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29.04.17

Buchtipps

Alex Rühle „Auf diesen Lastern verlässt die Zukunft Afrika

Fabrizio Gatti ist der Günter Wallraff Italiens. Nun ist sein Buch in Deutschland erschienen. Alex Rühle in der SZ über "Bilal".

Fast muss man warnen vor diesem Buch, so massiv, so jäh ist das Leseerlebnis. Es erwischt einen wie ein Faustschlag in Zeitlupe, und wenn man, nach all dem Wüstensand, der Hitze, den Lagerbeschreibungen und dem eiskalten Meer, zufällig Nachrichten sieht, könnte man schreien vor Wut, wenn es dort neutral heißt, 74 Illegale seien von Rom aus nach Libyen abgeschoben worden.

Fabrizio Gatti ist Chefreporter des Espresso und er arbeitet, seit er sich für eine Geschichte über die Macht der Mafia als Gasableser und Heroinabhängiger ausgab, meist undercover. Er nahm die Identität eines Rumänen an, um zu sehen, wie Italien mit seinen Illegalen umspringt; er hat unter Obdachlosen gelebt und als angeblicher Kosovare die Abschiebepraktiken der Schweiz dokumentiert. "Bilal" aber war sein härtestes Projekt, Gatti überlebte tagelange Sandstürme, Amöbenruhr, Pannen und entkam einer Geiselnahme durch Al-Qaida-Leute. Schlimmer als all das war aber anscheinend die omnipräsente Grausamkeit, die er auf dieser Reise erlebte; er klingt in Interviews auch dreieinhalb Jahre später noch wie ein Kriegsveteran, der kaum in den zivilen Alltag zurückfinden kann. Dabei wollte Gatti nur in Erfahrung bringen, warum so viele Schwarzafrikaner das Risiko auf sich nehmen und sich Schleppern anvertrauen, durch die Wüste, übers Meer.

Zwei Leute reisen durch dieses Buch, auf zwei Routen. Zunächst macht sich der Italiener Gatti vom Senegal aus auf in Richtung Europa, entlang der sogenannten Sklavenpiste, jener Route, auf der schon vor 2000 Jahren Arbeitskräfte für das Römische Reich besorgt wurden. Auf überfüllten Lastwagen, in Kleinbussen, streckenweise zu Fuß, geht es nach Süden, in Richtung Trockenheit und Hitze. Niamey, Agadez, Dao Timmi, so heißen die Stationen in Niger, Orte, die immer staubiger werden, Vorposten des sandigen Nichts. In Agadez besteigt Gatti zusammen mit 200 Menschen einen der uralten Laster, die nach Libyen aufbrechen, schwer beladen wie Schiffe. "Am Ende der Startbahn endet die Straße. Endet Agadez. Endet die Sahelzone. Endet Schwarzafrika. Endet eine Welt. Vor dem Lkw erstreckt sich eine endlose steinige und sandige Ebene."

Willkommen in der Sahara, dem Ozean der Einsamkeit, in dem Sie niemand suchen wird, wenn Sie nicht wieder auftauchen, und in dem keine Gesetze mehr gelten: nach fünf Kilometern die erste Straßensperre, bei der Polizisten mit Gummischläuchen und Peitschen auf die Passagiere eindreschen und Geld von ihnen verlangen.

Vier bis fünf Laster fahren täglich von Agadez ab, macht 15 000 Leute pro Monat. Jeder von ihnen zahlt seinem Schlepper alleine für die Durchquerung Nigers 150 Euro. Dazu kommen die Polizeikontrollen zwischen der nigrischen Hauptstadt und der libyschen Grenze. Zwölfmal werden sie angehalten, müssen aussteigen, sich in den Sand knien, hoffen, dass diesmal nicht sie es sind, die verprügelt werden, aber irgendjemanden trifft es immer. Auf diesen Lastern verlässt die Zukunft Afrika, junge Männer, gut ausgebildet, die zu Hause keinerlei Perspektive haben. Gatti lernt Computerfachleute und Mathematiker kennen, Krankenschwestern und Lehrer, er freundet sich mit einem ägyptischen Historiker an und mit zwei Brüdern aus Liberia, die mit ihren Familien in einem Flüchtlingslager in Ghana hausten, Naturwissenschaftlern, die Einladungen zu Kongressen in Slowenien und Kanada in der Tasche haben. Sie alle träumten von Europa und sind entsetzt, als sie merken, wie hart diese Reise ist.

Dirkou schließlich ist eine moderne Sklavenoase, ein Gefängnis, "in dem die Sahara die Gitterstäbe bildet". Zu Hunderten arbeiten die Schwarzafrikaner hier für etwas Wasser und Brot, in Steinbrüchen, als Hausdiener oder Prostituierte, manchmal Wochen, manchmal Jahre. "Ihr Geist ist noch voller Pläne, Träume und Freiheitsdrang. Nur kommen sie nicht weg von hier, weil ihr Körper im Alltag gefangen ist. Das fehlende Geld, der Hunger, der Staub und der Preis für das Ticket, das immer unerreichbarer ist. Wenn sie je lebend in Europa ankommen, gelten sie höchstens als Desperados. Auch wenn sie in Wirklichkeit zu den wenigen Menschen auf der Welt gehören, die für die Hoffnung noch ihr Leben aufs Spiel setzen."

Es kann in der Ténéré schon ein tödlicher Fehler sein, pinkeln zu gehen: Die Schlepper setzen die Fahrt nach einer Pause einfach fort, ohne darauf zu achten, ob auch wirklich alle an Bord sind. Wer nicht schnell genug aufspringt, bleibt zurück. Viele setzen ihre menschliche Fracht auch mitten in der Wüste aus, um Benzinkosten zu sparen. Bezahlt haben die Passagiere ja im Voraus. Und diejenigen, die Gatti trifft, sind noch die Bessergestellten. Wer keine Papiere hat, muss abseits der Routen auf einem der Allradwagen querfeldein fahren, ein geplatzter Reifen bedeutet da 32 Tote.

An der libyschen Grenze ist Schluss für Gatti, man lässt ihn als Weißen nicht ins Land. Zurück in Italien, verwandelt er sich in den kurdischen Flüchtling Bilal Ibrahim el Habib und schmuggelt sich in das Lager von Lampedusa ein. Die Idee dazu kommt ihm, als er "Papillon" sieht, den Film mit Steve McQueen und Dustin Hoffman, die Flucht übers Meer aus einem Strafgefangenenlager in Französisch-Guyana. Gatti nimmt den umgekehrten Weg: fliegt nach Lampedusa, dem europäischen Vorposten zwischen Italien und Libyen. Dort verbrennt er seinen Ausweis, zieht sich eine Schwimmweste an, die er vorher mit Altöl eingerieben hat, schmiert sich selbst mit stinkendem Fischöl ein, damit man ihm seine Geschichte glaubt, springt ins novemberkalte Meer und lässt sich Stunden später als kurdischer Türke an Land treiben. So kommt er in das Lager, das von italienischen Politikern der Fremdenhasspartei Lega Nord als "Fünfsternehotel" und "Stolz der italienischen Nation" bezeichnet wurde. Gatti beschreibt es als Schandfleck Europas: Bei seiner Aufnahme wird er gezwungen, sich mit den anderen Neuankömmlingen auf den Boden zu setzen, auf dem knöcheltiefe Fäkaliensuppe schwimmt. Wer sich nicht sofort setzt, wird verprügelt. Einige Wachmannschaften setzen allen Ehrgeiz daran, die Inhaftierten systematisch zu demütigen. Schläge, Tritte, stundenlange Abzählrituale gehören zum Standardrepertoire, sie zwingen aber auch minderjährige Muslime dazu, sich Pornos auf dem Handy anzusehen oder mit dem faschistischen Gruß zu salutieren.

Lampedusa ist die große Lostrommel Europas: Nach undurchsichtigen Kriterien, vielleicht auch einfach nur nach Zufallsprinzip, werden die Flüchtlinge entweder zurückgeschickt nach Afrika oder nach Sizilien gebracht. Dort bekommen sie einen Ausweisungsbescheid in die Hand gedrückt und die Aufforderung, innerhalb von sechs Tagen das Land zu verlassen. So sorgt der italienische Staat für Nachschub für die riesige Schwarzarbeitsmaschine. Denn all die Illegalen werden dringend gebraucht - in Italien hängen die Bau- und die Landwirtschaft von den Schwarzarbeitern ab. Je illegaler, desto besser, so könnte man sagen, denn je weniger Rechte die Immigranten haben, desto besser kann man sie ausbeuten. Und wir Endverbraucher, die wir unsere Kiwis für 29 Cent kaufen, können der Mafia und deren kalabrischem Pendant, der 'Ndrangheta, dafür dankbar sein, dass diese so zuverlässig für niedrige Preise sorgen.

Pannen und Sandstürme, Schläge, Dreck, Gestank und Todesangst - Fabrizio Gatti hat all das am eigenen Leib erfahren. Aber er setzt sich nie in Szene, geriert sich nie als Held. Im Gegenteil, er verschwindet quasi aus seinem eigenen Buch: Schon im ersten Teil erzählt er kaum von sich. Selbst als er sich mit 41 Grad Fieber in Agadez zu einigen Tagen Unterbrechung gezwungen ist, nutzt er diese Zeit eben, um die Stadt zu erkunden - und löst beim Lesen Fernweh aus: "Die ganze Stadt ist rot, die Fassaden, die Flachdächer, die sandigen Gassen, als läge Agadez immer im Licht der untergehenden Sonne." Dann wird mit der Verwandlung von Gatti in Bilal aus dem Ich ein Er, das kurdische Alter Ego wird wie eine fremde Figur beschrieben. Und auf den letzten Seiten überlässt Gatti James und Joseph das Wort, den zwei jungen Liberianern, die hofften, von Tripolis aus nach Slowenien zu gelangen, wo sie offiziell eingeladen waren.

Aus deren Mails spricht der zweite politische Skandal, den Gatti hier - neben den Zuständen in Lampedusa - aufgedeckt hat: Dass Europa Libyen zum sicheren Drittstaat erklärt hat, um möglichst viele Flüchtlinge dorthin zurückschicken zu können. In den libyschen Lagern wird systematisch gefoltert und vergewaltigt. Immer wieder werden ganze Flüchtlingstrupps einfach in die Wüste geschickt.

Auch James und Joseph werden gefoltert, nach Europa dürfen sie sowieso nicht, obwohl sie offizielle Einladungen und Flugtickets haben. "Die zwei", so Gatti, "haben einen dramatischen Fehler gemacht: Sie haben auf das Gesetz vertraut. Sie wollten durch den Haupteingang nach Europa reisen, als freie Bürger, und nicht in Lampedusa an Land gehen." Während sie ihre Folterwunden auskurieren, am 25. August 2005, jubelt Berlusconi, "die italienisch-libysche Zusammenarbeit zur Regulierung der legalen Migrationsströme und zur Bekämpfung der illegalen Zuwanderung soll Europa als Vorbild dienen." In ihrer allerletzten Mail danken die beiden Brüder Gott dafür, dass sie es geschafft haben, lebend in ihr Flüchtlingslager in Ghana zurückzukehren.

© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von Süddeutsche Zeitung Content.

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Alex Rühle


Alex Rühle, geboren 1969, Studium der Komparatistik, Romanistik und Philosophie in München, Paris und Berlin. Nach Jahren der Suche, unter anderem als Entwicklungshelfer, Stadtcafekellner und Klinikclown, seit 2001 Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Rühle ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Dokumente
„Auf diesen Lastern verlässt die Zukunft Afrika” (PDF)
Links
Animierte Leseprobe "Bilal" auf www.book2look.com
"Bilal" auf der Hompage des Kunstmann-Verlags

erschienen in:
Süddeutsche Zeitung (SZ),
am 04.02.2010

 

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