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27.04.17

Theorie

Ulrich Pätzold „Die Reportage als Beispiel der Genreforschung

Wie subjektiv ist eine gute Reportage wirklich? Und wird ihr Entstehen wirklich so sehr von der individuellen Leistung eines Autors geprägt, der auf sich allein gestellt ist? Der Journalismuswissenschaftler Ulrich Pätzold sagt in seinem Aufsatz „Die Reportage als Beispiel der Genreforschung in der Journalistik?: „Dem widerspreche ich entschieden. Die journalistische Reportage gehört zu dem Journalismus, der sich um höchst mögliche Objektivität bemüht. Das Genre entsteht zwar durch kunstvolle Ausnutzung aller, auch individueller  Erzähl- und Stilmittel, ist aber geradezu vorbildliche Umsetzung von Arbeitsanforderungen an Journalisten, die zu jenem Katalog gehören, der für journalistische Objektivität bemüht wird.? Und auch, dass der Reporter am besten ist, wenn er allein arbeitet, sei ein Mythos: „Ich bin nämlich davon überzeugt, dass die journalistische Reportage redaktionell verankert sein muss, dass Reporterpersönlichkeiten in einem intensiven redaktionellen Kommunikationsprozess arbeiten.?


Lücke in der Wissenschaft

Seit vielen Jahren veranstalte ich jeweils im Sommersemester eine Übung zur Reportage. In diesen Übungen sind zahlreiche Arbeiten entstanden, die ihren Weg in Zeitungen und in Zeitschriften gefunden haben. In ihnen habe ich gelernt, dass wir auch in der Ausbildung mit dem Stolz, manchmal auch mit der Eitelkeit der Autoren rechnen müssen, ein berufliches Merkmal im Journalismus, dem wir keine wissenschaftliche Aufmerksamkeit geschenkt haben. In den Übungen ging es ursprünglich um die Umsetzung weniger beruflicher Regeln in der Erstellung von Reportagen, um die Einübung von Genauigkeit in der Beobachtung, um  Ausdrucksfähigkeit und um die Beachtung dramaturgischer Grundsätze und Erfahrungen. Im Laufe der Zeit wurde allerdings deutlich, dass wir wenig Hilfe aus der Wissenschaft hatten. Mit Michael Hallers Reportagebuch konnten wir leidlich arbeiten, mussten aber konstatieren, dass er entweder in den Kategorien der Literaturwissenschaften verharrte oder aber den journalistischen Produktionsprozess, den wir Reportage nennen, nur unzureichend beschrieben hat. Andere Handreichungen wie LaRoche oder das ABC des Journalismus schadeten zwar nicht, bleiben aber in ihrer Trivialität unterhalb jener Ebene, die zu Frage anregen könnte, warum eine wissenschaftliche Beschäftigung mit der Reportage Sinn macht.

Diesen Sinn sehe ich, sehr allgemein gesprochen, in der berufsbezogenen Perspektive. Das bedeutet in unserem Fall, nicht jede Art der Reportage zum Gegenstand der wissenschaftlichen Analyse zu machen, sondern zunächst einschränkend zu fragen, was eine Reportage als journalistische Produktion auszeichnet, was eine journalistische Reportage ist, welche Funktion sie für Medienkonzepte hat.

(...)


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Ulrich Pätzold


Prof. Dr. Ulrich Pätzold, 64, lehrt am Institut für Jounalistik der Universtät Dortmund, unter anderem journalistische Darstellungsformen und Arbeitsmethoden. Er hat unter anderem Philosophie und Theaterwissenschaften studiert, war Redakteur bei der Schweizer Weltwoche und hat das renommierte FORMATT-Institut für Medienforschung mit gegründet.
Dokumente
Die Reportage als Beispiel der Genreforschung (pdf)

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 01.12.2007

 

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