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24.03.17

Klaus Brinkbäumer „Wer schreiben will, muss leben

Für diese Reportage war der Autor für den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2010 vornominiert. 

Wer schreiben will, muss leben



Der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace wird von seinen Lesern verehrt, von Literaten bewundert. Seine Familie kennt die Rückseite der Wahrheit: Fast 30 Jahre lang hielt er die Depressionen aus, dann setzte er die Medikamente ab und erhängte sich.



Von Klaus Brinkbäumer, DER SPIEGEL, 10.8.2009



Die Stimme ertragen sie alle nicht, die Hörbücher, die Radioaufnahmen, ganz breit klingt die Stimme nach Illinois im Mittleren Westen, so klar ist sie und schüchtern, im einen Moment scharf und im nächsten verschreckt. Die Agentin muss weinen, sobald sie die Stimme hört, die Schwester schafft nur fünf Minuten YouTube, sie sieht und hört den Bruder, dann geht es nicht mehr, dann klickt sie ihn weg.

Die Mutter sagt, eine seiner Kurzgeschichten habe sie sich neulich angehört, ganz ruhig vorgetragen, da habe er von einer perfektionistischen Mutter geschrieben und von einem Sohn, der den Ansprüchen der Mutter nicht genügte.

Die Mutter weint. Sie sitzt in einem blauen Lesesessel in Urbana, Illinois, eine zarte Frau, ganz dünn, schwarze Hose, schwarzes T-Shirt, die Jacke so blau wie das Oberhemd des Vaters, ihres Mannes, blau wie die Gardinen hier, die Kommoden. Die Mutter weint, entschuldigt sich, sagt, dass sie jeden Morgen durch den Park gehe, wo der Sohn damals Tennis spielte, "so elegant, so leicht" habe er gespielt, als er noch ein Junge war, und dass sie jeden Morgen rufe: "Schlaf gut, mein Baby."

Sie sagt, dass sie manchmal fest glaube, dass er noch da sei. Ihr Mann sitzt neben ihr, auch er in seinem blauen Sessel, die Füße hochgelegt, er zeigt die Hochzeitsfotos, 2004 im Schnee von Illinois, der Sohn im schwarzweißen Sakko und mit Schlips, nie trug er Schlips, nur für Karen, und lachend, wie selten.

An seiner Seite die Künstlerin, Karen, auf die er stolz war, weil er endlich ein richtiger Ehemann sein wollte, so richtig, dass er Freunde fragte, wie das gehe, Ehemann sein, und sich Notizen machte. Karen ist die Einzige, die nicht besucht werden wollte auf dieser Reise in das Leben des David Foster Wallace, sie schrieb zurück: "Es ist immer noch schwer für mich, über David zu reden, über seine Arbeit und die Erinnerungen, und manchmal glaube ich noch nicht, dass er fort ist."

Es ist ein knappes Jahr vergangen seit dem 12. September 2008. Amy, die Schwester, hatte zu ihm fahren wollen, sie sagt, sie habe es in den Wochen zuvor geahnt, sie war seine erste Leserin, sie kannte ihn, und nein, "geahnt" sei das falsche Wort, sagt sie, "ich habe es gewusst, und er wusste, warum er mich nicht mehr in seiner Nähe haben wollte".

Ein Jahr ist vergangen, seit Karen ihn fand, Ehefrau, Künstlerin, die David Foster Wallace seit Monaten kaum allein gelassen hatte, seit der Überdosis vom Juni gar nicht mehr, die am 12. September 2008 kurz zu einer Vernissage fuhr, für 90 Minuten, weil er gesagt hatte, es geht mir gut, fahr nur, Schatz, denn er wusste, dass dies seine Chance war, und sie verstand es zu spät - Karen, die zurückeilte, die ihn sah und die Polizei rief und dann bis zum nächsten Morgen wartete, um die anderen im ersten Kreis zu schonen.

Um den Schriftsteller David Foster Wallace zogen sich zwei Kreise, 20 Jahre lang. Im zweiten, im äußeren, waren seine Leser, Jünger, die auf Web-Seiten jeden Satz des Autors diskutierten, die aussehen wollten wie er, Stiefel, Sweatshirt, Bart, lange Haare, Kopftuch; Wallace hatte etwas Messianisches für seine Leser, weil sein Thema das Leben und das Leiden in und an der modernen Welt waren, die "Unmöglichkeit, diese Welt ohne Drogen zu ertragen, welche die Welt aber zum Alptraum machen", wie sein deutscher Verleger sagt.

Den Jüngern schien es, als habe er die Qualen des Westens mit all dem Überfluss, dem Zynismus und der Langeweile stellvertretend erlitten und sensibler wahrgenommen, dann schärfer durchdacht und am Ende lustiger beschrieben als jeder andere. Darum versammelten sich auch Schriftsteller im äußeren Kreis, Don DeLillo oder Jonathan Frantzen, große Literaten, die glauben, dass Wallace ein Genie war, der Beste.

"Da waren Sätze, die Energiestöße in sieben Richtungen feuerten", das schreibt Don DeLillo. Dass Wallace ein "writers' writer" war, liegt an seinen Essays, die die Kunst des Schreibens lehren, da sie mit neuen Wörtern, neuen Konstruktionen von Absatz zu Absatz gleiten bis zu einem Ende, mit dem kein Mensch gerechnet hat. Er schrieb für "Gourmet" über das "Maine Lobster Festival" und schockierte die Chefredaktion, weil er neurologisch ergründete, was der Hummer fühlt, wenn er versucht, aus dem Topf zu klettern. Sein amerikanischer Ruhm aber gründet auf einem Roman, "Infinite Jest", 1996 erschienen, wüst, utopisch, verwegen, dunkel wie "Der Zauberberg", nur komischer.

Das Problem dieses Amerikas ist das Zuviel. Zu viel Vergnügen, zu viel Spaß, zu viel Konsum und viel zu viele Möglichkeiten. Tragisch. Aber wie tragisch ist das wirklich, wenn Menschen durch zu viel Freude stürzen? Nun, nach sechs Jahren, die der Übersetzer brauchte, ist der Text auf dem Weg von der Druckerei in die deutschen Buchläden, das große Buch des Herbstes, schon jetzt*.

Im ersten, dem inneren Kreis, der Wallace umschloss, ging es um eine andere Welt, und alle, die dort aufgenommen wurden, waren zum Schweigen verpflichtet. Im inneren Kreis versuchten sie einem Kranken zu helfen, sie versuchten, mindestens drei Selbstmordversuche zu vertuschen und neue zu verhindern, sie versuchten, das Geheimnis oder die Rückseite der Wahrheit zu wahren, und es gelang ziemlich gut, über 20 Jahre lang.

Alle, bis auf Karen, die Ehefrau, waren jetzt, ein Jahr danach, bereit, über das Zentrum der Kreise zu reden: David Foster Wallace, mit 46 Jahren gestorben am 12. September 2008 in der Garage eines beigefarbenen Bungalows in der Oak Hollow Road von Claremont, Kalifornien.

Er hatte nichts mehr sortiert, sein letzter Roman "The Pale King", ein Fragment über die Wiederholungen des Lebens und die Steuerbehörde IRS, lag in Schubladen. Er hatte eine Notiz für Karen geschrieben, eine Entschuldigung, da er wusste, dass sie ihn finden würde. Er nahm einen Strick, es gab einen Balken, er erhängte sich in dieser Garage, in der er geschrieben oder es versucht hatte bis zuletzt. Es war das Ende, das er gewählt hatte, und das könnte der Trost für alle sein. Aber es tröstet sie nicht, er war nicht mehr David, sonst hätte er es nicht getan. So nicht. Er hätte das Karen nicht angetan, glauben sie.

Am nächsten Morgen rief Karen Davids Eltern in Urbana an, und die Mutter rief Amy, Tochter und Schwester, in Tucson an, "gestern ist David gestorben", sagte die Mutter, und Amy dachte, das klinge so friedlich, und sie dachte: "David kann niemals so einen Knoten knoten."

Und der Vater sagt, dass der Sohn doch handwerklich so ungeschickt gewesen sei. Einmal, weißt du noch, beide Eltern lachen jetzt, ihr Lachen ist ein Geschenk nach zwei Stunden Tränen, einmal hatte David in vier Wochen vier platte Autoreifen. "Wie bekomme ich das Rad vom Auto runter?", fragte er am Telefon. "Du musst die Schrauben gegen den Uhrzeigersinn drehen", sagte der Vater. Stille. Dann: "Ich habe meine Uhr nicht dabei, Papa."

Es ist eine wundersame Reise ins David-Foster-Wallace-Land.

Es begann, als er 17 Jahre alt war

Ein weißes Haus, Montclair Road, Urbana, von Chicago drei Stunden nach Süden. Seit über 40 Jahren lebt die Familie Wallace hier, James lehrt Philosophie an der University of Illinois, Sally war Englischlehrerin. Grammatik, Genauigkeit, das ist die Spezialität der Mutter, am Küchentisch lasen sie "Moby-Dick". Sie erfanden Wörter: "twinger" waren alle Dinge, für die es kein Wort gab, bis auf jenes Zeug, das abends an Kinderfüßen klebte, Sand, Staub, die Fussel, denn das hieß "greebles". David las Wörterbücher, er sammelte seltene Begriffe und schrieb sie auf.

Und er ärgerte die Schwester. Als sie in der Pubertät dick wurde, presste er sich an die Wand und tat, als wäre kein Platz für zwei im Raum. Die Eltern überzeugte er, dass sie keinen Babysitter mehr brauchten, also bekamen Amy und David je 50 Cent, um aufeinander aufzupassen, und sobald die Eltern fort waren, jagte David die Kleine durchs Haus, bis sie sich oben im Bad einschloss. Über ihre Poster von Andy Gibb lachte er, der Pink-Floyd-Fan.

In seinem Zimmer: "Frankenstein"-Poster. Die Mutter setzte sich abends für zehn Minuten an Davids Bett, "talk time" wie bei "Peter Pan", wo es ja die Aufgabe einer Mutter ist, die wirren Gedanken der Kinder zu sortieren.

Eine normale Kindheit? Eher mehr: mehr Bildung, mehr Fürsorge, mehr Reisen auch, Paris, wo David stundenlang nach echter Coca-Cola suchte, dann London, Maine, Arkansas. Auch mehr Druck?

"Nicht von uns", sagt James leise.

"Nein", so sagt es die Tochter, "es gab Regeln, Abendessen um 17.45 Uhr, Vater kommt ja aus einer Militärfamilie. Aber sie waren liebevoll, sie nahmen uns ernst."

Tennis lernte David im Park, ein Hochbegabter, schnell Auswahlspieler, und wenn die Eltern den Ball über den Zaun kloppten, sagte der Sohn, ihr Trainer: "Das ist Tennis, nicht Baseball."

Natürlich sucht man bei solch einem Besuch nach Abgründen, nach Gründen, aber da sitzen zwei Trauernde, kluge Eltern, die ihr Kind beerdigen mussten. Sally weint, James lächelt ihr liebevoll zu. Und sie sagen, dass sie David niemals zu etwas drängen mussten, Hausarbeiten hatte er immer am ersten Tag fertig, A+, immer die Bestnote. Auf Campingausflügen wollte er wissen, was Poesie ist, und dann Joyce lesen.

Vater und Tochter zerstritten sich einst, als der Vater so dahinsagte: "Es muss hart sein, einen Bruder zu haben, der so smart ist wie David." Heute sagt er: "Amy war gekränkt, klar. Aber ich meinte es anders: Ich meinte, dass David nun mal außerhalb jeder Rangliste war, ich konnte mich ja auch nicht mit ihm messen, niemand konnte das, so schnell und schlau war er."

Es begann, als er 17 Jahre alt war.

Es war der Geburtstag der Schwester. Die Familie wollte essen gehen, der Vater ging David holen, der oben im Bett lag, schwitzend, zitternd, und sagte: "Ich komme nicht mit." Was war denn das, Depressionen? Die Eltern wussten es nicht, das Wort war noch nicht modern. "Eine biochemische Veränderung im Gehirn", sagt die Mutter. "Man kann einem Depressiven die Depression nicht ausreden, das habe ich gelernt", sagt der Vater.

David verstummte. Er schloss sich ein, er ging nur noch mit Tennisschläger und Handtuch hinaus, weil er nach Sport aussehen wollte, wenn der Schweiß kam. Als er Tabletten genommen hatte, als sein Vater einer Freundin von dem versuchten Suizid erzählte, drohte David mit dem Abbruch der Beziehungen.

James Wallace: "Er nahm ja viele Drogen."

Sally Wallace: "O ja. Er liebte Marihuana."

James Wallace: "O ja. Ich bin ja in den fünfziger Jahren aufgewachsen, ich kannte das doch alles nicht."

Als er aufs College gehen wollte, sagte David: "Ich will doch nicht. Darf ich hierbleiben?" Er ging dann, aber zweimal nahm er Urlaubssemester und legte sich ins Bett. 1988: Die Elektroschocks schienen zu helfen. Ärzte verschrieben Nardil, ein Antidepressivum mit vielen Nebenwirkungen, nicht gut für den Kreislauf, nicht gut für den Magen, und David Foster Wallace schrieb darüber. Er hatte erlebt, worüber er schrieb, und durchdachte, was er erlebt hatte, er schrieb dann auch über diese Gedanken. Diese Mischung aus Nähe und Reflexion macht seine Texte so obsessiv und prägnant, doch ungeschützt war der Autor. "Es scheint, als liege der Unterschied zwischen echter Kunst und La-La-Kunst in der Bereitschaft zu sterben, um den Leser zu rühren", schrieb er.

Wallace, Fußnotenfetischist und Liebhaber von Sätzen mit zwei- bis vierhundert Wörtern, schrieb auch, er könne beurteilen, wie Antidepressiva wirken. "Sie sind prima, wirklich", aber eben "prima in dem gleichen Sinne, wie es prima wäre, auf einem anderen warmen und komfortablen Planeten mit Essen und frischem Wasser" zu leben: "Es wäre prima, aber es wäre nicht die gute alte Erde." Er schrieb, dass in den letzten Highschool-Jahren die Halluzinationen begonnen hätten, "ich dachte, dass sich da eine riesige Wunde in meinem Gesicht geöffnet hätte, auf meiner Wange gleich neben meiner Nase".

Diese Sätze stammen aus einer Kurzgeschichte, sind Fiktion, aber "er wusste, worüber er schrieb", sagt Amy, die Schwester. Sie hat Pasta bestellt in einem Restaurant in Tucson in Arizona, "Fettuccine Tutto Bene", und rührt sie nicht an. Amy ist Pflichtverteidigerin hier in der Wüste, manchmal hört sie im Schlaf Davids Stimme, nicht oft. "Ich hätte gedacht, David wäre ein besserer Geist", sagt sie.

Amy war seine erste Leserin in all den Jahren. Fünf Fassungen schrieb er von jedem Text, drei per Hand, die Buchstaben klein und wie gedruckt, zwei am Computer, dann bekam Amy das Manuskript. "Infinite Jest" las sie im Garten, David bezahlte sie, weil sie ein freies Redigierbüro aufgemacht hatte. Es lief nicht gut. Er war der einzige Kunde.

Engste Vertraute seit dem Moment, als beide aufs College gingen, so beschreibt sie das Verhältnis. "Im Nachhinein ist es ein Jammer, wie viel Zeit wir vorher vergeudet haben", sagt sie.

In zwei Verfassungen erlebte sie den Bruder, den Studenten. Entweder arbeitete er manisch, oder er trank. Einmal lag er in seinem Zimmer, hörte, dass seine Schwester als Eisverkäuferin Geld verdiente, dann fragte er: "Wie machst du das? Wie verlässt man das Haus? Wie spricht man mit Menschen?" Depressionen haben mit einem gestörten Neurotransmitterhaushalt im Gehirn zu tun, was zu gestörten Gefühlen führt, heute ist es bekannt, Allgemeinbildung. "Damals waren wir so hilflos", sagt Amy. Sie waren daheim zu Besuch, in Urbana, Amy musste zurück zum College. Er bat sie, nicht zu fahren, sie fuhr, am nächsten Morgen hörte sie, dass er wieder versucht hatte, sich zu töten.

"Ich war so wütend", sagt Amy. Sie weint. Schiebt die Nudeln weg. Amy Wallace Havens hat rote Haare, blaue Augen, trägt Jeans und T-Shirt, eine schöne Frau. "Er versprach, es nicht wieder zu tun. Er meinte das ernst."

Bonnie Nadell, seine Agentin, saß im Auto auf dem Weg zum Strand, als sie es erfuhr, im September 2008. Die Kinder spielten hinter ihr. Ein bisschen gelangweilt, vor einer Ampel, schaltete die Agentin ihr Mobiltelefon ein, vier Nachrichten von Davids Ehefrau, warum nur, dann der Rückruf, dann stieg sie aus und schrie.

Vor 23 Jahren hatte Bonnie Nadell gerade angefangen als Literaturagentin in San Francisco, als ein Manuskript in der Post lag, ein Roman, "Der Besen im System". Es ging um eine Frau, die Angst hatte, nur als Figur in einer Geschichte zu existieren. Es war ein leidenschaftlicher Text, anders als das, was die eisigen Literaturstars jener Jahre schrieben, Jay McInerney oder Bret Easton Ellis. So fiebrig. Maximalistisch.

Bonnie Nadell, braune Haare, immer grinsend, blickt auf Los Angeles hinab aus ihrem Büro. Sie sagt, sie habe versucht, Wallace auszureden, den Text mitten im Satz zu beenden, "du bist nicht Kafka", er habe darauf bestanden, mehr war nicht zu korrigieren. Sie verkaufte das Werk für 20.000 Dollar an Gerry Howard von Viking Press und dachte, der Beruf ist ja einfach.

Es wurde anstrengend. Absagen und lügen musste Bonnie Nadell für den neuen Klienten, weil Wallace nicht reisen konnte. "In New York musste er sich vor einer Lesung mal übergeben vor Angst", sagt Gerry Howard in Manhattan, ein grauhaariger Herr in kariertem Hemd, "bei einem Fototermin bekam er eine Panikattacke. Ich sah ihn vier Bourbons in Minuten kippen, dann verschwand er mit einem Groupie. Es würde mich nicht wundern, wenn sein IQ bei 190 lag, aber seine Probleme wurden deutlich."

"Wenn ich glücklich sein könnte, würde ich dafür das Schreiben aufgeben", sagte Wallace zu Howard, dann wieder: "Schreiben möchte ich mehr als alles andere."

Er war schüchtern, und am Anfang konnte er Fehler nur mit Scham ertragen, dann lernte er, dass Humor half, Selbstironie. Dann kamen die Mädchen.

"O ja", sagt die Mutter. "Viele Mädchen, glaub ich", sagt der Vater.

Manche kamen nach Lesungen mit ins Auto, David nannte sie die "Bimbo-Brigade". Einer, mit der es ernster war, Gail in Urbana, schenkte David ein Haus, weil er glaubte, finanziell für sie sorgen zu müssen, wenn es schon sonst nicht ging.

Mary Karr lernte David Foster Wallace in einer Klinik kennen, er war auf Entzug, sie machte ein Praktikum, "das verband uns wie zwei Vietnam-Veteranen", sagt sie. Mary steht in ihrer Küche in Manhattan, macht Ingwer-Ananas-Tee, setzt sich auf ein weißes Sofa vor roher Klinkerwand.

"Er war ein wahrer Künstler"

Jung sei David gewesen, sehr förmlich auch. Er sah aus wie ein Fahrradkurier oder wie ein Gruppensex-Freak, so übermaskulin in seinen Timberlands und den abgeschnittenen Jeans, Tabak kauend und spuckend, dazu Fingerhandschuhe, aber er nannte sie "Mrs. Karr". Niemand redet so im Land der Vornamen, sie fragte: "Are you fucking with me?", "Willst du mich verarschen?" Dann ging es schnell, zu schnell: Er verehrte die sieben Jahre Ältere, sie mochte den witzigen Jungen, der ihrem Sohn erzählte, in seinem Bart wohne eine Spinne. David ließ sich ihren Namen auf den Arm tätowieren und wollte heiraten, sie war frisch geschieden und wollte endlichen Spaß, alle zwei Wochen.

"Er war ein wahrer Künstler, mit 25 schon. So ernsthaft. Ich habe ihm gesagt, dass es nicht um Klugheit gehe in der Kunst. Yates war nicht klug, Rilke war nicht klug, nur klug zu sein ist billig. Es geht um Herz, um Gefühl." Mary Karr, Dichterin, trägt ein rotes Kleid, schwarze Haare, "was noch?" Das Ende, Mary?

"Es war tumultös, ein Desaster. Er überlud mich mit Erwartungen, ich sollte seine Anna Karenina sein. Er unterschrieb Briefe mit 'Young Werther'. Das Süßeste, Traurigste an David war, dass er so bedürftig war. Er brauchte Rückversicherung und Aufmerksamkeit." Mary Karr sagt dann, dass der Mann mit dem Markennamen DFW "auch eine Menge Ärger in sich gehabt" habe, er habe einen Rucksack und dann den Kaffeetisch nach ihr geworfen, auch ihre Mutter habe er angerufen. Er sei einer dieser Männer gewesen, "die alle fünf Jahre ihr Leben in die Luft jagen müssen vor Wut, selbstmitleidig, selbstzerstörerisch. Und wenn du nicht mehr trinkst, keine Mösen mehr jagst, was bleibt dir dann noch?"

Dies ist das einzige Thema, bei dem sie sich nicht einig sind im inneren Kreis. Die anderen sagen, David sei höflich gewesen, bescheiden, demütig fast, stets in Sorge um andere, und Mary habe Davids Mutter angerufen, so herum stimme ihre Geschichte. Es klingt so, als sei Mary Karr, die Ex-Freundin, ausgestoßen aus der Gemeinde.

Denn zum inneren Kreis zählen die Beschützer, jene Menschen, die glaubten, den Star in ihrer Mitte vor der Welt und sich selbst hüten zu müssen, die Eltern, die Agentin, die Schwester, die Ehefrau, ein bester Freund auch, der in dieser Geschichte keinen Namen haben möchte, und Michael Pietsch.

Michael Pietsch nennt die Arbeit mit Wallace "den großen Kick meines Verlegerlebens, ein einziges Abenteuer". Pietsch, Verleger bei Little, Brown and Company, trägt blaues Hemd und graue Hose, kurze braune Haare, er hat ein Büro über Grand Central, Manhattan, rote Sitzmöbel. 200 Seiten bekam er damals zu lesen, nach 200 Seiten kann niemand sagen, wohin "Infinite Jest" führen wird, aber Pietsch bot, bis er es hatte. Für 75 000 Dollar raubte er Gerry Howard den besten Autor, den beide je drucken durften.

Pietsch und Wallace trafen sich bei einem Mexikaner auf der Lower East Side, der Käse war nicht gut, Wallace übergab sich. Er sah jung aus, kindlich. Pietsch trank Bier, Wallace trank Limonade.

Danach: Schweigen. E-Mails schrieb Wallace nicht, der auch selten nur telefonierte und keinen Fernseher hatte. Michael Pietsch wartete an der Ostküste, Wallace schrieb im Westen. Manchmal schickte der Verleger dem Autor ein Buch, manchmal lud er ihn in die große Stadt ein, aber Wallace ertrug New York nicht. Den Klatsch nicht, die Fans nicht, die Enge nicht und schon gar nicht den Lärm.

Und dann kamen sie. 3000 Manuskriptseiten. Was sahen Sie, Michael?

"Warten Sie, ich denke mich zurück." Er holt das Buch, blättert, liest. "Ich sah einen brillanten Autor, der Charaktere sezierte, die nicht so brillant waren und eine Menge schlechter Entscheidungen getroffen hatten, Verlierer, die eine Menge Ärger hatten. Und ich sah eine enorme Empathie für diese gefallenen Gestalten. Da waren eine philosophische Tiefe, eine Komödie, eine neue Sprache, da war diese weltumspannende, imaginative, hochkomische und hochpolitische Konstruktion."

Natürlich, ein Verleger wirbt für sein Buch. Aber es ist wahr: "Infinite Jest" ist der Roman über den Zustand der USA, über den Verlust aller Ziele in dem Moment, wenn alles erreichbar wird, über Liebe auch, über Trauer und Sucht. Er beginnt mit einem jungen, kiffenden Tennisspieler, der in einer Akademie Profi werden soll. Er führt zu einem Einbrecher, der nicht begreift, dass der gefesselte Hausbesitzer ihm den Safe gern öffnen würde, denn der Hausbesitzer spricht nur Französisch und nuschelt auch noch, denn er ist ja erkältet, und so erstickt der Hausbesitzer am Ende am Knebel. Ein Bauarbeiter tritt auf und ab, der einen Flaschenzug nutzen will, um sich das Leben zu erleichtern, aber der Flaschenzug reißt ihn hinauf und dann in die Tiefe; so geht das bei Wallace mit allem, was das Leben lebbar machen soll. Dieses Leben zahlloser Chancen führt den Tennisspieler und viele mehr in den Wahnsinn, in der Heilanstalt liegt zu Beginn schon eine junge Patientin, nach zwei Selbstmordversuchen, und sie erzählt von ihrem Gefühl: Angst.

"Ich wollte mir nicht unbedingt wehtun. Oder mich irgendwie bestrafen. Ich hasse mich nicht. Ich wollte bloß raus. Ich wollte nicht mehr mitspielen, das ist alles ... Wehtun hat mir gerade noch gefehlt. Ich wollte mich bloß einfach nicht mehr so fühlen. Ich glaube ... ich glaubte nicht, dass dieses Gefühl je weggehen würde. Glaub ich auch jetzt noch nicht. Lieber fühl ich gar nichts als das hier ... Das Gefühl ist der Grund, warum ich sterben will. Ich bin hier, weil ich sterben will ... Deswegen hat man mir Schnürsenkel und Gürtel weggenommen. Nur das Gefühl nimmt man mir nicht weg, oder?"

Michael Pietsch wusste damals nichts von den Depressionen seines Autors, er las Stellen wie diese einfach als dichteste Stellen eines dichten Romans, Pietsch schlug dennoch Kürzungen vor, 250 Seiten. Es war spielerisch, Wallace argumentierte und kürzte doch. Als sie fertig waren, sagte Wallace, er hoffe, der Verlag werde kein Geld verlieren, "ich lachte und sagte, dass wir ekstatisch seien, aber er glaubte mir nicht", sagt Pietsch.

Wallace studierte am Amherst College, in Tucson und an der Harvard University, dort aber nur ein Semester lang Philosophie; er wollte lieber leben, so gut er konnte, das ging nur auf dem Land, leben und schreiben, das war eins. Er lehrte Literatur, zuletzt am Pomona College in Claremont, er schrieb am "Pale King", er litt am "Pale King". "Ich glaube, er war seiner alten Tricks überdrüssig und wusste nicht, was seine neuen Tricks sein könnten", sagte Karen, seine Ehefrau.

Der Kölner Verleger Helge Malchow machte sich auf den Weg, um den Autor, den er verpflichten wollte, in Los Angeles zu treffen. Wallace, sagt Malchow, sei ja nicht nur moralischer Ankläger der populären Kultur, sondern er berichte von innen, als Teil dieser Kultur, darum subversiv. Sie trafen sich am Bahnhof, Wallace kam per Zug mit Plastiktüte und Parka, "er sah aus, als suchte er ein Plätzchen für die Nacht", sagt Malchow; sie aßen und sprachen über Georg Büchner.

Und in Basel machte sich ein einsamer Mann ans Werk.

Ulrich Blumenbach, blondierte Haare, dicke Brauen, schwarze Jeans, schwarzes T-Shirt, trägt Wasser und Espresso hinauf in die Übersetzerstube mit Rheinblick.

Sechs Jahre für ein Buch.

52.000 Euro Lohn.

Achtmal hat er die 1080 Seiten von "Infinite Jest" gelesen, 1552 Seiten hat die deutsche Ausgabe, "Unendlicher Spaß" ist mehr geworden als eine Huldigung, werktreu und zugleich eigenwillig, mutig und angemessen meisterlich.

Blumenbach hat David Foster Wallace nie getroffen, aber er kennt ihn gut. "Sein Ziel war ein Hyperrealismus, der aller Facetten des Lebens sprachlich habhaft werden wollte, es ging ihm um Sinnlichkeit und größtmögliche Präzision der Weltbeschreibung", sagt Blumenbach. Die Tricks: "ein Rhythmus durch Satzzeichen, unendlich viele Hypotaxen, Semikolons, besonders wenn Morde geschildert werden, dann werden die Satzzeichen zu Atemzeichen, das Ersticken des Opfers überträgt sich. Und außerdem sind da die kleinen Fehler". "Cagatorically" heißt es bei Wallace, am Anfang korrigierte Blumenbach so etwas noch, dann merkte er, dass es Absicht war, weil Wallace' Verlierer so sprechen mussten. "Ein Exempel konstatieren", so heißt es bei Blumenbach, schöner könnte es Lothar Matthäus nicht sagen.

Ulrich Blumenbach wollte Wallace treffen und "mit einem Kniefall" das Werk überreichen. Er hatte eine Liste mit Fragen, ahnte nichts von der Verfassung des Autors, "seine Essays waren so hell, so komisch, sein ständiges Produzieren hat einen falschen Eindruck gemacht".

Es sei wohl so, sagt er, "dass wir alle vieles abblocken, das macht uns lebensfähig. Er ließ alle Flutwellen von Alltagselementen bewusst über sich rollen, um sie dann literarisch bewältigen zu können".

Es gab noch vergnügte Tage im Leben des DFW, auch in den letzten Jahren. Einmal reiste er nach Wimbledon, er schrieb über Roger Federer, "Poesie in Bewegung", verzaubert. DVDs von Federer-Matches schickten ihm seine Eltern, "das waren Davids Pornos", sagte Karen. Sie richtete ihm ein Zuhause ein, endlich mehr als nur Matratzen und Bücher und Tabletten und Werner, der Pitbull. Sie brachte ihn zum Lachen, über seine Phobien, die Angst vor Haien beim Strandspaziergang.

Aber es waren nicht mehr viele gute Tage, und es wurden weniger.

Das Problem, so schrieb er Freunden, war, dass Nardil, das Antidepressivum, seinen Blutdruck erhöhte, es schwemmte ihn auf, es veränderte ihn. Er kam nicht voran mit dem neuen Roman, im Mai 2008 schrieb er das letzte Wort, er glaubte, dass das Medikament seine Emotionen bremse, nicht nur die üblen, die es bremsen sollte, sondern auch jene, die er brauchte, um schreiben zu können. Er konnte mit der Medizin leben, aber nicht mehr schreiben, und Schreiben war Leben für ihn. "Das, was die Existenz erträglich macht, entreißt ihr den Sinn", so sagt es Helge Malchow - der Abgrund postmoderner Existenz?

Im Juni wollten die Eltern nach Kalifornien fliegen, sie hatten die Tickets schon. Am Tag vorher rief David an, "hi Mom, this is David", das sagte er immer. Er hatte zwei Bitten: Sie sollten nicht kommen, und sie sollten nicht beleidigt sein. Dann nahm er Tabletten und überlebte.

Im August 2008 musste Karen für eine Woche verreisen, nun flogen die Eltern nach Kalifornien. Er hatte abgenommen, 30 Kilogramm. Die Mutter kochte, aber er aß und schlief nicht mehr. David fragte: "Wie macht man Smalltalk? Wie kauft man ein?" Zum Abschied die Tränen.

Ende August wollte ihn die Schwester besuchen. "Es ist nicht alles gut", hatte er am Telefon gesagt, aber sie durfte nicht kommen. "Ich verzeihe mir nicht, dass ich nicht trotzdem gefahren bin", sagt sie, "er hatte keine Kraft mehr in sich."

Er hatte Nardil abgesetzt, der Körper musste sich erholen, vier Wochen brauchte es, ehe erwiesen war, ob neue Medikamente wirkten, es waren heikle Phasen. Und nichts wirkte. Die Ärzte rieten ihm, zu Nardil zurückzukehren, aber was 20 Jahre lang gewirkt hatte, wirkte nicht mehr. David Foster Wallace lächelte. Die Jünger im äußeren Kreis ahnten noch immer nichts, die Vertrauten im inneren Kreis dachten, es gehe ihm besser.

Er wollte keine Medizin mehr, er musste es riskieren.

Er wollte leben, dafür musste er schreiben können.



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Klaus Brinkbäumer


Klaus Brinkbäumer, geboren 1967, schreibt seit 1993 für den Spiegel, zur Zeit als Reporter in New York. Für seine Texte wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Egon-Erwin-Kisch- und dem Henri-Nannen-Preis. Brinkbäumer ist Verfasser und Co-Autor mehrerer Bücher. Zuletzt erschienen "Der Traum vom Leben. Eine afrikanische Odyssee" und der Roman "Unter dem Sand".
Dokumente
Wer schreiben will, muss leben

erschienen in:
Der Spiegel,
am 10.08.2009

 

Kommentare

Sharleena, 25.04.2016, 09:41 Uhr:

I am so glad that you are all okay and still have a home to live in, but the way you wrote this up left me in sti.hcestMaybe you won’t get any mosquitos in your house this summer. I hear they don’t like smoke.Shew! Glad you guys are around to tell the story!

Atlanta, 14.08.2012, 11:31 Uhr:

Dieses Portrait ist ein großes Glück. Von meisterlicher Hand geschrieben, voller Empathie und Fleiß. Vielen Dank

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