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19.11.17

Theorie

Bernhard Pörksen „Apologie eines Fälschers

Mit ungewöhnlich intim wirkenden Star-Interviews machte der Schweizer Journalist Tom Kummer in den 1990er Jahren auf sich aufmerksam. Richtig berühmt wurde er, als viele dieser Interviews im Jahr 2000 als Fälschungen enttarnt wurden. Interessant ist der Fall bis heute, weil Kummer, einmal aufgeflogen, seine Fälschungen selbstbewusst als Produkte einer neuen, avantgardistischen Form des Journalismus verteidigte – und diese Selbstdarstellung mit Versatzstücken postmoderner Medienkritik anreicherte.

Bernhard Pörksen hat in Tom Kummers kürzlich erschienener Autobiographie „Blow Up? nach einem Programm dieses neuen Journalismus gesucht. Kann Kummer sein Handeln tatsächlich mit einer Variante des New Journalism erklären, die mit der Faszination des Fiktiven spielt? Lassen sich erkenntnistheoretische Standpunkte wie der Abschied von absoluten Wahrheitsideen tatsächlich benützen, um Fälschungen zu rechtfertigen?

„Alles liest sich, wie immer, glänzend? bescheinigt Pörksen Kummer in seiner Rezension. Eine einleuchtende Rechtfertigung seines Handelns oder ein ernst zu nehmendes Programm für einen neuartigen „Borderline?-Journalismus enthalte das Buch aber nicht: „Hier schreibt jemand nicht, um Klarheit zu gewinnen und zu so etwas wie einer Schlussfolgerung zu gelangen“, so Pörksen, „sondern um das eigene Handeln in eine Sphäre des Uneindeutigen hineinzurücken, in dem die sprachlich-stilistische Ästhetik die schmerzhaft-rumorende Frage nach der eigenen Ethik irgendwann erledigt.?

Es lohnt sich, bevor man sich mit der Selbstrechtfertigung des Borderline-Journalisten Tom Kummer und seinen kürzlich erschienenen Memoiren „Blow up“ befasst, seine Methoden zu beschreiben. Vieles ist natürlich längst bekannt. Tom Kummer hat, wie man weiß, etliche Interviews für das Magazin der Süddeutschen Zeitung gefälscht. In seinen Star-Gesprächen, die er sich wesentlich am heimischen Schreibtisch in Los Angeles hat einfallen lassen, reflektierte Pamela Anderson über Sexappeal und Körperkult und die Sehnsucht nach dem Echten und Eigentlichen im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, John McEnroe nahm zu seinen Wutausbrüchen Stellung und erläuterte sein Faible für abstrakte Malerei. Und Courtney Love sprach Sätze von merkwürdig-aggressiver Verrücktheit ins Mikrofon: „Klar“, so ließ Tom Kummer sie sagen, „ich spielte mit meinen Brüsten, um so eine Art Ekel zu demonstrieren, nicht um zu protzen. Ich war dann einfach die Stimme aller gequälten Seelen dieser Welt.“

(...)


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Bernhard Pörksen


Bernhard Pörksen, Jahrgang 1969, ist Professor für Medienwissenschaft in Tübingen. 2008 wurde er zum "Professor des Jahres" in der Kategorie Geistes-, Gesellschafts- und Kulturwissenschaften gewählt.
Website des Autors
Dokumente
Bernhard Pörksen über "Blow Up" von Tom Kummer (pdf)

erschienen in:
Publizistik,
am 01.09.2007

 

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