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26.05.17

Lorenz Wagner „Wer macht's?

Nominiert für den Deutschen Reporterpreis 2010.

Wer macht‘s?

Es war ein Sommer der Rücktritte. Köhler, von Beust, Koch - sie sind aus dem Amt geflüchtet und haben dadurch ein ganzes Land verstört. War Politik nicht mal Lebensaufgabe? Warum sind Einstieg und Abschied so schwierig? Eine Reise zu den Politikern von gestern und von morgen


Von Lorenz Wagner, Financial Times Deutschland, 27.08.2010


Sie haben Stoiber nicht erkannt. Und das im Bayerischen Hof! Haben ihm den letzten Platz gegeben auf ihrer Dachterrasse, wirklich den allerletzten. Gleich neben dem Grill. Rauch wabert um ihn herum, nach einer Minute schon riecht sein Sakko nach Curry, genauer gesagt nach Grünem Thai-Chicken-Curry mit Paprika und Frühlingszwiebel, es wird gerade drei Schritte entfernt gebrutzelt.

Doch das regt Stoiber nicht auf. Was anderes regt ihn auf. Der Ole von Beust. Dieser Pflichtenflüchtling! Was heißt amtsmüde!? Verbraucht!?

"Da sag ich nur: Bist gewählt, hast dich gestellt, hast einen Vertrag unterschrieben, also: Dann liefer auch ab. Was der Beust macht, seinen Vertrag brechen, das kannst du vielleicht im Fußball machen, aber nicht in der Politik."

Er hebt den Arm, winkt den Kellner ran. Ein Helles. Und so ein Curry.

"Wenn ich mich zur Wahl stelle, mach ich das bis zum Schluss. Dann muss schon Außergewöhnliches passieren. Was mit der Gesundheit. Was der Steinmeier jetzt macht, das ist honorig. Seine Frau ist krank, und er nimmt eine Auszeit. Aber der Beust oder der Köhler, davon hab ich genug."

Prost.

"Heute scheint alles wurscht zu sein!" Stoiber schüttelt den Kopf, schimpft weiter vor sich hin, wie Aloisius, der Münchner, der mit seinem Granteln einst den ganzen Himmel in Aufruhr versetzte. Ja, was ist nur los in diesem Land?

Es ist wahrlich ein seltsamer Sommer für Deutschlands Politik! Der Bundespräsident warf hin. Zwei Ministerpräsidenten sind gegangen, erst Ole von Beust, dann Roland Koch. Sie hatten keine Lust mehr, wollten nicht mehr Politiker sein.

Und damit haben sie das Land aufgeschreckt. So etwas hat es noch nie gegeben. Das passt in keine Schublade, verstößt gegen eine Grundregel der Politik: Man geht nicht einfach so. Diese Rücktritte haben Deutschland kurz innehalten lassen. Im Bundestag, in den Landesparlamenten, in den Ortsräten - überall haben die Menschen darüber gesprochen und gestritten. Haben sich Fragen gestellt, die sich nun auch Stoiber stellt: Was ist los in diesem Land? Ist die Politik nicht mehr, was sie mal war? Lebensaufgabe jedenfalls scheint sie nicht mehr zu sein.

Ob er etwa mal Ministerpräsident werden will, wie sein Vater? Dominic Stoiber zögert und blickt auf sein Curryhuhn. Kein Wunder, dass ihn im Bayerischen Hof niemand erkannt hat: Wie Edmund sieht er nun gar nicht aus. Kaum Haare, runde Backen, Bauch - bayerisch wie sein Zungenschlag.

Auf diese Frage, sagt er, kann er nicht antworten. Egal was er sagt, es schadet ihm. "In der Wirtschaft nennt man so was Gefangenendilemma." Er lächelt. "Sie sagen ja auch nicht, Sie wollen Trainer werden beim FC Bayern. Das entscheiden andere."

Er ist 30 Jahre alt. Papa wollte nicht, dass er in die Politik geht. "Tu dir das nicht an, nicht mit diesem Namen", hat er gesagt. Dominic hatte ja selbst erfahren, was das Amt mit sich bringt: die Polizeistation vorm Haus in Wolfratshausen; die Strandferien, die Papa im Hotelzimmer verhockte, mit dem Hörer am Ohr. Die Angst vor der Presse, die einen umschleicht. Sie bremste ja auch ihn, als Jugendlichen: "Da können Sie nicht besoffen in der Ecke liegen."

Und so hat Dominic lange gezögert. Er hat Politikwissenschaft studiert, sich bei Pro Sieben vorgestellt, heute ist er Produktmanager für die Marke Sat 1.

Ganz aber hat ihn die Politik nicht losgelassen. Er hat ja auch die schönen Seiten gesehen: die Fußballer, die der Vater treffen durfte; die großen Dinge, über die er entschied, manchmal erzählte Papa davon in der Sauna, fragte nach seiner Meinung, etwa über diese Killerspiele, die er verbieten wollte. "Vergiss es", hat der Sohn gesagt. Sie haben lange debattiert. Und Dominic hat nicht nachgegeben. "Du musst deine Meinung immer verteidigen."

So wurde er Chef der Jungen Union in Wolfratshausen und vor zwei Jahren Bezirksrat. Und bald sah sein Leben so aus: Um sechs aus dem Bett, an der Promotion schreiben, um acht in die Firma, am Abend und am Wochenende: Sitzungen, Vorträge, Wähler treffen. Wer will, schreibt Stoiber auf seiner Internetseite, den besucht er zu Hause. Er bringt sogar Kuchen mit.

Er weiß, lange kann er das nicht mehr machen. Es kommt der Tag, an dem er sich entscheiden muss. Kommt ein gutes Mandat, ist er verloren für die Wirtschaft. Kommt ein gutes Angebot von einer Firma aus New York oder China, wo er schon während des Studiums war, ist er verloren für die Politik. Gerade haben zwei Talente in Wolfratshausen aufgegeben, erzählt er, einer ist nach Berlin, einer nach Zürich, als Manager. Und was wird aus ihm? Dominic Stoiber ist der Vertreter einer politischen Generation, die am Scheideweg steht.

Eschborn, bei Frankfurt. Der Wahlkreis von Roland Koch. Der Rathausplatz, das Eiscafé Adriatico. Zwei junge Männer. Beide in Jeans. Beide in Kurzarmhemd. Nett sehen sie aus, jünger als Anfang 20: Flaum am Kinn, neugierige Augen. Frederic Schneider und Stephan Berger von der Jungen Union. Vor ihnen Milchshakes, einmal Vanille, einmal Erdbeere. Hier im Eiscafé haben sie für Koch Wahlkampf gemacht. Hier werben sie Mitglieder, was gerade schwerfällt. Allen Grund hätten sie, auf Koch sauer zu sein.

"Ich bin nicht wütend", sagt Frederic.

"Ich auch nicht", sagt Stephan.

Sie sind nur traurig. Drei Monate ist es her, dass Koch gesagt hat, Politik sei nicht mehr sein Leben. Die beiden sitzen da, starr und verstört, als sei es gestern gewesen.

"Ich habe es nicht geglaubt", sagt Frederic. "Ich habe eine SMS an einen Freund geschickt: 'Ist das ein Scherz?`."

Schweigen.

"Ich kann ihn verstehen", sagt Stephan.

Frederic zögert. Roland Koch ist doch sein Vorbild. Wie stolz er war, in die JU Eschborn einzutreten, Koch hat sie gegründet. "Ich kann ihn verstehen, als Mensch", sagt er irgendwann. "Aber ein Politiker hat auch eine Verpflichtung."

Wie er das meint? Ach, er weiß auch nicht. "Und was wird aus Eschborn?", fragt er.

Milchshake-Geschlürfe.

Frederic strafft sich: "Ich möchte weiter in die Politik", sagt er. "Wie Roland Koch."

"Ich möchte lieber in die Wirtschaft gehen", sagt Stephan.

"Man kann mit Politik Dinge verändern", beharrt Frederic.

"Ob ich 100 000 verdiene oder 200 000, das ist ein Unterschied."

"Geld ist nicht alles."

"Aber in der Politik hängt doch alles von Zufällen ab, siehst du doch jetzt."

Schweigen.

"Ja, stimmt. Eines habe ich jetzt gelernt", schließt Frederic. "Ich muss eine Ausbildung machen. Ich muss mich absichern, falls ich mal zurücktrete."

Nie hätte er gedacht, dass es so übel enden würde. So voller Wut ist er, voller Erschrecken, er muss es loswerden, Tag für Tag sitzt er in seinem Büro und tippt und tippt, "Bankleere" soll sein Buch heißen, es handelt von einem doppelten Desaster - dem einer Bank und dem seines politischen Lebens.

Es ist die Geschichte eines Mannes, der im Herbst 2008 mehrere gute Posten aufgab, sich in Kiel eine Wohnung kaufte, mit Blick auf die Förde, weil er glaubte, von der Wirtschaft in die Politik gehen zu müssen. Der Mann heißt Werner Marnette, wird oft Napoleon von Hamburg genannt und war einst Chef der Norddeutschen Affinerie. Napoleon hat seine Schlacht verloren, und seine Wohnung ist längst vermietet. Nur Monate dauerte sein Abenteuer.

Es war nicht der politische Alltag, der Marnette zermürbte. Dass seine Worte auf einmal keine Befehle mehr waren. Dass seine Vorschläge in Ausschüssen weichgekaut wurden, bis sie nur noch Brei waren, für alle leicht verdaulich. Das nahm er hin. Was er nicht hinnehmen konnte, war der Skandal um die HSH Nordbank, die sich verzockt hatte.

Mit 3 Mrd. Euro Soforthilfe mussten Hamburg und Schleswig-Holstein die Landesbank retten, ihr für 10 Mrd. Euro Kreditgarantien gewähren. Die Regierungen taten es, ohne wichtige Fragen zu stellen, behauptet Marnette. Die Bank muss nun aufgeteilt teilt werden, 100 Mrd. Euro gehen in eine Bad Bank. Der Haushalt von Hamburg und Schleswig-Holstein ist gerade mal 20 Mrd. Euro groß, sagt Marnette. "Wenn das schiefgeht, können Sie in Hamburg keine Lampe mehr reparieren."

Und wer ist schuld? Auch die Politiker. Sie berauschten sich an der Idee, dass die Landesbank die Welt erobern und Millionen scheffeln könnte. Eine irre Rendite von 17 Prozent forderten sie von den Bankern - und verleiteten so zur Zockerei. Was die Banker genau machten, das verstanden nur wenige. Allein diese englischen Fachbegriffe bei den Aufsichtsratssitzungen! Die meisten hatten, wie sich später rausstellen sollte, nicht mal den Mut zu fragen, wenn sie die Ausdrücke nicht verstanden.

Ja, Politiker können Übles anrichten.

Wie soll einer, der gewählt wurde, weil er sich auf jedem Stadtfest blicken lässt oder den Bau einer Bundesstraße verhindert hat, in der Lage sein, über Milliarden zu entscheiden?, fragt Marnette.

"Wir brauchen andere Politiker. Leute, die Fachbegriffe verstehen. Die zwischen Wirtschaft und Politik hin und her wechseln."

Allein: Das wird nicht kommen. Und daran ändern auch die Rücktritte nichts. Marnette glaubt ihnen nicht, von Beust und Koch, die sagen, sie wollten sich nun im Geschäftsleben beweisen. Nein, es sei nicht der Auftakt eines großen Wechselspiels.

"Der Beust hat doch nur Angst vor dem, was mit der HSH Nordbank noch auf Hamburg zukommt."

"Und was Koch sagt, ist scheinheilig. Ich kenne ihn gut, hab bei der Verkündung gleich gesehen, wie es in ihm aussieht. Er hätte sagen sollen: Ich kann nicht Kanzler werden, nicht Finanzminister, also gehe ich."

Nein, diese Rücktritte seien ohne Botschaft für dieses Land. Ohne Belang.

Er, der alte Mann, hat kein Vertrauen mehr in die Politiker seiner Generation. Mit seinen 64 Jahren sehnt er sich nach Jungen, die es anders machen. Jeder in der Wirtschaft wünscht sich den Wechsel, sagt er. Allein, sie tut nichts dafür. Sie leiht Talente nicht aus, hält keine Plätze frei für Rückkehrer. In Deutschland muss man wählen zwischen Karriere und Vaterland.

Hat er Talente gehen lassen, als Chef der Norddeutschen Affinerie?

"Nein. Das muss ich zu meiner Schande gestehen."

Wo aber sind sie, die Jungen, nach denen sich Marnette sehnt? Die freien Geister, die Wandler zwischen den Welten. Fragt man in Berlin rum, fallen immer wieder zwei Namen: Hildegard Müller und Christian Lindner. Sie ist 43 Jahre, war Staatsministerin im Kanzleramt und hat Angela Merkel verlassen, um in der Wirtschaft Karriere zu machen. Er ist 31, Generalsekretär der FDP und wird gefeiert als eines der großen Talente der deutschen Politik.

Die Bundeskanzlerin im Stich zu lassen! Sich dieser Position zu berauben! Sie habe lange gerungen, sagt Hildegard Müller. "Ich habe mich gefragt: Macht man das?"

Wie gut erinnert sich Müller an den Tag, als Merkel fragte, ob sie ins Kanzleramt kommen wolle. Ihr Herz machte einen Sprung. Einen Tag nur hat sie überlegt. Ja, natürlich. Fortan arbeitete sie da, wo die Macht sitzt, nahm Teil an den Morgenlagen, war Merkels Verbindungsfrau zu den Ministerpräsidenten, auch zu denen, die nun hinwerfen.

Ja, sagt Müller. Die Rücktritte sind ein großes Thema in Berlin. Parteifreunde aus der Union sind zu ihr gekommen, Leute, die sich auf einmal vorstellen können, rauszugehen aus der Politik: Sag mal, wie war das denn bei dir?

Es war nicht leicht. Auf einmal, 2008, kam dieses Angebot. Ob sie Chefin werden wolle des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft, Cheflobbyistin von 1800 Unternehmen.

Lange Wochen dachte sie darüber nach. Es war nicht allein der Gedanke an Merkel. Nicht nur die Angst zu versagen. Nein, es war mehr.

"Es war eine Lebensentscheidung." Die wichtigste ihres Berufslebens. "In Deutschland kannst du vielleicht von der Wirtschaft in die Politik gehen und später zurückkommen. Aber umgekehrt, das ist selten möglich. Der Weg von der Politik in die Wirtschaft, das ist oft eine finale Entscheidung."

Ein Abschied für immer.

Nun sind zwei Jahre vergangen. Das neue Leben ist fast wie das alte: Konferenzen, Treffen mit Managern, Werben für die eigene Sache. Ihr altes Leben hilft ihr, nicht nur die Kontakte: Sie kennt keine Angst, Leute anzusprechen. Sie kann über Erfahrungen reden, die Manager selten machen, von Besuchen in Kinderhospizen und Gesprächen mit dem Botschafter von Israel. Sie hat gelernt, Kompromisse zu schließen. Was sie in der Großen Koalition hinbekam, klappt auch bei diesem Verband, der sich nach einer Fusion zusammenraufen muss.

Und das neue Leben hat seine schönen Seiten. Sie wird nicht mehr an der Kasse bei Kaiser's erkannt. "Wo du denkst: Hättest dich besser mal zurechtgemacht." Sie muss keine Klatschfragen mehr beantworten nach dem Mann in Heidelberg oder ihrer Tochter.

Das ist wohl der größte Unterschied zwischen der Arbeit eines Topmanagers und eines Spitzenpolitikers, der Verlust an Freiheit ist ungeheuer für Politiker, sobald sie aus der Haustür gehen, ist es vorbei mit der Freizeit, es gibt kein Wochenende, keinen Feierabend, kein Alleinsein, fast alles wird gesehen und bewertet, selbst das Private ist politisch: Merkels Wandern in Südtirol, Steinmeiers Nierenspende, Hildegard Müllers Babypause.

"Ich bereue nichts", sagt Müller über ihren Abschied.

Nur manchmal, spät am Abend, wenn das Fernsehen über Merkels Kabbeleien mit den Ministerpräsidenten berichtet, über die Gesundheitsreform, IHRE Themen, dann packt sie ein wenig Wehmut. Sie nennt es "Phantomschmerz": Schade, dass sie nicht dabei sein konnte, bei diesem Telefonat, jener Entscheidung. "Dann frage ich mich: Was hätte ich getan?"

Christian Lindner trägt eine Jeans. "Das ist wichtig", sagt er. Gerade hat er ein Porträt über sich gelesen. Darin steht, er trage nur Maßanzüge. "Ich trage keine Maßanzüge." Und in einem anderen steht, er fahre Porsche. "Ich fahre keinen Porsche." Sie ärgern ihn, diese Artikel. Und diese Briefe: weil er sich nicht rasiert. Weil er den falschen Schlips trägt. So ist es, seit er Generalsekretär wurde, mit 31 Jahren.

Die Zukunft liegt glänzend vor ihm. Er sehe aus wie sein Vorbild, Steve McQueen, schreiben die Zeitungen. "Er ist nicht mein Vorbild", sagt Lindner. Er könne reden wie kaum ein anderer, schreiben sie. Dazu sagt er nichts. Nach seiner ersten Rede im Bundestag lobte Bundestagspräsident Norbert Lammert von der CDU: "Hätte man mir nicht ausdrücklich mitgeteilt, dass dies Ihre erste Rede im Parlament ist, ich wäre nicht drauf gekommen." Als sich Lindner im April der Partei vorstellte, stand er da, 50 Minuten, ohne Manuskript, und redete und redete, und die Partei klatschte und klatschte. "Eine Frage der Freiheit" hatte er seine Rede betitelt.

Er ist über die Philosophie in die Politik gekommen. Spricht über induktive und deduktive Dialektik, über die Freiburger Thesen, die ihm sein Vater schenkte, als er 15 Jahre alt war. Und er spricht über die "Rösler-Doktrin", wie er sie nennt, das Begreifen von Politik als Projekt. Das ist nichts für ihn, sagt er. "Politik ist das Sinnvollste überhaupt. Sinnvoller, als den Profit eines Konzerns zu steigern."

Für die Politik hat er seine Werbeagentur aufgegeben, die ihm früh Geld und Verantwortung brachte. Für sie hat er so vieles aufgegeben, er ist nur noch Generalsekretär, nur noch Funktion. Und in dieser lernt er, was alle lernen müssen. Jedes Wort bekommt Gewicht. Ein Halbsatz kann die Koalition in eine Krise stürzen. Er nennt das "Exponiertheit".

Und so hat er gelernt, Dinge nicht zu sagen.

Wie er seine Zukunft sieht? "Ich lege mich nicht fest. Das wäre töricht."

Er verstummt.

"Sehen Sie, jede Aussage muss ich mir überlegen."

Pause.

"Das lässt mich scheu sein. Oder, ,scheu` ist das falsche Wort. Sehen Sie, da ist es wieder. Man kann das nicht spielerisch angehen."

Er schiebt Worte im Mund hin und her, prüft, ob er sie freilassen kann.

"Was kann ich tun?", fragt er schließlich. "Wenn Sie nur präzise sprechen, kriegen die Leute den Eindruck: Das ist ein Irrer. Sprechen Sie aber frei, wie ich jetzt, ist das nicht klug, Sie öffnen gefährliche Flanken."

Schweigen.

"Die Zitate stimmen wir ab, nicht wahr?"

So spricht Christian Lindner, einer der besten Redner der deutschen Politik. Es ist nicht nur die Politik, die ihre Talente verbiegt, es sind auch die Halbsatztrüffelschweine in den Redaktionen.

In Kiel gibt es ein Wohnzimmer, in dessen Regalen stehen 123 Kaffeekannen, und auf dem Boden liegen Stofffetzen, überall, auf dem Parkett, auf dem Berber, vor dem Sofa, kreuz und quer, in allen Farben, kleine Quadrate. Es ist das Wohnzimmer einer Frau, die vor vier Jahrzehnten in die Politik gegangen ist, einer Frau, die heute Bilanz zieht und sagt: "Ich wollte die Welt verändern und hab am Ende nur noch versucht, mich nicht zu verändern. Es war sinnlos." Diese Frau heißt Heide Simonis. Sie ist 67 Jahre alt.

"Wir müssen uns an den Esstisch setzen", sagt sie. "Ich nähe einen Quilt." Darum die Stoffquadrate. Simonis nimmt auch Gesangsunterricht. Und sie brütet über einem Kriminalroman. Und die Kaffeekannen, die sieht man ja. Im Treppenhaus stehen auch welche.

"Eigentlich", beginnt sie das Gespräch, "wollte ich nie in die Politik. Oder nur kurz." Damals in den 60er-Jahren kam sie aus Afrika zurück, in Sambia hatte sie mit ihrem Mann Entwicklungshilfe geleistet. Sie wollte weiter etwas tun für diese Menschen. Und für die Emanzipation der Frau kämpfen. Sie ging in die SPD. Heide Simonis wurde Deutschlands jüngste Abgeordnete. Deutschlands erste Ministerpräsidentin.

Von Anfang an ging sie rein in die Männerzonen, Haushalt und Finanzen wurden ihr Fachgebiet. Und sie zeigte den Männern, wie hart sie sein konnte. "Wenn ich mich geärgert habe, habe ich nicht gesagt: 'Mach das bitte nie wieder.` Ich habe gesagt: 'Wenn du das noch mal machst, schneid ich dir die Eier ab.`"

Sie war eine, die austeilte. Und eine, die ertragen konnte. Als sie Ministerpräsidentin war, erkrankte sie an Krebs. Am Tag nach der Operation quälte sie sich zu einer Ehrung, den Tropf unter einer Stola versteckt. "Wenn Sie da sitzen, mit blutleeren Lippen und die Hände zittern, dann scharren die Nachfolger mit den Füßen. Also schminkt man sich und beruhigt die zitternden Hände."

Sie wollte keine Schwäche zeigen. Wollte sich ihren vielen Feinden nicht ausliefern, ihnen die Macht nicht überlassen. Simonis war in die Macht verliebt, sie war ihr verfallen.

Sie ist da so reingeraten. "Sie sind eine kleine Abgeordnete, sie stürzen sich in die Arbeit und vergessen die Zeit. Schwups, wieder eine Legislaturperiode vorbei. Sie steigen auf. Und gewöhnen sich daran. An immer höhere Gaben. Und irgendwann brettern Sie durchs Leben. Sie haben einen Fahrer. Eine Büroleiterin. Eine Reisestelle. Am Freitag gibt man Ihnen einen Plan für die nächste Woche, einen 'Kinderlandverschickungsplan`. Sie müssen nie überlegen. Sie werden zu einem netten, klugen Menschen gemacht. Vor dem Termin kriegen Sie einen Zettel, da steht drauf, was Sie wissen müssen. Und nach dem Termin holt Sie jemand ab. Sie vergessen keinen Geburtstag. Sie kommen nie zu spät. Sie müssen sich nie um einen Parkplatz kümmern. So war mein Leben. Und irgendwann sagen Sie sich etwas, das als unfein gilt: 'Ich will das mein Leben lang machen.`"

Aber Roland Koch sagt das doch nicht. "Ha! Da lach ich. Fromme Lügen. Da schwillt mir der Hals. Der geht nicht einfach so."

Heide Simonis kann sich nicht vorstellen, dass man einfach so geht. Sie ist der Typ Politiker, wie ihn unser Land kennt. "Pattex-Heide" wurde sie genannt, wurde verlacht, als sie in einem Interview sagte: "Wenn mich auf fünf Schritten keiner erkennt, werde ich depressiv." Sie kann die Häme heute noch nicht verstehen. Raus aus der Politik? "Wo sollte ich denn hingehen? Wo kriegen Sie solch eine Aufmerksamkeit? Solche Möglichkeiten? Gerade als Frau? Ich bin ein Machtmensch, ich bin doch nicht Mutter Theresa."

Und dann kam der Tag, als sie alles verlor, der 17. März 2005. Sie wollte sich zur Ministerpräsidentin wählen lassen. In ihrem Büro stand der Sekt. Doch einer stimmte gegen sie, aus ihrer Partei. Erster Wahlgang, zweiter, dritter, vierter. Und sie saß da, fahl, mit offenem Mund. "Ich habe mir nur noch gesagt: 'Du heulst nicht.`"

Seitdem ist sie nicht mehr in der Fraktion gewesen. Sie wollte nicht dem Menschen gegenüberstehen, der sie so gedemütigt hat. Wie gern wüsste sie, wer der Verräter war: der Heide-Mörder. "Ich bedaure das so, dass ich ihm nicht sagen kann: 'Was bist du doch für ein Arschloch.`"

Er hat sie in ein Dasein katapultiert, mit dem sie nicht klarkommt. "Wenn einer nach 30 Jahren Politik sagt: So, jetzt gehe ich zurück in mein altes Leben, dann ist das Quatsch."

Sie konnte nicht in ihr Leben zurück. Sie musste es neu lernen. Sie fährt zum Flughafen - und, oh, sie braucht ja ein Ticket, was nun? Und dieses Autofahren! Jede Parklücke ist ein Abenteuer. Und ständig kriegt sie Knöllchen, sie weiß gar nicht, warum. Und die Geburtstage, die sie vergisst. Und Morgen für Morgen muss sie sich in der Zeitung zurechtfinden - "dieses Blättern und Suchen!", früher hat man ihr das Wichtige ausgeschnitten. Und überhaupt: Was tun mit der Zeit? Am Montag, wenn sie nach Berlin fuhr? Am Dienstag, wenn sie die Fraktion traf? Sie tanzte in der Fernsehshow "Let's dance". "Hoppel-Heide" spottete die "Bild-Zeitung".

"Es war doch für einen guten Zweck", sagt Simonis. "Und ich bin nicht die Einzige, die gern vor der Kamera steht." Es sei doch ihr Recht. "Wäre das nicht passiert, ich wäre ja noch drin. Jetzt gerade wäre Wahlkampf."

Pause.

"Na ja, aber ich wäre nicht so berühmt geworden", sagt sie und lächelt schief. "Man kann nicht alles haben."

Sie muss zu einem Termin. Sie schlurft das Trottoir hinauf, gebeugt, den Blick gesenkt, die Kopfhaut schimmert weiß durchs rötliche Haar. Ein Passant schaut ihr eine Weile hinterher, der berühmten Heide. "Wer ist das noch mal?", fragt er.

In Frankfurt, versteckt hinter Hecken und einer Gittertür, liegt ein verwunschener Garten mit Wegen, Rosen, Efeugeranke und einem Teich, der vor sich hin plätschert. Es ist der Garten eines Mannes, der in der Politik alt geworden ist, ohne unglücklich zu werden. Heinz Riesenhuber, CDU, erst Topmanager, dann Forschungsminister und heute, mit 74 Jahren, Alterspräsident im Bundestag. Er trägt im Garten Fliege und goldene Knöpfe und ein wissendes Gesicht zur Schau, eines, das Hoffnung macht.

Weiß er, wie es gehen kann? Was los ist in diesem Land, das seinen Eliten Profil und Kraft raubt? Wo auf einmal so viele keine Lust mehr haben?

Es ist doch einfach, sagt Riesenhuber. Früher kamen die Ministerpräsidenten später an die Macht. Und wenn sie aus dem Amt schieden, waren sie eben alt. Nein, es sind nicht Hinwerfer, die ihm Sorge bereiten. Es sind die Jungen, die ihn zum Grübeln bringen. Irgendwas ist anders geworden. Sie sind so schrecklich vernünftig.

"Bei den jungen Politikern sehe ich weniger Ideologie. Sie sind pragmatisch." Und das sei ein Verlust. Es erinnert Riesenhuber an die Politiker in den Vereinigten Staaten. Die ihren Wahlkampf an Umfragen entlangführen. Gefällt eine Aussage nicht, führt sie zu einem schlechten Ergebnis, so wird sie angepasst. Tag für Tag. Reine Tagespolitik also.

"Aber", sagt Riesenhuber: "Was sind die Grundsätze? Die Unverwechselbarkeit der Parteien hat sich reduziert. Das hat bei uns zur Folge, dass das Engagement der Bürger abflaut."

Er wünscht sich Idealisten zurück. Menschen, an denen sich alle reiben. Sie erst treiben die Leute in die Wahllokale, in die Jugendorganisationen und Ortsverbände. Sie erst lassen eine Demokratie leben.

Eine solche Idealistin ist gerade rausgegangen aus der Politik. Sie sitzt in Berlin, am Ufer der Spree, liest Zeitung und hat endlich wieder Zeit im Leben: Franziska Drohsel, 30 Jahre alt. Sie macht nun ihr Referendariat, wird Anwältin, "linke Anwältin", wie sie sagt.

Ihr Rücktritt in diesem Frühjahr war noch erstaunlicher, als der von Koch oder Beust. Drohsel hat ihre Karriere nicht auf dem Höhepunkt beendet, Drohsel hat sie gestoppt, als sie gerade Tempo aufnahm.

Alles stand ihr offen. Sie war Juso-Chefin, mit dem besten Wahlergebnis seit vier Jahrzehnten. Sie war Liebling der Talkshows: Maybrit Illner, Anne Will, Harald Schmidt - alle luden sie ein, denn ihr Gesicht ist schön, und ihre Gedanken passen in diese Zeit, ihr Kampf gegen den Kapitalismus, ihre Wut auf die Banken.

Schon in ihren jungen Jahren hatte Drohsel großen Einfluss gewonnen. Im vergangenen November, auf dem Parteitag, der den Sozialdemokraten die Angst nehmen sollte nach ihren Wahlniederlagen, der aller Welt zeigen sollte, wie einig der linke und der rechte Flügel zusammenstehen, an diesem verordneten Jubel-Parteitag also ging auf einmal die Juso-Chefin ans Rednerpult - und sie stellte sich der Führung entgegen. Mit zittriger Stimme und klaren Worten forderte sie, gegen die Empfehlung der Parteispitze, die Vermögensteuer ins Programm aufzunehmen.

Ein Affront. Was hatten ängstliche Genossen sie zuvor bequatscht: "Das kannste nicht machen."


Sie hat nicht hingehört, und so wurde aus dem verordneten Jubel ein ehrlicher, und die Vermögensteuer kam ins Programm, und Drohsel hatte sich wieder einmal in ihrer Meinung bestätigt: Du darfst dich nicht verstecken. Da ist sie anders als viele Politiker in ihrem Alter, quer durch die Parteien hindurch. "Ich weiß auch nicht, warum meine Generation keine Ideale hat", sagt sie. "Vielleicht, weil es Stress bedeutet. Die haben Schiss. Dass die Partei nicht folgt. Dass die Bevölkerung nicht folgt. Dass man als Spinner dasteht." Dass sie einstecken müssen wie eben die Drohsel, deren Thesen viele Leute ablehnen und deren Idealismus viele misstrauen.

Bewahren Sie sich Ihren Idealismus", ätzte Harald Schmidt. "Aber vergessen Sie uns nicht, wenn Sie Ministerin sind.“

Drohsels Gedanken erinnern an die 70er-Jahre der SPD, als Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine noch den Rebellen gaben, doch sie sind anders, sie folgen keinem Machtkalkül. Drohsel hat ja die Macht hergegeben, freiwillig.

Sie ging auch zu ihrem eigenen Schutz. Groß werden Drohsels Augen, als sie davon hört, wie Heide Simonis Bilanz zieht. "Die arme Frau", sagt Drohsel leise. Sie weiß selbst, wie man in diesen Sog gerät: Das Fernsehen, die Aufmerksamkeit, die Macht, das bringt ja Spaß - auch ihr. So sehr, dass Drohsel sich vor dem Entzug ein wenig fürchtete. Sie musste die Angst vertreiben. "Man darf sich nicht sagen: Ich werde jetzt ein unglücklicher Mensch." Man muss sich das Gegenteil sagen.

Oft hat Drohsel mit Freunden debattiert: Was kann man tun, um nicht zu werden wie die vielen Leute, die ihre Ziele, ihre Ideale verloren haben. "Es gibt nur eine Möglichkeit: unabhängig bleiben."

Und genau das hat sie getan. Es fühlt sich gut an. Sie kann an der Spree sitzen, mit Freunden über Ballack quatschen. Sie fühlt sich frei. Zwei "total unspektakuläre" Jahre liegen vor ihr: in der Bibliothek hocken, Klausuren schreiben und sich von Richtern den Stoff erklären lassen. Sie ist nun wieder Lernende, eine, der etwas gesagt wird.

"Das ist irgendwie gesund für eine 30-Jährige."

Wer weiß? Vielleicht strebt sie doch zurück an die Macht, wie der Zyniker Harald Schmidt ihr unterstellt hat. Ihr Rücktritt hat Drohsel sicher nicht geschadet. Und die Demokratie könnte sich dann über ein paar klare Thesen freuen und ein wenig Zoff.

Franziska Drohsel gegen Dominic Stoiber, das wär doch was. "Streiten macht Spaß", sagt der, "es gibt nichts Schlimmeres, als wenn einem alles wurscht ist." Und sie kriegt schon ein Blitzen in die Augen, wenn sie nur seinen Namen hört.

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Lorenz Wagner


Lorenz Wagner, geboren 1970, studiert Romanistik in Saarbrücken, bricht ab. Zieht nach Frankreich, schreibt Reportagen und schließt ein Wirtschaftsstudium ab. Volontiert an der Axel-Springer-Journalistenschule in Berlin. Geht zur Financial Times Deutschland, arbeitet zwei Jahre lang als Redakteur der Porträtseite. Danach Reporter. 2009 für den Kisch-Preis nominiert.
Dokumente
Wer macht's?

erschienen in:
Financial Times Deutschland,
am 27.12.2009

 

Kommentare

Johnavon, 28.04.2016, 07:58 Uhr:

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