Reporter Forum Logo
20.09.17

Gern gelesen

Daniel Puntas Bernet „Don't pay the barber

Unzählbar, unbezahlbar

Ein lachendes und ein weinendes Auge begleiten diese Reportage ins „Gern Gelesen"-Archiv. Weinend, weil mit Erscheinen des Textes am 24. Juni bei der Neuen Zürcher Zeitung eine über 60 Jahre währende Ära zu Ende ging: Die Rubrik „Zeitbilder" wurde eingestellt. Mit drei werbefreien Seiten, um die 16.000 Zeichen und zwölf Fotos war ihre Beilage eines der schönsten „Reportagegefäße" (NZZ) der deutschsprachigen Presse. Die „Zeitbilder" verstanden sich als Kunstform, die dem Zwang des Aktuellen nicht unterlag. Autor und Fotograf, so war es ausdrücklich gewünscht, gingen gemeinsam auf Recherche-Reise. Die Schreibtische von Text- und Fotoredaktor standen in Rufweite zueinander. Ihre Arbeit ergänzte die (ohnehin feudalen) Beiträge der Auslandskorrespondenten. Bei den Lesern war die wöchentliche Hintergrund-Reportage so populär, daß sie zeitweise sogar als Einzel-Abonnement bezogen werden konnte.

„Don't pay the barber", das letzte „Zeitbild", erzählt, wie die rituelle Haargabe indischer Tempelbesucher von einer ganzen Industrie zu Geld gemacht wird. Warum die Haarabschneider mit einer Delegation orthodoxer Juden in Konflikt gerieten. Und wo Scheitelmacherinnen schwarze Locken von 160 cm Länge kaufen. „Don´t pay the barber" ist die Geschichte eines mythischen Rohstoffs, von dem der Mensch sich nur ungern trennt.

Haar, so sagt es im Text ein junges Paar aus Bangalore, ist „unzählbar und unbezahlbar". Womöglich gefiel diese Assoziation den Verantwortlichen der „Zeitbilder", deren unbezahlbar gute Rubrik nun eingestelt wurde, weil sie dem Verlag unbezahlbar teuer erschien. Allerdings „bis auf weiteres". Eine winzige Hoffnung.

Ania Faas

Die Barbierin sitzt im Schneidersitz in einer grossen, mit Neonlicht beleuchteten Halle und setzt die Klinge ins Messer. «Gillette, 7 o'clock, permanent shape» steht auf der Verpackung, die sie auf den weissen Kachelboden geworfen hat. Sie stopft das Bündel Rupien der neuen Kundin unter ihren Sari und weist die Frau mit einer angedeuteten Handbewegung an, ihr gegenüber Platz zu nehmen. Die Frau setzt sich, zögerlich, ebenfalls im Schneidersitz, und bückt den Kopf. «Heute wird ein guter Tag», lacht die Barbierin zu ihren Kolleginnen hinüber, während sie das schwarze Haar der Frau vom Scheitel aus in zwei dicke, lange Strähnen teilt und in jede Strähne einen Knoten flicht. Dann drückt sie den nassen Kopf noch tiefer hinunter und setzt das Messer an. Mit schnellen, sicheren Bewegungen schabt sie den Hinterkopf frei.


Neben der Barbierin sitzen in einer Reihe dreissig, vierzig weitere Berufskolleginnen und -kollegen, Männer schneiden Männerhaar, Frauen Frauenhaar, alle im Schneidersitz. Vor ihnen verläuft ein schmaler Kachelkanal, und auf der andern Seite setzen sich die Kunden. An der Hallendecke drehen Ventilatoren, an den weissen Wänden steht mit grossen roten Lettern «Don't pay the barber» und daneben das Symbol «Fotografieren verboten», überall am Boden liegt nasses, schwarzes Haar, es riecht unangenehm. Die Kunden strömen stossweise in die Halle. Sie haben zuvor am Eingang ihre Schuhe ausgezogen, sind durch die schmalen dunklen Gänge gegangen und haben in einer der mit Gittern versehenen Wartehallen darauf gewartet, dass sie drankommen. Jetzt rennen und drängen die Kunden Richtung Halle, dabei kommt jeder dran im Kalyanakatta-Center von Tirumala, dem grössten Haarsalon der Welt, wo achthundert Barbiere auf drei Stockwerken vierundzwanzig Stunden am Tag das gleiche Werkzeug brauchen, weil es nur einen Haarschnitt gibt: die Kahlrasur.


Es ist Ostermontag, über hunderttausend Pilger werden heute nach Tirumala kommen, dem Hindu-Tempel zu Ehren des Lord Venkateswara im Süden Indiens, im Gliedstaat Andra Pradesh. Nicht weil Ostern eine spezielle Bedeutung im Hinduismus hätte – heute ist tamilischer Neujahrstag, deswegen verdoppelt sich die Pilgerzahl gegenüber normalen Tagen. Sie werden sich bedanken bei ihrem Gott für Gesundheit, Glück und Arbeit; für das Geschenk der Ehe; für geheilten Krebs, einen geborenen Sohn, eine reiche Ernte. Und sie werden dabei Geld und Gold in den Opferbehälter vor dem Bildnis von Lord Venkateswara werfen. Viel Geld und viel Gold. Wer zu wenig davon hat, lässt zuvor sein Haar im Kalyanakatta-Center.


Mallleswaramma, so heisst die Kundin im Haarsalon, hat die Augen geschlossen und lächelt, während die Barbierin weiterschabt, vom Hinterkopf bis zur Stirn, zu den Ohren und bis zum Nacken. In den frühen Morgenstunden ist die Pilgerin aufgestanden, in Gudappha, einem kleinen Bauerndorf, vierhundert Kilometer von Tirumala entfernt. Malleswaramma hat den Sari eingepackt, den sie an ihrer Hochzeit trug und seither vielleicht noch ein-, zweimal, ein paar Tücher und Kleider, dazu etwas zu essen für die beiden Kinder. Anschliessend hat sie ihre Familie aus dem Bett geholt. Mahud, ihr Mann, hat dem jüngeren Bruder letzte Anweisungen zur Bestellung der Felder erteilt, dann sind sie alle zusammen bis zur Hauptstrasse gegangen, um auf den Bus zu warten. Heute wollen sie Venkateswara dafür danken, dass er ihnen bereits beim zweiten Kind einen Knaben schenkte.


Nach vier Minuten ist die Barbierin fertig, die beiden nassen schwarzen Bündel fallen in den Kachelkanal, und bereits nimmt die nächste Pilgerin Platz. Malleswaramma steht auf, wischt sich Haare aus dem Gesicht und fährt mit der Hand über den Kopf, als könne sie nicht glauben, dass ihr Haar, das zuvor bis zu den Hüften reichte, weg ist. Jeden Tag hatte sie es gekämmt und neu gezopft, jeden zweiten oder dritten Tag gewaschen und entlaust und jeden Freitag – vor dem Gebet beim kleinen Steinaltar im Dorf – mit Kokosnussöl eingerieben und mit Jasminblüten verziert. Sie hat mit achtzehn Jahren ihren Mann damit verzaubert, das Haar seither für ihn gepflegt, verschönert und zur Strafe auch schon einmal halb abgeschnitten, damals, als er einer anderen den Hof machte. Nun trägt sie eine Glatze und ist glücklich. Ihr Haar gehört jetzt Lord Venkateswara.


Venkateswara ist einer von vielen Hindu-Göttern – und wahrscheinlich der am meisten beschenkte. Die Sage geht so, dass Venkateswara auf dem Hügel von Tirumala von einem Kuhhirten am Hinterkopf geschlagen wurde und an dieser Stelle sein Haar verlor. Damit er seine Haarpracht, auch im Hinduismus Symbol männlicher Stärke, zurückerlangen konnte, überliess ihm eine zufällig anwesende Augenzeugin ein paar Strähnen. Als Venkateswara kurze Zeit später heiratete, musste er sich für die Finanzierung der Hochzeit hoch verschulden. Und so kommen laut Kiran Kranth Choudary, Professor für altindische Geschichte an der Universität der nahen Stadt Tirupati, seit dem ausgehenden 8. Jahrhundert gläubige Hindus aus ganz Indien nach Tirumala, um ihrer Gottheit Geld zu geben (damit er seine Schulden zurückbezahlen kann) und Haare zu spenden (um die kahle Stelle zu bedecken). «Die Legende hat bis heute nichts von ihrer Kraft eingebüsst», sagt Choudary. Wie zum Beweis schleichen jeden Tag im Jahr Hunderte von Bussen die vierundfünfzig Kurven von Tirupati die Hügel hinauf, überholen die alten weissen Ambassadors, ein britisches Modell aus den fünfziger Jahren, das Indien immer noch produziert, weichen Motorrädern aus, die jede Lücke für ein Überholmanöver nutzen. Rikschas und Jeeps kämpfen ebenso um eine gute Position auf der kurvigen Strasse wie die Pilger, die barfuss auf dem heissen Teer gehen. Zehntausende ziehen Tag für Tag über die sieben Hügel von Tirupati nach Tirumala. Zweiundzwanzig Millionen waren es im letzten Jahr. Lord Venkateswara zieht mehr Menschen an als der Vatikan.


Im vierten Stock des Kalyanakatta-Centers beginnt das Geschäft mit dem menschlichen Rohstoff, «unserem schwarzen Gold», wie es indische Geschäftsmänner gerne bezeichnen. Denn hier, auf einem riesigen, zirka vier Meter hohen schwarzen Berg, landet Malleswarammas Haar, aber auch das von Mahud, ihrem Mann, das der beiden Kinder, überhaupt alles Haar, das die Barbiere rund um die Uhr den Pilgern abnehmen, mehrere Tonnen im Tag. Von hier aus nimmt das Haar seinen logistischen und kommerziellen Lauf um die Welt, um für medizinische Zwecke nach Operationen angewendet zu werden, als Echthaarperücken auf dem Haupt von Glatzenträgern und orthodoxen Jüdinnen zu landen oder als Haarverlängerung Frauen in Europa und Amerika zu verschönern. Allein in der Schweiz lassen sich jedes Jahr gegen fünftausend Frauen indisches Tempelhaar einflechten, so schätzen es die massgeblichen Importeure.


Vor dem schwarzen Berg sitzen Tempelangestellte in farbigen Tüchern und mit Mundschutz und sortieren das noch feuchte Haar: nach Länge, Dichte und Farbe beziehungsweise unterschiedlichen Schwarztönen. Es gilt, Papierreste oder andere Abfälle zu entfernen und vor allem versehentlich ins Haar geratene Gillette-Klingen; damit schneiden sich die Angestellten ab und zu in die Finger. Während früher die Haare entsorgt oder allenfalls zum Stopfen von Matratzen verwendet wurden, ist dieser Ort heute der Ursprung einer lukrativen wirtschaftlichen Verwertungskette, an deren anderem Ende viele Frauen und wenige Männer auf der ganzen Welt ihr Haar bedecken, verlängern, verschönern. «Der Haarberg steht für die pure Liebe der Pilger zum Lord», sagt der Direktor des Kalyanakatta-Centers, während die Ventilatoren an der Decke gegen die drückende Hitze ankämpfen. Und dann schiebt er nach: «Wir verdienen damit Geld für den Tempel, viel Geld.»


Die Gottesliebe verwandeln die Tempelmanager in bare Münze, indem sie die in Fünfzig-Kilogramm-Jutesäcke abgefüllten Haare an Versteigerungen den Haarhändlern aus dem ganzen Land verkaufen. Damit verdient Tirumala rund hundertfünfundzwanzig Millionen Franken pro Jahr, ein Drittel seiner Gesamteinnahmen. Man könnte sich entrüsten darüber, dass hier ein Geschäft gemacht wird mit dem Rohstoff armer Leute, die keine einzige Rupie vom Erlös erhalten. Doch das sehen mehrheitlich westliche Besucher so. «Die Einnahmen kommen den Pilgern und der Bevölkerung dank Gratisessen oder gemeinnützigen Einrichtungen wieder zugute», sagt der Chief-PR-Officer Rama Pulla Reddy, ein grossgewachsener Inder mit hellem Haar und sonorer Stimme, der seit einem kritischen BBC-Bericht über Tirumala vor drei Jahren sämtlichen Kameras den Zugang zum Kalyanakatta-Center verbietet. Tatsächlich wären wohl Bilder von dreckigen Haarbergen, von Frauen, die totes Haar entlausen, oder Männern, die, barfuss in Kübeln stampfend, Haare waschen, dem Geschäft nicht förderlich. «Wir wollen nicht, dass die Menschen in ihren religiösen Gefühlen gestört werden, wenn sie in einem intimen Akt ihre Krone des Menschseins vor Gott ablegen», sagt Reddy, bevor in seinem Büro das sechsköpfige PR-Team von Tirumala ein Bild Venkateswaras mit Jasmin verziert, Räucherstäbchen anzündet, Glöckchen läutet und, nach einem kurzen Dankesgebet, zuerst dem Gott und dann dem Gast Kokosstücke, Reis und Süssigkeiten reicht. – Auf dem Tempelgelände herrscht rund um die Uhr Hochbetrieb. Verkäufer bieten Souvenirs an, vor allem Bilder von Venkateswara, den die meisten Balaji nennen, in unzähligen Varianten: Balaji als Uhr, T-Shirt, Plasticfigur oder im Bilderrahmen mit Disco-Beleuchtung. Sie verkaufen frisch zubereitetes vegetarisches Essen, bieten Saris feil und Baseball-Caps für die kahlgeschorenen Männer. Die Busse von Tirupati spucken im Viertelstundentakt neue Pilger aus, und es grenzt an ein kleines logistisches Wunder, dass der Menschenstrom permanent fliesst – zwischen Busstation, Marktständen, Kalyanakatta-Center, öffentlichen Verpflegungshallen, Balaji-Restaurants und -Shops, schattenspendenden Balustraden und dem Haupttempel, von dem aus sich eine Warteschlange ins Unendliche verliert. Aus Lautsprechern erklingt eine religiös-esoterische Pop-Melodie und untermalt die Aura von zufriedener Gelassenheit. Kinder tollen herum, alte Menschen sitzen nach erfolgtem Tempelgang erschöpft unter Bäumen, Frauen kämmen sich gegenseitig, Männer spazieren Hand in Hand, Elefanten küssen Glatzen – das bringt Glück.


Am Geschäft mit dem Haar mag sich keiner der Pilger stören, für sie zählt nur die Beziehung zu ihrem Lord, dem sie ein Opfer bringen. Eine Bäuerin lässt sich kahl rasieren, weil ihr Dorf nach langem Unterbruch wieder Strom hat. Ein Ehepaar gibt das Haar für die Gesundheit der ganzen Familie, die achtzehnjährige Tochter wartet noch damit, bis sie einen Mann gefunden hat. Zwei junge Männer strahlen nach erfolgter Rasur um die Wette: Der eine hat den Krebs besiegt, der andere einen Job gefunden. Nach dem Tod ihres Mannes gibt es für eine alte Frau aus Nordindien keinen Grund mehr, schön zu sein; sie reiste über zweitausend Kilometer, um in Tirumala ihr Haupt zu entblössen. Eine quirlige kleine Dame aus Delhi hat vor lauter Dankbarkeit, dass sie ein Kind gebar, gleich noch die Mutter, die Grossmutter und fünf Cousinen zum Haareschneiden mitgenommen. Wer sich nicht an die religiösen Vorgaben hält, spürt den Zorn der Götter: Ein alter, dürrer Bauer aus dem südlichen Gliedstaat Tamil Nadu erzählt, dass in seinem Dorf ein paar Frauen ihre Haare einem Händler verkauften, anstatt sie Venkateswara zu opfern. Darauf blieb prompt die Ernte aus, jetzt kämen die Frauen wieder brav und regelmässig nach Tirumala. Dass das Haargeschäft mittlerweile ein globales geworden ist, kommentiert der Bauer mit seinem zahnlosen Lachen: «Schön, dass wenigstens mein Haar die Welt zu sehen bekommt.»


«Die Haare eines Menschen sind unzählbar, also sind sie deshalb auch unbezahlbar», sagt ein junges Paar aus Bangalore, beide in der Computerbranche tätig. «Wenn wir etwas Unbezahlbares von uns geben, ist dies das Maximum dessen, was wir unserem Gott überhaupt darbieten können. Allerdings macht sich die Gabe nur dann bezahlt, wenn man sich nicht erdreistet, Konkretes dafür einzufordern.» Solche Auffassungen hört man unter den mehrheitlich armen und einfachen Leuten in Tirumala zwar selten, doch trotzdem wird klar: Für den Tempel sind die geopferten Haare ein monetäres Geschäft, für die Pilger ein Geschäft mit der Hoffnung.


Drei junge Frauen aus der Grossstadt Hyderabad, sie stechen allein deshalb aus der Masse hervor, weil sie Jeans und Designerbrillen tragen, gäben ihr Haar nie her, «das wäre mit dem Leben in der City nicht kompatibel», sagen sie. Stattdessen werfen sie, nachdem sie neun Stunden geduldig angestanden sind, um für ein paarSekunden einen Blick auf den Schrein des Lord Venkateswara zu werfen, Geldscheine vor seinen Altar. Andere deponieren das Geld bündelweise oder lassen Säcke voller Gold dort stehen. Jeder gibt, was er für richtig hält. Von den fünfzig reichsten Indern, alles Dollar-Milliardäre, weiss man, dass viele von ihnen regelmässig nach Tirumala kommen und Koffern mit Hunderttausenden von Dollars an diesen Altar stellen. Geld für noch mehr Geld, so ihre Losung und die Motivation für eine grosszügige Spende.


Malleswaramma, ihr Mann Mahud und die beiden Kinder haben sich nach der Rasur in die Tempelschlange eingereiht und können nach weiteren sechs Stunden Wartens ihrem geliebten Balaji endlich danken. Sie haben ein paar hundert Rupien und den wenigen eigenen Goldschmuck von der Hochzeit auf den Altar geworfen, anschliessend auf dem Tempelgelände gegessen und sich dann wieder auf den Weg nach Gudappha gemacht. Zurück im Dorf und ein paar Tage später ist Malleswaramma noch immer glücklich über ihre Glatze. «Mit den Haaren lässt man auch die Sorgen fallen», sagt sie, «und von denen haben wir hier genug.» Das Dorf besteht aus zwanzig einfachen Hütten, die sich um den Dorfbrunnen herum gruppieren. Alle leben von dem wenigen, was der Boden hergibt: Sonnenblumen, Erdnüsse, Tamarinde, Mangos und Wassermelonen. Die letztjährige Erdnussernte wurde von Insekten vernichtet, dieses Jahr ist der Regen, der längst hätte fallen sollen, immer noch nicht gekommen. – Nach einem auf Palmenblättern servierten ReisLinsen-Gericht in ihrer Hütte beginnt Malleswaramma das lange Haar der jüngeren Schwester zu kämmen und erzählt von ihrer Hochzeit. «Als ich Mahud das erste Mal sah, im Beisein unserer Eltern, verliebte ich mich auf der Stelle. Obschon er ein armer Bauer war, kam er aus einer höheren Kaste als der meinigen. Die Hochzeit war ein bescheidenes Fest, Mahud kam mit seinen Leuten auf zwei gemieteten Jeeps aus dem Nachbardorf, und meinen Braut-Goldschmuck mussten wir anderweitig borgen. Meine Mutter färbte mir für diesen Tag das Haar extra schwarz und flocht es zu einem Zopf, mit Rosen und Jasmin. Alle Gäste rühmten die aussergewöhnliche Schönheit meiner Haare.» Dass ihr Haar nun jemand anders auf dieser Welt glücklich macht, findet Malleswaramma in Ordnung. «Ich gab es Balaji, meinem Gott, und er hat entschieden, es jemand anders zu geben. Balaji ist allmächtig.»


7424 KILOMETER WEG VON GUDAPPHA sitzt Alisha Goldberg, die ihren wahren Namen nicht preisgeben will, in der Lobby des Hotels Drei Könige in Basel. Sie trinkt Tee und streicht sich gedankenverloren durch das knapp schulterlange, hellbraune Haar, als sie die Geschichte von der indischen Bäuerin hört. Denn sie könnte dieser «jemand anders» sein, von der Malleswaramma spricht. Zuvor, bei der Erwähnung des Haarbergs in Tirumala, zuckte sie zusammen. Unweigerlich gingen ihr die Bilder der Haarberge aus den Konzentrationslagern des Holocaust durch den Kopf. Alisha ist eine vierzigjährige Schweizer Pharmaforscherin, vierfache Mutter und Jüdin. Ihr Haar, eine Perücke.


«An meiner Hochzeit trug ich das Haar lang und offen, auch ich schmückte es mit Jasminblüten», erzählt Alisha. «Später am Abend, als wir tanzten, steckte ich es hoch, zu einer Art von griechischem Look. Das war vor zehn Jahren und das letzte Mal, dass andere Menschen ausserhalb meiner eigenen Familie mein richtiges Haar gesehen haben.» Alisha gehört zu den knapp viertausend orthodoxen Juden in der Schweiz, die sich an die sechshundertdreizehn Gebots- und Verbotsregeln im Judentum halten, welche auf der Thora, der hebräischen Bibel, basieren. Eine davon lautet, dass die Ehegattin ihr Haar nur dem eigenen Mann zeigen darf. Bewegt sie sich in der Anwesenheit eines anderen Mannes und ausserhalb der eigenen vier Wände, muss das Haupt, «die Krone der jüdischen Frau», bedeckt sein. Das kann mit Schals oder Mützen geschehen, viele Frauen bevorzugen allerdings Perücken, die dem eigenen Haar oft ähnlich sind. Alisha trägt eine Perücke zum Arbeiten im Labor, zum Einkaufen in der Migros, wenn sie das jüngste der Kinder in die Krippe bringt, beim Mittagessen im koscheren Restaurant ebenso wie abends im Kino mit Freundinnen. Nur im Fitnessstudio trägt Alisha keine Perücke, dort bedeckt sie ihr Haar mit einem Baseball- Cap. Selbst wenn es zu Hause bei ihr klingelt, greift Alisha zu einem der Hüte, die sie für solche Zwecke in der Garderobe aufbewahrt, bevor sie die Türe öffnet. Wie Alisha wirklich aussieht, weiss ausser ihrem Mann und ihren Kindern niemand.


«Ich habe fünf Perücken, die ich abwechslungsweise trage», sagt Alisha, «mit ihnen wirke ich modischer, gestylter, irgendwie professionell.» Das eigene Haar pflegt sie aufgrund der Umstände weniger intensiv, es sei vom vielen Bedecken auch schon dunkler, teilweise grau geworden. Den offensichtlichen Widerspruch zum eigentlichen Sinn der biblischen Regel, dass nämlich das echte Haar bedeckt werden müsse, um die Schönheit der Frau dem eigenen Mann vorzubehalten, lächelt Alisha stillschweigend weg.


Zur Herstellung, Pflege und Nachbesserung ihrer Perücken geht Alisha, wie die meisten orthodoxen Jüdinnen, wenn immer möglich zur Scheitelmacherin. In der Schweiz gibt es zurzeit zwar keine, doch die bekannten Scheitelmacherinnen aus New York, Antwerpen oder Jerusalem reisen regelmässig um die Welt und machen ein paarmal pro Jahr auch hierzulande halt. Perücken von der Scheitelmacherin sind vielfach Massarbeiten, die bis zu fünftausend Dollar kosten; indisches Echthaar galt bis vor wenigen Jahren als bevorzugte Premiumqualität. Als im Sommer 2004 ein israelischer Rabbiner jedoch erklärte, Haare aus Indien seien ab sofort nicht mehr koscher, weil Inderinnen ihre Haare im Zusammenhang mit Götzenanbetung scheren würden, ging ein Sturm der Empörung durch die jüdische Diaspora. Verunsicherte Kundinnen rannten überall auf der Welt den Anbietern von synthetischen Perücken den Laden ein, entsetzte Frauen in den USA sollen ihre Perücken gar öffentlich verbrannt haben. Erst als eine Experten-Delegation aus Israel persönlich Augenschein in Tirumala nahm und dabei feststellte, dass der Akt des Scherens räumlich von der eigentlichen Götzenanbetung getrennt stattfindet, kam die Entwarnung.


Kishore Gupta von der Firma Gupta Enterprises, dem grössten Haarhändler Indiens, hat damals die jüdische Delegation nach dem Tempelbesuch empfangen. Er zeigte ihnen seine Fabrik in der Nähe von Chennai, wo Hunderte von Frauen jahraus, jahrein tonnenweise Haare entlausen, waschen, pflegen, färben, sortieren, kämmen, beschriften und für den Versand auf alle fünf Kontinente verpacken. Er schmunzelte über ihre Reaktion, als die Rabbiner, wie alle Besucher, über die Verpackung «Black curly hair, 160 cm long» staunten, und hat mit ihnen anschliessend in seinem Büro über Sinn und Unsinn der religiösen Traditionen von Inderinnen und Jüdinnen und die ästhetischen Präferenzen von Frauen generell gesprochen. «Ich kann die Aufregung über unser Haar, sei sie religiöser oder kommerzieller Natur, nicht nachvollziehen», sagt Gupta. «Es gibt kaum ein Geschäft, das alle Beteiligten der Verwertungskette gleichermassen glücklich zurücklässt: den Spender, den Händler und den Träger. Oder sollten wir mit all dem Haar vielleicht den achten Hügel Tirumalas bauen?» Der Löwenanteil des indischen Haarexports, über fünfundsiebzig Prozent, stamme sowieso nicht aus den Tempeln, sondern werde in den Dörfern Indiens eingesammelt.


In Gudappha hat Malleswaramma ihre Schwester fertig gekämmt. Sie formt die Haare, die sich im Kamm verfangen haben, zu einem Knäuel und steckt ihn unters Dach, zu den anderen Knäueln. Einmal alle zwei Monate kommt ein Händler im Dorf vorbei. Er schenkt den Kindern Glace oder Bonbons, schwatzt mit den Frauen und steckt die Haarknäuel ein. Für Gupta Enterprises, für Alisha, für die Frauen oder die Glatzenträger dieser Welt.

Zurück

Daniel Puntas Bernet


1965 in Bern geboren. Arbeitete nach einer KV-Lehre und einem Auslandaufenthalt in Spanien drei Jahre als Devisenhändler in Basel und New York und fünf Jahre im Sportmarketing bei den Swiss Indoors in Basel. Es folgten eine längere Südamerikareise und Lehrertätigkeit in Spanien. Nach der Rückkehr in die Schweiz Beginn eines Studiums der deutschen und spanischen Literatur an der Universität Freiburg. Im Laufe des Studiums Einstieg in den Journalismus mit Reportagen als freier Journalist. Seit dem 1. 4. 2004 bei der «NZZ am Sonntag» tätig, zuerst zwei Jahre im Ressort Hintergrund und Meinungen, seit 1. 4. 2006 im Ressort Wirtschaft.
Website des Autors
Dokumente
Don't pay the barber (PDF)
Die Bilder zur Reportage auf der Homepage des Autors

erschienen in:
Neue Zürcher Zeitung,
am 22.06.2009

 

Kommentare

Lakesha, 25.04.2016, 09:55 Uhr:

I have a yeast infection and a bladder infection! My period was due around last week, but that’s also when both of my infections had started. (The bladder infection could have started earlier.) I heard that a yeast infection usually dos17&#82en;t delay your period, but what about both of them combined? I’m taking medication for both of them now as well.

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*


CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*
Kontakt: Reporter Forum e.V. | Sierichstr. 171 | 22299 Hamburg