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23.07.17

Florian Hanig „Die härteste Prüfung der Welt

Für diese Reportage war der Autor für den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2010 vornominiert. 

Die härteste Prüfung der Welt



Rund 300 000 junge Inder wagen sich jedes Jahr an den Aufnahmetest der "Indian Institutes of Technology" (IIT) - mit schier unglaublicher Disziplin. Zwei von 100 Bewerbern bestehen




Von Florian Hanig, GEO, 20.2.2009



Nach zwei Stunden Fahrt durch Patna, die dreckigste und ärmste Landeshauptstadt Indiens, schält sich Pranav Anand aus einer überfüllten Sammelrikscha. Er trägt sein bestes Hemd und eine schwarze Hose mit Bügelfalten. Es ist Anfang April, die Sonne brennt schon kurz nach acht sengend vom Himmel. Pranav, taub in den Beinen, stolpert auf das Schultor zu, hinter dem sich seine Zukunft entscheiden wird.

Er bleibt stehen, holt Luft. Dann übergibt er sich in den Staub zu seinen Füßen, auf sein Hemd. Pranav wankt zu einem Brunnen, doch aus dem Rohr tropft nur ein brackiges Rinnsal. So muss er sich das Gesicht mit dem Wasser waschen, das er für die sechsstündige Prüfung vorgesehen hatte. Eine halbe Autostunde entfernt wartet Ritesh Ranjan unter einer Platane und beobachtet seine Konkurrenten, die vor einer Mauer auf und ab laufen, Formelsammlungen in der Hand. "Die machen sich verrückt", murmelt er, rückt seine Brille zurecht, fährt sich durch den schwarzen Wuschelkopf. "Main zaroor kamyab hounga" - ich werde es schaffen. Er wiederholt den Satz wie ein Mantra.

Vier Jahre lang hat sich Ritesh auf diese Stunden vorbereitet, an manchen Tagen von morgens bis tief in die Nacht. Um halb neun Uhr ertönt der erste Gong: Polizisten stemmen das Eisentor auf, kontrollieren Ausweise. Ritesh dreht sich noch einmal um, lächelt unsicher, hebt einen Daumen in die Höhe. Dann spült ihn der Strom der Leiber, der in die Schule drängt, davon.

Sechs Stunden betet die Mutter für den Erfolg des Sohnes



Bangalore, 1600 Kilometer südwestlich von Patna.
Als der Gong aus den Lautsprechern scheppert, beugt sich Giridhar Nayak zu seiner Mutter hinab. Sie umfasst den Kopf ihres Sohnes mit Händen, die nach Kardamom, Kokospaste und Chili riechen, segnet ihn so. Giridhar hat die High School als Jahrgangsbester abgeschlossen, er misst fast zwei Meter, seine Stimme klingt normalerweise tief und samten – jetzt aber bekommt er keinen Ton heraus.

Aus einem Seidentuch wickelt seine Mutter eine Steinfigur: Ganesh, den Elefantengott, der alle Widerstände beseitigen soll. Sechs Stunden lang wird die Mutter vor dem Schultor beten. Dafür, dass Giridhar in das "Indian Institute of Technology" (IIT) aufgenommen wird. Dafür, dass sich das Leben ihres Sohnes und damit das Leben ihrer gesamten Familie ändern wird.

Nur jeder Fünfzigste wird einen Studienplatz ergattern



Fünf Minuten vor neun, der zweite Gong: In mehr als 600 Testzentren auf dem indischen Subkontinent werden in diesem Moment die Fragebögen ausgehändigt.

Um neun Uhr, beim dritten Gongschlag, brechen Pranav, Ritesh und Giridhar die Banderolen auf, mit denen die Fragebögen versiegelt sind. Sie wissen: In diesem Augenblick starren mehr als 300 000 indische Jugendliche auf die Aufgaben. Und nur zwei von hundert werden durchkommen: 6500 Erstsemester nehmen die sieben Ableger der Technologie-Universität jedes Jahr auf. Und wer, wie Ritesh und Giridhar, Informatik oder Elektrotechnik in Mumbai oder Delhi belegen möchte, muss sogar zu den besten 300 gehören; zu den 0,1 Prozent der Allerbesten.

Es ist die härteste Aufnahmeprüfung der Welt.

Zwei Monate zuvor, in einer aufgelassenen Fabrikhalle am Stadtrand von Patna. Im Schein flackernder Neonröhren kauern 30 Jungs über ihren Heften. Pranav und Ritesh haben sich in Schals gewickelt, andere haben sich Wollmützen mit ausgeschnittenem Gesichtsfeld übergestülpt, wie Bankräuber. An den Füßen aber tragen sie alle offene Sandalen, manche sitzen barfuß da. Es ist Mitte Februar, und der Wind zieht bitterkalt durch die Halle.

Gleichungen als Weg aus der Armut

Auf einer schief gezimmerten Empore streckt sich Anand Kumar, der Mathematiklehrer, in einem alten Trainingsanzug und schreibt auf eine Schiefertafel: "Wie groß kann der Logarithmus der Wurzel aus Eins minus dem Sinusquadrat von x höchstens werden?" Bleistifte rasen über das Papier, Arme schnellen in die Luft. "Null", antwortet Ritesh. "Atscha", brummt Kumar, "sehr gut." Als der Lehrer kurz nach 23 Uhr von der Empore steigt, scharen sich die Schüler um ihn, sie bücken sich, führen ihre Hände zur Stirn und berühren dann mit den Fingern seine Zehen. Sogar der erhabenste Teil meines Körpers, soll diese Geste ausdrücken, ist nicht so viel wert, wie es deine Füße sind. In ihren Tücherhüllen sehen die Schüler wie Jünger aus – nur dass ihr Heiland nicht in Gleichnissen spricht, sondern in Gleichungen. Und dass er sie nicht von ihren Sünden erlösen soll, sondern von der Armut.


500 jungen Menschen gibt Anand Kumar abwechselnd mit einem Physik- und einem Chemielehrer an sechs Nachmittagen pro Woche Nachhilfeunterricht. 6000 Rupien, rund 90 Euro, müssen die Eltern dafür aufbringen, in manchen Familien entspricht das zwei Monatslöhnen. Es ist eine Investition in die Zukunft, für die sie lange gespart haben. 30 Schüler aber, unter ihnen Pranav und Ritesh, unterrichtet Kumar allabendlich umsonst. Sie kommen aus armen und ärmsten Familien in Bihar, einem Bundesland, an dem Indiens Aufschwung bislang vorbeigegangen ist; sie stammen meist aus den niedrigsten Kasten, viele sind in Dörfern ohne Strom aufgewachsen und haben sich Geometrie, das Reaktionsverhalten von Salzsäure und die Gesetze Newtons bei Kerzenschein beigebracht.

Der indische Traum: Vom Unberührbaren zum Konzernchef



Sie sind Kumars Auserkorene, die "Super30". Er bezahlt ihnen die Unterkunft, das Essen, die Bücher, damit sie sich auf ein einziges Ziel konzentrieren können: IIT. Die Technologie-Institute sind ein moderner Mythos Indiens, die Lebensläufe ihrer Absolventen werden bestaunt wie Göttersagen. Bauern, die kaum lesen können, tröpfeln ihren Söhnen die drei Buchstaben ins Ohr und erzählen von unglaublichen Karrieren: von Unberührbaren, die nun Stahlvögel bauen, die bis zum Mond fliegen können! IIT-Graduierte forschen bei der NASA, sie arbeiten zu Tausenden im kalifornischen Silicon Valley. Unternehmen wie United Airlines, McKinsey, Citigroup und Vodafone wurden oder werden von IIT-Absolventen geleitet.

International gelten die IITs als Anomalie, als Dritte-Welt-Hochschulen, die amerikanischen Eliteuniversitäten den Rang ablaufen. Die britische Zeitung "The Times" führt den IIT-Verbund in ihrer globalen Rangliste der technischen Universitäten an dritter Stelle, nur hinter dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) bei Boston und der University of California in Berkeley, und zum Beispiel vor dem Imperial College London, Caltech und der ETH Zürich.

Im Wohnheim gegenüber der Fabrikhalle, einem großen Riegel aus unverputztem Beton, rahmt abends jede der offenen Türen ein ähnliches Bild: drei bis vier Jungen, die im Schein funzeliger Energiesparlampen lesen. Am Ende des Balkons sprühen Funken durch die Nacht, der Stromanschluss des Hauses ist ein Kabel, das über eine öffentliche Leitung geworfen wurde. Das Zimmer, das sich Pranav und Ritesh mit zwei anderen Jungen teilen, wird fast ganz von Bettgestellen ausgefüllt. Als Ritesh einen Haufen von Hosen, Unterhemden und Stapel von Büchern gegen die Wand schiebt, um Platz auf den Matratzen zu schaffen, streift er einen Chemieband mit dem Fuß. Sofort fährt er mit der Hand zur Stirn und berührt dann das Buch – ein Reflex. Geschriebenes ist heilig in Indien.

Auf einem Kalender, dem einzigen Schmuck an den hellblau gestrichenen Wänden, haben die Jungen mit einem Kreis den 13. April markiert. Den Prüfungstag. Für Pranav und Ritesh ist es die letzte Chance. Im Vorjahr hatten sich beide parallel zum indischen Abitur auf den IIT-Test vorbereitet – und waren an ihm gescheitert. Ein Mal, so besagen die Regeln, dürfen sie ihn wiederholen. Die Tage vergehen im stets gleichen Rhythmus. Um sechs Uhr sind die meisten der Super30 schon wach. Putzen sich auf den Balkonen die Zähne, schauen den Schweinen zu, die den Müll vor der Schule durchwühlen. Um acht schleppt ein kleiner Junge Metalldosen heran, gefüllt mit Brotfladen, Linsensuppe, Gemüse: das Frühstück. Dann lernen die Super30 bis zum Mittagessen, das wiederum aus Brotfladen, Linsensuppe und Gemüse besteht.





Das Nachhilfegeschäft in Indien boomt



Kurz vor 16 Uhr erreicht der Lehrer Anand Kumar die Schule in einem Kleinwagen, in den sich ein Polizist mit Maschinenpistole gezwängt hat. Auch vor Kumars Haus steht ein bewaffneter Wärter, und jeder in seiner Familie, erzählt der stämmige Mann fröhlich, besitze einen Waffenschein. Zweimal schon ist Kumars Schule überfallen, einmal dem Wächter ein Messer in den Bauch gerammt worden. Wieso? Nachhilfe ist ein großes Geschäft in Patna. Viele seiner Konkurrenten nähmen es ihm übel, sagt Kumar, dass er die 30 Jugendlichen kostenlos unterrichte. Tatsächlich sind nahezu alle Straßen der Stadt von Bannern überspannt, auf denen für Nachhilfe in Physik, Chemie oder Biologie geworben wird, und verheißen Poster auf Brückenpfeilern: "Get an American Accent!" oder "Learn CAD+ the easy way". In der 1,4-Millionen-Stadt am Ganges, deren Wirtschaft seit Jahrzehnten dahinsiecht, ist Bildung die einzige Wachstumsindustrie: Sie ist der Fluchtweg.


Wie schmal der ist, zeigt sich beim Unterricht ganz körperlich. Derart eng sitzen die Schüler in den Bankreihen der Fabrikhalle, dass sie die Schultern verdrehen müssen, um schreiben zu können. Aus Lautsprechern tönt Kumars Stimme, ein melodischer Schwall Hindi, in dem englische Begriffe funkeln: "Function of, hyperbolic, power of n." Manchmal macht der 41-Jährige einen Witz, dann wogt ein Lachen durch die Bankreihen. Sonst aber ist es in der Halle so leise wie in einem deutschen Klassenzimmer – nach Schulschluss. 500 Jugendliche, kein Mucks. Und als Kumar ruft, die nächste Aufgabe müsse unbedingt beantworten, wer aufs IIT möchte, beugen sich die Köpfe besonders tief, bis in der dritten Reihe ein Junge aufspringt und aufgeregt die Lösung hervorsprudelt.

An diesem Abend knackt die kleine Gruppe der Super30- Stipendiaten Probleme, die der Lehrer einem Buch der Russischen Mathematik-Gesellschaft entnimmt. Auch die American Mathematical Society schickt Literatur für die hochbegabten jungen Inder. Kumar feuert diese an: 28 der Super30 hätten im Jahr zuvor die Aufnahme bestanden, diesmal müssten es unbedingt alle schaffen. 100 Prozent Erfolgsquote! An einem anderen Tag erzählt er den Schülern, dass sie am Prüfungstag ihr "globales Maximum" erreichen werden: Niemals vorher und niemals danach werde so viel Wissen in ihren Köpfen stecken. Das Licht im Wohnheim löschen die Jugendlichen meist erst gegen ein Uhr.

Lernen, lernen, lernen - nichts darf die Stipendiaten davon ablenken



Tagsüber bricht das Geklingel von Riteshs Mobiltelefon die Stille im Zimmer. Drei- oder viermal täglich ruft seine Mutter an, manchmal sprechen sie eine halbe Stunde lang. "Meine Mutter", sagt Ritesh, "ist meine beste Freundin. Sie gibt mir Kraft." Sie hat ihm seine Bücher weggenommen, Gespenster-Romane und Comics, damit er sich besser konzentriere. Im Gegenzug hat sie ihm einen MP3-Player geschenkt, denn er löst Mathematikprobleme besser, wenn er Musik dabei hört. Seine Freunde, erzählt Ritesh, hänselten ihn, weil er so viel Zeit mit seiner Mutter verbringe, aber das sei ihm gleichgültig. Er ist 18 Jahre alt, wie Pranav, und war noch nie ohne seine Mutter im Kino.

Jede Woche reist diese aus dem drei Zugstunden entfernten Buxar an und bringt ihrem Sohn Wäsche und Lebensmittel. Dann sitzt sie im Schneidersitz zwischen den Jungen auf dem Bett, eine drahtige Frau mit flinken Augen, deren Lachen noch von der Straße aus zu hören ist. Sie nimmt Ritesh in den Schwitzkasten, einem anderen Jungen boxt sie auf den Oberarm und verspricht, ein Mädchen für ihn zu finden, wenn er nur die Prüfung bestehe: einen IIT-Ingenieur als Schwiegersohn zu haben, sei schließlich der Traum jeder Familie.

Beim Abschied berühren Ritesh und seine Freunde die Füße der Mutter. Sie lacht und wedelt die Jungen mit den Händen fort. Manchmal, wenn sie kurz die Bücher sinken lassen, diskutieren die Freunde über die Zeit nach dem Studium. Google suche für seine indische Dependance IIT-Absolventen mit Wirtschaftskenntnissen, hat Ritesh gelesen. Auch das Einstiegsgehalt wurde genannt: 200 000 Rupien pro Monat, umgerechnet 3000 Euro.

Sie lassen die Zahl lange in ihren Köpfen nachklingen. Riteshs Vater ist Beamter, Pranavs Vater ist Lehrer. Am Ende ihres langen Arbeitslebens verdienen die Väter zwischen 3000 und 4000 Rupien im Monat, 45 bis 60 Euro. "200 000", sagt Ritesh , "und das als Anfänger." Sollte er jemals derart viel Geld verdienen, will er eine Klinik für Krebskranke bauen. Seine Großmutter ist im Jahr zuvor an dieser Krankheit gestorben.

Wie viel Druck kann ein Mensch aushalten?



Anderthalb Monate noch bis zur Prüfung. In einem Neubau am Stadtrand von Bangalore öffnet Giridhar einen Kleiderschrank, in dem Stapel von Büchern zu sehen sind: "Mathematics for IIT", "Chemistry 3.0", Physikbücher für das zweite Studienjahr an britischen Hochschulen. Kein einziger Roman ist darunter. Der Wind weht heiß und feucht durch die offenen Fenster, eine Trauerkapelle zieht mit Trompetengeplärr durch die staubige Gasse. Auf einem Kalender kontrolliert Giridhar das Pensum, das er diese Nacht schaffen muss, dann legt er eine CD der deutschen Hardrock-Band "Rammstein" ein. Nicht, weil er die Musik mag. Im Gegenteil. "Musik, die dir gefällt, lenkt dich ab." Der Lärm soll ihn wach halten. Denn Giridhar hat Angst.


Angst, dass ein anderer, in einer anderen Stadt, an diesem Abend ein oder zwei Stunden länger lernt als er. Und dieser andere, sagt Giridhar, wird Angst haben, dass anderswo jemand noch länger arbeitet. "Es ist wie ein Wettrennen mit 300 000 Leuten. Es kommt nicht darauf an, gut zu sein, du musst besser sein als die anderen." Bei einem landesweiten Übungstest hat Giridhar ein "All India Rank Potential", ein wahrscheinliches Ergebnis zwischen Platz 17 und 25 erreicht. Aber Wissen, sagt Giridhar, ist keine Garantie für den Erfolg. Die Prüfung ist Nervensache, jede falsche Antwort wird mit Minuspunkten bestraft. Eine einzige Sammelfrage, die mit sechs Punkten bewertet wird, falsch angekreuzt, schon fällt man 3000 Plätze auf der Rangliste zurück. Das sei der eigentliche Test: Wie viel Druck kann einer aushalten?



Der Erfolg der ITT-Absolventen prägt Bangalore



Jeden Tag, wenn er den Bus in die Stadt nimmt, hat Giridhar seinen Traum vor Augen: Die Sieben-Millionen-Metropole Bangalore ist die Zukunft Indiens. Wie ein Spalier säumen Baukräne die Straßen und Hochhäuser, an denen Schilder prangen: Siemens, Dell, Intel, Microsoft. Und natürlich "Infosys", 1981 von vier IIT-Absolventen mit einem Startkapital von 250 US-Dollar gegründet. Inzwischen beschäftigt die Vorzeigefirma 91 000 Menschen weltweit und erwirtschaftet mehr als vier Milliarden Dollar Gewinn.

Die "IITans" prägen Bangalore noch auf eine andere Art: Viele sind in den vergangenen Jahren aus den USA zurückgekehrt, weil ihre Kinder in Indien aufwachsen sollen, weil sie lukrative Angebote erhielten oder eigene Firmen gründeten. Im Reisegepäck haben die "repatriates" einen amerikanischen Akzent, hohe Ansprüche und die entsprechenden Einkommen. So streift Bangalore an manchen Stellen ein Hauch von Kalifornien: Mopedfahrer in Uniform liefern Pizzen aus, riesige Reklametafeln für Turnschuhe und Mobiltelefone ersetzen die Palmen entlang den Straßen.

Beim großen indischen Bildungsmarathon ist Giridhar von einem der hintersten Plätze gestartet. Vor mehr als 30 Jahren zog sein Vater aus einem kleinen Dorf an der Küste nach Bangalore, um ein Versprechen zu erfüllen, das er seinen Eltern gegeben hatte, nämlich dass eines seiner Kinder Arzt werde, eines Ingenieur und eines Beamter. Die Schule im Dorf aber war nur eine Lehmhütte, ohne Fenster, ohne Türen und die meiste Zeit ohne Lehrer. In Bangalore jobbte Giridhars Vater für eine Spedition, bis er genug Geld hatte, um einen zerbeulten Kleinlastwagen anzuzahlen. Jetzt, kurz vor Anbruch des Monsuns, trifft Giridhar seinen Vater fast nie. Bevor der große Regen einsetzt, wollen viele umziehen, renovieren oder heiraten. Kaum ein Abend, an dem der Vater vor Mitternacht nach Hause kommt, kaum ein Tag, an dem er nicht nach vier, fünf Stunden Schlaf wieder hinter dem Steuer sitzt, auch sonntags.

Aber der Vater hat sein Versprechen gehalten: Seine älteste Tochter arbeitet als Ingenieurin, die zweitälteste schiebt als Ärztin Nachtschichten in einem Krankenhaus, die dritte forscht als Assistentin an einer Universität, eine studiert. Und Giridhar? Als Junge, erzählt er, fuhr er oft bei seinem Vater mit. Er steckte den Kopf aus dem Autofenster und schaute den Wassertropfen zu, die von den Reifen nach oben geschleudert wurden. Und freute sich: "Die Natur ist so perfekt. Alles läuft nach Gesetzen ab."

Der Tag der Prüfung: Es geht um alles oder nichts



Sonntag, 13. April. Der Prüfungstag. Pranav Anands Vater kommt gegen sechs Uhr morgens ins Wohnheim. Er hat einen Tontopf mit Joghurt dabei – Joghurt, glauben indische Eltern, fördert die Konzentration. Pranav hat scharfe Falten in seine Hose gebügelt, der Vater steckt ihm ein paar Rupien für die Rikscha zu. Wie eine Pilotin vor dem Start geht Riteshs Mutter die Dinge durch, die ihr Junge mitnehmen muss: Bleistift? Radiergummi? Der Prüfausweis? Sie küsst ihn auf die Stirn, und Ritesh verschwindet in einer Kammer, zieht die Schuhe aus, steigt auf einen Tisch, über dem ein Bild von Saraswati hängt, der Göttin des Lernens. Er presst die Handflächen aneinander, hebt sie zur Stirn. Zwei Minuten bleibt er Auge in Auge mit der Göttin stehen. Dann stürzt er zum Taxi, das ihn zum Testzentrum, einer Grundschule, bringt.

Am Abend, kurz vor 18 Uhr, in der aufgelassenen Fabrikhalle in Patna. Die Jungen scharen sich in den Bänken zusammen, gehen Lösungen durch, stöhnen auf, schlagen sich an die Köpfe, lachen. Ritesh hat mehr als zwei der ersten drei Stunden mit dem Lösen der Mathematikaufgaben zugebracht. Zeit, die ihm später bei den Chemie- und Physikfragen fehlte. "Ich hab mit meinem Leben gespielt." Dann kommt Pranav, blass im Gesicht, müde. Eigentlich müsste er sofort ins Bett.

In den vergangenen fünf Tagen haben die Jungen fast nichts gegessen, jetzt nagt der Hunger, doch als sie sich geeinigt haben, wer für ein Essen die Rechnung übernehmen wird, ist es schon nach Mitternacht. In einer Bretterbude für Fernfahrer erhalten sie noch ein paar Softdrinks. Mit den Flaschen in der Hand stehen sie neben der vierspurigen Straße, auf der Scheinwerfer gelbe Zylinder in den Staub schneiden. Und wissen nicht, ob dies der erste Tag ihres neuen Lebens war – oder der Tag, an dem die Zukunft an ihnen vorbeigerauscht ist. Was wollten sie alles tun, wenn die Prüfung vorbei ist! Ins Kino gehen! Kricket spielen! Schlafen! Am Tag nach der IIT-Prüfung melden sich Pranav und Ritesh bei einem Computerzentrum an, um die Programmiersprache "C" zu lernen.
Der Kurs beginnt am Nachmittag.



Für wen geht der Traum von einer besseren Zukunft in Erfüllung?



Die Prüfungsergebnisse werden am 30. Mai 2008 veröffentlicht, auf einer Internetseite, die stundenlang überlastet ist: 311 258 Jugendliche haben den Test geschrieben, fast 20 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Sie tippen ihre Registriernummern ein, wieder und immer wieder, bis endlich das Ergebnis aufleuchtet. Giridhar, der im Probetest unter den ersten 25 gelandet war, hat es nur auf die Reserveliste geschafft. Er erfährt es im Büro der Internetfirma Guruji.com, bei der er gerade ein Praktikum macht. Wortlos packt er seine Sachen.

In Patna beugen sich die Super30 über den alten PC im Schlafzimmer ihres Lehrers Anand Kumar. Ritesh, der mit einem Platz unter den ersten 1000 gerechnet hatte, belegt Platz 6430: gerade noch geschafft. Doch mit diesem Ergebnis kann er nur eines der wenig beliebten Fächer studieren: Bergbau oder Papierherstellung vielleicht, nicht aber Informatik. Pranav schneidet etwas besser ab: Rang 5546. Das Zimmer der Jungen im Wohnheim ist schon wieder belegt. 10 000 Bewerbungen, berichtet Kumar, habe er für sein nächstes Super30-Programm erhalten. Er möchte auf "Super100" aufstocken.

Der Finanzminister, ein Harvard-Absolvent, hat ein paar Tage zuvor bekannt gegeben, dass die indische Regierung 2009 das Budget für Bildung im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent erhöhen wird. Acht weitere IIT-Dependancen sollen bis 2012 eröffnet werden. Eine der ersten davon in Patna.



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Florian Hanig


Geboren 1968 in München, verheiratet, zwei Kinder, Reporter bei GEO.
Dokumente
Die härteste Prüfung der Welt

erschienen in:
GEO,
am 20.02.2009

 

Kommentare

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