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23.07.17

Cordula Meyer „Die Feuer der Hölle

Für diese Reportage war der Autor für den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2010 vornominiert. 

Die Feuer der Hölle



Der als Polizistenmörder verurteilte schwarze Autor Mumia Abu-Jamal ist der berühmteste Todeskandidat der Welt. Linke verehren ihn, die Witwe Maureen Faulkner aber kämpft für ihre Wahrheit. Nun sieht es so aus, als würde sie gewinnen.



Von Cordula Meyer, DER SPIEGEL, 24.8.2009



Er sieht älter aus als auf dem Foto. Die Rastalocken sind schütterer geworden, die Stirn wirkt höher, seine Augen blicken müde im Neonlicht der Besuchszelle. Todeskandidat AM 8335 klopft zur Begrüßung mit der Faust gegen die Scheibe aus Panzerglas. Sein Anwalt auf der anderen Seite klopft zurück. "Madame Mitterrand bittet mich, dir ganz herzliche Grüße auszurichten", sagt der Anwalt, "sie war gerade auf einer Veranstaltung für dich in Berlin." Er drückt den Brief der Gattin des verstorbenen französischen Präsidenten gegen das Glas. "Wir starten eine neue weltweite Kampagne", sagt er, "eine Petition an Obama, unterschrieben auch von Nobelpreisträgern."

Mumia Abu-Jamal heißt der Häftling auf der anderen Seite der Scheibe, nach dem Besuch legt ihm ein Wärter Handschellen an und bringt ihn zurück in Zelle 9, Trakt G. Die State Correctional Institution Greene in Waynesburg im Bundesstaat Pennsylvania ist ein Hochsicherheitsgefängnis. Mumia Abu-Jamal verbringt 22 Stunden des Tages allein in einer zwei mal drei Meter großen Zelle, seit 28 Jahren ist er in Haft. Zwei Stunden am Tag darf er nach draußen, in einen Käfig, der aussieht wie ein großer Hundezwinger, dreimal 15 Minuten in der Woche telefonieren, dreimal duschen. Abendessen gibt es manchmal schon um halb vier.

Durch einen Fensterschlitz kann er aus der Zelle den Käfig sehen und manchmal nachts den Mond. Meistens aber sieht er fern. "Nachrichten", sagt er. Am 6. April sah er CNN. Eine Eilmeldung lief über den Bildschirm: Der Oberste Gerichtshof hatte seinen Antrag auf einen neuen Prozess abgelehnt. Was das bedeutet, erklärt sein Anwalt Robert Bryan erst, als er an diesem Tag das Gefängnis verlässt: "Mumia könnte in einem Jahr tot sein."

Die juristische Lage ist kompliziert, die Verteidiger wollen eine Berufung, zwei Entscheidungen von Gerichten stehen noch aus, sie können aber bald kommen.

Mumia Abu-Jamal ist der berühmteste Todeskandidat der Welt. Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu besuchte ihn im Gefängnis, der Schriftsteller Salman Rushdie setzt sich für ihn ein, auch Oscar-Gewinnerin Susan Sarandon. In Paris ist er Ehrenbürger.

Im Gefängnis hat er Bücher geschrieben, das sechste ist gerade erschienen. Die Kolumnen über den Alltag in der Todeszelle waren am erfolgreichsten. Abu-Jamal hat aber auch über die Geschichte der Black Panthers geschrieben und über Todeskandidaten, die sich in Rechtsfragen nur von anderen Gefangenen helfen lassen können. Der internationale Schriftstellerverband PEN hat ihn aufgenommen, in deutschen Städten wird für ihn demonstriert. Der Schauspieler Rolf Becker verteidigt ihn, Günter Wallraff sowieso. Abu-Jamal schreibt Kolumnen für die "Junge Welt" in Berlin, oder er spricht Radiokommentare: "Live aus der Todeszelle, dies ist Mumia Abu-Jamal."

Mumia ist eine globale Marke. Es gibt sogar Teddybären mit seinem Konterfei. Er gilt für die globale Linke als Symbol, sein Foto mit dem strahlenden Lachen ist eine Ikone wie das Bild von Che Guevara, millionenfach gedruckt auf T-Shirts und Protestplakaten.

Er eignet sich als Galionsfigur für Protestbewegungen gegen die Todesstrafe, gegen Rassismus, gegen Unrecht im US-Justizsystem, gegen Globalisierung, gegen alles, was Linke weltweit an Amerika hassen. Ein politischer Gefangener, ein schwarzer Aktivist, der Amerikas Rassismus anprangerte und dem die Polizei deswegen einen Mord an einem Polizisten anhängte - diese Geschichte glauben viele. Die Wahrheit aber verschwindet hinter der Legende.

Vielleicht hat es sein ehemaliger Verteidiger Daniel Williams am besten ausgedrückt: Die Überzeugung von Mumias Unschuld sei für viele Menschen "eine Glaubensfrage". Die Geschichte funktioniert deshalb so gut, weil sie so viele hässliche Wahrheiten über die USA bündelt.

Es gibt eine andere Geschichte, und sie klingt anders als die, die Nobelpreisträger, Literaten und Musiker kennen. Diese Geschichte erzählt Maureen Faulkner, die Witwe des erschossenen Polizisten. 28 Jahre ist es her, dass ihr Mann Danny auf einem Bürgersteig in Philadelphia starb.

Mumia Abu-Jamal und Maureen Faulkner haben nie miteinander gesprochen. Aber seit dem Tag, an dem Danny Faulkner starb, sind ihre Leben aneinandergekettet. Mumia Abu-Jamal kämpft für seine Freiheit, Maureen Faulkner für seinen Tod. Sie fühlt sich oft hilflos gegen all die gutmeinenden Menschen dieser Welt. Aber nun sieht es so aus, als könne sie gewinnen.

In ihrem Haus in Südkalifornien, wo sie jetzt wohnt, erzählt Maureen Faulkner von dem Tag, der ihr Leben für immer veränderte.

Am 9. Dezember 1981 waren Maureen und Danny Faulkner gerade 13 Monate verheiratet. Sie waren beide 25. Auf den Hochzeitsfotos schauen zwei junge Menschen in die Kamera, ein bisschen bieder. Faulkner hatte die Schule abgebrochen. Inzwischen war er schon fünf Jahre bei der Polizei, die Akademie hatte er als Zweitbester seines Jahrgangs abgeschlossen. An der Volkshochschule nahm er Kurse in Strafrecht. Sieben Belobigungen gab es in seiner Personalakte. Manchmal sprachen sie darüber, wie ihre Kinder mal heißen sollten. "Danny hatte alles, für das es sich zu leben lohnt", sagt Maureen.

Er kochte an jenem Abend, um acht Uhr ging er ins Bett. "Er hat gesagt: Leg dich neben mich. Du weißt doch, dass ich mit dir viel besser schlafen kann." Zwei Stunden später klingelte der Wecker. Danny zog seine Uniform an. "Das war's."

Maureen stellt die Kaffeetasse weg. "Das war das letzte Aufwiedersehen." Ihre Stimme versagt. "Ich war so jung."

Wenn man Mumia Abu-Jamal nach dem 9. Dezember fragt, wird er einsilbig. "Es ist ein Tag wie jeder andere." Er erzählt lieber, wie er mit 14 bei einer Demonstration von weißen Polizisten verprügelt wurde und dann den Schwarzen Panthern beitrat. Die Schule schmiss er, oder er flog, das ist nicht ganz klar: "Die Revolution sollte morgen anfangen, wieso musste man da zur Schule gehen?" Er nannte sich nicht mehr Wesley Cook, sondern Mumia Cook. Mumia heißt auf Swahili "Prinz". Als später sein erster Sohn geboren wurde, änderte er auch den Nachnamen: Abu-Jamal, arabisch für Vater des Jamal.

Als "Informationsminister" der Black Panthers in Philadelphia schrieb Mumia Abu-Jamal Flugblätter. Danach wurde er Journalist, arbeitete für Radiosender, schließlich beim angesehenen öffentlichen Rundfunk von Philadelphia. Abu-Jamals Bariton war perfekt fürs Radio: "Er konnte Wunder mit dem Mikrofon vollbringen", sagt sein ehemaliger Chef.

Er hat ihn trotzdem gefeuert, "wegen mangelnder Objektivität". Mumia war eher Aktivist als Journalist, er gehörte zum Umfeld der Kultbewegung Move. Die Mitglieder dieser Schwarzenkommune propagierten die Revolution und das unbedingte Lebensrecht von Kakerlaken. Zum Schluss trugen die Sektierer dann Waffen. "Bruder Mu", wie sie ihn nannten, fand keinen neuen Radio-Job, er fuhr nun Taxi.

Am 9. Dezember 1981 aß Mumia Abu-Jamal mit einem früheren Kollegen und einem Landespolitiker zu Abend. Um ein Uhr nachts begann seine Taxischicht. Um Viertel vor vier hatte er einen Fahrgast ans Ziel gebracht, nahe der 13. Straße und Locust Street, in einem noch sehr belebten Rotlichtbezirk Philadelphias.

Und dann? Mumia Abu-Jamal schließt die Augen, schüttelt den Kopf und sagt: "Und dann brach die Hölle los."

Wer Mumia Abu-Jamal im Todestrakt befragen möchte, muss vorher versprechen, nicht nach dem Mord zu fragen. Der Gefangene will über Politik und Amerika reden, auf keinen Fall über diese Minuten.

Er hat auch den Richtern nie erzählt, was in dieser Nacht geschah. Er sagt grundsätzlich nur, er sei "unschuldig".

Daniel Faulkner, Dienstmarke 4699, war mit seinem Streifenwagen 612 im Rotlichtbezirk unterwegs. Er schaltete das Blaulicht ein und stoppte einen blauen VW Käfer. An dem baumelte statt der Stoßstange hinten ein Holzbalken.

Faulkner griff um 3.51 Uhr zum Funkgerät: "612. Ich habe ein Auto angehalten. 12., 13. Straße und Locust."

Die Zentrale antwortete: "Auto zur Verstärkung für 612, 13. und Locust."

"Wenn ich es mir recht überlege, schickt mir lieber einen Transporter", meldete Faulkner.

Die Kollegen waren 88 Sekunden später zur Stelle - zu spät. Auf dem Bürgersteig neben dem VW lag Faulkner in einer Blutlache, mit einem Loch zwischen den Augen, den Dienstrevolver, eine 38er Smith & Wesson, neben sich. Ein paar Meter entfernt saß Mumia Abu-Jamal auf dem Bürgersteig, blutend und nach vorn gekrümmt, mit einer Kugel aus Faulkners Waffe in der Brust. Er trug ein leeres Pistolenholster. Sein Revolver lag neben ihm. Mumias jüngerer Bruder Billy stand wie steifgefroren an der Hauswand direkt daneben. Den Polizisten sagte Billy den einzigen Satz, den er in all den Jahren zu der Tat sagen wird: "Ich habe damit nichts zu tun."

Ein halbes Jahr später begann in Philadelphia der Prozess. Mumia Abu-Jamal hat kein Geld für einen Anwalt, er bekommt einen Pflichtverteidiger: Anthony Jackson, kein Staranwalt, aber tüchtig. Er ist schwarz und hatte schon 20 Mordfälle verhandelt, nur sechs seiner Mandanten wurden verurteilt. Mumias Familie und seine Freunde wollten Jackson unbedingt.

Doch die Beziehung zwischen Anwalt und Mandant erkaltet schnell. Mumia wollte sich lieber selbst verteidigen.

Die Staatsanwaltschaft präsentierte vier Augenzeugen. Sie beschrieben den Tatablauf: Daniel Faulkner habe Mumias Bruder Billy Cook gestoppt. Der sei ausgestiegen und habe mit Faulkner gestritten. Nach einem Fausthieb soll Faulkner dann Billy mit seiner Taschenlampe geschlagen haben. In diesem Moment sei Mumia über den Parkplatz gerannt, in der Hand einen Gegenstand.

Ein Schuss sei gefallen, Faulkner habe sich umgedreht, noch seine Waffe gezogen und ebenfalls geschossen. Dann sei er zusammengebrochen. Mumia habe sich über den Polizisten gestellt und aus nächster Nähe auf ihn gefeuert. "Sein ganzer Körper zuckte, als er getroffen wurde", so ein Zeuge. Dann sei Mumia zum Bürgersteig gewankt und habe sich hingesetzt.

Einer dieser Zeugen war damals Robert Chobert, ebenfalls ein Taxifahrer. Im Prozess befragte ihn der Angeklagte selbst:

Abu-Jamal: Sie haben den Mann gesehen, der den Polizisten erschossen hat?

Chobert: Ja, das habe ich doch gesagt, oder?

Abu-Jamal: Und Sie haben mich hinten im Polizeiwagen gesehen?

Chobert: Ja, genau.

Abu-Jamal: Warum waren Sie sicher, dass es derselbe Mann war?

Chobert: Weil ich dich gesehen habe, Kumpel. Ich habe gesehen, wie du ihn erschossen hast.

In der Hauptverhandlung bekräftigte Chobert: "Ich weiß, wer den Cop erschossen hat, und ich werde es nicht vergessen."

Viele Indizien passen zu der Version: Ein Ballistikexperte sagte aus, dass aus der Dienstwaffe Faulkners ein Schuss abgegeben wurde. Die Kugel, die aus Mumia Abu-Jamals Rücken operiert wurde, stammte aus Faulkners Waffe. Ein Waffenhändler sagte aus, dass Abu-Jamal seinen Revolver der Marke Charter Arms Undercover bei ihm gekauft habe, dazu Munition mit hoher Durchschlagskraft. Alle fünf Patronen in der Trommel von Abu-Jamals Revolver waren abgefeuert worden. Die Kugel, die der Gerichtsmediziner aus Daniel Faulkners Gehirn holte, war zu deformiert, um sie einer Waffe zuzuordnen. Aber sie hatte dasselbe Kaliber wie Abu-Jamals Waffe.

Die Stimmung im Gerichtssaal war aufgeladen. Es ging um Mord, aber es ging auch um Schwarz gegen Weiß. Auf der einen Seite des Raums saß Maureen Faulkner mit ihren Eltern und Dannys Familie. Auf der anderen Seite die Move-Leute mit ihren Rastalocken. Die Kollegen Faulkners nahmen ihre Waffen mit in den Gerichtssaal. Maureen sagt, einer von Mumias Sympathisanten habe sie im Gang angespuckt: "Dein Mann ist in seinem Grab, wo er hingehört."

Er habe "kein Problem damit, dass sie für ihre Seite kämpft", sagt Mumia Abu-Jamal heute über die Witwe. Aber Maureen Faulkner und er, das sei "eine falsche Dichotomie". Er massiert seinen Bart, die Stimme klingt scharf.

Am 2. Juli 1982 sprach die Jury aus zehn Weißen und zwei Schwarzen Mumia Abu-Jamal schuldig. Maureen Faulkner weinte, Mumia Abu-Jamal brüllte: "Dieses System ist am Ende."

Ende der siebziger Jahre war Philadelphia eine Stadt, in der offener Rassismus herrschte. Der ehemalige Polizeichef und Bürgermeister galt als harter Hund. 1979 verklagte das US-Justizministerium die Polizei von Philadelphia wegen Korruption und Brutalität. Jahre später bekannten sich sechs Polizisten schuldig, in ihrem Bezirk systematisch vor allem Schwarzen falsche Beweise untergeschoben zu haben.

Amnesty International schreibt, "die internationalen Minimalstandards eines fairen Prozesses" seien im Fall Mumia Abu-Jamal verletzt worden.

Tatsächlich gab es eine ganze Menge an dem Prozess 1982, was zweifelhaft erscheint: Abu-Jamal wollte sich selbst verteidigen, aber der Richter entzog ihm das Recht, bei der Auswahl der Geschworenen die Kandidaten zu befragen. Der Staatsanwalt lehnte viele schwarze Juroren ohne Angabe von Gründen ab. Verteidiger Jackson versäumte es, auf Ungereimtheiten bei den Schüssen hinzuweisen. Außerdem hatten zwei der Zeugen Vorstrafen. Abu-Jamals Unterstützer glauben, dass sie für ihre Aussagen Vorteile bei der Polizei erhielten.

Der schwarze Kolumnist Chuck Stone, Kommentator der "Philadelphia Daily News", schrieb nach dem Urteil, Abu-Jamal habe gegen drei Dinge ankämpfen müssen: "1. er ist schwarz, 2. die Justiz ist voreingenommen, 3. er hat keinen Millionär als Vater." Aber nicht deswegen sei er schuldig gesprochen worden, so Stone. "Was den talentierten ehemaligen Journalisten überführte, war eine Fülle unwiderlegbarer Fakten."

Abu-Jamals Unterstützer glauben das nicht. Sie wollen einen neuen Prozess. Mittlerweile füllen die Protokolle mindestens 15 Aktenordner, es gibt viele widersprüchliche Details. Zwei Polizisten sagten im Prozess aus, Mumia Abu-Jamal habe im Krankenhaus geschrien: "Ich habe auf die Drecksau geschossen." Aber in einem ursprünglichen Bericht heißt es: "Der schwarze Mann hat sich nicht geäußert."

Die Verteidiger versuchten später den Beweis zu führen, ein anderer Mann, ebenfalls schwarz und mit Rastalocken, habe geschossen. 1995 präsentierte die Verteidigung einen Mann namens William Singletary. Der schwarze Tankstellenbesitzer wollte einen Mann gesehen haben, der weggelaufen sei. Er sagte aber auch, Faulkner habe nach dem Kopfschuss noch gerufen: "Hol Maureen, hol die Kinder." Doch Danny Faulkner war sofort tot, und er hatte auch keine Kinder. Abu-Jamal habe außerdem arabische Kleidung getragen, was nicht stimmt, außerdem sei ein Polizeihubschrauber mit Scheinwerfern über dem Tatort gekreist. Die Polizei von Philadelphia besaß damals keinen Hubschrauber.

Bezirksstaatsanwalt Hugh Burns aus Philadelphia kennt diese Geschichten. Seit 23 Jahren beschäftigt er sich mit dem Fall, er hat ein Eckbüro, die Möbel sind abgestoßen, mittendrin thronen 21 gewaltige weiße und braune Pappkartons. Mit schwarzem Filzstift hat er auf jeden "Jamal" geschrieben. Er versteht nicht, dass ausgerechnet dieser Mordfall kein Ende findet: "Ich kann mir keinen eindeutigeren Fall vorstellen." Die letzte Entscheidung des Supreme Court war ein Sieg für Burns, denn er glaubt, es war "Abu-Jamals letzte realistische Chance, einen neuen Prozess zu bekommen".

Ist Mumia Abu-Jamal ein politischer Gefangener? "Niemand hat ihn je wegen seiner Meinung verhaftet, doch dann hat er jemanden ermordet", sagt Burns.

Burns' Gegenspieler Robert Bryan ist ein Star-Anwalt, ein Spezialist für Fälle, in denen die Todesstrafe droht. Er kommt aus San Francisco, sein Büro liegt im alternativen Stadtteil Pacific Heights, vom Fenster aus sieht er die Golden Gate Bridge.

Bryan sagt, er habe noch keinen Fall verloren. Er ist seit 2003 der Hauptanwalt für das inzwischen fünfte Verteidigungsteam, das sich um Abu-Jamal kümmert. Spendenkomitees in aller Welt besorgen das Geld, in der "taz" etwa wird annonciert, rund eine Million Dollar sind gesammelt worden. Bryan telefoniert wöchentlich mit Abu-Jamal, er fliegt oft von der Westküste an die Ostküste, um mit ihm zu sprechen. Bryans Frau Nicole ist Französin, sie organisiert die Kontakte in Europa. In den vergangenen Monaten war der Anwalt zweimal in Berlin, aber auch in Paris, Amsterdam und Den Haag. "Ich verbringe unendlich viel Zeit mit dem Fall."

Er glaubt, dass "frühere Anwälte Fehler gemacht haben, die Mumia umbringen können". 700 000 Dollar Spendengelder hätten ehemalige Verteidiger bekommen, aber nicht genug Geld in die Untersuchung einiger wichtiger Fakten gesteckt. Und dann sagt er, dass Danny Faulkner "seinen eigenen Tod verursacht hat, er war ein Tyrann, ein Rassist". Es gibt keinen Beleg dafür. Aber Billy Cook, Mumias Bruder, habe ihm kürzlich anvertraut, dass Faulkner ihn "Nigger" genannt habe.

Doch was geschah wirklich in jener Nacht zum 9. Dezember 1981?

"Mumia ist unschuldig. Was wäre, wenn er in Notwehr geschossen hat?" Genaueres, Details, will auch Bryan nicht schildern.

Nach dem Ende des ersten Prozesses in Philadelphia zog Maureen Faulkner nach Kalifornien, weit weg von allem, was an den Mord und an ihren toten Mann erinnert. Sie versuchte, zur Ruhe zu kommen. Sie hat Jahre später einen neuen Lebenspartner gefunden.

Aber Mumia Abu-Jamal verschwand nicht aus ihrem Leben. Da war der College-Student mit dem "Free Mumia"-T-Shirt, den sie an einer Tankstelle sah, oder der Artikel, den Abu-Jamal in der "Yale Law Review" veröffentlichte. Überall begegnet er ihr: Mumia, das Opfer.

Maureen fing an, sich zu wehren. Sie schrieb Briefe, sie organisierte einen Marsch von Polizisten zum Regierungssitz von Pennsylvania. Dort trafen sich Maureens Freunde und die Mumia-Unterstützer: "Lasst Mumia frei", riefen die einen, "tötet ihn jetzt", die anderen.

Im Frühjahr 1995 veröffentlichte Mumia Abu-Jamal sein erstes Buch: "... aus der Todeszelle: Live from Death Row". Maureen mietete ein Flugzeug mit einem Banner, das über dem Gebäude von Mumias Verlag kreiste. "Addison-Wesley unterstützt Polizistenmörder" stand auf dem Banner.

Das Buch wurde ein Bestseller. Abu-Jamal verdiente viel Geld damit. Mumia habe ein Recht auf freie Rede, argumentieren seine Unterstützer. "Mein Mann ist im Grab. Er kann nicht frei reden", sagt Maureen. Sie lässt nicht nach.

Viele Jahre ging das so, eines Morgens habe sie, erzählt Maureen Faulkner, zufällig den Song "Wonderful World" gehört, sie habe geweint. "Ist es wirklich eine wunderbare Welt? Das habe ich mich gefragt. Oder eine, in der ich allein die Feuer der Hölle austreten muss?"

Maureen Faulkner und ihr neuer Mann Paul Palkovic sitzen an ihrem Küchentisch. Er verkauft Versicherungen an große Firmen, sie haben zwei Hunde, von denen überall Fotos hängen. Von ihrem erschossenen Ehemann gibt es keine Fotos, das wäre unfair gegenüber Paul, sagt sie. Der Tote ist trotzdem immer präsent.

Im Gespräch ergänzt Paul die Sätze Maureens, er kennt die Akten, er kennt die Details. "Ich liebe Maureen, und ich weiß, dass sie das auch tun würde, wenn ich derjenige im Grab wäre." Er will, dass Mumia stirbt. "Rache ist ein Teil von Gerechtigkeit."

Maureen Faulkner sagt, sie würde nicht feiern, wenn Abu-Jamal jetzt hingerichtet würde. "Ich bin keine rachsüchtige Person. Ich würde beten. Es wäre ein Ende." Will sie, dass er stirbt? "Sonst würde ich immer denken, dass er doch noch freikommt", antwortet sie. Darum geht es ihr. Dass Hinrichtungen inhuman sind, dass kein demokratischer Staat die Todesstrafe vollstrecken sollte, diese Argumente kennt sie, aber für sie klingt das sehr fremd, eine europäische Einstellung eben.

"Es kann sein, dass der Kampf immer weitergeht. Bis sie stirbt. Oder er", sagt Paul.

"Du versuchst, nicht ans Sterben zu denken", sagt Mumia Abu-Jamal. Er hat einen Klapptisch in seiner Zelle, doch meistens sitzt er auf der Pritsche, mit der Schreibmaschine auf dem Schoß. Mumia hat noch nie einen Computer bedient, seine Informationen stammen aus Artikeln, die ihm Unterstützer per Post schicken.

In seinem neuen Buch "Jailhouse Lawyers" schreibt er über den Todestrakt, weil es "ein Ort ist, von dem Amerika selten hört", sagt er, "ein grausamer Ort". Er erzählt von Gefangenen mit Wahnvorstellungen, vom Gestank, wenn als Strafe das Wasser abgestellt wird, von einem Häftling, der seine Pritsche als Trommel benutzte und dazu sang, 15 Stunden am Tag.

Mumia Abu-Jamal will eigentlich nicht über seinen Fall reden und tut es dann doch, ein bisschen. Er erwähnt, dass er ungefähr im Mai 1981 mit dem Taxifahren angefangen habe. Den Revolver kaufte er angeblich, weil er überfallen worden war.

"Und wann haben Sie die Waffe gekauft?" Diese Frage beantwortet er nicht.

In den Akten steht die Aussage des Waffenhändlers Joseph Kohn. Danach hat Mumia Abu-Jamal die Waffe schon 1979 bei ihm gekauft, lange bevor er mit dem Taxifahren anfing.

Bernd Häusler ist Menschenrechtsbeauftragter der Rechtsanwaltskammer Berlin. Er trägt ein doppelreihiges Jackett mit Goldknöpfen und einen Pferdeschwanz. Er hat Robert Bryan in Berlin kennengelernt und nutzt nun eine USA-Reise, um den Häftling zu besuchen.

"Wir können eine Erklärung abgeben", sagt der Berliner Jurist zum amerikanischen Todeskandidaten. "Warum sollte nicht die Rechtsanwaltskammer Berlin die Rechtsanwaltskammer Pennsylvanias anschreiben?", fragt er und strahlt. "Dann brechen wir jemanden aus dieser Front heraus. Nicht?"

Ende März ehrte die Berliner Akademie der Künste den Todeskandidaten mit einer großen Solidaritätsveranstaltung. Auf dem Podium saßen Robert Bryan, der ehemalige FDP-Innenminister Gerhart Baum und Günter Wallraff. Bryan sprach über Rassismus. Baum sagte, die Menschenwürde werde mit Füßen getreten. Wallraff sagte, dass es auch um Abu-Jamals Botschaft gehe, die eines "Humanisten" und "Pazifisten".

Mumia ist der Held. Und Danny Faulkner war nur ein weißer Polizist im rassistischen Amerika.



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Cordula Meyer


Cordula Meyer studierte Politik und Kommunikation an der University of Arizona in Tucson und schloss 1996 mit dem M.A. ab. Nach einem Volontariat bei der Hamburger Morgenpost kam sie 1999 zum SPIEGEL. Im Ressort Deutschland II schrieb sie vor allem über Terrorismus, Islamismus und Integration. Von 2007 bis 2009 war sie Washington-Korrespondentin des SPIEGEL und berichtete über den US-Wahlkampf. Seit dem Herbst 2009 ist sie Wissenschaftsredakteurin des SPIEGEL, einer ihrer Schwerpunkte ist Kerntechnik. Seit dem Unfall in Fukushima hat sie mehrfach aus den verstrahlten Gebieten in Japan berichtet.
Dokumente
Die Feuer der Hölle

erschienen in:
Der Spiegel,
am 24.08.2009

 

Kommentare

Ireland, 25.04.2016, 02:41 Uhr:

I like the blush but I just ordered the Small Vanity, it looks like a good fall blush. It should arrive today As for the lengggis, go for it I think Tabs would approve.

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