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01.07.16

Diskussion

Claudius Seidl „Die Verniedlichung der Welt

Es kann nicht ganz verkehrt sein, wenn Journalisten gelegentlich die Redaktionszimmer verlassen und hinausgehen, an die frische Luft, oder hinein in Räume, die nicht ausdrücklich als ihre Arbeitsplätze definiert sind - und am besten tun sie das, nachdem sie sich zwei, drei Gedanken darüber gemacht haben, was eigentlich die Frage sei, auf welche sie da draußen, in der sogenannten wirklichen Welt, im Glücksfall eine Antwort finden könnten. Wie so ein Glücksfall aussieht, das war neulich auf der Seite Drei der "Süddeutschen Zeitung" zu lesen, wo die Frage anscheinend geheißen hatte: "Wer ist denn dieser Louis van Gaal". Und die Antwort, welche die Wirklichkeit, der Trainer des FC Bayern und zwei kluge Autoren darauf fanden, hatte nicht bloß mit der Meisterschaft des Münchner Fußballklubs zu tun; es ging vor allem um die Meisterschaft des Trainers im Umgang mit Menschen und die Meisterschaft der Autoren im Umgang mit ihrem Material, und insofern ging der Text auch jene Leser an, die sich fürs Fußballvereinsleben lieber nicht interessieren wollen.


Andere Journalisten, das muss hier kurz erwähnt werden, haben anderes zu tun, sie gehen, nur zum Beispiel, ins Kino, lesen Bücher, verlieren sich fast im Internet. Und manche sitzen einfach da, schauen der Zeit beim Vergehen zu und hoffen, dass noch vor dem Redaktionsschluss der klare, neue, analytisch scharfe Gedanke endlich aufscheint auf dem Radar der Assoziationen. Man nennt die Texte, die dabei erarbeitet und manchmal auch erkämpft werden, Rezensionen, Essays, Leitartikel. Und für jene Texte, die ohne frische Luft und den Versuch, der Wirklichkeit ein paar Aussagen abzuringen, nicht zu haben sind, hat sich der Begriff "Reportage" etabliert, über den sich, weil er ein bisschen prätentiös klingt, schon Tucholsky lustig machte (er nannte das Genre "Reportahsche").


Wir haben aber keinen anderen Begriff, und dass das Genre, das er zu bezeichnen versucht, als das beste, schönste, teuerste Gefäß für Journalistensätze gilt; dass die Reportage überall dort, wo Journalismus gelehrt oder mit Preisen geehrt wird, für das anspruchsvollste aller Genres gilt: Das hat, um auch das einmal klarzustellen, mit dem sogenannten rasenden Reporter Egon Erwin Kisch wenig oder gar nichts zu tun. Kischs Texte, wenn man sie heute wiederliest, sind selten Beiträge zur Wahrheitsfindung und umso häufiger Ressentiment, Ideologie, Propaganda. Für das hohe Prestige der Reportage sind andere verantwortlich, Hans Ulrich Kempski beispielsweise, der, zu einer Zeit, da sich das kein anderer traute, die großen Gesten und die großen Worte der Mächtigen dadurch unterminierte, dass er die kleinen, beiläufigen, scheinbar unwichtigen Beobachtungen wichtiger nahm. Oder Herbert Riehl-Heyse, der Relativsatz an Relativsatz lehnte, einen Konjunktiv durch den nächsten Konjunktiv in Frage stellte, bis der Leser merkte, was für eine fragile und vorläufige Konstruktion dieses Ding war, das ihm die offiziellen Stellen als amtliche Wirklichkeit oder öffentliche Meinung verkaufen wollten. Oder Marie-Luise Scherer, die beim Protokollieren ihrer Beobachtungen so skrupulös war in der Wahl ihrer Begriffe, so anspruchsvoll, wenn sie nichts, was einer Floskel, einer gebräuchlichen Wendung, einer vorgestanzten Formulierung auch nur aus der Ferne ähnlich sah, hineinließ in ihre Prosa - was dazu führte, dass ihre Texte nicht nur die Schwafler und Wichtigtuer unter den Kollegen beschämten; sie hatten auch eine Intensität, welche selbst die besten belletristischen Texte äußerst selten erreichen, weil diese Energie nur beim Zusammenprall von tatsächlich angeschauter und erlebter Wirklichkeit mit extrem genauen Begriffen entsteht.


Es gab und gibt in diesem Genre immer wieder Texte, die liest einer, und dann kommt es ihm vor, als hätte jemand die Gardinen weggezogen, die Scheiben der Wahrnehmung geputzt, die Fenster weit aufgerissen - ein Effekt, den man nicht verwechseln darf mit der populären Illusion, ja der Lüge, wonach die Reportage ihren Lesern die Welt (also zum Beispiel die Bundeskanzlerin oder die Karriere eines Serienkillers, um ein paar geläufige Sujets zu nennen) so zeige, "wie sie wirklich ist". Nein, auch Reportagen sind aus Sprache gemacht, nicht aus Fleisch, Blut oder quietschenden Autoreifen, und gelungen ist eine Reportage nicht etwa dann, wenn man den sonderbaren Umstand, dass es doch bloß Wörter sind, fast vergisst. Sondern wenn ihre Wörter das Gegengift zu allen gerade üblichen Sprachregelungen und Verabredungen sind.


Es gab und gibt immer wieder Reportagen, die liest einer und erfährt darin, dass das Gelingen dieser Texte nicht bloß am Talent hängt, nicht bloß an der von Gott, dem Schicksal oder den Eltern geschenkten Fähigkeit, auf der Tastatur des Laptops einigermaßen schwungvoll und gefällig herumzuklimpern.


(Und der populäre Ein-Satz-Absatz, der immer drin ist in solchen Reportagen, wäre, was für schlechte Klavierspieler das Pedal ist: der Versuch, banalen Klängen mehr Wirkung zu verschaffen.)


Nein, das Gelingen ist gewissermaßen auch ein ethisches Problem - es fordert eine fast schon asketische moralische Strenge gegenüber all den Versuchungen, mit den Mitteln der Sprache zu blenden, zu bluffen, zu tricksen. Gegen die Versuchungen des Bescheidwissens, des Allesdurchschauens, des Alleserklärenkönnens.


Erstaunlicherweise macht man solche Erfahrungen aber zuallerletzt bei jenen Reportagen, die für Reportagepreise nominiert sind oder diese Preise gewinnen - was, einerseits, insofern völlig unwichtig ist, als die Einzigen, die sich für Journalistenpreise interessieren, die Journalisten sind. Und weil aber andererseits mit den meisten dieser Preise nicht nur eine Summe verbunden ist, sondern auch Prestige, zumindest bei den Kollegen; weil der Marktwert des Gewinners immer steigt; und weil der Gewinner von heute so häufig in der Jury von morgen sitzt, deshalb reproduzieren sich die Formen und Floskeln, die Missverständnisse und Halbwahrheiten immer wieder selbst und bringen etwas hervor, das zu den Eigenheiten gerade des deutschsprachigen Journalismus gehört: Preisträgerprosa, Preisträgertexte, Preisträgerformen.


Man möchte, wenn man das gelesen hat, Glückwunschtelegramme an Leitartikler und Buchrezensenten schreiben und ihnen ausdrücklich dafür danken, dass sie sich all die Einfühlungsfloskeln versagt haben, die Stimmungsmalerei, den Impressionismus.


Und die Ein-Absatz-Sätze.


Und man sieht, wenn man sich ein paar der Preisträgertexte genauer anschaut, ziemlich bald, dass das Missverständnis, das all den Prätentionen zugrunde liegt, offensichtlich der forcierte Kunstwille ist, der Glaube also, dass die Reportage, weil sie Geschichten erzähle, nicht bloß eine Anwendungsform des Journalistenhandwerks sei, sondern zugleich eine Kunst, eine Untergattung der Literatur.


"Eine schöne Geschichte", so muss man sich das wohl vorstellen, sagt ein Juror zum anderen, wenn sie diese Reportage aus der "Zeit" preisen, über den Serienkiller und den Kommissar, dem der Killer all seine Verbrechen gesteht, die Reportage also, welche im Winter den sogenannten Reporterpreis gewann - und offenbar mag sich keiner eingestehen, dass eine Ästhetik, die alles erklären, begründen, einsortieren kann, eine Ästhetik, die also zugleich alles Unverstandene und Unversöhnte, alles Unerklärliche und Unsagbare ausschließt, eine Ästhetik, in der wirklich jedes Phänomen den Begriff findet, der wie ein Deckel darauf passt, dass so etwas die Ästhetik von bemalten Tellern und selbstgetöpfertem Regalschmuck ist.


So harmlos.


Toll geschrieben, denkt man sich, wenn man das Kanzlerinnenporträt aus dem "Spiegel" liest, das am Freitagabend für den Kisch-Preis nominiert war, und es liest sich ja sehr flüssig bis zu dem Moment, in dem es dem Leser auffällt, dass der Autor sich die Freiheit nimmt, in nahezu jeden Kopf, der im Weg herumsteht, hineinzukriechen und von dort drinnen zu berichten, wie es sich so denkt und fühlt in diesem Kopf. Das, ein äußerst populäres Verfahren in der Preisträger- und Nominiertenprosa der vergangenen fünf, sechs Jahre, sieht auf den ersten Blick so aus wie echte Literatur. Und ist noch nicht einmal seriöser Journalismus. Wenn schon die Schlagzeile "Regierung will Steuern senken" ungenau ist, weil wir Journalisten nicht wissen können, was die Regierung wirklich will; wir wissen nur, was sie sagt, dass sie wolle - dann ist die Behauptung, einer wisse, was ein anderer denke, ein Bluff und eine Hochstapelei. Und wenn es Literatur wäre, dann wäre es trivial. Richtige Literatur versagt es sich, die Gedanken sämtlicher Figuren zu lesen.


Und genau das ist das Problem mit den Preisträgerreportagen: Sie wollen Literatur sein, sie weigern sich aber, das Kleingedruckte zur Kenntnis zu nehmen. Keine Selbstreflexion, kein Bewusstsein davon, dass es jenseits der Sätze das Unsagbare geben könnte, jenseits der Psychologie das Unerklärte. Eine Geschichte hat einen Anfang, und am Schluss laufen alle Stränge des Erzählens wieder zusammen. Ein Abgrund heißt Abgrund, und wer hineinschaut, sieht, wie das Schicksal mit Playmobilfiguren spielt. So ein Preisträgertext geht mit dem Serienkiller zum Kaffeetrinken und mit der Kanzlerin zum Schwimmen im See, und Gedanken, die man lesen kann, tun keinem richtig weh.


Aber weh tun soll es auch nicht. Hauptsache, die Leser gucken betroffen. Oder wenigstens die Juroren von Reportagepreisen.


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Claudius Seidl


Claudius Seidl wurde am 11. Juni 1959 in Würzburg geboren. Abitur 1977 in Bamberg. Studium in München, Theaterund Politikwissenschaft; Volkswirtschaftslehre zum Ausgleich. Genauso wichtig war das Studium der Filmgeschichte im Münchner Filmmuseum bei Enno Patalas. Erste Filmkritiken 1983 in der „Süddeutschen Zeitung“, seit 1985 auch in der „Zeit“. 1990 Eintritt in die Redaktion des „Spiegels“, als Chef eines kleinen Ressorts, das sich mit populärer Kultur befasste. 1996 Wechsel zur „Süddeutschen Zeitung“ als stellvertretender Feuilletonchef. Seit 2001 Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Bücher über den deutschen Film der fünfziger Jahre, über Billy Wilder, Uschi Obermaier, das barbarische Berlin und die Frage, warum wir nicht mehr (oder ganz anders) altern.
Dokumente
Die Verniedlichung der Welt (PDF)

erschienen in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung,
am 09.05.2010

 

Kommentare

Trisha, 25.04.2016, 09:05 Uhr:

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