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27.04.17

Jochen Arntz „Die Maschinisten

Der Text von Jochen Arntz über die Jurysitzung, erschienen in der Süddeutschen Zeitung.



Wann ist ein langer Text ein guter langer Text? Zu Besuch bei der Jury des Deutschen Reporterpreises

Ein hoher Raum in der Mitte der Hauptstadt, gleich hinter der Hedwigs-Kathedrale. Draußen vor den schalldichten Fenstern sind die Berliner Klischees zu besichtigen, blinde Scheiben in der bröckelnden Fassade eines Abbruchhauses, direkt daneben die stählerne Verbrämung eines neuen Bürotrakts. Die gängigen Chiffren des Umbruchs. Drinnen, in dem kleinen Saal des Hotel de Rome, sitzen ein paar Leute, die sich auf die Suche nach neuen Bildern und Geschichten machen sollen. Es sind neun Menschen, zwei Frauen und sieben Männer, sie sind die Jury, die darüber richtet, wer einen neuen Journalistenpreis bekommt: den Deutschen Reporterpreis. Der wird ausgeschrieben vom "Reporterforum", und dieser Journalistenverein wiederum wird gefördert von der Rudolf-Augstein-Stiftung. Hier geht es vor allem um die Reportage, den hoffentlich großen und nicht nur langen Text in Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen. Es geht um den genauen Blick und um das richtige Wort.

Cordt Schnibben, einer der Leiter des Gesellschafts-Ressorts des Spiegels, hat den Wettbewerb ins Leben gerufen; er weiß, dass das Ganze auch als Konkurrenz zu einem anderen großen Journalistenpreis, dem Kisch-Preis, verstanden werden kann. Doch dagegen hat er gar nichts. Wie man überhaupt wenig dagegen sagen kann, wenn in diesen Tagen, da Zeitungen so unbezahlbar erscheinen, noch ein paar mehr Menschen sich darüber unterhalten, was das denn eigentlich ist: guter Journalismus. Schnibben sitzt in einer Ecke des Saals, als der Moderator, Geo-Redakteur Ariel Hauptmeier, den Juroren sagt, hier solle nicht nur ein Preis vergeben werden. Hier suche man die Debatte und Einblicke in den Maschinenraum des Qualitätsjournalismus, was ja auch ein schönes Bild ist, aber noch nicht viel mehr.

Draußen vor dem Fenster fährt schon der dritte Stadtrundfahrtsbus vorbei, wie die anderen in langsamem Tempo. Die Leute in den Bussen hören die immergleichen Geschichten über Berlin und das Leben hier. Sie haben nichts dagegen, sie nicken sanft mit den Köpfen.

Drinnen im Hotel sagt Manfred Bissinger, ein Journalist, der einst zum Stern gehörte und viel später Die Woche gründete, eine Reportage müsse ihm doch neue Erkenntnisse liefern. Der Schweizer Reporter Erwin Koch sagt, eine Reportage müsse die Seele zum Schwingen bringen. Und Claus Kleber, der Nachrichtenmann des ZDF, sagt, dass Verlierer bessere Bilder abgeben, und daher bei Journalistenwettbewerben eher Geschichten prämiert werden, die von Menschen erzählen, denen es nicht so gut geht. Wenngleich, auch das sagt Kleber, bei einem amerikanischen Reporterpreis ein paar mehr Erfolgsgeschichten dabei wären.

Axel Hacke, heute Schriftsteller, früher Reporter der Süddeutschen Zeitung, hat einen einfachen Gütetest entwickelt: "Da kommt ein großer Text auf mich zu, ich habe keine Zeit und ich habe keine Lust zu lesen, lese ich die Geschichte dennoch und bleibe bis zum Ende dran, dann ist sie gut." Meistens zumindest.

Einer der großen Texte, der auf die neun Juroren im Hotel de Rome zukommt, ist die wohl umstrittenste Geschichte des Jahres. Dirk Kurbjuweit, politischer Reporter des Spiegels, hat den CDU-Politiker Philipp Mißfelder lange begleitet und ein Porträt über ihn geschrieben, das mehr als ungewöhnlich ist. Es ist schonungslos. Es hat, wenn man so will, ein paar Funken geschlagen im Maschinenraum des Qualitätsjournalismus. Und es bietet die Gelegenheit, über Verrat zu reden. Alexander Osang ist als Reporter der Berliner Zeitung und des Spiegels Menschen oft näher gekommen ist, als diese bemerkt haben. Er sagt: "Das ist das große Problem dieses Berufs." Wie soll man mit der Verantwortung umgehen? So wie Kurbjuweit im Fall Mißfelder? Nein, sagt Doris Dörrie, die Filmemacherin, die jetzt Jurorin ist, hier wird einer vorgeführt. Aber was spricht dagegen? Es wird der Eindruck erweckt, alle Politiker seien so wie Mißfelder, sagt die Verlegerin Antje Kunstmann. Und das stimme nun doch nicht.

Da auch Journalistenpreise im zähen Versuch des Konsens vergeben werden (so wie das ZDF Chefredakteure wählt, sagt Claus Kleber), hat die Sezierung des Philipp Mißfelder an diesem Nachmittag irgendwann keine Chance mehr. Die Funken im Maschinenraum werden ausgeschlagen. Was immerhin den Vorteil hat, dass schließlich ein Text den Reportage-Preis bekommt, der noch nicht ganz so bekannt ist, wie er sein sollte.

Sabine Rückert, Reporterin der Zeit, hat einen Krimi geschrieben, ein Kammerspiel über einen Polizisten und einen Mörder, die nicht voneinander loskommen. Das wollen viele lesen, und nur wenige können es so gut schreiben. Es stört auch nicht, dass sich in dem Krimi schwer so etwas wie gesellschaftliche Relevanz entdecken lässt: Denn dieses Kriterium für wichtige Geschichten kann man ja in der zweiten Kategorie des Reporterpreises berücksichtigen. Die heißt etwas unbescheiden: "Text des Jahres".

Draußen, vor den Fenstern des Hotel de Rome, fährt jetzt der zwölfte Reisebus vorbei, der zwölfte Fremdenführer erzählt seine Geschichten über Berlin. Und drinnen werden die Überraschungen nicht größer. Die Spiegel-Geschichte über die Kapitalismus-Krise (26 Seiten, acht Autoren) wird gemeinsam mit einer Kapitalismus-Analyse des Zeit-Redakteurs Wolfgang Uchatius zum "Text des Jahres" gewählt. Obwohl der Spiegel-Artikel schon mehrfach preisgekrönt wurde, obwohl das Thema das naheliegendste des Jahres ist. Und selbstverständlich wird dann auch in diesem Saal in Berlin die Frage gestellt, ob bei Journalistenpreisen nicht am Ende immer der Spiegel für eine große Geschichte ausgezeichnet werde, die nur der Spiegel so groß machen könne. Es ist die übliche Frage, die aber endlich einmal eine andere Antwort bekommt.

Denn Manfred Bissinger findet das Argument viel zu bequem. Das, was der Spiegel könne, könnten doch auch der Stern, der Focus und die großen Tageszeitungen, sagt Bissinger. Sie müssten sich halt anstrengen. Und das, immerhin, ist vielleicht die Erkenntnis des Jahres: Qualitätsjournalismus ist kein Zustand, sondern Arbeit.


© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von http://www.sz-content.de  (Süddeutsche Zeitung Content).




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Jochen Arntz


Jochen Arntz ist stellvertretender Ressortleiter der Seite 3 bei der Süddeutschen Zeitung
Dokumente
Die Maschinisten (pdf)

erschienen in:
Süddeutsche Zeitung (SZ),
am 10.12.2009

 

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