Reporter Forum Logo

Buchtipps

Barbara Supp „Lektüre-Tipps für Reporter

Jede Geschichte braucht ihren Ton, ihren Fluss, ihre Wörter, und eine gute Reportage hat meiner Ansicht nach viel gemein mit dem, was die französischen Naturalisten unter Literatur verstanden: Ein Stück Leben, gesehen durch ein Temperament.

Allerdings hat nicht nur der Autor ein Temperament, auch die Geschichte selbst, der Ort, das Thema, der Anlass hat eines, und beim Gang ans Bücherregal findet sich Inspiration – in Sachtexten und literarischen, und am meisten vielleicht bei jenen, die sich im Grenzland zwischen beidem bewegen.


Marie Luise Scherer „Ungeheurer Alltag“

Reportagen. Sie konnte stunden-, tagelang  nach dem richtigen Wort suchen, und wie man liest, hat sie es immer gefunden.

„Und während der eine Darblaysche Mann seiner Sippe alle Lieblichkeit für sich entzogen hat, haben die Darblayschen Frauen wie Austernmesser knapp gebogene Nasen, sachliche Münder und spatenhaft gerade Gesichtsumrisse. Ihre vierfach kantige Anwesenheit ist die physiognomische Hefe zwischen den weniger entschiedenen Gesichtern. Und so wie Hefe keine Ruhe gibt, sondern sich vorarbeitet, bis alles nach ihr schmeckt, reicht auf einer dicht mit Damen besetzten Chaiselongue schon eine Darblay, um an teure, aus der oberen Hälfte ihrer Boxentüren blickende Pferde zu denken.“

Douglas Adams „Die letzten ihrer Art“

Reise- und Wissenschaftsbericht. Ein halb ironischer, halb verzweifelter Blick auf die Welt, der auf grandiose Weise Wissenschaft ins Lesbare übersetzt.

„Na schön, was sollen wir also tun, wenn wir von irgendwas Lebensgefährlichem gebissen werden?“ fragte ich. Er sah mich an, als sei ich bescheuert. „Na, was machen Sie dann wohl?“ sagte er. „Sie sterben. Was denn sonst? Deshalb heißt es ja lebensgefährlich.“

Hunter S. Thompson „Seltsame Berichte aus einer seltsamen Zeit“

Reportagen. Nichts für den Hausgebrauch, aber eine Prise Wahnsinn kann mancher Geschichte ja ganz gut tun.

...aber bisher war uns noch nicht jedes ganz spezielle Gesicht begegnet, das wir meiner Meinung nach brauchten. Ein Gesicht, das ich tausendfach bei allen Derbys gesehen hatte, die ich je besucht hatte. Ich sah es vor mir als die Maske des Whiskey-Adels – eine anmaßende Mischung aus Schnaps, unerfüllten Träumen und unheilbarer Identitätskrise: das unausweichliche Ergebnis von übermäßiger Inzucht innerhalb eines ebenso begrenzten wie ignoranten Kulturkreises.“

Truman Capote „Kaltblütig“

Tatsachenbericht. Nach wie vor beeindruckend: die Bessenheit, es wissen zu wollen.

„Er machte Licht, legte das Gewehr an und feuerte und traf seine Schwester zwischen den Augen; sie war sofort tot. Dann schoß er dreimal auf seine Mutter und zweimal auf seinen Vater. Die Mutter wankte mit weitaufgerissenen Augen und ausgestreckten Armen auf ihn zu; sie versuchte zu sprechen, aber sie öffnete vergebens den Mund, und Lowell Lee sagte zu ihr „Halt den Mund!“ Um sie endgültig zum Schweigen zu bringen, schoß er noch dreimal auf sie.“

Karl Marx und Friedrich Engels „Das kommunistische Manifest“

Politische Schrift.  Dieser Rhythmus, diese Kraft der Sprache – wer schreibt heute solche politischen Texte?

„Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und der Zar, Metternich und Guizot, französische Radikale und deutsche Polizisten.“

Dorothy Parker „Eine starke Blondine“

Erzählungen. Studien aus New York – mitleidlos beobachtet, lakonisch im Ton, knappe Charakterisierungen, sofort entsteht das Bild eines Menschen, der wirklich lebt.

„Beliebtsein schien ihr all die Mühe wert, die dazu aufgewendet werden musste. Männer fanden einen fabelhaft, weil sie mit einem Spass haben konnten, und wenn sie einen fabelhaft fanden, dann führten sie einen aus, und darauf kam's an. Und so war sie, und zwar mit Erfolg, für jeden Spass zu haben. Sie war keine Spielverderberin. Männer mochten keine Spielverderber.“

Thornton Wilder „Die Brücke von San Luis Rey“

Roman. Eine klassische Reporteridee: Ein Unglück und seine Geschichte. Fünf Menschen sterben, weil eine Brücke unter ihnen zusammenbricht – warum gerade diese fünf Menschen?

„On Friday noon, July the twentieth, 1714, the finest bridge in all Peru broke and precipitated five travelers in the gulf below. This bridge was on the highroad between Lima and Cuzco and hundres of persons passed over it every day.“

Guy de Maupassant „Das Haus Tellier“.

Erzählungen. Geiz, Gefühlskälte, die komische Alltäglichkeit der Unmoral – so erzählt Maupassant seine Geschichten, man könnte sagen: fiktive Reportagen aus der Provinz.

„Aber die Alte war nicht tot. Sie lag auf dem Rücken in ihrem dürftigen Bett; auf der Decke von veilchenblauem Kattun ruhten ihre Hände, erschreckend magere, knotige Hände. Sie glichen fremdartigem Getier, glichen Krabben. Rheumatismus und Überanstrengung hatten die Finger krumm gezogen.“

Romain Gary/Emile Ajar „La vie devant soi/Du hast das Leben noch vor dir“

Roman. Rollenprosa, erlebte Rede, jemand will die Welt mit fremden Augen sehen und nimmt mich mit in den Kopf einer Figur – dieser Roman macht es vor.

„Je ne comprenais pas du tout pourquoi elle me draguait. A dix ans‚ j’étais encore bon à rien, même come arabe. Elle gardait sa main sur ma joue et j'ai reculé un peu. Il faut se méfier. Vous ne le savez peut-être pas, mais il y a des Assistances sociales qui ont l'air de rien et qui vous foutent une contravention avec enquête administrative. L'enquête administrative, il y a rien de pire.“

Zwei kleine Texte über den Kampf um das richtige Wort:

Kurt Tucholsky „Mir fehlt ein Wort“
(Gesammelte Werke, Jg. 1929)

Robert Gernhardt „Wenn Worte reden könnten“,
(in: Die Blusen des Böhmen)



Zurück

Barbara Supp


Barbara Supp, 1958 in Suttgart geboren, studierte in Tübingen Amerikanistik und Romanistik, wurde dann aber doch nicht Lehrerin in Schwaben, sondern besuchte die Henri-Nannen-Schule in Hamburg und ging danach zum SPIEGEL, wo sie heute als Reporterin für das Ressort Gesellschaft schreibt. 1995 erhielt sie für "Herr Bui möchte bleiben" einen Kisch-Preis.
erschienen in:
Reporter-Forum,
am 01.10.2007
Barbara Supps Empfehlungen:

Marie Luise Scherer „Ungeheurer Alltag“

Douglas Adams „Die letzten ihrer Art“

Truman Capote „Kaltblütig“

Karl Marx und Friedrich Engels „Das kommunistische Manifest“

Dorothy Parker „Eine starke Blondine“

Thornton Wilder „Die Brücke von San Luis Rey“

Guy de Maupassant „Das Haus Tellier“

Romain Gary/Emile Ajar „Du hast das Leben noch vor dir“

Kurt Tucholsky „Gesammelte Werke“ 1929

Robert Gernhardt, „Die Blusen des Böhmen“

 

Kontakt: Reporter Forum e.V. | Sierichstr. 171 | 22299 Hamburg