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Prämierte Texte

Barbara Supp „Das Feuer der Wut

Für diese Reportage war der Autor für den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2010 vornominiert. 

Das Feuer der Wut



Sie kennt den Hass der jungen Männer, jahrelang hat sie in der Vorstadt den Terror bekämpft. Jetzt in der Krise brodelt es wieder - und Fadela Amara sitzt im Kabinett von Nicolas Sarkozy. Sie soll für Ruhe sorgen in den Ghettos. Und die Frage klären: Hilft Politik gegen Gewalt?



Von Barbara Supp, DER SPIEGEL, 30.3.2009



Sie reichen jetzt den Kanister herum, von Hand zu Hand geht er bei Anwälten, Richtern, Geschworenen, wie viel fasst er genau, fünf Liter? Gut, also fünf Liter Benzin. Auch den Schal schauen sie sich an, den Scheherezade trug, als sie brannte, getränkt mit diesen fünf Litern. Entzündet von Amer.

Scheherezade war lebhaft, funkelnd, lebenslustig, sie war 18 Jahre alt.

An diesem Morgen, im Gerichtssaal von Bobigny, saß sie lange unbeweglich mit dem Rücken zur Öffentlichkeit, sehr still, aber dann sieht sie diesen Kanister und den Schal und weint jetzt doch. Langes dunkelbraunes Haar hat sie über das halbe Gesicht gezogen, über die schlimmere Seite. Die andere zeigt sie, wenn sie es schafft, zu Amer hinüberzusehen.

Sie ist Scheherezade Belayni, partie civile im Prozess gegen Amer Butt, der einmal ihr Liebster war. Sie ist das Opfer, die Nebenklägerin hier im Justizpalast von Bobigny, im rauen Nordosten von Paris, begleitet wird sie von einem Dutzend Frauen, viele maghrebinische Gesichter, afrikanische, man tätschelt ihr die Schulter, streicht übers Haar. Sie soll durchhalten. Man hat ihr gesagt, dass das Politik ist, was hier verhandelt wird, nicht nur persönliche Verzweiflung. Sie sitzt hier nicht nur für sich selbst, hat man ihr gesagt, sondern für die Frauen der Vorstädte, für die Frauen Frankreichs, manche sagen: für alle Frauen.

Sie ist "nicht Hure, nicht Unterworfene". Ni putes, ni soumises, so heißt die Organisation, die Scheherezade betreut und die sie zur Ehrenvizepräsidentin ernannt hat, eine berühmte Organisation in Frankreich, gegründet von einer Frau aus der Vorstadt, die jetzt eigentlich hier sein müsste, aber sie kann nicht. Sie hat zu tun. Oder ist sie schon zu weit weg?

Fadela Amara ist jetzt Staatssekretärin für Stadtpolitik, im rechten Kabinett von Nicolas Sarkozy, eine Linke, eine von ihnen. Oder jetzt nicht mehr?

"Links? Selbstverständlich bin ich links. Selbstverständlich!"

Place de Fontenoy, leicht gebogene Fassade, großbürgerlicher Bau aus den dreißiger Jahren, darin das Sekretariat für Stadtpolitik und Fadela Amara, geboren 1964 in einer Vorstadt von Clermont-Ferrand, sechs Brüder, drei Schwestern, Tochter eines algerischen Berbers, der in den fünfziger Jahren zum Geldverdienen nach Frankreich kam. Eine von ganz unten, kein Studium, kein Abitur, eine militante, so nennt man in Frankreich die Straßenaktivisten. 2005 marschierte sie mit Ni putes durch Neuilly-sur-Marne, für Scheherezade, die im Koma lag und von der niemand wusste, ob sie leben würde oder sterben. Und jetzt, als der Fall Scheherezade endlich verhandelt wird, sitzt Fadela nicht im Gerichtssaal, sondern in der Regierung von Nicolas Sarkozy.

Von Sarkozy, der damals, vor dreieinhalb Jahren, als Frankreichs Vorstädte brannten, das Wort "Abschaum" ausspie und den "Kärcher" empfahl, den Hochdruckreiniger, um die Ghettos zu säubern.

Sie wollten die Welt verändern, Madame Amara, oder die Vorstädte wenigstens, wie soll das gehen mit Sarkozy, gegen den die Leute auf die Straße gehen, der die Ghettos gegen sich mobilisiert hat? Ausgerechnet mit Sarkozy?

"Sie reden vom ,Kärcher'? Ich bin dafür. Ich bin dafür, den ganzen Mist, die ganze merde, aus den Ghettos rauszufegen, das alles, was dort nicht funktioniert."

Fadela Amara ist eine der drei Politikerinnen mit Migrationshintergrund, die Sarkozy in die Regierung bat. Sie ist nicht wie Rachida Dati, die schicke Justizministerin, nicht wie Rama Yade, die schöne schwarze Staatssekretärin für Menschenrechte, sie ist - nun ja, anders. Kleine Gestalt im irgendwo gekauften Hosenanzug, die Haare schmucklos nach hinten geknotet, entschiedener Tonfall, gerader Blick, ein Mund, der kein schnelles Lächeln verschenkt. Sie empfängt auf cognacfarbener

Sitzgarnitur hoch über Paris, in diesem Winter, da die Zweifel wachsen an Sarkozy und auch an ihr, seiner seltsamen Alliierten, dieser Frau aus einer anderen Welt.

Morgens war Ministerrat, mittags ein Essen mit einem Kabinettskollegen, jetzt ist es Abend, man schaut auf den Arc de Triomphe, Paris funkelt, Bobigny ist jetzt sehr weit weg und Clermont-Ferrand noch viel weiter und dessen Vorstadt Herbet, ein Arbeiterviertel, dort wurde Fadela groß. 90 Prozent Immigranten aus Algerien, in der Schule ließen sie es einen spüren. Aber in der Schule lasen sie auch "Le Petit Prince". Sie mochte das, so hat sie es mal in einem autobiografischen Text beschrieben, sie war in der République française geboren und damit automatisch Französin und sah sich auch immer so.

Mit einem zwiespältigen Verhältnis zur Staatsmacht allerdings. Wenn sich die Polizei im Viertel zeigte, dann meist für Razzien, Festnahmen, die Polizei galt in ihren Kreisen als eine Macht, die kam, um die Leute zu terrorisieren. Als sie 14 war, wurde ihr kleiner Bruder Malik von einem Betrunkenen überfahren und starb. Und sie war dabei, als Polizisten ihre vor Kummer schreiende Mutter und ihren Vater beschimpften, "dreckige Araberärsche", das blieb im Kopf.

Es war eine Welt, in der Mädchen den Haushalt machten, und Jungs durften alles, der Älteste vor allem, so war es auch bei Fadela daheim. Mädchen mussten geheiratet werden, sonst zählte nichts. Aber ein Mädchen konnte manches unternehmen damals, solange es diskret genug war und Jungfrau blieb. Mädchen schminkten sich und trugen Röcke, als Fadela jung war. Es war nicht so, dass man sich in Luft auflösen sollte draußen, unter einem Schleier verschwinden oder gar nicht mehr existieren - so war es nicht. Das kam erst später.

Die ganze merde: Wie die Väter in den neunziger Jahren massenweise ihre Jobs verloren und damit die Autorität, sie hat es erlebt. Wie die Macht an die ältesten Söhne überging, an Söhne, die drinnen verwöhnt wurden von den Müttern und außerhalb der Viertel gar nichts waren, die sich das nahmen, was ihnen blieb: die Macht über Frauen. Wie dieses Ghettogefühl, diese Diktatur der Brüder entstand, wie sie die Kontrolle über den Körper der Mädchen übernahmen, erst über den der Schwestern, dann über den der Mädchen im Viertel - keine Röcke mehr, keine engen T-Shirts, kein Make-up. Ein Gesetz des Ghettos trat in Kraft, dessen erste, unumstößliche Regel heißt: Eine Frau tut, was man ihr sagt.

Das war die Zeit, als Fadela, die damals Sozialarbeiterin war und immer häufiger mit Mädchen auf der Flucht vor Gewalt zu tun hatte, zu wünschen begann, es gäbe eine Polizei, die für Sicherheit sorgte. Aber die spielte in den harten Vierteln keine Rolle mehr. Dafür die Radikalen. Die Brutalen. Und dann auch die Religiösen, die fundamentalistischen Prediger, sie nutzten die Gunst der Zeit.

Die Mädchen - sie haben sich unterworfen. Haben Techniken entwickelt, im eigenen Viertel unsichtbar zu sein, im Schatten der Mauern gehen, zu Boden schauen, weil ein offener Blick schon heißen kann: Hure. Pute. Und draußen in der freien Stadt ziehen sie sich das Kopftuch vom Haar. Oder sie übernehmen den Islam der Fundamentalisten und tragen den Schleier wie eine Standarte, er bringt Respekt, endlich, den Respekt für eine fromme Frau.

Oder sie rebellieren und nehmen sich das Recht heraus, nein zu sagen, so wie die 17-Jährige in Vitry-sur-Seine, die im Herbst 2002 lebendig verbrannt wurde, weil sie sich nicht an die Regeln des Ghettos hielt. Ein Mord, der zum Auslöser wurde für die Gründung von Ni putes, ni soumises, unter den Drohungen der Blockwarte und Ultrareligiösen. Es gab Mordaufrufe gegen Fadela Amara. Es gab aber auch Streit mit Teilen der Linken, die doch eigentlich, sagt sie, ihre "politische Familie" ist. Es gab jene Fraktion, die den Marsch der 20 000 Mädchen durch Frankreich und die neue Frauenorganisation als Stigmatisierung der Immigranten verstand.

Richtig Krach gab es schließlich, als sie Sarkozys Angebot annahm. Die Frau, die immer gepredigt hat, dass Frauen nein sagen können, sagt plötzlich ja. Ihre Organisation hat es fast zerrissen, es gab Austritte, Beschimpfungen, Gegenkomitees, das Ghettomädchen lässt sich zur Ghettoministerin machen, was will Fadela dort - Geld? Karriere? "Die waren von einem Teil der Sozialisten funktionalisiert", sagt kühl das Kabinettsmitglied Amara.

Es ist ein seltsames Kabinettsmitglied, eines, das sozialistische Stadträtin war und jahrelang militante, bis eines Tages das Telefon klingelt, und der Leiter des Präsidialamts ist dran und fragt: Na, wie wär's?

Ein Fehler, es zu versuchen? Ein Fehler, es nicht zu probieren?

Das Kabinett zum Tanzen zu bringen - eine reizvolle Vorstellung, unbedingt. Eine Dosis wahres Leben ins Kabinett zu holen - die Sozialisten, sagt Amara, "haben uns ja nie gewollt". Uns: die Immigranten. Und Sarkozy wollte. Was macht man da? Man sagt ja und gibt bekannt, dass man Sarkozy nicht gewählt habe, und man werde das auch beim nächsten Mal nicht tun. Und schimpft gleichzeitig mit großer Leidenschaft auf die Parti socialiste.

Nicht auf die Basis. Aber auf die Führung jener Partei, die früher Wohnblocks in die Landschaft knallte, hier habt ihr Gleichheit für alle, euer Arbeiterparadies, und die diese Viertel zu Ghettos verkommen ließ, die Geld ausgab und Pläne, Pläne, Pläne hatte und jahrzehntelang dafür sorgte, dass nichts geschah. Jene "linken Eliten", bourgeois und hochschulgebildet, die keine Ahnung haben, wie dort, wo man kein Hermès-Parfum in der Nase hat, die Wirklichkeit riecht.

Man muss ihr nicht begegnen, dieser Wirklichkeit, sie spielt weit ab von Champs Elysées und Quartier Latin, aber manchmal bricht sie sich Bahn und dringt in die Nachrichten vor. So wie in diesen kalten Tagen, als in Bobigny verhandelt wird über Liebe, Ehre, Gewalt in der Vorstadt, über die Geschichte von Amer und Scheherezade.

Scheherezade ist jetzt 21, groß, mit immer noch funkelnden Augen, wenn sie lacht, manchmal kommt das vor. Manchmal zeigt sie die linke Wange, als wäre da nichts Besonderes, nicht die Narbenwülste, nicht die Spuren der Chirurgie. Die Ärzte haben gut gearbeitet, aber sie mussten stückeln, verpflanzen, nähen. Kosmetik hilft. Es gibt eine grünliche Creme, die das Rot der Narben umwandeln kann in ein unauffälliges Beige.

Scheherezade: ein Kind aus marokkanisch-französischer Familie, keines von jenen, die sich ducken, kein Kopftuch, dafür Schminke, Schmuck. Vor dreieinhalb Jahren stand sie in der Handelsschule kurz vor dem Fachabitur. Am Wochenende jobbte sie in einem Modeladen, dort arbeitete auch Amer.

Amer: ein schmaler Junge mit Koteletten, der nach unten starrt, 28 ist er jetzt, wie ein sanfter Student sieht er aus, wie einer, der keine Probleme macht und gewohnt ist, zu tun, was man ihm sagt.

In Pakistan geboren, mit seiner Familie lebte er dort, bis er 14 war, nur der Vater war längst weg, in Europa. Amer: Gehätschelt und geliebt, einziger Sohn mit drei Schwestern, nicht der Älteste, aber so muss er sich gefühlt haben, sagt ein Psychiater im Gerichtssaal von Bobigny.

Der Vater holt die Familie nach Frankreich, Amers Welt zerbricht. Er muss sich einer Autorität fügen, der des Vaters, und in der Schule hat er jetzt Mühe, den Abschluss schafft er nicht. Er trödelt. Hilft im Lokal des Vaters, unterliegt wieder dessen Autorität. Dann dieser Job im Kleiderladen und Scheherezade - die Liebe seines Lebens, erzählt er jedem, er will sie haben, haben, haben, zur Frau nehmen, sein Vater ist dagegen, ihrer auch.

Sie mag ihn. Aber sie will nicht verheiratet sein, mit 18. Sie sagt es ihm, aber er will nicht hören.

Will sich endlich durchsetzen gegen seinen Vater. Hält um ihre Hand an bei ihren Eltern, schön angezogen, ein Geschenk hat er dabei. Sie empfangen ihn auf dem Treppenabsatz und sagen nein, brüllend, erzählt Scheherezades Vater später, habe Amer sich auf dem Boden gewälzt, die Nachbarn kamen schon, dann zog er endlich ab.

Er ging zu Drohungen über, erzählen Zeugen, Freunde von Amer und von Scheherezade und Scheherezade selbst: Sale connasse. Ich werde dich strafen, du wirst es spüren, du wirst immer an mich denken. Ich werde dir zeigen, dass ich ein Mann bin, und meinen Freunde auch.

Amer sagt: "Niemals habe ich ihr weh tun wollen, niemals!"

Ein Sonntag im November 2005: Amer bricht morgens auf, küsst seine Mutter, sagt ihr, er habe etwas zu erledigen. Findet Scheherezade in der Nähe ihrer Wohnung, steigt aus dem Auto, nimmt das Benzin, schüttet es über ihren Kopf, sie rennt, er läuft hinterher, er hat ein Streichholz, dann ist sie ein schreiendes, brennendes Bündel, und er ist ein Mann auf der Flucht.

Gesicht, Bauch, Thorax, Arme, Beine. Es ginge schneller, sagt im Zeugenstand ein medizinischer Experte, das aufzuzählen, was nicht verbrannt war an Scheherezades Körper; vom Feuer erfasst waren, sagt er, 70 Prozent.

Erst konnte sie den Kopf nicht mehr heben, das geht jetzt wieder. Die linke Hand funktioniert nicht gut. Sie braucht Hilfe beim Schnürsenkelbinden, Jackezuknöpfen, BH-Schließen, Zahnpastaaufschrauben, Obstschälen, Nägelschneiden, Wasserflaschenaufdrehen.

Amer schaut zu Boden. Er leugnet nicht. Warum er es getan habe, das wisse er nicht. Kurz sieht es so aus, als ob er weint.

Auf dem Korridor vor dem Gerichtssaal wird Scheherezade von Kameras umdrängt, sie weint, wird umarmt, nicht immer jagen ihre Beschützerinnen die Fernsehkameras weg. Dies hier ist ja nicht nur Scheherezades Geschichte, es ist Politik. Sihem Habchi ist nun zu sprechen, eine geschäftige Person mit dunklen Locken und besorgten Augen, die Präsidentin von Ni putes, die Nachfolgerin von Fadela Amara. Sie hofft, sagt sie, es geht ein Signal aus von diesem Prozess. Sie hofft, dass die Gerichte gelernt haben durch die Proteste, die Anklagen auf der Straße, sie hofft, dass dies nicht als crime passionnel abgetan wird, als Straftat im Affekt, sondern als das behandelt wird, sagt sie, "was es ist: versuchter Ehrenmord".

Straßenpolitik, die Politik von Sihem Habchi und Ni putes, ni soumises, kann keine Gesetze beschließen, kein Geld verteilen, sie lebt von der Anklage, der Revolte, der Wut. Lebt von Bildern und davon, Geschichten zu erzählen. Scheherezade ist das Mädchen, das gewagt hat, nein zu sagen, Amer der Junge, der das als Ehrverletzung erlebt. Das Private ist politisch und öffentlich. Straßenpolitik muss nicht immer angenehm sein. Scheherezade steht auf dem Korridor, von Kameras umringt, man fragt sie: "Sind Sie sich dessen bewusst, ein Symbol zu sein?" Sie schweigt. Ja, sagt sie dann. Und schweigt.

Auch Regierungspolitik braucht Geschichten, Fadela Amara ist eine, eine ziemlich gute sogar. Aber sie ist jetzt dort, wo man auch Geld verteilen und Gesetze machen kann, sie ist Madame la Ministre, Sarkozys interessanteste Wahl.

Sarko - ein Spieler, ein zappelnder kleiner König, der weiß, dass die Vorstädte jederzeit wieder explodieren können, er integriert ein bisschen Wut, sucht sich ein Kind der Vorstadt, als Hofnärrin? Ist es das?

Madame Amara lächelt jetzt, zum ersten Mal. Doch, ja, sie bemühe sich, die Codes zu erlernen, wie man sich gibt bei Hofe, was man wo sagt und wie. In der Assemblée nationale benimmt sie sich sehr. Aber sie spricht - anders, gelegentlich jedenfalls. Merde. Dégueulasse. Sie will nicht wohnen, wie es von ihr erwartet wird, hat das Staatsappartement im 7. Stock des Ministeriums verweigert und blieb in ihrem Wohnblock im 13. Arrondissement. Sie genießt es, wenn man sie als Opposition innerhalb der Regierung bezeichnet, wie lange geht das gut?"Sarko weiß, dass ich eine Nervensäge bin."

Mit dem Präsidenten, sagt sie auf ihrem cognacfarbenen Sofa, habe sie eine "sehr spezielle" Beziehung. Sie schaut darüber hinweg, dass er den Kündigungsschutz lockern ließ und hohe Entlastungen für die Reichen durchbrachte, und bezeichnet seine Politik als "progressiv". Er steht hinter ihr, so gut er kann. Im Kabinett, sagt sie, sind die Reaktionen geteilt. Manche haben sie "mit tiefem Argwohn" betrachtet. Andere genießen den neuen Ton.

Das Kabinett zum Tanzen bringen - natürlich will sie alles anders machen als alle anderen davor. "Hoffnung für die Vorstädte", so heißt ihr Konzept, es soll wiedergutmachen, was 30 Jahre lang versäumt wurde. Sie will "die Rückkehr der Republik" in die Banlieue. Mit Verkehrsanschluss für die abgehängten Viertel, mit Stadtsanierung, mit staatlich finanzierten Job-Programmen, mit Bildungsförderung vor allem für Schulabbrecher - viele von denen, die Ärger machen, sind ja in der Schule gescheitert wie Amer, der Angeklagte von Bobigny.

Das alles kostet, und ihr Budget ist nicht üppig. Dafür sind alle irgendwie zuständigen Minister verpflichtet, sich Programme für die kaputten Stadtteile zu überlegen und durchzusetzen - sie sagt, sie mag diese Idee. Wenn nichts passiert, sagt sie, kann sie sich beklagen beim Regierungschef François Fillon oder gleich bei Sarkozy.

Es herrscht Erwartung in den Vorstädten, die Erwartung, dass Fadela Amara nicht sich, sondern die Welt verändert. Die Welt der Vorstädte, wo die Anspannung steigt, die Etablierten wissen es. Der Senatspräsident hat gerade erst gewarnt vor neuen Aufständen, dort, "wo die jungen Leute die Krise am heftigsten zu spüren bekommen". Dort, wo die Leute denken, sagt Fadela Amara, "wenn ich es nicht schaffe als eine von ihnen, wer dann?"

Die Kleinstadt Gagny liegt östlich von Paris, von der Place de Fontenoy aus Richtung Bobigny und dann noch ein gutes Stück weiter, in der Peripherie. Motorradeskorte voraus, dahinter rasend die Staatslimousine, auf der Agenda ein Besuch bei den Wohnblocks von Gagny-Chénay, die Botschaft ist: Es passiert was. Es geht voran. Madame Amara tritt vor, in einem dieser Hosenanzüge, in denen sich Rachida Dati im Leben niemals zeigen würde. Es ist ein blau-weiß-rotes Band zu zerschneiden und eine Plakette zu enthüllen. Es sind ein Sozialzentrum und Sozialwohnungen in Gagny-Chénay zu besichtigen, Amara und der Bürgermeister und ein Trupp von Zuständigen und Mitarbeitern und Journalisten und Honoratioren zwängen sich durch unbewohnte Neubauquartiere, machen Türen auf, schauen in Abstellkammern, ah, das Bad, ja, ja.

Draußen gibt es jetzt Zuschauer, Leute aus dem Viertel, im Hintergrund halten sich ein paar arabisch gekleidete Männer mit bitterem Blick. Dann gibt es Reden auf einem begrünten Podium, der Bürgermeister und die Besucherin loben die hellen, praktischen neuen Wohnungen, und dann kippt alles, dann spricht ein aufgeregter Bärtiger in die Reden hinein, er ist schwer zu verstehen, es klingt wie "Mieterhöhung", "Platz! Mehr Platz", und der Mund Amaras wird streng und immer strenger.

Sie ist es gewohnt, dass jemand dazwischenschreit und kann damit gut umgehen, immer gab es Typen, die sich von Ni putes beleidigt fühlten, Fundamentalisten oder Vorstadt-Machos, sie wird mit solchen Leuten fertig. Ein Problem, sie anzuschnauzen und dann in eine echte Diskussion zu verwickeln, hat sie nicht. Jetzt aber ist sie Abgesandte der Regierung und benimmt sich auch so, der Mann stört den Ablauf, man sieht: Sie mag das nicht.

Fadela Amara gibt dann noch ein paar Frauen die Hand und sagt ein paar Sätze auf Arabisch, zwei stehen da mit enttäuschtem Blick, eine drückt ihr ein Papier in die Hand, sie gibt es weiter an einen Referenten, sie muss jetzt noch zu den Häppchen, dann ist sie fort.

"Sie hat nicht zugehört." Die beiden Frauen, sie heißen Fatima und Fatna und wohnen mit Mann und Kindern hier in diesen Wohnblöcken, sie wollen reden, der Besuch wirkt nach.

Dass sie mit dem Aufgeregten nicht gesprochen hat. Er sollte doch der Vertreter der Mieter aus dem Viertel sein. Dass sie keine Zeit hatte zum Zuhören, Fatima sagt, Fadela Amara habe auf Arabisch "später, später" gesagt, als der Aufgeregte sprach, aber dann war sie weg.

Sie hätten ihr gesagt, dass viele dringend größere Wohnungen brauchen, und gefragt, warum so viele Leute von außerhalb diese schönen neuen Appartements kriegen, und hier im Viertel sitzen sie in ihren engen Löchern herum. Sie hätten gesagt, dass es jetzt keinen Ort mehr gibt, wo die Jungs Fußball spielen können, früher taten sie das dort, wo jetzt die neuen Häuser stehen. Und dass nachmittags nur einmal pro Stunde ein Bus verkehrt, der nach draußen zur Stadt und zur S-Bahn fährt.

Sie würden ihr gern sagen, dass sie viel erwartet hatten von der neuen Ministerin und jetzt nicht mehr. Früher habe sie ihnen besser gefallen. "Sie darf nicht vergessen, dass sie Maghrebinerin ist", sagen sie.

Fadela Amara hat das getan, was Politiker immer machen, Besuch bei den Wählern, Stippvisite im absurden Glauben, so ein Kurzbesuch könne Vertrauen schaffen; ohne Sinn für das Risiko, dass so ein Besuch Vertrauen eher zerstört.

Sie müsste es wissen. Sie hat Politiker oft genug von der anderen Seite, von der Straße aus gesehen. Gagny, Madame la Ministre, was war los in Gagny? Sie überlegt, Gagny, das ist schon drei Wochen her, was war los? "Helfen sie mir." So viele Termine draußen, drei, vier pro Woche, die Agenda ist voll.

Es ist die alte Frage, ob der Marsch durch die Institutionen eher den Marschierer verändert oder die Institution. Sie hat ihr politisches Schicksal geknüpft an Sarkozy, den Unberechenbaren, der einerseits Fadela Amara engagiert und andererseits Sozialarbeiterstellen abbaut und Familienhilfen streicht, der als Innenminister in den Vorstädten Polizisten einsparte und sie jetzt wieder hinschicken will; ein Irrwisch, und es kann schnell vorbei sein mit seiner Gnade, Rachida Dati und Rama Yade, die beiden Kabinettskolleginnen, haben sein Wohlwollen schon verloren.

Es ist nicht angenehm, in den Zeitungen zu lesen, dass Amaras Plan einfach nicht vorankomme. Dass die Situation nicht besser sei als 2005, als die Ghettos brannten. Dass mehr Feuerwaffen benutzt werden, dass ihre "Hoffnung für die Vorstädte" nicht in der Lage sein werde, die Dinge wirklich zu ändern, schon gar nicht an der Seite von Sarkozy.

Jetzt brodelt es wieder, jetzt, in der Krise, und sie gehört nicht mehr dazu. Jetzt demonstrieren Millionen und haben mit ihrem Protest erreicht, dass Sarkozy knapp drei Milliarden mehr für Soziales ausgeben will als geplant. Er hilft, weil die Angst vor dem Aufruhr zündet. Jetzt sieht es so aus, in diesem kalten Vorfrühling 2009, dass der Druck der Straße erfolgreicher sei als der im Kabinett.

Auch von Sarkozy hört man jetzt, in der Banlieue gehe es zu langsam voran. Amara schiebt es auf das Bremsen der Höheren Verwaltung. Und auf jenen Teil der Eliten, "der nicht will, dass Arbeiterkinder erfolgreich sind".

Politik heißt auch, mit Enttäuschungen zu handeln, auch mit den eigenen, und Trennschärfe zu finden zwischen Macht und Illusion. Sie bemüht sich sehr, nicht nach Nostalgie zu klingen, wenn sie über ihr altes Leben spricht, als die Fronten klarer waren und das Territorium, auf dem sie kämpfte, ihr eigenes war. Sie sagt, es klingt ein wenig trotzig, "wir sind auf dem richtigen Weg".

Am Abend nach dem Prozess von Bobigny, Amer ist zu 20 Jahren Haft verurteilt worden, ist Scheherezade zu Gast bei Fadela Amara an der Place de Fontenoy. Zu zweit sitzen sie am übergroßen weißgedeckten Tisch im Staatsappartement, eine Kamera darf kurz dabei sein, zwei Frauen aus der Vorstadt, müde die eine, die andere, die mit den Narben, mit einem neuen Lächeln im Gesicht.

Scheherezade hat gewonnen, und Ni putes, ni soumises hat gewonnen. Und vielleicht auch die Republik.



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Barbara Supp


Barbara Supp, 1958 in Suttgart geboren, studierte in Tübingen Amerikanistik und Romanistik, wurde dann aber doch nicht Lehrerin in Schwaben, sondern besuchte die Henri-Nannen-Schule in Hamburg und ging danach zum SPIEGEL, wo sie heute als Reporterin für das Ressort Gesellschaft schreibt. 1995 erhielt sie für "Herr Bui möchte bleiben" einen Kisch-Preis.
Dokumente
Das Feuer der Wut

erschienen in:
Der Spiegel,
am 30.03.2009

 

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