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Matthias Thieme „Nerven aus Stahl

Kapitalgeschäfte sind in den Medien oft gesichtslose Prozesse, Akteure meist anonyme Gruppen. Handelnde Individuen treten selten in Erscheinung, und wenn einmal eine Finanzmarkts-Geschichte an einem Menschen festgemacht wird, dann an einem Top-Banker. Oder vielleicht an einem frisch gebackenen Würschtlesbuden-Manager, der jetzt eben die Currywurst und nicht mehr die großen Transaktions-Räder dreht.

Gäbe es Klaus Zumwinkel nicht, hätte auch die Welle von aufgedeckten Steuerhinterziehungen kein Gesicht gehabt. Das macht den Text von Matthias Thieme von der Frankfurter Rundschau so lesenswert: denn Thieme hat einen Akteur gesucht und gefunden, auf den man zunächst einmal nicht kommt, nämlich einen Schwarzgeldboten, im Text Jochen Tabert genannt. Tabert arbeitete zehn Jahre lang als Geldbote für eine Gestalt aus der Halbwelt und schaffte Schwarzgeld von Deutschland über die Grenze in die Schweiz und dort auf anonyme Nummernkonten.

Thieme hat mit Tabert einen Menschen beschrieben, der stets im Verborgenen agiert hat und auch heute noch anonym bleiben muss. So gut es unter diesen Umständen eben geht, hat er der Steuerhinterziehung mit seinem Text ein weiteres Gesicht gegeben. Und das mit gutem Grund, denn ohne Männer wie Tabert würde das gesamte System von Steuerhinterziehungen schnell zusammenbrechen. Matthias Thieme macht daraus keine aufgeblasene Geschichte, nichts Heischerisches. Er beschreibt einfach nur, was Tabert getan hat, ohne stilistische Tricks, ohne dramaturgische Kniffe. Und man liest bis zum Ende.

Nebenbei erscheint die massenhafte Steuerflucht, die mit dem Ankauf von Daten Lichtensteiner Banken aufgeflogen ist, so plötzlich in einem ganz anderen Licht: Um Steuern in großem Maß zu hinterziehen, braucht man mehr als bloß bösen Willen. Eine Reihe von Helfern ist nötig, nicht nur Steuerberater - auch Dienstleister wie Jochen Tabert für das Drecksgeschäft.

Sandro Mattioli, Rom

Manchmal wacht Jochen Tabert* nachts auf und ist wieder in diesem Film, der einmal sein Leben war. Dieser schnellen Abfolge aus Flughäfen, Hotels, Autobahnraststätten, kleinen Grenzübergängen und feinen Bankschaltern. Der schweizerischen Welt der Diskretion einerseits. Andererseits aber auch der Halbwelt seiner Auftraggeber mit den Momenten außer Kontrolle, die ihn das Leben hätten kosten können.

Zehn Jahre lang war Tabert Schwarzgeldkurier, hauptberuflich, rund um die Uhr. Sehr erfolgreich und sehr diskret. Mit einem straffen Terminplan ist er wie ein Manager zwischen den Schauplätzen der Geldwäsche hin und her gependelt. Hamburg, Barcelona, Zürich, Mailand, Como.

Wenn er jetzt nachts so daliegt und über sein früheres Leben nachdenkt, dann ist Tabert wieder der unauffällige junge Mann, der quer durch Europa hetzt. Der nach außen hin wirkt wie ein Geschäftsmann auf Reisen, ausgestattet mit Visitenkarten, die ihn seriös erscheinen lassen sollen. Der aber in Wahrheit jahrelang nur einen Auftrag hat: fremdes Geld in die Schweiz zu bringen. Sehr viel Geld. Immer cash, nie versteuert. Haufenweise, säckeweise Schwarzgeld.

Tabert hat ein pragmatisches Verhältnis bekommen zu den Geldmassen in all den Jahren. Die Bündel Scheine mussten transportiert werden. Das ist zunächst einmal ein physisches, ein Mengenproblem.

*Name geändert


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Matthias Thieme


Matthias Thieme (36) arbeitet als Reporter in der Politikredaktion der Frankfurter Rundschau. Er studierte Politikwissenschaften in Marburg und Berlin. Für seine Recherchen zur „Unicef-Affäre“ wurde Thieme 2009 mit dem Wächterpreis der Tagespresse ausgezeichnet, für Artikel zur Landespolitik mit dem Hessischen Journalistenpreis.
Dokumente
Nerven aus Stahl (PDF)

erschienen in:
Frankfurter Rundschau (FR),
am 25.03.2010

 

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