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28.03.17

Johanna Wieland / Cordt Schnibben „Gestaunt habe ich kaum

Ein Briefwechsel zwischen Johanna Wieland und Cordt Schnibben.

Liebe Vor- und Mit-Juroren



... gestern gegen Mitternacht standen sie plötzlich alle um mich herum:

Die Säure-blinde Iranerin saß neben dem Stasi-Rentner auf der Bank und streichelte dessen Schusswunde, eine Tagesmutter schüttelte ein Baby ins Hirntrauma, die andere verabreichte Kleinkindern Drogen. Da standen verzweifelte Mütter und Väter, verwirrte Mörder irrten durch mein Wohnzimmer, ein Leichenfledderer beschwerte sich, dass von der Palästinenserin und der Israelin nicht genügend plastifizierbares Fleisch geblieben war, dann hoben sich das Parkett, skelettierte Hände griffen nach mir, und aus dem Computer grinste das Publikum ...


Nein, ich habe nicht den neuesten, noch unveröffentlichten Tarantino gesehen, sondern mir (noch nicht alle, aber die meisten) Vorschläge zum Reporterpreis – tja: angetan.


Weil Listen beruhigen sollen, habe ich welche angelegt, Ihr findet sie hier:


Wir haben 27 Texte ausgewählt. Darunter sind:

3 x Selbstmörder

2 x misshandelnde Tagesmütter

1 x Amokläufer

3 x Mörder

2 x Gewaltverbrecher

1 x Leichenfledderer.


Macht 12 Texte, die sich dem Thema Gewalt, Tod, Verzweiflung widmen.


Div. Elend (Krieg, Koma, Krankheit, Behinderung, Alter): 5 Texte



Neun Texte behandeln:

1 x abgewrackten Sportler

1 x abgewrackten Politiker

1 x frustrierten Waldschützer

1 x Hartz 4

1 x Arbeitslosigkeit

1 x die böse Gentechnik/Hunger

1 x Shoa

2 x hilflos in der Finanzkrise.


Bleiben “Paul und Paula”. Da stehen sie, in zauberischen Unschuld, und schauen auf das Splatter-Movie, das wir als Zustandsbeschreibung unserer Zeit herausgefiltert haben.


Es ist der (nach meiner bisherigen Lektüre) der einzige Text, der von der Liebe handelt. Der einzige Text, der sich dem “Harmlosen” widmet, der darauf vertraut, dass auch im “Normalen” eine Geschichte zu finden ist, der keine beschädigten Helden vorstellt. Der leise Töne hat, und nicht auf (mehr oder weniger) harten Tobak setzt.


Haben wir etwas falsch gemacht, bei der Vorauswahl? (Ich habe drei der Elends-Geschichten nominiert.)


Haben wir “starke” Geschichten zu oft mit “Elendsgeschichten” gleichgesetzt? (Die Reportagen, jede für sich genommen, sind durchaus, in Abstufungen, gut – es ist die Auswahl!)


Ich habe das ungute Gefühl, dass dieser Reader die Welt verfehlt, in ihrer Komplexität aus Gut und Böse, Leid und Liebe, Tod und Leben, Hoffnung und Verzweiflung. Wenn es eine Aufgabe der Reportage ist, dem Leben den Puls zu fühlen – dann rast der, weil wir uns mindestens auf der Schwelle zur Hölle befinden.


Oder, andere Möglichkeit, wir Reporter haben nicht genug Fingerspitzengefühl, um den Herzschlag zu fühlen. (Sorry für das Pathos!)


Übrigens habe ich bei der Lektüre sämtlicher Geschichten ein einziges Mal gelacht (besser: hysterisch gekichert).


Gestaunt habe ich kaum. Dafür habe ich mich ausdauernd gegruselt. Reicht das?


Böse, in manchen Fällen ungerecht gesprochen, könnte man aus den 17 zuerst erwähnten Geschichten auf meinen hilflosen Listen folgendes Rezept für Jungautoren kondensieren: Such Dir ein Opfer (wahlweise Täter), wanz Dich an, press sie aus bis auf das letzte Detail, und verlass Dich auf die Wucht des Schicksals, das Du beschreibst.


Wie viel Welterklärung, wie viel Erkenntnis aber steckt in solchen Geschichten?


Wahrscheinlich haben die alten Jury-Hasen unter Euch (zu denen ich nicht gehöre) nun schon mindestens drei Mal gegähnt: Ach Gott, schon wieder diese Debatte! Vielleicht habe ich aber auch nur das Memmen-Gemüt einer Schrebergärtnerin. Und vielleicht beruhigen mich ja die paar Texte, die ich noch lesen muss. Ich hoffe, ich bin keinem zu nahe getreten!


Mit Grüßen, Johanna Wieland








Liebe Johanna,


sehr schöne Mail, Du hast (fast) in allem recht. Aber es ist so, wie Du vermutest: In zwanzig Jahren Kisch- und Nannen-Jury habe ich gelernt, dass Journalistenpreise mit diesem Elendsproblem leben müssen. Warum? Weil immer nur die einzelne Geschichte zählt und nicht die Gesamtschau, kein Leser liest die 27 nominierten Reportagen und schüttelt den Kopf darüber, wie Reporter die Welt sehen. Er findet die Reportagen auf der Seite 3 der SZ, in Geo, im Stern, in der FAZ zwischen all den Geschichten, die Du vermisst. Wir picken sie da raus, weil sie uns besonders packen.


Die Reportagen, die Du vermisst, sind unter den 300 eingesandten, aber die Vorjuroren haben sie nicht nominiert. Warum? Muss jeder für sich beantworten, ich war nicht beteiligt an der Auswahl der Reportagen. Ein paar Beispiele, und die sollen Dich nicht zum Schweigen bringen, sondern nur zeigen, dass jeder seiner Auswahl Schmied ist: In Deiner/Eurer Textgruppe zum Beispiel war die SZ-Geschichte von Gertz über den SPD-Bundestagskandidaten Axel Berg, der sein Mandat knapp verfehlt hat und nun irgendwie von vorn anfangen muss – schöner normaler politischer Alltag, gut geschrieben, anrührend.


Ebenfalls in eurer Jurygruppe: Deike Dienings Text aus dem Tagesspiegel über die Ururenkel von Darwin, originelle Idee, gut geschrieben, kein Mörder weit und breit. Du vermisst Erkenntnis und Welterklärung unter den nominierten Reportagen? Unter euren Texten war Ullrich Fichtners Reportage über Mr. Brinkley, jenen Amerikaner, der im Irak den zivilen Aufbau generalstabsmäßig organisiert – hat meine Sicht auf den Irak verändert.


Mit Deiner Frage „Wie viel Welterklärung, wie viel Erkenntnis steckt in Geschichten?“ sprichst Du – über die Auswahl der nominierten Reportagen hinaus – ein Problem an, das die Reportage heute hat: Wie sehr muss (kann) sie die Dinge nicht nur erzählen sondern auch erklären? Welche erzählerischen Kompromisse muss sie machen, um hintergründiger sein zu können? Wie viel Meinung verträgt sie, wie behauptet sie sich zwischen Report und Essay, welche Mischformen sind nützlich?


Zurück zu Deinem Hauptproblem: Du vermisst in dem Reader das Gute, die Liebe, die Hoffnung. Kann sein. Dann haben die Reporter eben in diesem Jahr zu wenig gute Geschichten gefunden, um von der Liebe, der Hoffnung und dem Guten zu erzählen. Vorjuroren können nur Geschichten nominieren, nicht Themen. Ich glaube, da hilft keine Gute-Laune-Quote, kein Normalleben-Bonus, Vorjuroren müssen wie Leser urteilen, nicht wie Reportage-Funktionäre, sie dürfen keine Gesamtschau im Kopf haben.


Warum machen wir diesen Journalistenpreis? Um Reporter zu ermuntern, ihre Geschichte auf ganz eigene Art zu erzählen; wir können handwerklich animieren, aber nicht thematisch; wir können möglichst vielfältige Stile, Handschriften, Dramaturgien zur Schau stellen, wir können möglichst viele Reporter nominieren, sie bestätigen und sie ermuntern, ihre Geschichte zu finden. Welche? Die, die sie interessant finden, die exemplarisch von Themen und Problemen erzählen, die sie erregt. Nahostkonflikt? Die Geschichte der Mütter. Situation der Frauen im Islam? Säureattentat. Krieg in Afghanistan? Die letzte Schlacht. Finanzkrise? Politikerkarrieren? Arbeitslosigkeit? Gentechnik? Waldschutz?


Was ist schlimm an dieser Liste? Okay, ein paar zuviel Mörder haben wir. Aber ihre Geschichten sind offenbar aufwühlender als andere, möglicherweise erzählen sie auch mehr vom Leben als die einfühlsame Reportage vom Alltag eines Milchbauern.


Das Problem, das ich mit unserer Liste habe: Wir ermuntern zu wenig verschiedene Redaktionen, wo sind die guten Reportagen aus FAZ, SZ, Tagesspiegel und Geo? Aber auch da gilt: Es zählt nur die einzelne Reportage, Heike Faller kann man nicht vorwerfen, dass sie in der „Zeit“ schreibt und Ullrich Fichtner nicht, dass er beim „Spiegel“ ist. Dennoch hoffe ich fürs nächste Jahr, dass die Vorjuroren noch genauer bei den Tageszeitungen nach guten Reportern und Reportagen Ausschau halten.


Wir sollten am Dienstag darüber reden, und wir sollten diese Diskussion auch auf der Website öffentlich machen. Vielleicht regt das den einen oder anderen Reporter an, über das Thema seiner nächsten Reportage noch mal nachzudenken. So oder so.

Schöne Grüße!

Cordt


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Johanna Wieland


Johanna Wieland ist Geschäftsführende Redakteurin bei GEO.

Cordt Schnibben


Cordt Schnibben, geboren 1952 in Bremen, ist Reporter beim Spiegel und Mitbegründer des Reporter-Forums.
Dokumente
"Gestaunt habe ich kaum" (pdf)

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 10.12.2009

 

Kommentare

Deandre, 25.04.2016, 03:30 Uhr:

I exmtripeneed with taking a look at your site with my ipod touch and the layout doesnt seem to be right. Might want to check it out on WAP as well as it seems most mobile phone layouts are not really working with your site.

Marco, 15.12.2009, 12:29 Uhr:

Liebe Juroren, Vorjuroren,

mit Interesse verfolge ich Eure Diskussion. Viel richtiges wird gesprochen über die Kategorien, in denen die Reportagen spielen. Dass vielleicht zu viel Elend darin stattfindet. Und zu wenig der Alltag, eben beispielsweise der von Cordt Schnibben beschriebene eines Milchbauern. Letztlich, so denke ich mir das nach den ersten drei Jahren, die ich nun Vollzeitjournalist bin, sind wohl Gewinnergeschichten immer solche, die sich um Existenzielles drehen. Liebe und Hass. Krieg und Frieden. Leben und Tod. Vielleicht, weil diese Themen einfach die Kraft haben, irgendetwas anzusprechen, das in jedem Leser steckt. Aber, da bin ich wieder bei Johanna Wieland, dieses Existenzielle könnte man vielleicht künftig noch ein wenig häufiger darin finden, was zunächst eigentlich ganz alltäglich rüberkommt. Zum Beispiel in der großartigen Geschichte von Deike Diening, "Eichners ganze Welt", über den Friedhofswärter gleich hinter dem Alexanderplatz. Der den Tod verwaltet und selbst sein ganzes dort gelebt hat und dem Tod näherrückt. Extrem unaufgeregt und trotzdem vieles drin, was jeden angeht.
Zum Schluss noch eine Sache, die meist in den Diskussionen außen vor bleibt. Mit dem Fokus auch auf die etwas kleineren Publikationen aus dem Tageszeitungsbereich, könnte man auch ein wenig mehr Chancengleichheit hineinbringen bezüglich der Arbeit von freien Journalisten. Denn denen, den allermeisten zumindest, auch hervorragenden meiner freien Kollegen, ist der Zugang zu großen Redaktionen des Stern, Spiegel, ZEIT-Dossier, ZEIT-Magazin oder GEO fast komplett verwehrt. Was sicherlich nachvollziehbar ist, da es natürlich bei diesen Blättern großartige feste Redakteure und Reporter gibt. Trotzdem scharrt man manchmal aber als freier mit den Hufen und würde sich wünschen, auch mal eine lange Strecke schreiben zu dürfen und nicht auf 15000 oder 16000 Zeichen beschränkt zu bleiben. Nur eine Anregung und nicht böse gemeint.
Viele Grüße
Marco Lauer

Hermann Schreiber, 13.12.2009, 17:48 Uhr:

Liebe Johanna, lieber Cordt,
so ist es: Ihr könnt handwerklich animieren, nicht thematisch. Also: das "Elendsproblem" wird Euch erhalten bleiben. Such is life.
H.S.

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