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23.04.17

Alexander Gorkow / Holger Gertz „Respekt

Nominiert für den Deutschen Reporterpreis 2010.

Respekt

Respekt

Väterchen Frost: Louis van Gaal war beim FC Bayern München schon so gut wie entlassen. Dann ging sein Konzept auf. Brachial steht der Holländer vor seinen Spielern, predigt Werte und holzt gegen die Medien. Zu Besuch bei einem Mann der Familie.


Alexander Gorkow und Holger Gertz, Süddeutsche Zeitung, 21.04.2010


Alles an ihm ist gewaltig. Der Kopf. Der Händedruck. Der Blick ist eine Frechheit. Er starrt einen an. Ruft er Daten im Gegenüber ab?

So schaut Louis van Gaal auch, wenn er sauer ist. Im Internet kann man sich diese Filmchen ansehen. Wie er ganz nah an arme Menschen - er würde sagen: an Ahnungslose - 'rangeht und sie zu Tode guckt: Linienrichter, Journalisten. Man sollte sich wappnen. Ein Anruf beim Sportreporter Marcel Reif, der diesem Blick live im Fernsehen standhalten muss. Was macht man, wenn van Gaal so guckt? Reif sagt: "Zurückgucken! Das ist keine Arroganz. Er ist halt das Gegenteil eines Schleimers. Er checkt den Respekt. Es ist ein Spiel, aber eines, das er wie fast alles im Leben sehr ernst nimmt. Wenn du ihm ausweichst, oder wenn du auf dicke Hose machst und blöd 'rumgrinst - zack, bist du erledigt."

So wird man in einem Büro am Trainingsgelände auf der Säbener Straße angestarrt. Man starrt zurück. Es ist ein Spaghetti-Western in Giesing.

Er sitzt in einem Sofa, T-Shirt mit seinen Initialen, Trainingshose, Adiletten. Er ist bei der Arbeit, sagt dieser Aufzug. Er unterbricht seine Arbeit für ein Interview. Keiner hat ihn gezwungen, aber alles an ihm sagt: Was soll das? In 24 Stunden geht es gegen Hannover, den Verein, der Schalke besiegte, und danach - im ersten Championsleague-Halbfinale für den Verein seit zehn Jahren - gegen Lyon. Vor ihm, auf dem Tisch: eine Tasse Kaffee, in der er rührt, auch dies mit Gewalt. Er schaut einen an, eindringlich, womöglich fassungslos über die ersten Fragen, man weiß es ja nicht. Er nimmt einen Schluck Kaffee, wobei er einen, über den Rand der Tasse hinweg, weiter- fixiert. Seine Augen sind klar und blau.

"Die Medien haben ein anderes Interesse als ich", sagt er, "das ist das Problem. Wenn die Medien einen Spieler erniedrigen, werde ich den Spieler schützen."

Aber Medien sind nicht gleich Medien, Herr van Gaal.

"Dohoooch!" - sein kehliger, leicht singender Akzent. "Alle Medien haben ein anderes Interesse als ich. Alle."

Aber nicht alle Journalisten sind böse.

"Doch." Pause. "Alle."

Wir sind nicht böse.

"Doch." Pause. "Sie auch."

Eigentlich ist es saukomisch. Man versucht es also mal mit einem Lächeln. Er lächelt nicht.

Van Gaal hat ein Bein über das andere gelegt, die rechte Adilette schaukelt angriffslustig auf Tischplattenhöhe. Das Gespräch bewegt sich bereits jetzt im schweißtreibenden Bereich. Van Gaal sagt nichts. Er ist ein Zahnarzt, der kurz mit dem Bohren aufhört, um nachzusehen, ob er tiefer rein muss. In der Regel muss er tiefer rein. Also: "Ich denke, dass ich eine lange Erfahrung habe mit den Medien. Tut mir leid, aber ich habe auch mehr Erfahrung als Sie."

Man muss ihm jetzt etwas anbieten. Von Spielern fordert er Leistung, von Journalisten Ahnung und ein lohnendes Thema. Werte sind ein großes Thema in seinem Leben. "Wir würden gerne über Werte mit Ihnen reden, Herr van Gaal." Da zieht er eine Braue hoch.

Aloysius Paulus Maria van Gaal, geboren in Amsterdam als letztes von neun Kindern in einer erzkatholischen Familie. Der Vater war ein Patriarch. Als Louis van Gaal sechs Jahre alt war, erlitt der Vater einen Schlaganfall und lag im Bett. Er starb fünf Jahre später, vergaß in seinen letzten Lebensjahren aber nicht, sich den Kleinsten der Familie bringen zu lassen, um ihm wieder und wieder den Hintern zu versohlen.

Jetzt ist Louis van Gaal 58 Jahre alt, ehemaliger Fußballer, Trainer seit 1986 - und seit Beginn der Saison beim FC Bayern. Die Bayern haben ihn geholt, weil er Erfolg hatte: Champions-League-Sieger mit Amsterdam, Meister und Pokalsieger mit Barcelona, holländischer Meister zuletzt mit dem AZ Alkmaar. Es gab auch Misserfolge, die Wunden hinterlassen haben. Sein Rauswurf in Barcelona, sein Scheitern als Bondscoach in Holland.

Die Bayern haben ihn auch geholt, obwohl er überall Theater hatte, immer wieder mal mit Spielern und immer mit Journalisten. Sein Engagement war also so logisch wie waghalsig. Dann starteten die Bayern in der Bundesliga schwächer als ein Jahr zuvor mit dem Trainerpraktikanten Jürgen Klinsmann. Sie verloren in der Champions-League 0:2 gegen Bordeaux. Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandschef, hatte schon wieder diesen fletschenden Zug um den Mund, dessentwegen man ihn Killerkalle nennt. Es war die Phase, in der viele im Verein, auch im Vorstand, glaubten, sie haben keinen Trainer engagiert, sondern einen Diktator und Brachialkommunikator.

Auf dem Oktoberfest saß der Trainer neben Edmund Stoiber, man hatte sich ersichtlich wenig zu sagen. Vorher probierte van Gaal eine Lederhose an, und weil er nicht der Typ ist, der mit seinem Körper unzufrieden wäre, fand er, dass er in dieser Hose aussehe wie Gott. Es war eher so ein hingeworfener Satz, und auch einer mit einer Prise Selbstironie. Aber Fußball und Ironie sind so eine Sache. In den Medien stand: "Van Gaal: ,Ich bin wie Gott`". Nachdem er sich beschwert hatte, über die Medien, denen Werte wie Ehrlichkeit und korrekter Umgang mit Zitaten nichts bedeuten, titelten sie: "Van Gaal: ,Bin kein Gott`". Da war er schon fast gescheitert.

"Das Wichtigste ist, dass der Trainer von seinen Spielern respektiert wird. Dann vom Vorstand. Dann vom Publikum. Dann von den Medien. Das ist die Reihenfolge", sagt Louis van Gaal jetzt im Bayern-Büro.

Von den Spielern kam damals in der schlimmen Anfangszeit keine Kritik. Anders als bei Klinsmann, anders als, Jahre vorher, bei Rehhagel. Philipp Lahm beklagte sich über alles Mögliche im Verein, über den Trainer aber nicht. Mark van Bommel, der für Knackiges gegen Klinsmann immer zu haben war, brummelte tapfer, er habe ein gutes Gefühl mit van Gaal, man brauche halt Zeit. Schließlich kaufte der Verein Arjen Robben aus Madrid, den van Gaal schon trainiert hatte, als der noch Haare hatte und in der holländischen Juniorennationalmannschaft spielte. Van Gaal war zu diesem Zeitpunkt mit Abstand Spitzenreiter unter jenen Trainern in der Geschichte des FC Bayern, die sehr bedroht waren und dann im letzten Moment doch nicht gefeuert wurden.

Kurz vor Weihnachten gewannen sie plötzlich 4:1 in Turin. Es war eine Explosion. Eine chemische Verbindung war aufgegangen: Sie hatten für sich gespielt, aber auch für den Trainer. Wenn das Verhältnis kaputt ist, kann man nicht so spielen. Man hätte ohne diese Chemie später auch nicht das technisch weit überlegene Manchester United aus dem Wettbewerb geworfen.

Es gibt viele Gründe, warum man inzwischen glauben kann, van Gaal sei der richtige Trainer für die Bayern, ein Glückstreffer schon deshalb, weil er der Gegenentwurf zu Klinsmann ist, dem es zum bis heute anhaltenden Entsetzen im Verein und bei den Fans gelang, jeden Spieler jeden Tag ein bisschen schlechter zu machen. Klinsmann war ein Virtuose an der Computertastatur. Van Gaal pflegt zu Computern ein ähnlich distanziertes Verhältnis wie der Vereinspräsident Uli Hoeneß, der erst nach ewigen Debatten bereit war, sich von seiner Frau wenigstens erklären zu lassen, wie Online-Banking funktioniert. Van Gaal hält Computer für Kommunikationskiller. "Als ich klein war, woraus bestand da meine Welt? Der Lehrer in der Schule, der Pastor von der Kirche, und meine Eltern. Und jetzt? Macht es pling, und die Kinder sind mit der Welt verbunden. Chatten ist nur schreiben. Aber ich schaue Sie an, ich entwickle ein Gefühl für Ihre Persönlichkeit - das ist Kommunikation! Man muss sich sehen, wenn man miteinander redet. Sonst bleibt alles kalt."

Es gibt Trainer, die verpflichten einen Spieler, nachdem sie Videos von ihm gesehen haben. Van Gaal verpflichtet einen Spieler, nachdem er ihn kennengelernt, betrachtet und getestet hat. Toni Kroos, der an Leverkusen ausgeliehene Mittelfeldmann, war gerade da. Die beiden haben sich sehr lange unterhalten, über Fußball und vor allem das Leben. Toni Kroos hat dem Blick standgehalten.

Louis van Gaal ist in Holland populär, aber inzwischen auch berechenbar, ein Journalistenfresser wie hier in Bayern früher Franz Josef Strauß oder in Deutschland Helmut Schmidt. Van Gaals Theater mit Reportern in Holland ist Legende. "Bin ich so schlau, oder bist du zu blöd?", hat er einen Reporter angebellt. Seine Biographie wurde beworben mit dem Slogan: "Willst du auch klug werden und keine dummen Fragen mehr stellen, dann bestell hier das Buch von Louis van Gaal!"

In Deutschland klingt alles noch neu, was van Gaal sagt, das Publikum hier ist süchtig nach Personen, die ihm dabei helfen, Dinge zu ordnen. Die Popularität von Menschen wie Helmut Schmidt oder Uli Wickert erklärt sich so. Vaterfiguren sind das, und dass sie bisweilen Strenge versprühen, die arrogant wirkt, schmälert ihre Beliebtheit nicht in Zeiten, in denen politisches Personal ölig und hemdsärmelig daherkommt. Erst recht nicht in Bayern, einem immer noch konservativen Flächenstaat, in dem die Leute ein Herz haben für starke Typen, und weniger für einen Ministerpräsidenten, der das Weißblaue vom Himmel verspricht und lange braucht, um sich zu entscheiden, ob er lieber bei seiner Frau bleiben will oder bei der Liebschaft in Berlin, mit der er ein Kind gezeugt hat.

Louis van Gaal hat gemerkt, dass die Menschen in Deutschland ihn lieber mögen als die Medien. Als es schlecht lief bei ihm und dem FC Bayern, im November 2009, da war die Jahreshauptversammlung des Vereins mit Tausenden Mitgliedern in der Münchner Messe. Was die Medien wunderte: Louis van Gaal wurde bejubelt. Das hat ihn berührt.

Wenn es gut läuft, dann ist ein Fußballverein wie eine Familie. Uli Hoeneß, der Präsident, hat sich den FC Bayern immer so vorgestellt. Die Fußballer durften bei ihm auf dem Sofa schlafen, wenn sie von ihrer echten Familie eine Auszeit brauchten. Für seine Anführer war der FC Bayern immer eine Heimat, auch, wenn die Karriere vorbei war: Beckenbauer wurde Präsident, Hoeneß Manager, Müller Amateurtrainer, Scholl Amateurtrainer, Aumann Fanbeauftragter; Dremmler wurde Scout, Maier Torwarttrainer auf Lebenszeit, Schwarzenbeck lieferte das Büromaterial, und auch Jürgen Wegmann durfte darauf vertrauen, dass Hoeneß ihn nie verstoßen würde. Für Wegmann fand sich eine Anstellung als Lagerist im Bayern-Fanshop Oberhausen.

Aber dann wurde in München Klinsmann Trainer, der dünnhaarige, spitzgliedrige Projektleiter. Der Torwarttrainer Sepp Maier, der Klinsmann verachtete, zog die abgewetzten Handschuhe aus, der Schreibwarenlieferant Schwarzenbeck ging in Rente. Es war klar, dass Beckenbauer bald kein Präsident mehr sein würde und Hoeneß kein Manager. Als Louis van Gaal kam, stand viel mehr als nur der Ruf der Familie auf dem Spiel: Es ging jetzt um die Familie selbst.

Der größte Glücksfall für die Bayern ist jetzt Louis van Gaals Talent als: Vater seiner Spieler.

Das eine ist, Schweinsteiger und Van Bommel als Doppelsechs hinten im strategisch wichtigen Raum aufzubieten und ihnen beizubringen, Bälle in die Spitze zu spielen, wie das die Doppelsechs bei Barcelona kann. Das andere ist: das Familiengefühl zu beleben. Van Gaal bestimmt die Sitzordnung beim Essen. Am Anfang fanden die Fußballer das nervig. "Aber inzwischen ist unter den Spielern so viel Kommunikation, dass ich mit einem Löffel an ein Glas schlagen muss, wenn ich etwas ankündigen will", sagt van Gaal und schlägt mit seinem Löffel an die Kaffeetasse. Er bestimmt auch, wer auf dem Mannschaftsbild wo steht. Wenn eine Mannschaft wie eine Familie ist, dann ist das Mannschaftsbild wie ein Familienfoto: "Das wird in der ganzen Welt gezeigt, da muss es auch schön aussehen, denke ich. Alle müssen das Hemd in der Hose haben. Und der kleine Ribéry darf nicht neben dem riesigen van Buyten stehen, das sieht ja schrecklich aus."

Aber sind das, in Wirklichkeit, nicht alles verzogene Burschen, die sich alles kaufen können, die die Puffs der Stadt testen und dann weiterziehen?

Louis van Gaal mag solche Fragen. Sie geben ihm Gelegenheit, sich vor die Spieler zu stellen. Man muss wissen, wo der Feind sitzt. Er kann auch leise so reden, dass es wie Gebrüll klingt: "Wenn ein junger Mann viel Geld verdient, dann ist er für Sie kein Mensch mehr? Für mich sind die Spieler Menschen. Und Menschen können zuhören."

Ein paar Mal hat man in dieser Saison gesehen, wie weit es van Gaal gebracht hat mit seiner Familienplanung. Einmal hat sich Franck Ribéry auf ihn gestürzt nach einem Tor, einmal rannten ihm Schweinsteiger und Robben hinterher, man sieht solche Szenen selten in der Bundesliga. Van Gaal sagt: "Das war herrlich." Allerdings hat er sich, auf der Flucht vor Schweinsteiger und Robben, einen Muskel gezerrt. Die Medien haben sich gewundert, dass er diese Nähe zulässt. Gibt es zwei van Gaals?

"Einen!", ruft van Gaal jetzt, und wieder: "Einen!" Sein Zeigefinger bohrt in die Luft. "Beim Training zum Beispiel", ruft er: "Sie, die Journalisten, Sie könnten zeigen, dass ich den jungen Thomas Müller beschimpfe. Oder: dass ich ihm einen Kuss gebe! Beides kommt vor im Training. Und was zeigen Sie? Sie zeigen, dass ich Müller beschimpfe. Nicht den Kuss."

Ein Kuss für Thomas Müller?

Van Gaal starrt einen jetzt wieder sehr konzentriert an. Immer noch wackelt die Adilette. Endlich, ein Lächeln. Und dann der nahezu niederschmetternde Satz: "Es könnte auch sein, dass ich IHNEN einen Kuss gebe!" So ein Ding kommt bei ihm wie von Robben einer dieser Sprints: sozusagen aus dem Stand. Beides erfordert eine gewisse Helligkeit im Kopf. Ein Schockmoment im Büro an der Säbener Straße, den van Gaal genießt. Er sagt dann noch: "Vielleicht küsse ich Sie gleich - vielleicht aber auch erst in einem Jahr!"

Der Charakter eines Menschen, das ist auch die Summe der Erfahrungen, die er gemacht hat. Es gibt Schlüsselerlebnisse, Momente, die einen prägen. Vielleicht erklärt die Geschichte mit Fernanda den Trainer Louis van Gaal - und vor allem den Menschen. Fernanda war seine erste Frau. Sie hatten 1973 geheiratet, gerade zwanzig waren sie. Eine schöne Frau und ein Mann mit einer schon damals interessanten Nase. Zwei Töchter, Renate und Brenda. Nach zwanzig Jahren Ehe wurde bei Fernanda van Gaal Leberkrebs diagnostiziert, Louis war gerade Trainer in Amsterdam bei Ajax.

Die holländische Liga heißt Eredivisie, Ehrendivision, aber der Name verpflichtet zu nichts. Die holländischen Fans mit den kalten Herzen singen nicht das harmlose Zeug aus der Bundesliga, "Scheiß FC Bayern" oder "Schiri, wir wissen dass du Strapse trägst!" Es geht in Holland schlimmer zu. In der Eredivisie singen die Fans "Kezman in een Massagraf" ("Kezman in ein Massengrab") oder "Joden hebben kanker, alle Joden hebben kanker": Joden sind Juden, und Kanker bedeutet Krebs. "Kanker van Gaal, Kanker van Gaal, kanker, kanker, kanker van Gaal" sangen die Fans aus Rotterdam, und: "Van Gaal hat eine krebskranke Frau!"

Louis van Gaal sitzt im Bayern-Büro, alles liegt fast zwanzig Jahre zurück, aber jetzt ist es nah. "Die haben laut genug gesungen." Er macht eine seiner langen Pause. "Ich war das Opfer, das stimmt. Aber ich konnte das analysieren und eine Position dazu haben. Deswegen konnte ich das auch ertragen. Das war nur ein Teil der Fans." Der Krebs war aggressiv, Fernanda wurde bestrahlt, am Ende bekam sie Morphium gegen die Schmerzen. Mehr konnte man nicht mehr tun. Sie starb mit 39.

Die Fans der anderen sangen: "Louis van Gaal - der wohnt allein!"

"Wie man miteinander umgeht, welche Werte gelten, das sieht man auch am Verhalten der Fans", sagt er: "Der Unterschied zwischen Holland und Deutschland ist sehr groß."

Van Gaal erzählt nun über seine erste Frau und ihren Tod. Es war ein Drama, in dem vieles angelegt ist, was den Mann heute ausmacht. Seine Vorsicht mit Menschen, seine Akribie beim Zusammenstellen seiner Mannschaft, seine Suche nach Wärme in einem Team, sein Fürsorgegefühl für die Spieler, denen er haarklein erklärt, warum er sie nicht aufstellt; seine Distanz zur Welt draußen - und seine Erdung im Hier und Jetzt statt zum Beispiel in der Religion.

Es gibt Leute, die finden, wenn sie einen geliebten Menschen verlieren, Trost bei Gott, an dessen Existenz sie vorher zweifelten. Und es gibt Leute, die fühlen sich, wenn sie einen geliebten Menschen verlieren, nicht von der Welt, aber von Gott in einer Art alleingelassen, die gemeiner, weil stiller nicht sein könnte. Man brüllt und brüllt, und es kommt keine Antwort. Van Gaal kennt dieses Brüllen, und auch die Stille, die folgt. Also verlässt er sich auf Menschen statt auf den lieben Gott.

"Ich bin erzogen als katholischer Bub. So einem Jungen werden Geschichten erzählt. Diese Geschichten sind nicht in Erfüllung gegangen. Ich habe das Leid gesehen von meiner Frau. Dieses Leid war unmenschlich. Wenn ein Gott da ist, so erlaubt der das nicht. Er erlaubt es aber. Jeden Tag. Ich glaube nicht mehr an ihn."

Was, wenn auch Gott nicht perfekt ist?

"Ein Mensch ist nicht perfekt", sagt van Gaal, "natürlich nicht. Aber ein Gott? Ein Gott und nicht perfekt? Das ergibt doch keinen Sinn. Nein: Es gibt keinen Gott." Er wischt sich kurz über die Augen. Er ringt ein bisschen mit sich. Und sagt dann: "Wissen Sie, das war ein sehr guter Mensch, meine Frau."

Man muss Regeln aufstellen und darauf achten, dass alle die Regeln einhalten, sonst geht alles den Bach runter. Man muss Verantwortung übernehmen, für sich und für seine Familie, es gibt keinen, der einem das abnimmt.

Einen Tag vor dem Gespräch ist Fernandas Mutter, van Gaals frühere Schwiegermutter, gestorben.

Louis van Gaal ist zur Beerdigung gefahren, um mit seinen Töchtern da zu sein. Die Beerdigung war am Dienstag, einen Tag vor dem Halbfinale seiner Bayern heute Abend gegen Lyon. Und wegen des Flugverbots: von München nach Amsterdam mit dem Auto, das sind rund neun Stunden. Er wird zum Spiel zurück sein. Aber in dem einen oder anderen Internetforum fragen sie: Darf man das? So kurz vor so einem Spiel?

Es sind exakt die Fragen, die Louis van Gaal für wahnsinnig dumm hält.

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Alexander Gorkow


Alexander Gorkow, geboren 1966, verheiratet, drei Kinder, studierte Germanistik, Mittelhochdeutsch und Klassischen Philosophie in Düsseldorf. Von 1986 bis 1993 war er Freier Kulturreporter unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, bei der er seit April 1993 als Redakteur arbeitet. Seit 1995 Korrespondent aus dem Bayerischen Landtag und Reporter für Bayerische Landespolitik für den Bayernteil, die Innenpolitik und die Seite 3 der SZ, ab Januar 1999 Leiter der Medienseite der SZ, 200 Neugestaltung des SZ WOCHENENDES, ab Mai 2002 Leiter des SZ WOCHENENDES und seit September 2009 Leiter der SEITE DREI.

Holger Gertz


Holger Gertz, Jahrgang 1968, arbeitet nach dem Studium der Psychologie und einer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule bei der Süddeutschen Zeitung, vor allem als Reporter auf der Seite Drei und als Streiflichtautor.
Dokumente
Respekt

erschienen in:
Süddeutsche Zeitung (SZ),
am 21.04.2010

 

Kommentare

Victor, 22.01.2014, 18:28 Uhr:

I agree Mourinho outsmarted Guardiola. But it would be more fun to see final, it is going to match f tcticas, match between coaches. Both teams are physically strong, both have gone through recent bad patch and their current coach has pulled them out. And above all both coach have record to take smaller teams to title (Ajax for Van Gaal and Porto for Mourinho)

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