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19.11.17

Malte Henk „Die Uranjäger

Für diese Reportage war der Autor für den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2010 vornominiert. 

Die Uranjäger



Igor Bolshinsky reist im Auftrag der USA in heikle Regionen, um den Abtransport von Uran zu organisieren - und darüber zu wachen, dass es nicht in die Hände von Kriminellen und Terroristen gerät.



Von Malte Henk, GEO, 23.10.2009



Im vergangenen Mai verbrachte ich eine Woche in der seltsamen Welt einer amerikanischen Spezialeinheit, die gegen den internationalen Nuklearterrorismus kämpft. Es ist eine Welt, in der Menschen, die nicht alles sagen, was sie wissen, zwischen offiziösen Konferenzen und nicht ganz so offiziösen Wodkagelagen pendeln und dabei geheime Atomtransporte organisieren.

In dieser Welt geht es oft unspektakulär zu. Zwar kann stets das Unvorstellbare in die Routine einbrechen, aber darüber grübelt der Held dieser Geschichte, ein sachlicher Physiker namens Igor Bolshinsky, nicht allzu viel nach. "Ich arbeite daran, riesige Gefahren abzuwenden", sagt er sich manchmal. Es bleibt ein abstrakter Gedanke. "Man muss mit Menschen umgehen können" – so lautet Bolshinskys Grundsatz. "Du kannst nicht einfach sagen: Hey, wir kommen aus Amerika! Her mit eurem waffenfähigen Uran!"

Die Woche mit Bolshinsky begann an einem Samstagmorgen in Frankfurt, am Flughafen. Der Mann, der schneller sein muss als die Terroristen, saß dort in einer Vielflieger-Lounge und wartete. Ein kleiner Mensch im schmuddeligen Marinepullover, mit Bäuchlein und Haarkranz; wie ein Taxifahrer zwischen Anzugträgern. Tee, Laptop, müde Augen, Bolshinsky wartete auf mich.

Schmuckloses Händeschütteln, dann ging er ins Internet, E-Mails lesen. War der Pressesprecher des Washingtoner Energieministeriums schon unterwegs? Er sollte überwachen, welche Botschaften ich von der Reise mitnehme – dass Igor Bolshinsky im Namen der USA den ehemaligen Ostblock durchkreuzt, um waffenfähiges Uran zu sichern, bevor jemand daraus eine Atombombe baut. Dass er es schafft, Regierungen und Nuklearforscher davon zu überzeugen, diesen apokalyptischen Stoff zurückzubringen an seinen Herkunftsort; meist nach Russland. Und dass er damit uns allen sehr viel Sicherheit schenkt.

Als unser Flugzeug auf die Startbahn rollte, fiel Bolshinsky offenen Mundes in einen planmäßigen Schlaf. Spätnachts landeten wir in Kasachstan.

SONNTAG, 10.00 UHR

Der WWR-K-Forschungsreaktor stammt aus dem Jahr 1967 und sieht auch so aus. Verblichene Plattenfassade, löchriges Glas, trauriges Grau hinter einem Doppelzaun. Wir schlängeln uns durch eine Drehtür wie im Freibad, vorweg Bolshinsky im Small Talk mit dem Direktor des Instituts für Nuklearphysik der Republik Kasachstan: einem schlanken Herrn mit fein geschnittenem Gesicht, höflich bis zur Schüchternheit. Dahinter der Pressesprecher aus Washington; er trägt Blousonhosen und verströmt jugendliche Leutseligkeit.

Telefone abgeben, Kittel überziehen. Eine Dame mit weißer Zipfelmütze weist auf eine kahle Treppe. So steigen wir in die Tiefen dieses Betonkastens, der, sollte die Wirklichkeit Bolshinskys Plänen gehorchen, in wenigen Tagen von 73,7 Kilogramm nuklearen Brennstoffs befreit sein wird. Es ist die Hinterlassenschaft einer Epoche, die im Uran den Glanz zivilisatorischer Höchstleistungen erblickte. Im Dezember 1953 verkündete USPräsident Eisenhower einen Plan zur Verbesserung der Welt. Wir wollen die größte Zerstörungswaffe in einen Segen verwandeln, sagte er. Lasst uns allen Nationen genügend Spaltmaterial geben, lasst sie daran ihre Ideenkraft für friedliche Zwecke testen!

Waffenfähiges Uran: Erbe einer optimistischen Epoche



Die Amerikaner verteilten ihre Erfindung an befreundete Staaten, wie ein Vater seinem Sohn ein Luftgewehr schenkt: Spiel damit, aber sei vorsichtig! Sie stellten Forschungsreaktoren auf; die Moskauer Konkurrenz zog nach. Libyen, Polen, Vietnam. Rund 40 Länder; dazu die Sowjetrepubliken. Usbekistan. Ukraine. Kasachstan.


Hier im Institut für Nuklearphysik nahe der Millionenstadt Almaty hantieren die Forscher bis heute mit dem Element, das benannt ist nach dem Weltenherrscher aus griechischen Sagen, Uranos. Sie stellen radioaktive Substanzen für Strahlentherapien her oder analysieren Materialien durch Neutronenbeschuss, aber den Treibstoff für ihren Reaktor, hoch angereichertes Uran, können sie nicht selbst produzieren. Dafür brauchten sie zum Beispiel einen riesigen Zentrifugenpark; müssten darin Uran kreisen lassen wie in Waschmaschinen, bei 70 000 Umdrehungen pro Minute. So erhöht man die Konzentration eines bestimmten Isotops, das für die Kernspaltung geeignet ist: U-235. Es beginnt, im Zustand der Unschuld, mit einem dunklen, fettig wirkenden Mineralgestein. Der U-235-Anteil liegt darin bei 0,7 Prozent. Ab 3,5 Prozent kann man einen Leichtwasser-Reaktor betreiben. Alles über 20 Prozent gilt als hoch angereichert und damit waffenfähig.

Dummerweise laufen nahezu alle Forschungsreaktoren, weltweit, noch immer mit hoch angereichertem Uran. Und Treibstoff gibt es genug, die Bestände aus dem Kalten Krieg reichen noch eine Weile. So befeuert weiterhin der gefährlichste Stoff, den die Natur zu bieten hat, die Atomforschung in Dutzenden Ländern. Auch in den Nachfolgestaaten des Sowjetimperiums.



Milliarden Dollar für die Sicherheit



Dort galt es in den 1990er Jahren, die Waffenarsenale eines Riesenreichs im Chaos zu sichern; die USA mobilisierten dafür Milliarden Dollar. Kasachstan, plötzlich unabhängig und viertgrößte Nuklearmacht der Erde, gab seine 1410 Atomsprengköpfe auf. Die Forschungsreaktoren standen eher unten auf der Liste, man konnte sich ja nicht um alles kümmern. Wie durch ein Wunder verging diese Zeit ohne Katastrophe.

Dann: 9/11. Alte Probleme, neue Gegner. In den Berichten der Geheimdienste stand nun zu lesen, Osama bin Laden habe versucht, Uran zu kaufen. Experten meldeten sich zu Wort: Wer einmal den Antriebsstoff erlangt habe, könne leicht eine Bombe konstruieren. Die Perfidie liegt darin, dass Uran, hoch angereichert und unverbraucht, kaum strahlt. Man kann es unter dem Kopfkissen aufbewahren. Fachleute kalkulierten den Aufwand für den Bau einer Hiroshima-Bombe: 19 Leute, ein Jahr Basteln, Anleitung aus dem Internet.

Das Weiße Haus verhandelte mit dem Kreml. Was tun mit dem Uran in allen Forschungsstätten? Wir nehmen unseres zurück, ihr nehmt eures, sagten die Amerikaner, wir organisieren alles, und die Russen stimmten zu. So gründete sich die "Global Threat Reduction Initiative", eine kleine Einheit im USEnergieministerium. Ihr Auftrag: die Überreste aus der Epoche der Supermächte vor den neuen Kriegern des 21. Jahrhunderts in Sicherheit zu bringen. Es ist ein Rennen gegen die Zeit; auch hier, an einem dieser Orte, von denen Experten sagen, sie werden nie so gut zu schützen sein wie militärische Waffenlager: zu viele Leute, Studenten und Forscher, zu nahe an den Städten gelegen. Eine Expertin sagte mir: "Auf der Gefahrenliste mit allen Orten, in denen Nuklearmaterial lagert, steht der Reaktor, in den Sie fahren, aktuell auf Platz zwei."

"Weltweit?", fragte ich. "Weltweit. Hinter Pakistan. Vor Iran und Nordkorea."

Sonntag, 13.00 Uhr



Arbeitsbeginn. Igor Bolshinsky steht vor dem Kernreaktor wie ein Fußballtrainer an der Seitenlinie. Die Hände am Gürtel, die Beine breit, so beäugt er die Männer in den weißen Kitteln, wie sie den Stoff verpacken, den er in Sicherheit bringen möchte. Nie übertritt er das Klebeband am Boden, das ihn von der haushohen Maschine trennt, dem Abklingbecken daneben und den Männern am Beckenrand, drei Meter vor ihm nur.

Eine Halle, nackt, kahl, weit. An den Wänden hängen gabelartige Stäbe, aufgereiht wie Ruder in einem Wikingermuseum. Eine Gabel steckt gerade im Kühlbecken, ein Arbeiter stochert damit im Wasser herum. Er zieht, ruckelt, fingert, dann hat er Uranröhren in einen Korb bugsiert, den ein quietschender Kran gleich ins Freie ziehen wird. "Wie beim Fischen", sagt der Direktor. "Je einfacher die Technologie, desto besser. Dann kann nichts schiefgehen." Er lächelt stolz. Ich schaue skeptisch. Bolshinsky nickt professionell.


"Und wie im Weinkeller", improvisiert er. "Je länger es liegt, desto attraktiver wird es. Für Verbrecher." Denn als die Kasachen Ende der 1980er Jahre das benutzte Uran einlagerten, besaß es noch, was Fachleute "Selbstschutz" nennen – es hätte jeden, der es hätte stehlen wollen, sofort zu Tode gestrahlt. Mittlerweile lassen sich mit diesem glatten, hellen Metall immer noch Bomben bauen, aber der Selbstschutz ist weg. "Gut für Terroristen, schlecht für uns", sagt Bolshinsky. 73,7 Kilogramm Brennstoff, Grad der Anreicherung: um die 25 Prozent. Für eine simple Atombombe brauchte man 100 bis 150 Kilogramm; deutlich weniger mit einer avancierten Technik. Was Bolshinsky von hier wegschaffen lässt, könnte reichen, um die ultimative Zerstörung ins Werk zu setzen.

Aufbruch nach Majak



Wir räumen die Halle: Die erste Portion Uran wird bald aus dem Strahlenschutz des Wasserbeckens auftauchen. Sie wird zur Ruhe kommen im Transportbehälter, einem Ungetüm, tonnenschwer und matt glänzend, geformt wie eine riesige Thermoskanne. Ein Lastwagen soll den Behälter zum Bahnhof bringen. Dann das Verladen, die Rückreise nach Russland, in eine streng bewachte Atomanlage namens Majak. Das ist der Plan, ausgetüftelt bis auf die Minute. Aber Bolshinsky weiß: Wer Uran über Straßen und Schienen bewegt, der unterwirft sich zwangsläufig dem Risiko des Unvorhersehbaren.

Montag, 15.00 Uhr



Das Retten der Welt ist die langweiligste Sache der Welt. Dutzende Male kam Bolshinsky in den vergangenen Jahren nach Kasachstan. Längst hat er den Direktor des Instituts auf seine Seite gezogen. Es war wie immer: Bolshinskys Argumente, vorgetragen von Ingenieur zu Ingenieur, verfingen sofort. Aber dann begann der Kampf gegen den trägen Apparat der Bürokratie.

20 Behälter werden fertiggemacht für die Reise



Es kam der Weihnachtstag 2008, an dem Bolshinsky, auf Urlaub in der Karibik, eine ganze Nacht lang im Badezimmer stand und hektisch telefonierte, mit Russland, mit Kasachstan. Alles stand auf der Kippe, aber am Ende hatte er alle Genehmigungen, die er brauchte. Und nun, im Auge des Sturms, diese Ruhe! 20 Behälter füllen die Arbeiter, für jeden benötigen sie eine Stunde. Bolshinsky schaut ihnen in einer Art Warteraum auf einem Bildschirm zu, mit der routinierten Lustlosigkeit eines Teenagers, der seinen Nachmittag beim Fernsehen verlümmelt. Manchmal gehen wir selbst in die Halle. Vor dem Eingang zum Reaktor steht eine bunte Plastikschale, die einst Süßigkeiten barg, deutsches Fruchtgummi der Marke "Trolli Riesen-Boa". Jetzt liegen darin Überzieher aus Plastik. Für die Schuhe. Die Hände waschen wir, zurück im Wartezimmer, mit Pfefferminzseife. Das Zimmer verfügt über ein Strahlungs- Dosimeter an der Wand, ein Gitterfenster mit Blümchengardine, einen Tisch mit Keksen und zierlichen Teetässchen darauf.

"Kelly! Drink! Tea!", ruft der Institutsdirektor. Kelly lacht. Sie lacht oft und laut, es sind kurze, heftige Ausbrüche, dann ist sie wieder Kelly Cummins, die Karriere- Politologin: 33 Jahre alt, bei der Global Threat Reduction Initiative zuständig für Russland und Asien. In der Nacht ist sie aus Washington eingeflogen, eine große Frau mit langen Haaren und Businesskostüm - Bolshinskys Vorgesetzte. Auf ihrem Blackberry hat sie ein Foto ihres vier Monate alten Sohns. Aufschrift des Strampelanzugs: "Meine Mum bekämpft die nukleare Proliferation". Darüber lachen alle.

Schnell zeichnet sich ab, wer welche Rolle spielt. Bolshinsky mit seinem Russisch, den Nasenhaaren und Arbeiterhänden, ist der Zupacker, der Mann fürs Technische und das Verbrüdern mit den Kasachen. Cummins gibt die Emissärin auf Regierungsebene: redet smart, hat das große Ganze im Blick. Der Pressesprecher will uns Journalisten ohne Störfall durch die Woche steuern. Und Justin, der GEO-Fotograf, verschwindet sehr oft auf die Toilette. Die Kasachen wollen jeden Abend seine Bilder zum Autorisieren vorgelegt bekommen. Justin aber kopiert sie heimlich auf eine Speicherkarte. "Er hat’s mit dem Magen", sage ich dann.


MONTAG, 19.30 UHR



Auf dem Monitor sehen wir, wie die Männer in den weißen Kitteln den letzten Behälter verriegeln. Die erste Etappe ist geschafft. "Applaus, bitte!", ruft Cummins und schüttelt fröhlich Hände: "Gut gemacht!" Mattes Klatschen. Im Kontrollraum der NASA geht es anders zu. Durch einen behaglichen Park laufen wir in den Abend hinein. Wiesen, ein Birkenwald, sanft geschlungene Wege. Das Gelände des Instituts für Nuklearphysik erzählt vom Traum, mühelos Energie herbeizuzaubern; die Natur zu beherrschen, ohne sie anzutasten.

Und doch. Irgendwo hier, zwischen den Wiesen, verbirgt sich der blinde Fleck dieser Utopie. Ein geheimer Eingang liegt dort, und dahinter in einem Tresorraum frisches, hoch angereichertes Uran: neuer Treibstoff für die kasachische Atomforschung. Und eine neue Aufgabe für Cummins und Bolshinsky. Denn natürlich möchten sie nicht einfach nur aus überzüchteten Forschungsreaktoren den Abfall wegschaffen.

Die Amerikaner wollen die radikale Lösung: das Umstellen jener mehr als 100 Anlagen, die noch mit bombenkompatiblem Brennstoff betrieben werden, auf niedrig angereichertes Uran. Lasst uns alles waffenfähige Material sichern!, forderte Barack Obama im April. Es klang wie eine Korrektur seines Vorgängers Eisenhower: welch ein Fehler damals, den nuklearen Kreislauf in Gang zu bringen! Nun will Obama ihn wieder stoppen.

Vier Stunden Schlaf müssen reichen



Bolshinsky und Cummins sind das Bodenpersonal dieses romantischen Projekts. Sie bieten den Kasachen kein Geld; sie dürfen nicht erpressbar sein. Sie bieten nur sich selbst, ihre Argumente. Die aber haben hier in Kasachstan bisher nicht weiter gereicht als für die Erlaubnis zum Mülltransport. Im Auto zurück nach Almaty döst Bolshinsky weg, mehr als vier Stunden Schlaf gönnt er sich selten während seiner Touren. Dann ruft er seine Eltern an. Gestern war Muttertag.

DIENSTAG, 15.00 UHR



Ruhetag: Es wird noch früh genug anstrengend werden. Bolshinsky sitzt im Hotel und denkt über sein Leben nach, ein müder kleiner Teufelsaustreiber mit US-Diplomatenpass, anderthalb Millionen Flugmeilen auf dem Konto und dem rollenden Akzent des Ukrainers. Daneben der Pressesprecher, der wie stets die "Message" kontrolliert. Der Übergang vom Bewahren des Weltfriedens zur PR ist fließend in Almaty. Nun also der Protagonist: Im Juli 1991 sei er ausgewandert, sagt Bolshinsky. In Amerika fand er Jobs, erst als Fahrer, am Ende als Fachmann für Industriesicherheit, Spezialgebiet Russland. Diese Branche boomte in den 1990er Jahren, und Bolshinsky, der in seinem Sowjetleben explosive Gase aus Kohlenminen abgesaugt hatte, konnte gut mitreden. "Seitdem war ich nie wieder in meiner Heimat. Keine Zeit. Immer auf Reisen."

Der Pressesprecher nickt eifrig. Die Hektik dieses Kampfes um den Nicht-Eintritt eines Ereignisses, von dem niemand sagen kann, wie wahrscheinlich es ist, sie erinnert an Spiegelfechterei und absurdes Heldentum. Andererseits gibt es immer wieder Versuche, illegal mit Nuklearmaterial zu handeln. 2333 Fälle seit 1991 umfasst eine Datenbank der Universität Salzburg, davon 25 mit waffenfähigem Uran und Plutonium.

8,25 Kilogramm Waffenmaterial, nachweislich entwendet in fast zwei Jahrzehnten. Klingt nicht nach allzu viel. Aber was heißt das schon für einen transnationalen Geschäftszweig, der undurchschaubar ist wie der Handel mit Drogen oder Kreditderivaten? Der typische Ernstfall könnte etwa so aussehen: Irgendwo im Osten, zum Beispiel in Almaty, verschwindet waffenfähiges Uran. Kriminelle haben das Wachpersonal eines Reaktors infiltriert, der Verlust fällt gar nicht auf.

Auf dem Basar des Nuklearhandels



Möglicherweise haben die Diebe in der wilden Zeit des Umbruchs ihr Lager unbemerkt gefüllt; jetzt kommen ein paar Hundert Gramm hinzu. Vielleicht will jemand auch einfach nur verkaufen, was seit 15 Jahren in seiner Garage lagert. Dann hätten Cummins und Bolshinsky keine Chance: Sie wären zu spät dran. Das Uran geht nun auf die Reise. Entlang uralter Drogen- und Schmuggelrouten gelangt es nach Südwesten, über instabile Grenzen nach Georgien und weiter in die Türkei. Zum großen Basar des Nuklearhandels. Denn dort existiert, was Fachleute einen "eingebildeten Markt" nennen.

Aufgeputscht durch Gerüchte und Halbwissen und Geschichten wie diese, reden die Kriminellen sich ein, dass da jemand wartet, der ihnen viel bietet für ihre Ware. Zwischenhändler treten auf, man trifft sich in Hotellobbys, streut Angebote; so verfestigt sich eine mehr oder weniger reale Nachfrage. Die Fantasie wird zum Problem. Manche Experten glauben, dass auch Nachbarstaaten der Türkei mitmischen auf dem Basar. Syrien etwa oder der Iran, Länder auf Einkaufstour für ihr Atomprogramm.





"Wir kriegen nur die Amateure"



"Ich befürchte leider, wir kriegen nur die Amateure zu fassen", sagte mir Richard Hoskins von der Internationalen Atomenergiebehörde. Trittbrettfahrer, die zu viel reden, Anfänger, die gern mal eine Fälschung anbieten. Aber wer weiß schon, wie viele Profis ihre Geschäfte im Verborgenen betreiben? Die US-Sicherheitspolitik kämpft tapfer dagegen an; manchmal mit einem allzu großen Vertrauen in die Macht der Technik. So rüsten die Amerikaner gerade sämtliche russischen Grenzposten mit Detektoren aus, dazu Dutzende weitere Länder und Häfen – was aber den Kleinkriminellen Oleg Chinsagow nicht davon abhielt, am 31. Januar 2006 ganz normal über die russisch-georgische Grenze zu fahren.

In einer Plastiktüte, eingewickelt in eine Lederjacke, transportierte Chinsagow 100 Gramm waffenfähiges Uran. Der Detektor? Kaputt. Oder gerade ohne Strom. Oder ausgeschaltet; Chinsagow hatte einen Verwandten beim russischen Grenzschutz. Am Tag darauf wurde er festgenommen. Die Realität ist schmutzig und findet immer neue Wege der Überraschung. Niemand weiß das besser als Bolshinsky. Und er weiß auch, je eher das Uran aus der Reichweite des Verbrechens verschwindet, desto besser. Man muss das Übel an der Wurzel packen.

MITTWOCH, 23.00 Uhr



Die Russen sind da! Ihr Zug steht auf dem Abstellgleis eines Geheimbahnhofs mitten im Nichts, silbrige Waggons in futuristischer Eleganz, dazu ein gebrechlicher Begleitwagen. Die Gastgeber haben die kasachische Provinz in die Kulisse eines Agentenfilms verwandelt. Bellende Hunde, Spezialtruppen, ein Verladekran, alles ausgeleuchtet von absurd grellen Scheinwerfern; nur die Männer vom Geheimdienst halten sich im Schatten.

Atomtransport durch schlafende Dörfer



Leider sind wir nicht da. Wir sitzen zu elft in einem VW-Bus und rasen hinter dem Atomkonvoi her, den sie beim Reaktor starten ließen, als wir noch zum Parkplatz schlenderten. Durch schlafende Dörfer fahren wir, über dunkle Straßen, deren Belag die Amerikaner eigens haben erneuern lassen. Ein Pferd kreuzt unseren Weg, die Kasachen im Wagen streiten über die beste Route, und jetzt wäre der richtige Moment, ein wenig Nervosität zu zeigen, aber Bolshinsky und Cummins bearbeiten ganz undramatisch ihre Blackberrys.

Sie waren um fünf Uhr aufgestanden und in die Hauptstadt Astana geflogen. Der stellvertretende Energieminister empfing sie, drei Stunden dauerte die Aussprache, nun erstatten sie Washington Bericht. Ging es um unseren Reaktor? Kam heute endlich die Zusage? Wird er bald umgestellt auf sicheres Uran, kann der Tresorraum im Institutspark also bald geräumt werden? "Kein Kommentar", sagt Cummins. Sie blickt hoch. "Mist, wo sind wir hier eigentlich?"

Endlich schließen wir zu den Blaulichtern auf. Dann biegen wir schon auf den Schotterplatz vor den Gleisen ein. Es ist eine warme Frühlingsnacht. Eulen grüßen. Der Kranführer trägt ein Bayern-München-Trikot. Die Urantonnen ruhen auf den Trucks wie Spülmaschinen bei einem Umzug, festgezurrt und mit Tüchern abgedeckt. Nun schweben sie durch die Luft, hinein in die Waggons. Bolshinsky überprüft ein letztes Mal die Siegelnummern, und Fotograf Justin rennt um den Zug herum, aber die Szene gehört nicht ihm. Hier regiert ein kleiner Mann mit Haartolle, Jeanskluft und Cowboystiefeln, der aussieht wie ein gealterter Rocker. Der Sicherheitschef des Instituts für Nuklearphysik.

Das Verladen dauert die ganze Nacht



Er befehligte einst die kasachischen Spezialtruppen; alle nennen ihn nur den Oberst. "Ring, ring, Polizei", feixt der Rocker. Er möchte nicht, dass wir die Wachen und die Hunde fotografieren. Und leider fehlt hier eine Toilette, in der Justin ungestört wäre. Das Verladen dauert die ganze Nacht. Sicherheitspolitik in Zeitlupe: Unser Konvoi pendelt zwischen Reaktor und Bahnhof, immer neue Urantonnen schaffen wir heran.

Dann, um zwei Uhr, wir steigen gerade vor dem Institut für Nuklearphysik aus dem VW-Bus, packt der Oberst Justin am Arm. Er ruft etwas; es klingt wie "prison", Gefängnis. Justin hat während der Fahrt seine Fotos überspielt, um der Zensur zu entgehen. Und diesmal macht der Mann mit der Goldkette über dem Umhänge-Dosimeter ernst. Ängstlich folgen wir ihm ins Reaktorgebäude. Dort prallen wir zurück vor Überraschung: Die Kasachen haben in die postsowjetische Ödnis des Warteraums ein Festmahl gezaubert. Pferdeschaschlik, riesige Erdbeeren. Vergorene Milch, Wodka. Ratlos blicken wir uns an, aber Bolshinsky wirkt erleichtert. Setzt euch, schnell, bedeutet er uns.

Ein Toast auf die Völkerfreundschaft



Der Oberst setzt sich auch. Der Chefingenieur des Instituts häckselt nun das Lamm, wir essen und trinken und bringen der Freundschaft der Völker unsere Toasts dar. Dabei entwickelt Bolshinsky eine Art Geheimdiplomatie. Mal verschwindet er mit dem Oberst nach draußen, dann mit dem Direktor, mal verschwinden alle zusammen. Als wir eine Stunde später aufstehen, brüllt der Oberst: "Justin! Komm mit mir! Arrest! Arrest!" Aber dann führt er den Fotografen zu den Spezialsoldaten mit ihren Kalaschnikows, und sein stolzer Befehl dröhnt durch die Reaktorhalle:

"Now! Take pictures!" Noch viel später fahren wir in die Stadt zurück, hinein in einen glühenden Morgen, angenehm betrunken und müde. Bolshinsky ist seit 27 Stunden wach; rote Flecken stehen in seinem Gesicht, aber bis zum Ende hat er stur in seine Listen gekritzelt, ein Buchhalter der nuklearen Gefahr. Ich höre noch, wie der Pressesprecher davon redet, dies alles werde dereinst unseren Kindern und Kindeskindern zugutekommen. Dann döse ich weg. Und begegne einem Schneewittchen im Businesskostüm; und einem ihrer Zwerge, einem Glatzkopf mit russischem Akzent, der nicht nach Erz und Gold gräbt, sondern nach Uran, jeden Tag, die ganze Zeit, rund um die Welt.



DONNERSTAG, 23.00 Uhr



Die Erde wird in einem Feuerball verglühen. So weissagen es die Schriften unserer Religionen; und als die Amerikaner 1945 zeigten, was sie anstellen konnten mit ihrer Bombe, da dachten viele Menschen: Hier haben wir ihn, den Vorgeschmack auf den Gerichtstag. "Am Ende der Zeiten – in der letzten Millisekunde – wird der letzte Mensch sehen, was wir gerade gesehen haben", notierte ein beteiligter Physiker. Rückwege bleiben offen. Menschen mögen Ideen ersonnen haben, aus einem harmlos wirkenden Mineralgestein das Böse zu destillieren. Doch Uran lässt sich auch abreichern. So soll es unserem Transport in Osjorsk ergehen, der russischen Atomstadt im Süden des Ural mit der Majak-Produktionsstätte; laut offizieller Sprachregelung wenigstens. Aber zunächst werden sie es wohl für längere Zeit einlagern.

Majak: eine atomare Müllkippe



Dutzende Tonnen Uran und Plutonium liegen in Majak. Schwierig, Genaueres zu erfahren. Der Zug wird jenseits der russischen Grenze in ein Schwarzes Loch eintauchen, die GPS-Signale funktionieren dann nicht mehr. Möglicherweise melden Vertrauensleute der Amerikaner die Ankunft, aber schon darüber herrscht Schweigen. Eingefasst von drei Seen, begrenzt von Wäldern, liegt Osjorsk strategisch günstig. Knapp 85 000 Menschen leben angeblich in dieser geschlossenen Stadt, an einem Ort, verstrahlt wie nur wenige andere auf der Welt. Die Transporte der Global Threat Reduction Initiative enden in einer riesigen Müllkippe und atomaren Recycling-Werkstatt.

Alle Experten, mit denen ich gesprochen habe, finden es richtig, waffenfähiges Uran an einem einzigen Ort zu sammeln, und sei es Majak. Sogar jene sagen das, die nicht aufhören, auf die Verbindungen hinzuweisen zwischen Nuklearterrorismus und ganz gewöhnlicher Kriminalität. Majak, das ist für sie ein Paradies der Ex-Sträflinge und Drogenhändler und der Islamisten, die Arbeiter und Wachen agitieren. Und vor allem ist Majak dies: ein Ort, an dem der Geheimniswahnsinn aus dem Kalten Krieg überlebt hat.

Majak ist der Staat als Leviathan, der alle Macht in seinen Händen konzentriert. Uns Unbeteiligten bleibt nur, ihm dabei Erfolg zu wünschen. Wir sitzen mit den Russen in ihrem Begleitwaggon. Es sind simple, schwere Männer in Trainingshosen und Unterhemden, die das Uran an seinen Bestimmungsort geleiten werden. Sie bringen aus einer winzigen Küche Wurst und saure Gurken. Bolshinsky philosophiert ein wenig über die Geduld, die ihre Ehefrauen aufbringen müssen, und erzählt einen Breschnew-Witz.

Dann klettern wir hinaus auf die Böschung; Bolshinsky steht wie immer ein wenig abseits, die Russen reichen einen letzten Wodka hinunter, und schließlich, 38 Minuten nach Fahrplan, zuckeln sie in die Dunkelheit davon.



FREITAG, 21.00 Uhr


Die Woche mit den Friedensaktivisten Igor Bolshinsky und Kelly Cummins endet mit einem fröhlichen Besäufnis in einem Restaurant.

"Ordnung über alles!", brüllt der Reaktorchef; er spricht ein wenig Deutsch. "Auf den Journalismus", brüllt der Pressesprecher. "Auf die Kinder und die Nonproliferation!" brüllen wir alle. "Auf die Proliferation der Kinder!" "Ende gut, alles gut!", brüllt der Reaktorchef. In derselben Nacht flogen wir zurück nach Frankfurt. Zwei Tage später müsste das Uran aus Kasachstan in Majak angekommen sein. Bald darauf nahmen die Kasachen ihren Reaktor wieder in Betrieb. Da war Bolshinsky schon zu seiner nächsten Reise aufgebrochen, in ein anderes Land.



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Malte Henk


Malte Henk wurde 1976 in Bremen geboren. Er machte sein Abitur in Wolfsburg und studierte Geschichte, Germanistik und Rhetorik in Tübingen und Edinburgh. 2004/2005 besuchte er die Henri-Nannen-Journalistenschule, danach schrieb er als freier Autor unter anderem für den Spiegel und GEO; 2007 wurde er Redakteur bei GEOkompakt, seit 2008 ist er Redakteur bei GEO.
Dokumente
Die Uranjäger

erschienen in:
GEO,
am 23.10.2009

 

Kommentare

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cualquier cosa es buena para recuperar este noble juego en nuestra comarca en la que a pasado unos años de escasez en comparacion al resto de la provincia, y bueno decir tambien que este hobby es escelente para tiempos de crisis, ni si quiera tendreis que pagar el euro de la entrada del centro los que vengais al ajsreezdaludos

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