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27.05.17

Theorie

Bernhard Pörksen „Tempojahre

Wagen wir einen Rückblick auf die Zeitschrift „Tempo? und ihre Schreiber – allerdings weder in der Form eines kulturkritischen Abgesangs, noch verpackt als nachgereichte Belobigung, sondern in Gestalt einer wissenschaftlichen Analyse.

„Tempo? war, schreibt Bernhard Pörksen in seinem klugen Aufsatz „Die Tempojahre?, das „Zentralorgan des deutschsprachigen New Journalism?. „Spielerisch und oft mit den Mitteln der Ironie? wurden bei „Tempo? „die Relevanzhierarchien des klassischen Nachrichtengeschäfts variiert? – eine ganz praktische Form von Medienkritik. Pörksen zeigt, welche Mittel die Tempo-Macher einsetzten – 68er-Bashing, Coolness statt Moral, Lob der Oberfläche, Ästhetik statt Ethik, Provokation und Irritation, Sprachspiele, teilnehmender Journalismus, radikale Subjektivität, Schreiben gleich Leben –, um der Wirklichkeit einen ganz anderen Spiegel vorzuhalten.

Wir entnehmen den folgenden Aufsatz dem von Bernhard Pörksen und Joan Kristin Bleicher herausgegebenen Buch „Grenzgänger. Formen des New Journalism?.


1. Selbstbeschreibung eines Grenzgängers

Es gibt Schlüsselgeschichten, positive und negative, und manche schillern zwischen den Extremen möglicher Bewertung. Zu dieser dritten Kategorie, von der man nicht weiß, ob sie eine mehr oder minder gut erfundene Anekdote oder eine leise skandalöse Selbstoffenbarung darstellt, gehört eine Episode, von der Christian Kracht berichtet.Ort der Handlung ist Neu-Delhi, Christian Kracht arbeitet zu dieser Zeit als Indien-Korrespondent für den Spiegel. Als im Spätsommer 1997 Mutter Teresa stirbt, erhält Kracht die Meldung von einem Mitarbeiter. Was dann geschieht, kann man in einer Illustrierten nachlesen. Er habe, so heißt es hier, die Nachricht bekommen, „als er gerade auf seiner Terrasse in Neu-Delhi eine Tasse Orange Pekoe genoss? (Kobes 2001: 82), er habe sich gestört gefühlt und beschlossen, die Hauptredaktion nicht zu informieren. Dies blieb natürlich nicht unbemerkt, und man trennte sich von dem Indien-Korrespondenten mit seinem Desinteresse an den Konventionen der Themenselektion und den Spielregeln des Nachrichtenjournalismus. „Heute ärgere ich mich“, so wird Christian Kracht zitiert, „über diesen plumpen Versuch, das große Nachrichtenmagazin auszutricksen.? (Zit. nach Kobes 2001: 82).

Diese Episode ist, unabhängig von der Frage ihres faktischen Gehalts, in mehrfacher Hinsicht eine Schlüsselgeschichte: Sie ist gewollt originell, ihr Wahrheitsstatus erscheint unsicher und sie illustriert zentrale Merkmale des deutschsprachigen New Journalism: radikale Subjektivität, notfalls unter Verzicht auf thematische Relevanz, ein Aktualitätsbegriff, der sich nicht allein über die Zeitdimension definiert, die dominante Präsenz des Autors, des journalistischen Ichs. Der Protagonist der Geschichte, der, wie er an anderer Stelle behauptet, den „Jammertod der Mutter Teresa? (Bessing et al. 2001: 184) so gerne verheimlichen wollte, war lange Zeit einer der bekanntesten Schreiber der Zeitschrift Tempo.

(...)

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Bernhard Pörksen


Bernhard Pörksen, Jahrgang 1969, ist Professor für Medienwissenschaft in Tübingen. 2008 wurde er zum "Professor des Jahres" in der Kategorie Geistes-, Gesellschafts- und Kulturwissenschaften gewählt.
Website des Autors
Dokumente
Tempojahre (pdf)

erschienen in:
Grenzgänger. Formen des New Journalism,
am 01.01.2008

 

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