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22.11.17

Peter Richter „Preise

Preise

Was treibt erwachsene Menschen an, sich freiwillig an Journalistenpreisausschreiben zu beteiligen? Unerfahrenheit? Gedankenlosigkeit? Man wird ja wohl nicht im Ernst einer sein wollen, auf den sich eine Jury einigen kann, zumal eine, die aus anderen Journalisten besteht. Also was? Die einzige Entschuldigung, die zählt, wären Steuerschulden oder erlittenes Unrecht. Journalistenpreise gibt es grundsätzlich nur für Reportagen, denn Journalistenpreise sind grundsätzlich Trostpreise, mit denen Leid und Entbehrungen aufgewogen werden sollen. Und Reporter müssen vieles entbehren, nämlich etwa achtzig Prozent dessen, was die Welt und das Leben ausmacht. Reporter sind für den traurigen Rest zuständig. Dauernd müssen sie mit der Transsibirischen Eisenbahn krebskranke Albinokinder beim Sterben begleiten. Alles andere wäre frivol und beim Preisausschreiben völlig zu Recht chancenlos. Außerdem müssen sie unablässig bedeutungsvolle Ein-Satz-Absätze in ihre Texte stellen, das sieht, weiß Gott, bescheuert genug aus.


Nämlich so.


Ist aber wichtig für die Wirkung: Tiefe und so. Für 10 000 Euro Preisgeld macht man selbst so was, und davon darf man, nach Steuern, ungefähr die Hälfte ja sogar behalten; für viele freie Journalisten, die manchmal ein ganzes Jahr Arbeit in so eine Sache investiert haben, wäre das immer noch erfreulich viel Geld. Aber wer das Geld nötig hat, kriegt den Preis eher selten. Diese Preise gehen an die immer gleiche Sorte von Reportern für die immer gleiche Sorte von Texten. Und solange für alles andere Sonderkategorien für "humorvolle Berichterstattung" erfunden werden müssen, in denen sich jemand mit Selbstwert- und/oder Sprachgefühl auch nicht besonders wohlfühlen kann; so lange sind diese Preise nichts anderes als die Subventionierung einer normativen Freudlosigkeit und die Honorierung von maximalem Geldeinsatz zur Beschreibung maximalen Elends. Anders gesagt: Auch Preisjurys machen am liebsten auf den größten Haufen. Wenn die Preisausschreiber auch nur halb so sozial orientiert wären, wie sie es von ihren Preisträgerthemen verlangen, dann sollten sie mit ihren Preisen verdammt noch mal nicht dauernd nach festangestellten "Spiegel"-Redakteuren werfen, deren gewiss sehr gute Arbeit ohnehin sehr gut beachtet und sehr gut bezahlt wird; sie könnten etwas für den Nachwuchs tun, der sich mit unbezahlten Praktika unter Wasser hält, sie könnten journalistische Formen fördern, mit denen bisher weder Ruhm noch Geld zu verdienen waren, sie könnten denen unter die Arme greifen, die in sonderbaren Fanzines, Stadtmagazinen oder Gratisblättern die sogenannte Pressevielfalt in verblüffende Bereiche dehnen. Oder oder oder.

Wobei natürlich nicht gesagt sein soll, dass nicht auch das monatelang recherchierte Stück über die krebskranken Albinokinder ein großes Lesevergnügen sein kann, durch das sich die Welt wieder mal kein bisschen ändert.


© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom


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Peter Richter



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Preise (PDF)

erschienen in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung,
am 27.12.2009

 

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