jedesmal hielt mir der Personalleiter händeringend einen Vortrag, wie dramatisch die Situation sei. Wenn ich dann sagte, na, da kann ich doch helfen, ich will kein Geld, such mir selber eine Wohnung und kann pflegerisch so dies und das, war erst mal Stille. Dann hieß es, da gebe es noch keine Gesetze, da müsse man warten, bis es neue Vorschriften gebe. Wenn ich sagte, dann halt ohne Vertrag, hieß es, das sei illegal. Am besten war der Mann im thüringischen Landeskrankenhaus in Erfurt: Nachdem er mir lang und breit schilderte, was für ein Drama es sei, alle hätten rübergemacht, mittlerweile sei die Dialyse geschlosssen, das müsse ich mir mal vorstellen, die einzige Dialyse in Thüringen, sagte er auf meinen Vorschlag: ,,Na, also da könnt’ ja nu’ jeder kommen.‘‘ Mann Leute, dann halt nicht.

Jeder, dem ich die Geschichte erzähle, lacht. Habe ich damals auch. Diese Ossis. Überfordert von der Situation. Verunsichert. Obrigkeitshörig. Deformiert von der Planwirtschaft. Aber man müsste mal die Probe aufs Exempel machen und durch westdeutsche Kliniken gehen mit dem Ansinnen, dort kostenlos und ohne Arbeitsvertrag so dies und das zu arbeiten. Niemals würde das klappen. Nirgends. Sozialgesetzgebung. Arbeitsrecht. Unfallversicherung. Haftpflicht. You name it, they have it.

Das Gute daran war: Durch diese bizarre Komplikation kam ich durch lauter Städte, die normalerweise nicht auf der Erlebnispayroll eines Zwanzigjährigen stehen. Ich stand in Saalfeld, gleich am ersten Abend, in dem Kreis, der das örtliche Stasigebäude umzingelte, hielt Kathis Hand in der Linken, die raue Pranke eines Töpfers in der Rechten, und dachte, so fühlt sich also der Mantel der Geschichte an. Ich hab die Grünen von Eisenach mitgegründet, das heißt, die haben sich natürlich ohne mich gegründet, aber da ich der Einzige war an dem Abend, der Westgeld hatte, bin ich am Tag nach der Gründung nach Herleshausen rüber, in den Westen, und habe dort die erste Büroausstattung für die Partei gekauft, Eddings, große Papierbögen, und am Abend haben wir Plakate gemalt, die ich heute morgen in einigen Geschäften aufhängte: ,,Düster, Dreckig, Rauchverhangen‘‘ oder ,,11.59 für unsere Umwelt‘‘. Ich bin dann noch zweimal über diese Grenze in den kommenden Tagen, was tut man nicht alles für die Partei, beim dritten Mal blaffte mich der Grenzer an, ich solle mich jetzt mal entscheiden, rüber oder nüber, endlos werde er dieses Hin und Her nicht mehr mit ansehen.

Ich wusste beim Tagebuchschreiben natürlich nicht, dass ich die Tour 20 Jahre später aus journalistischen Gründen nochmal machen würde, auf der Suche nach Ortsflair und ehemaligen Gastgebern. Wie soll man in Leipzig eine Frau finden, die in meinem Tagebuch nur als Silke auftaucht, Silke, die überall, in allen Zimmern, auf allen Tischen und Fensterbänken Blumentöpfe stehen hat, weil sie das Grau so ankotzt? Oder die namenlose Kleinfamilie in Arnstadt, in deren unbeheizter Wohnung ich mir einen Schnupfen holte? Von der weiß ich immerhin, dass sie eine Tochter namens Sophie hatte, ich habe nämlich einen Dialog beim Frühstück festgehalten:

Sophie: Papa, ist Arnstadt in der DDR?

Vater: Na klar, alles hier ist DDR.

Sophie: Versteh ich nicht.

Vater: Macht nichts, wenn du groß bist, gibt’s eh keine DDR mehr.

Als ich jetzt in Arnstadt um halb sechs Uhr abends nach dem Weg zum Personalbüro des Krankenhauses frage, erlebe ich eine Art Déjà-vu meines damaligen Versuchs, hier zu arbeiten: ,,Entschuldigen Sie, wo ist denn hier die Verwaltung?‘‘ – ,,Da ist jetzt keiner mehr. Ich bring Sie hin, aber was wollen Sie denn da?‘‘ – Auf dem Weg zur Verwaltung fange ich an zu erzählen, die Frau unterbricht mich: ,,Ach, Sie wollen wohl hier arbeiten?‘‘ – „Nein, ich hab 1990 . . .‘‘ – ,,Hier is nix frei, das kann ich Ihnen glei soochn.‘‘ – ,,Ich will ja gar nicht hier arbeiten.‘‘– ,,Schauen Sie‘‘ – sie drückt die Tüklinke runter – ,,schon zu. Müssen Sie montags um acht wiederkommen. Aber ich glaub wirklich, es ist besser, Sie gehen zum Arbeitsamt.‘‘ Weg ist sie.

Es herrscht ähnlich vergilbtes Licht wie damals, aber da kann ja der Osten nichts dafür, November ist November, 20-Watt-Beleuchtung allerorten und eine Art Sachzwangwetter, kühl, bewölkt und zugig. Ich komme natürlich in komplett andere Städte als damals, alles makellos rausgeputzt wie in Märklinlandschaften, wenn ich in 20 Jahren wieder so eine Ostalgietour mache, sollte ich mir Zeit nehmen und bildungsbürgermäßig umherpilgern, so wie es all die älteren Herrschaften hier zu machen scheinen. In Eisenach weisen japanische Wegweiser in Richtung Bachhaus, in Saalfeld glänzt jeder einzelne Fachwerkbalken in Xyladecor, Arnstadt hat etwas von einem Kulturkurort, und in Erfurt strahlt nachts der Hugendubel wie ein eben gelandetes Raumschiff über den Marktplatz. Hier liest die großartige Berliner Reporterin Jutta Voigt am Abend aus ,,Im Osten geht die Sonne auf‘‘, Reportagen aus den achtziger und neunziger Jahren, zehn Jahre vor, zehn Jahre nach der Wende. In einem Text von 1991 heißt es: ,,Die SED-Ideologen legten immer Wert auf die Feststellung, dass die Menschen im Kapitalismus ein sinnentleertes Leben führten, weil sie keine Ideale mehr hätten. Damals entstand ein sarkastisches Bonmot: ,Die Leute im Westen haben keine Ideale mehr; die Menschen im Osten haben ein Ideal – den Westen.‘ Nun ist der Traum aus. Die Ostmenschen sind genau in dem Moment aus dem Garten Eden vertrieben worden, als sie den Fuß in ihn setzten.‘‘ Als sie das liest, fällt mir ein, was Herr Demmler am Abend zuvor über die ersten Westwaren im Konsum gesagt hatte: ,,Fränkisches Bier! Wie das schäumte! Das Paradies!‘‘

Die Lesung ist voll, sicher 200 Leute sind gekommen, aber als Voigt das Publikum am Ende fragt, wie sie sich denn an diese Zeit erinnern, schweigen alle. Der Moderator sagt in die Stille hinein: ,,Vielleicht dreht sich das Karussell noch immer so schnell, dass bis heute keine Zeit blieb, das Geschehene zu verarbeiten.‘‘ Der Saal nickt stumm.

22. Januar, Leipzig: Auf der Montagsdemo. Aufgeheizte und zugleich träge Stimmung. Die Leute schlendern so dahin und rufen ,,SED – das tut weh‘‘, und ,,Wir sind ein Volk‘‘. Jeder vorsichtig-moderate Sprecher wird niedergepfiffen, alle wollen Einheit jetzt. Plötzlich kommen dem breiten Strom etwa 100 Leute entgegen, sie halten einander an der Hand und tragen DDR-Fähnchen. ,,Ah, die FDJ‘‘ denke ich. Stimmt aber nicht. Das Gros der Demonstranten bildet eine Gasse und schreit das Häuflein nieder: ,,Stalinisten!‘‘ ,,Schweine!‘‘ Am Ende des Zuges läuft ein 20-jähriger Junge mit Lederranzen und Nickelbrille. Auf meinen fragenden Blick hin weist er mit weiter Gebärde auf die tobenden Leute und zuckt die Achseln. Ich lauf mit ihm mit, versteh ihn aber kaum, die umstehenden Leute brüllen derart laut auf uns ein. Vor der Wende saß er mehrmals ein, seit Mai nahm er an den Friedensgebeten teil, bis November stand er vorne im Demozug. ,,Du Drecksau!‘‘ ,,Rotes Pack!‘‘ ,,Ich mach euch fertig!‘‘ Ich hatte Angst, er sagte, er mache mit seinen Freunden seit Anfang Januar diese Gegendemos, die Stimmung werde jede Woche aggressiver. In dem Moment überholte uns einer und rief im Vorbeilaufen:,,Haut ab, da hinten kommen die Skinheads.‘‘ Da bin ich in einer Seitenstraße verschwunden.

Als man mich am Tag danach auch im Leipziger Krankenhaus abwies, gab ich meinen Plan, dem darbenden, weidwunden Osten pflegend zur Seite zu stehen, auf und setzte mich in einen Zug, um meinen Onkel Wilhelm zu besuchen, einen Orgelbauer in Moritzburg, den ich für sein abenteuerliches Leben bewunderte. Wer hätte gedacht, dass ich so doch noch zu meinem Hilfseinsatz komme: Im ,,Margarete-Blank-Heim‘‘ waren, kurz bevor ich kam, zwei alte Frauen aufgrund des Pflegemangels gestorben, die eine war verwirrt in die Kälte gelaufen, die andere war aus dem Bett gefallen und lag stundenlang auf dem Zimmerboden. Wahrscheinlich deshalb sagte die Leiterin, Frau Fritsche, ich könne hier arbeiten. Als ich dann fragte, was genau ich denn tun solle, machte Frau Fritsche eine fahrige Kreisbewegung mit den Armen und sagte lachend: ,,Na sehnse doch. Alles.‘‘

So war ich von morgens um sieben bis abends um fünf Pfleger und Einsamkeitsvertreiber, schmierte Brote, trug Essen und Medikamente aus, kaufte den drei Frauen auf Zimmer elf alle zwei Tage Eierschecke im Cafe Kunath, spielte mit Frau Bellmann Halma, las Frau Grießbach Turgenjew-Erzählungen vor und kaufte für Frau Schneider, eine winzigkleine, bucklige Sorbin, ein.

Als ich Frau Schneider ihr braunes Einkaufsnetz brachte, sagte sie mit ihrem erdigen Akzent: ,,Alt werrden ist ekelhaft, so’n zäher Kaugummi hinten raus. Aberr ist nich schön, jetzt zu sterben. So in all diesem Durcheinander.‘‘ Dann fragte sie mit schwerem Zungenschlag: ,,Sagen Sie mal, jungerrr Mann, wie alt sind Sie eigentlich? ,,21.‘‘ Da schlug sie die Hände vors Gesicht, blickte mit einem Augenaufschlag zur Decke und sagte fast bedauernd: ,,Ohjeohjeohje. Noch so viel Leeeben vorr Ihnen!‘‘

Wenn es mal wieder kein Wasser gab, mussten die alten Leute Ketten bilden, einer stand unten im Garten an der alten Pumpe, dann reichten sie sich die Eimer die Treppen hoch, ist schwer, bei dem Anblick nicht an die Trümmerfrauen 1945 zu denken. Heute sagte Frau Lohse, während sich beim Eimerschleppen die knochigen Schulterblätter durch ihr blaues Kleid pausten: „Nu, gännse nich emol ausm Wesdn ä bor Handwärker schicken? Von ohm leefts Wasser nei, un mir ham drodzdem keens.”

Das Altersheim in Moritzburg gibt es nicht mehr. Jedenfalls nicht mehr im Ortskern, unten am Schloss. In dem Gebäude sind heute ein Restaurant und der sogenannte Weltmeister Senfladen untergebracht, der so heißt, weil er über 200 Sorten Senf anbietet, darunter ,,Poppis Erotik-Senf – verführerisch scharf‘‘, himmelblauen ,,Trabbi-Senf‘‘ sowie Mozart- und ,,Einstein-Senf – schmeckt genial‘‘. Draußen ist Volksfest, das jährliche Abfischen der Moritzburger Teiche, die Leute kommen aus ganz Sachsen her, um sich im Glühweindunst Bratwürste ins Gesicht zu stecken, rund um den Teich stehen Buden.

Damals bin ich nach meiner Arbeit im Heim jeden Nachmittag noch mit Frau Gretl Höckner um diesen Teich spaziert. Gretl Höckner war eine einsame Freundin meines Onkels, eine ehemalige Griechisch- und Hebräischlehrerin, die fast blind war, alleine in einem Turmzimmer hauste, direkt am Teich, und eine enorm schlagfertige Art hatte.

Heute wollte sie mir unterm Laufen Hebräisch beibringen: ,,Also, de Grammadigg is wirklich eefach, da stoppln Se de Wörter bloos hindernander wegg. Wie euer Lego.‘‘ Später sagte sie den großartigen Satz: ,,Jetzt reden sie wieder alle von Vergangenheitsbewältigung. Dafür bleibt den Leuten hier doch gar keine Zeit, die können froh sein, wenn sie erst mal die Gegenwartsbewältigung einigermaßen hinkriegen.‘‘

Das neue Altersheim steht am Rande von Moritzburg, ein schöner Bau, viel Glas, ein Teich, und direkt hinterm Haus fangen die Bärnsdorfer Wiesen an, ein europaweit einmaliges Feuchtbiotop, das damals der „Dresdner Hof” kaufen wollte, um einen Golfplatz zu bauen. Bisher waren die Bärsndorfer strikt dagegen, jetzt bietet der Dresdner Hof vier Millionen D-Mark und verspricht, bei einer Zusage eine neue Kaufhalle zu bauen und neue Wasserleitungen zu verlegen. Und plötzlich sind die Bärnsdorfer Feuer und Flamme. Scheint am Ende doch nicht geklappt zu haben, es blüht und feuchtelt in den Wiesen, weit und breit ist kein Golfplatz zu sehen.

Im Aufenthaltsraum des Altersheims gießt eine Pflegerin Früchtetee in Thermoskannen. Draußen im Gang fährt ein Mann im Rollstuhl auf und ab, die Pflegerin sagt zu ihm: ,,Na, worauf warten Sie?‘‘ – ,,Aufn nächsten Tag.‘‘ – ,,Gut so, da hammse ja nochn paar Stunden zu tun.‘‘ Ich erzähl der Pflegerin, warum ich gekommen bin. ,,1990?! Oh je, is das lang her. Von denen lebt keiner mehr. Die Letzte, die den Umzug noch miterlebt hat, war die Frau Glatte, die ist letztes Jahr gestorben. Aber ich bin gerade in Eile. Ist Stress heute. Die Zeit sitzt einem hier immer im Nacken.‘‘

Eine der Frauen, um die ich mich kümmere, heißt Frau Schenker. Sie ist 96 Jahre alt und wir drehen jeden Tag sowohl im Garten als auch in unserem Gespräch dieselbe Runde: ,,Das ist aber nett, dass Sie mit mir e bissel spazieren gehen. Ich bin ja sonst ganz alleine.‘‘ – ,,Ich finds auch nett mit Ihnen.‘‘ – ,,Und wie heißen Sie?‘‘ – ,,Alex.‘‘ – ,,Ah! Ich bin die Elsbeth. Wissen Sie, ich bin ja sonst ganz alleine, ich weiß gar nicht, wo die alle sind. Aber wie heißen Sie eigentlich?‘‘ – ,,Elsbeth, ich bin der Alex.‘‘ – Etwas entrüstet:,,Woher wissen Sie denn meinen Namen?!‘‘ Undsoweiter, ad infinitum. Die Heimleiterin nahm mich gestern zur Seite: ,,Ich seh das mit Sorge, wie viel Sie sich um Frau Schenker kümmern. Sie wecken bei dieser Frau so viele Emotionen, die längst eingeschlafen waren, da müssen wir uns dann um diese Frau kümmern, wenn Sie wieder weg sind. So viel Zeit haben wir nicht. Außerdem kann die sich doch ohnehin nicht erinnern. Ein Tier spürt Liebe, aber es hat keine Erinnerung daran, dass ich es streichle.”

Die Heimleiterin war außerdem sehr nervös, weil ich ja illegal arbeitete. Ich durfte nicht mit dem restlichen Personal zu Mittag essen, sondern musste mich in einer Art begehbarem Wandschrank verstecken. Einmal hörte ich in diesem unfreiwilligen Versteck, wie draußen auf dem Gang zwei Frauen flüsterten: ,,Ein Durcheinander ist das, fast wie 45.‘‘ – ,,Nu, und schämen sollen wir uns auch wieder. Wüsst’ nicht, wofür ich mich diesmal schämen sollte.‘‘

In den 42 Tagen meiner Reise sind 74 167 DDR-Bürger in den Westen gekommen. Am 11. Januar, dem Tag meiner Ankunft in Saalfeld, sagte Ministerpräsident Hans Modrow, die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten stehe ,,nicht auf der Tagesordnung‘‘, Oppositionsgruppen hätten kein Vetorecht, die Legitimation seiner Regierung sei nicht in Frage zu stellen. In Saalfeld gingen an dem Abend Gerüchte um, die Stasi plane eine Gegenrevolution. Am 25. Januar legte der Westberliner CDU-Vorsitzende Eberhard Diepgen einen Plan vor, mit dem bis zum 8. Mai 1995, 50 Jahre nach Kriegsende, der Prozess der deutschen Einheit abgeschlossen sein soll. Noch am 6. Februar sagte der Sprecher des Nationalen Olympischen Komitees der DDR, die DDR werde bei den Olympischen Spielen in Barcelona selbstverständlich mit einer eigenen Mannschaft antreten. Am selben Tag kündigte Helmut Kohl an, nach den Wahlen vom 18. März würden sofort Verhandlungen über eine Wirtschaftsunion aufgenommen werden. Als ich drei Tage später mit Gretl Höckner um den Schlossteich tippel, sehen wir eine lange Schlange vor der Bank. Die Leute haben Angst vor einer Abwertung der Mark. Sie sind alle wahnsinnig nervös und wollen nach Dresden fahren, um das Geld in Sachwerten anzulegen. Schlimm.

Schlimm. Schlimm, schlimm, schlimm. Es ist schon deshalb gut, Tagebuch zu führen, weil man im Nachhinein sehen kann, aus was für bizarren seelischen Gemengelagen man sich über die Jahre doch herausentwickelt zu haben scheint. Vieles daraus ist schlichtweg unzitierbar, alle zwei Seiten komme ich mit Albert Schweitzer oder anderem pastorisierten Zeug, es wimmelt derart von frenetisch lebensbejahenden Schillerzitaten, dass es oft nach protestantischem Heroismus als Depressionsverdränger klingt. Ich würde mir im Nachhinein ein schweres Helfersyndrom attestieren. Überflüssig zu sagen, dass ich mich in Moritzburg auch noch für den Erhalt der Bärnsdorfer Wiesen einsetzte.

Das Haus, in dem Frau Höckner wohnte, wird heute von einer Familie mit zwei großen Geländewägen bewohnt, der Mann, der gerade hinterm Haus in feiner Lodenjacke Holz sägt, sagt, er habe noch nie von dieser Frau Höckner gehört, aber man könne sich ja heute gar nicht mehr vorstellen, wie die damals gelebt haben, ohne fließend Wasser, mit Bollerofen, in dem Türmchen da oben, das sei schon sehr weit weg alles.

21. Februar, Abschiedstour durch Moritzburg und durchs Heim. Gretl schenkt mir Marc Aurels ,,Selbstbetrachtungen‘‘, Frau Bellmann einen Topflappen und 10 Mark: ,,Irgendwer muss Sie ja hier bezahlen.‘‘ Am Schluss sitze ich noch mit Frau Schenker in der Abenddämmerung ihres Zimmers. Plötzlich sagt sie: ,,Ganz leer, die Straße. Es ist niemand da. Und die Fenster sind alle dunkel.‘‘ Dann, etwas enerviert: ,,Sagen Sie, wer sind Sie eigentlich?‘‘

Am 22. Februar, dem Tag, an dem ich wieder abreiste, wurde gegenüber demDresdner Hauptbahnhof die Gründung eines sächsischen Drachenflieger-Dachverbands bekanntgegeben. Drachenflieger waren in der DDR immer wieder Repressalien ausgesetzt, da sie im Verdacht standen, mit ihren Sportgeräten fliehen zu wollen. Deshalb mussten die Piloten ihr Hobby heimlich, vor allem in der CSSR betreiben. ,,Jetzt sind wir frei‘‘, ruft einer der Drachenflieger überschwänglich ins Mikrophon. ,,Wir fliegen! Wir fliegen wieder!‘‘

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Alex Rühle


Alex Rühle, geboren 1969, Studium der Komparatistik, Romanistik und Philosophie in München, Paris und Berlin. Nach Jahren der Suche, unter anderem als Entwicklungshelfer, Stadtcafekellner und Klinikclown, seit 2001 Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Rühle ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Dokumente
Da kann ja jeder kommen

erschienen in:
Süddeutsche Zeitung (SZ),
am 07.11.2009

 

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