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Prämierte Texte

Sandra Schulz „Das Leben unter der Brücke

Für diese Reportage war der Autor für den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2010 vornominiert. 

Das Leben unter der Brücke



Die Bauern sollten befreit werden von Armut und Unterdrückung, das war das Ziel von Maos Revolution. 60 Jahre später funkeln die Städte, aber auf dem Land ist das Leben stehengeblieben.



Von Sandra Schulz, DER SPIEGEL, 14.12.2009



Wei hat diese Wut auf Bäume. Jedes Mal, wenn er an die Bäume denkt, überfällt sie ihn, die Wut. Er spricht dann noch lauter, spuckt. Es sprüht aus seinem Mund. Bäume! Was hat sich die Regierung bloß dabei gedacht? Was sollen seine Büffel denn fressen, wenn auf dem Berg Bäume wachsen statt Gras? Und wie soll er sein Feld pflügen ohne seine Büffel? Er rollt Tabak in ein altes Kalenderblatt, raucht, schweigt, das faltige Gesicht im Schatten seines Strohhuts.

Die Büffel sind sein Vermögen, drei besitzt er, dazu ein Schwein, einen Fernseher. Starke, dicke Beine, ein Fell, das nicht in Wirbeln wächst, all das muss ein guter Büffel haben, vor allem aber einen kurzen Schwanz. Denn nur die Kurzschwänzigen, heißt es, arbeiten gut. Wei hat Kurzschwänzige, Wei hat alles richtig gemacht beim Büffelkauf, er schläft sogar über dem Stall, damit ihm niemand die Tiere entführt. Doch jetzt hat ihm die Regierung die Weide verboten, und Wei fühlt sich betrogen um sein Lebenswerk, bedroht in seiner Existenz von staatlich gepflanzten, sprießenden jungen Bäumen. Dabei droht die Gefahr für sein Feld, seine Büffel, sein Dorf von dem Meisterwerk, unter dem Wei lebt: einer Brücke, die sich hoch über sein Tal schwingt.

Um Bauern wie Wei Xinyuan zu befreien, hatte Mao Zedong seinen Kampf geführt, doch nun, 60 Jahre nach der Gründung der Volksrepublik, sind Bauern wie Wei Xinyuan immer noch die Verlierer.

Wei, 59 Jahre alt, ist einer von über 700 Millionen Chinesen auf dem Land. Er lebt in einem kleinen Haus, mit Wasserhahn vor der Tür, Holzofen in der Küche, Webstuhl unter nackter Glühbirne. Seine Frau Lu Deqin hat sich ihr Haar seit über 50 Jahren nicht mehr geschnitten, seit über 30 Jahren wickelt sie morgens den Zopf um den Kopf, damit er sie ziert wie ein geflochtener Haarreif. Den Reis, den Wei und Lu anpflanzen, essen sie selbst. Den Mais, den sie anbauen, verkaufen sie auf dem Markt als Schweinefutter; das ist ihr einziger Verdienst, im Monat höchstens 150 Yuan, 15 Euro. Wei und Lu leben in demselben Land wie der Akku-Fabrikant Wang Chuanfu mit seinem Vermögen von 5,8 Milliarden Dollar, der reichste Mann Chinas. Und auch deswegen beschwört Staatschef Hu Jintao den Aufbau einer "harmonischen Gesellschaft", was vor allem heißt, dass es so harmonisch noch nicht ist in China, wo der Städter im Schnitt mehr als das Dreifache verdient im Jahr als der Bauer, in diesem Land der Ungleichzeitigkeit.

Die Brücke, ein Monument des modernen China, steht irgendwo hinter sieben Bergen in der Provinz Guizhou. Sie überspannt das Tal, scheinbar schwerelos, ein feiner Strich am Himmel. Sie ist über Zuckerrohr und Bambus, über Fluss und Dorf und auch über Weis Kopf hinweg gewachsen. Es ist die Balinghe-Brücke, erbaut in einer der ärmsten Provinzen Chinas. Bauer Wei Xinyuan, Sohn eines Bauern, sagt, die Brücke sei für ihn nutzlos. Brückenbauer Zhou Ping, Sohn eines Brückenbauers, sagt, sie sei die wichtigste Brücke seines Lebens.

Der Brückenbauer Zhou ist 44 Jahre alt, Vize-Chefingenieur der Guizhou Expressway Development Corporation, ein Mann mit teigigem Gesicht, fleischigen Ohrläppchen und Föhnfrisur. Er sitzt in seinem Büro in Guiyang, der Provinzhauptstadt von Guizhou, zwischen grauen Metallschränken und grauen Jalousien, und seine Augen glänzen. Keine Brücke vorher war so eine Herausforderung, die steilen Hänge, die Windböen, das Luftschiff, das das Führungsseil transportierte. Mit keiner Brücke verbrachte Zhou mehr Zeit, vier Jahre und acht Monate sind es jetzt. Gesamtkosten: fast 1,5 Milliarden Yuan, umgerechnet 150 Millionen Euro. Spannweite: 1088 Meter. Immer wieder hat Zhou sich von seinem Chauffeur zur Hängebrücke fahren lassen, zur Inspektion. Er weiß, die Miao und die Bouyie leben irgendwo dort unten, und zur Eröffnung der Brücke wird er die auch tanzen lassen in ihren Trachten. Doch angehalten in ihren Dörfern hat er nie, auch nicht bei Wei, dem Bouyei, im Dorf Manzhai.

"Wir spüren großen Druck von der Regierung", sagt Zhou Ping. Die wollte die Brücke noch vor den Olympischen Spielen in Betrieb nehmen. Zhou nennt das eine verwaltungstechnische Perspektive. Sie haben ja schon in zwei, drei Schichten gearbeitet, auch am Wochenende, auch an Feiertagen. Sie seien ja schon, sagt Zhou, doppelt so schnell beim Brückenbau wie die Japaner.

Am 23. Dezember, 16 Monate nach Olympia, werden sie endlich das rote Band durchschneiden, zusammen mit dem Gouverneur von Guizhou und dem stellvertretenden Verkehrsminister aus Peking. Es geht um Großes: Zwölf Autobahnen, kreuz und quer durchs ganze Land, das war das Projekt, und Tausende Kilometer sind schon geschafft. Was fehlt, ist die Brücke. Wenn diese Brücke, ihre Brücke, fertig ist, ist wieder ein Stück neues China fertig.

Wenn nur die Wirtschaft wächst, gewinnen alle, dachte man früher. Doch seit klar ist, dass es auch Verlierer gibt, beginnen die Bauern sich zu wehren, mit Sitzstreiks vor Regierungsgebäuden und Straßenblockaden. Sie protestieren gegen hohe Abgaben, gegen korrupte Kader, Umweltzerstörung und dagegen, dass man ihnen einfach ihr Land nimmt - und kaum Entschädigung zahlt. Die Wut, auch Weis Wut über die Bäume, richtet sich meist gegen die Lokalregierung, nicht gegen die ganz oben in Peking. Die Staatsführung aber fürchtet die Bauern. Die chinesische Geschichte kennt viele Bauernaufstände, und wer wüsste besser als die Kommunistische Partei um die Macht der Bauern, die Mao, der Bauernsohn, einst für sich gewann? Also versprach man Besserung, einiges wurde auch besser, eine Krankenversicherung für Bauern kam, die Agrarsteuer wurde abgeschafft, mehr Geld für Bildung der Bauern gab es. Man verpflichtete sich dem "Aufbau eines neuen sozialistischen ländlichen Raums", so heißt das Programm.

Wei aber sitzt auf dem alten sozialistischen Land fest. Für Wei änderte sich nicht viel, eigentlich nur der Himmel. Wenn er hochschaut, selbst wenn er auf seinem Plumpsklo hockt, dann sieht er den Fortschritt. Jahrzehntelang bestimmten nur Saat und Ernte den Gang seines Lebens, seit über vier Jahren bestimmt der Stahl über ihm den Takt der Zeit: Am 18. April 2005 begann der Bau der Brücke, es war ungefähr die Zeit, als auch Wei sein neues Haus baute, für die beiden Söhne. In zwei, drei Jahren müssen die aus der Großstadt zurückkehren, länger schaffen Wei und Lu die Arbeit nicht mehr. Wei besitzt sein Feld nicht, Boden gehört in China immer noch dem Staat, doch die Bauern haben ein Nutzungsrecht für 30 Jahre, und das können sie auch vererben. "Im Herzen wollen sie heimkommen", sagt Wei. Sie werden ein Mädchen aus der Gegend heiraten, alle anderen, glaubt Wei, schauen ohnehin auf Bauernsöhne und Wanderarbeiter herab. "Die lieben dich nur, wenn du Geld hast." Weis Söhne aber haben nur ihren Lohn als Tofu-Verkäufer und als Träger und dazu noch die Schulden ihrer Eltern fürs Haus.

In den neunziger Jahren, als alle vom Aufschwung in den Großstädten erzählten, wollte auch Wei gern Wanderarbeiter sein. Aber er hatte noch nicht einmal Geld, um zur Arbeit zu wandern, noch nicht einmal Geld für die Reise zum Geld. Die Scheine, die sie besitzen, trägt seine Frau Lu in ein Taschentuch gewickelt in der Innentasche ihrer Jacke, nah am Herzen. Davon zahlt sie am Markttag die Stromrechnung in bar. Und wenn es nötig ist, einen neuen Schneidezahn. Neulich erst saß sie beim Freiluftzahnarzt auf dem Klapphocker. Kalt war es nicht, es ging ja schnell, in einer halben Stunde war der Mann mit der rostigen Zange fertig.

In guten Jahren reicht das Geld für ein Ferkel, das sie mästen bis zum Frühlingsfest. In einer Mauernische in der Küche steht ihr Schatz: weißes Schweinefett im Tonkrug. Damit würzen sie das Gemüse. Der Krug ist fast leer. So schwach fühlt sich Lu, zierlich wie ein Mädchen, doch 58 Jahre alt, dass sie morgens mit dem Beil die Spitze eines Fläschchens abhackt und eine durchsichtige Glucose-Lösung in sich hineinschüttet, ein billiges Mittelchen vom Markt. Wei trinkt lieber Schnaps.

Wenn man Wei fragt, wie viele Kinder er hat, antwortet er: zwei. Die Töchter zählen nicht, sie sind schon verheiratet, "ausgeschüttetes Wasser", wie man in China sagt. Die beiden Söhne sind noch ledig. "Sie sind zu hässlich", sagt Lu. "Keiner will sie." Dabei stecken im Album ihres Ältesten viele Fotos von hübschen Langhaarigen. Nur dass die Mutter die Frauen nicht kennt. Als Lu selbst jung war, kannten nur ihre Eltern ihren Bräutigam, und zur Vermählung wanderte ihr Dorf in sein Dorf, es gab Schwein. Da war sie 15. Lus älteste Tochter heiratete zwar jemanden aus dem Dorf, aber ohne Feier, ohne Schwein. "Sie rannte einfach weg", sagt Lu. Lebt jetzt in der Provinz Fujian, arbeitet in einer Textilfabrik.

Sein Sohn, sagt Ingenieur Zhou, der Brückenbauer, wäre später gern Geschäftsführer. Er ist jetzt in der fünften Klasse. Leider macht er seine Hausaufgaben nicht, dabei soll er mal auf die Universität. Brückenbauer in dritter Generation muss er nicht werden, findet Zhou, denn die Zeit der gigantischen Projekte in China sei spätestens 2030 vorbei. Aber vielleicht kann er Biologie studieren. Er mag doch Insekten. Zhou will seine Kinder hinausschicken in die Welt, er selbst war schon in Australien, in den USA, lebte in Japan. Zhous Kinder sollen die Eltern stolz machen. Weis Kinder sollen die Eltern satt machen.

Weis erstes Kind: ein Mädchen; das zweite Kind: ein Mädchen; jede Geburt eine heimliche Enttäuschung über den fehlenden Sohn. Mehr als zwei Kinder erlaubte die Regierung ihnen nicht. Lu aber fühlte, sie müsste ihre Altersvorsorge gebären und einen Stammhalter, und am Ende hatten sie fünf Kinder und kaum etwas zu essen, und dann kamen auch noch die Beamten vom Familienplanungsbüro, forderten 1000 Yuan Bußgeld und Lus Sterilisation. Zahlt, oder wir zerstören euer Haus, sagten sie. Sie zahlten, und Lu ging ins Krankenhaus. Sie liehen sich das Geld von Freunden und Verwandten, und bis sie ihre Schulden los waren, vergingen 19 Jahre. Jeder Tag, der nun vorübergeht, ohne dass die Söhne Geld schicken, jede Ernte, die vorübergeht, ohne dass sie helfen: eine heimliche Enttäuschung über die fehlenden Söhne.

Seit ihre Kinder auf der Welt sind, singt Lu nicht mehr. Die anderen Frauen aber singen, wenn sie ihre Trachten anziehen, handgewebte, türkisfarbene Jacken, seitlich geknöpft, mit Samt am Kragen, wenn sie sich die Stoffbahnen um den Kopf schlingen, bis aus ihnen ein Hut wird, rund und breit wie ein Teller. Sie singen im Chor: "Wir leben an einem guten Ort / die Berge rein, das Wasser elegant, die Landschaft wunderschön / Die Straße hat neunundneunzig Kurven / auf der Spitze des Hügels steht ein Fernsehturm." Es ist eine langsame, schwebende Melodie.

Auch der Brückenbauer dichtet. 19 Jahre alt war er, als er damit anfing. Er hätte gern Literatur studiert, aber seine Eltern bestimmten, Brückenbau müsse es sein, und Zhou wollte seinen Vater, den Ingenieur, nicht enttäuschen. Jetzt schreibt er ein Gedicht im Monat, verwaltet insgesamt 75 Seiten Verse in der Gedichtedatei seines Bürocomputers, ist Administrator zweier Lyrik-Websites. Er schreibt über die Liebe und die Berge, über Wasserfälle und Tränen und auch mal übers Schnapstrinken - und immer wieder über Brücken. "Die steinerne Bogenbrücke mit den Fußabdrücken aus meiner Kindheit steht noch immer im Wind und Regen / so gekrümmt wie Vaters schmaler Rücken heute / ihr Spiegelbild gebrochen in den Wellen des Wassers." Zhou sagt, man dürfe Dinge niemals direkt sagen, aber natürlich stehe das Wasser für ein trauerndes Herz, Trauer über das Alter des Vaters.

Im April 2006 wurde der Beton gegossen für den östlichen Brückenturm, und im selben Jahr geschah Großes im Dorf. Sie bekamen eine eigene Straße. Natürlich ist sie schmal, so schmal, dass sich zwei Autos nur mühsam aneinander vorbeiquetschen können. Sie ist holprig, voller Geröll, nicht asphaltiert, sie führt auch zu keinem Ort, sondern nur hinauf zur richtigen Straße. Aber es gibt sie. Ich bin glücklich, sagt Wei. Ich bin glücklich, sagt Lu. Vorher gab es nur einen steilen Trampelpfad.

Der jetzige Bürgermeister sei der beste, sagt Wei, der ließ auch das Becken an der Quelle mit Zement ausgießen. Dreimal am Tag baden die Büffel hier, am längsten in der Dämmerung, peitschen das Wasser mit ihrem Schwanz auf, schnaubend, prustend, während sich ein paar Meter weiter die Menschen den Dreck des Ackers von den Waden schrubben, den Bach schäumen lassen mit dem Waschpulver für ihre Kleidung, Mädchen anstehen mit Teekesseln und Eimern.

Im August 2007 zogen sie die erste Stahltrosse der Brücke übers Tal, im selben Jahr wurde Weis dritter Büffel geboren, die Enkelin verließ das Dorf, und überhaupt sah es aus, als sei 2007 das Jahr des Aufbruchs. Weis Sohn kaufte den Eltern einen elektrischen Reiskocher und sich selbst ein Tuk-Tuk, einen dreirädrigen Traum von Mobilität. Doch dann stahl jemand das nagelneue Tuk-Tuk vor Weis Haus, und der Traum schrumpfte auf die Größe eines Kalenders zusammen. Der hängt jetzt in Weis Wohnzimmer, ein Präsent der Autofabrik, wellig und vergilbt.

Autos brachten Weis Familie nie Glück. Als Wei einst zu Fuß zum Markt ging, erfasste ihn ein Laster, schleifte ihn zehn Meter mit. 15 Tage lag Wei im Koma. So ein kluger Mann sei er früher gewesen, sagt seine Frau Lu, leider jetzt ein bisschen langsam. Außerdem fürchtet er die harte Arbeit. Er redet dann immer von dem Unfall, der ist über 25 Jahre her.

Lu gehört zu den vielen Frauen, die auf dem Feld stehen, mit Sichel, mit Spitzhacke, in Hosen. Kleider tragen sie nur zu Beerdigungen. Lu hat den ersten Sack voller Maiskolben, fast 30 Kilogramm schwer, mit gebeugtem Rücken den Berg hochgeschleppt. Jetzt holt sie Atem, der Korbtornister ist breiter als ihr Kreuz. Eine andere Bäuerin kommt aus dem Zuckerrohr. "Mein Mann schläft nur." Lu: "Mein Mann hat gesagt: Warum gehst du nicht morgen aufs Feld, wenn du dich heute nicht gut fühlst?"

Vielleicht wird Wei wenigstens die Säcke oben abholen mit der Schubkarre. Vielleicht wird er auch nur die Büffel hüten, so wie jeden Tag. Dann hockt er, mit Badelatschen am nackten Fuß und Strohhut auf dem Rücken, im Gras, knabbert Sonnenblumenkerne und spuckt die Schalen der untergehenden Sonne entgegen.

Mit 16, zur Zeit der Kulturrevolution, hatten sie ihn zum Volkslehrer gemacht, und das blieb er auch bis zu seinem Unfall und jenem Tag in den achtziger Jahren, als die Regierung Land an die Bauern verteilte. Wei wies sie Boden für vier Personen zu, dem Kindersoll entsprechend. Dass dieses Feld sieben Menschen ernähren musste, kümmerte sie nicht. Auch eine Pension für seine Zeit als Lehrer bekommt Wei nicht.

Der Dorflehrer heute war früher Weis Schüler, jetzt wohnt er nebenan in einem der schönsten Häuser des Dorfes, verkleidet mit weißen Kacheln, er hat eine Satellitenschüssel und Wei nicht, er hat ein Motorrad und Wei nicht. Wei hat nur eine alte Radkappe, die er barg, als er oben an der Straße einen Autounfall sah. Vielleicht kann man die noch mal brauchen, dachte er, zum Beispiel, um sich draufzusetzen.

10 000 Autos, sagt der Brückenbauer. Bis zu 10 000 Autos werden täglich die Brücke überqueren. Er selbst hat sich gerade einen Geländewagen für die Stadt gekauft, silberfarben. Eigentlich braucht er ja kein Auto, er hat den Firmenwagen. Er fährt Taxi.

Die weiteste Fahrt, die Wei je machte, ging über 30 Kilometer. Seine Frau Lu hat in ihrem ganzen Leben nicht eine Nacht woanders verbracht als zu Hause.

Im Mai 2008 waren die beiden Tragkabel montiert, und Wei und Lu in ihrem Steinhaus unter Steinhäusern erkannten die Moderne an ihrem Dröhnen. Dumpf hallte es im Tal der Steinzeit, wo früher nur Hahnenschrei war, wenn sie oben die Stahlstreben zusammenfügten, Metall auf Metall schlugen.

Die Bauern, sagt Zhou, können den Fußweg auf der Brücke benutzen. Und sie haben dieses großartige Monument direkt vor der Haustür. Zhou sagt: "Sie werden stolz sein."

Wei sagt: "Ich schaue sie gern an." Er freut sich schon auf den Lärm. Gern würde er in der Stadt leben, umgeben von vielen Menschen, vielen Geräuschen. Die Brücke, sagt Wei, sei gute Ingenieursarbeit. "Sie ist gut für die Bequemlichkeit des ganzen Landes. Sie ist gut für jeden." Nur für ihn selbst wird es zu unbequem sein, die Brücke zu benutzen. Allein um zur Auffahrt zu gelangen, müsste er einen Bus nehmen, und der Bus kostet.

30 bis 40 Minuten dauert es jetzt auf der kurvigen Straße von der einen Seite der Berge zur anderen. Und wenn man über die Brücke fährt? Das ist die Frage, auf die Zhou gewartet hat. "Bei 80 Stundenkilometern weniger als zwei Minuten. Bei 100 Stundenkilometern eine Minute dreißig." Zhou lehnt sich zurück.

Zwei Stunden, sagt Wei, braucht er zum Markt auf der anderen Seite des Tals, jenseits der Brücke. Zwei Stunden zu Fuß.

Durch die Brücke, sagt Zhou, ist Guizhou jetzt angebunden an das reiche China. Mehr Busse, die mehr Städter zum Huangguoshu-Wasserfall bringen, mehr Menschen, die schneller zum Regenbogen gelangen, mehr Reisende, die dahingleiten, den Blick des Vorwärtsstrebenden auf den nächsten Gipfel gerichtet. Mehr Obst und Gemüse raus aus der Provinz, mehr Investoren rein in die Provinz. Die Schätze von Guizhou sind im Untergrund versteckt, Phosphor, Kohle, Quecksilber, und nicht weit von der Brücke entfernt fördern sie sogar Gold. Für China ist die Zukunft die schönste Zeit, für Wei und Lu ist es die Vergangenheit. Als sie selbst noch Kinder waren, als die Eltern für sie sorgten, für ihre Kleidung und ihr Essen, diese Zeit ohne Sorgen, sagen sie, war die beste ihres Lebens.

Am 18. Mai 2009 um elf Uhr vormittags wuchsen die beiden Brückenteile in der Mitte zusammen.

Wenig später kaufte Lu dieses neumodische Gerät: eine Metallzwinge, die sie an den Schemel schraubt, mit einem gezackten Blechrohr, das sich durch den Mais frisst. Jetzt kurbelt sie und kurbelt, dass die Körner fliegen, zehn Sekunden, dann ist der erste Kolben nackt. Sie kurbelt, bis sie in einem See aus Mais sitzt, ein Korn leuchtet gelb zwischen ihren Zehen. Keine Blasen mehr an den Händen vom ewigen Puhlen, keine wunden Finger mehr am Webstuhl. Das neue Jahr hat eine technologische Revolution gebracht.

Der Brückenbauer hat nach den richtigen Worten für seine Brücke gesucht, nachdem er die richtigen Formeln gefunden hatte. "Der Betonkörper ist eine gewaltige Fackel, von der Leidenschaft und Begeisterung des Brückenbauers entzündet." Imitiere nicht den Stil anderer, das ist Zhous erste Regel. "Die Himmelsleiter, die am Wolkenrand erscheint, ist der Arm des Brückenbauers, der bis zum Himmel reicht." Dichte deinem kulturellen Hintergrund entsprechend, das ist Zhous zweite Regel. "Ein kräftiger und dicker Stift, den der Brückenbauer benutzte, um historische Rekorde zu schreiben." Zhou ist nicht ganz zufrieden, er mag es knapper. Dieses Mal ist die Brücke schöner als das Gedicht.

Am letzten Frühlingsfest, mit dem sie das Jahr der Ratte verabschiedeten und das Jahr des Büffels begrüßten, schenkte sich Lu einen schönen Tag, Wei hütete mal wieder die Büffel. Sie machte sich zu Fuß auf zum Tunnel, der sich durch den Hühnerrücken-Berg bohrt. Sie lief hinein ins Dunkel, durch diese lange Höhle, wie sie sagt, das Wort für Tunnel kennt sie nicht, es war der erste Tunnel ihres Lebens. Sie ging dem gerahmten Licht entgegen, vorsichtig, denn plötzlich sah sie nur noch verschwommen, und fast schien es ihr, als werde sie ohnmächtig, sie durchquerte den Tunnel und stand - am Anfang der Brücke. Endlich musste sie nicht mehr zu ihr hochschauen, jetzt war sie oben, den Berggipfeln nah, so nah wie nie zuvor. Lu setzte sich auf den Bürgersteig. Das also war das neue China.

Wenn er könnte, würde Wei gern mal Peking sehen und den Leichnam von Mao Zedong. Ein guter Führer sei Mao gewesen, sagt Wei. Er habe sie zu Herren ihres eigenen Lebens gemacht. Er kämpfte gegen die Kapitalisten.

Ein privater Investor, erzählt Zhou, ist schon aufgetaucht, drei clevere Typen aus anderen Provinzen, die große Pläne haben für Weis Tal und dazu 70, 80 Millionen Yuan. Ein Luxushotel wollen sie bauen, einen Themenpark, ein Restaurant mit viel Glas und einen Staudamm an Weis Fluss. Ihre Vision: Gleitschirmfliegen von der Brücke und Bungeejumping. Zhou lacht.

Wei träumt von weißen Kacheln für das Haus, von einer guten Ernte. Er weiß nicht, dass bald Menschen kopfüber von der Brücke fallen werden, hinabstürzen auf sein Feld, schreiend, jauchzend, bevor sie wieder hochschnellen in den Himmel. Vermutlich aber wird es sein Feld gar nicht mehr geben, wenn sich das neue China erst breitgemacht hat im Tal. Dann ist Wei einfach nur ein weiteres Bauernopfer.



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Sandra Schulz


Sandra Schulz, Jahrgang 1975, aufgewachsen in China, studierte Politikwissenschaft in Freiburg und Berlin und berichtete als freie Journalistin aus Japan. Ausbildung an der Berliner Journalistenschule, danach Redakteurin bei „mare“, Zeitschrift der Meere, ab Mai 2008 beim „Spiegel“. Mehrfach Veröffentlichungen im Buch des Hansel-Mieth-Preises, ausgezeichnet unter anderem mit dem Helmut-Stegmann-Preis und dem Axel-Springer-Preis.
Dokumente
Das Leben unter der Brücke

erschienen in:
Der Spiegel,
am 14.12.2009

 

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