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27.05.17

Theorie

Peter Bialobrzeski „Überlegungen zur Zukunft der Fotografie

Was wird aus der (Reportage-)Fotografie in Zeiten allgegenwärtiger Knipserei? In Zeiten, in denen die bedeutendsten Bilddokumente, die Folterbilder aus Abu Ghreib etwa, von Amateuren geschossen werden?

„Die Fotografie wird sich genauso wie der Rest vom Kapitalismus entwickeln: Die Mittelschicht löst sich auf, weltweit wird es 500 Fotografen geben, die sich um die Höhe ihres Einkommens keine Sorgen machen müssen, Hunderttausende werden ihre digitalen Daten zu Dumpingpreisen zu Markte tragen?, schreibt Peter Bialobrzeski, Professor für Fotografie in Bremen, in seinem Aufsatz über die „Zukunft der Fotografie?.

Und weiter: „Für junge Fotografen gerät der Einstieg zu einem risikoreichen Investment. Die eigene WG, Herkunft oder soziale Verwurzelung zu fotografieren reicht nicht mehr. Gefragt ist gute Recherche und ein relevantes Thema in individueller Bildsprache. Mit der Diplomarbeit zu beweisen, dass man fotografieren kann, wird nicht mehr das Überleben sichern.?

Starke Thesen - mit denen wir ein weiteres Sujet auf dieser Seite eröffnen möchten: Fotojournalismus und Reportage-Fotografie.

Was ist geworden aus dem Diktum von Henri Cartier-Bresson, der über „den entscheidenden Moment? philosophierte, in dem der ewige Fluss des Lebens verharre, „die Elemente der Bewegung sich im Gleichgewicht befinden? - jenen Moment, den der Fotograf mit seiner Kamera erfassen muss?

Wir sind jeden Tag umgeben von einer Flut aus Bildern - bringen sie uns die Welt nahe oder vergrößern Fotos die Distanz? Erregt eine engagierte Fotografie das Mitgefühl des Betrachters oder trägt sie bei zur Erschöpfung dieses Mitgefühls?

Immer weniger Magazine haben Geld für aufwändige Foto-Reportagen - bleibt ambitionierten Fotografen also nur der Gang in die Galerie, um  Reportage-Projekte gegen zu finanzieren? Was bedeutet es, wenn Kriegsfotos, von trauernden oder leidenden Menschen, zur Handelsware auf einem Kunstmarkt werden?

Fragen über Fragen. Stoff also für spannende Diskussionen.



"Man kann nie wissen"
-Inschrift auf dem Grabstein von Kurt Schwitters in Hannover


Fotografen werden weiterhin den Zustand der Welt beschreiben und interpretieren. Es wird eine deutliche Trennung zwischen Autor und Dienstleister geben. Das Gros der Berichterstattung über Katastrophen und Kriege wird von Agenturen und Amateuren bewerkstelligt, der interpretierende Autor wird viel zu langsam sein, um beim schnellen Liefern weltweiter, digitaler Daten noch teilnehmen zu können. Von den neuen Pressefotografen ist stillose Bildmenge gefragt, die sowohl im Internet, als auch auf Zeitungsseiten einen schnellen Hingucker liefert. Gleichzeitig konkurrieren sie mit ihren Lesern, die immer und überall mit Digitalkamera und Handy schneller sein werden. Das nur noch digital und fragmentarisch vorhandene Lebenswerk der neuen Reporter wird im Gegensatz zu klassischen Fotografen wie Lebeck, Moses oder Höpker fotografiegeschichtlich nur eine Fußnote sein.

Die Protagonisten eines halbaktuellen Dokumentarismus werden versuchen, Bücher zu machen und ihre „Originale“ über den internationalen Kunstmarkt an lukrative Wände zu bringen. Die Großformat-Generation stand sich schon im Nachhall des Hurrikans „Katrina“ in New Orleans auf den Füßen, so erscheinen zum Herbst neue Bücher von Chris Jordan, „In Katrinas Wake“ und Robert Polidori „After the flood“. Simon Norfolk soll auch da gewesen sein. Auch das wird nicht mehr zukunftsfähig sein, auch hier ist das Vokabular begrenzt und ganz blöd ist der Markt nicht.

Was macht die Fotografie dann? Sie entwickelt sich genauso wie der Rest vom Kapitalismus: Die Mittelschicht löst sich auf, weltweit wird es 500 Fotografen geben, die sich um die Höhe ihres Einkommens keine Sorgen machen müssen, hunderttausende werden ihre digitalen Daten zu Dumpingpreisen zu Markte tragen. Fotoblogs wie Flickr, Photonet oder Fotocommunity werden vonGetty und Corbis gekauft, das Material verschlagwortet und dem Markt zur Verfügung gestellt. Das Angebot der klassischen Agenturen wird sich dementsprechend verändern. Alles, was leicht zugänglich ist, Strände, Städte, Landschaften wird hundertfach und billig angeboten, Sujets mit schwierigem Zugang, individueller Ästhetik werden exklusiv und teuer.

(...)

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Peter Bialobrzeski


Peter Bialobrzeski studierte Politik und Soziologie, bevor er in seiner Geburtsstadt Wolfsburg als Lokalreporter arbeitete. Neben seinem Studium des Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Fotografie in Essen (Folkwangschule) und London (LCP) unternahm er zahlreiche Asienreisen. Seit 1989 wurden Peter Bialobrzeskis Arbeiten in beinahe allen namhaften internationalen Magazinen und Zeitschriften publiziert. Er gewann zahlreiche Preise, darunter den World Press Award für „Arts/Stories? im Jahre 2003. Seine Fotografien sind in Einzel- und Gruppenausstellungen auf allen fünf Kontinenten gezeigt worden. Seit 2002 unterrichtet Peter Bialobrzeski als Professor das Fach Fotografie an der Hochschule für Künste in Bremen.
Dokumente
Überlegungen zur Zukunft der Fotografie

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 01.12.2007

 

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