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29.03.17

Prämierte Texte

Andreas Molitor „Tyrones Traum

Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.

Hirwaun, Süd-Wales, ein Samstagvormittag im Oktober 1993. Der dicke Gewerkschaftssekretär der Zeche steht im strömenden Regen, das Gesicht rot vor Kälte, das flachsblonde Haar vom Wind zerzaust. Jemand hält einen Schirm über ihn. Die ganze Nacht hat es gegossen, und kurz vor elf, am Sammelpunkt der Kundgebung gegen die Stilllegung der Zeche Tower, schüttet es immer noch. Als ob alle Schleusen im Himmel geöffnet worden wären, um das hoffnungslose Land zu ersäufen und den Förderturm der letzten Zeche in Süd-Wales für immer im Morast versinken zu lassen. Die Unentwegten sind trotzdem da: Aktivisten trotzkistischer Splittergruppen mit durchgeweichten Zeitungen, die "The Militant" heißen und "Socialist Worker", eine Rhythmusgruppe mit Trommeln, Rasseln und Klappern, Gewerkschafter, die das rote Tower-Banner mit goldenen Fransen und Troddeln aufrollen. "Ewige Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit", steht darauf.

"Die Reden fallen aus", brüllt Tyrone, der Gewerkschaftssekretär. "Heute soll eine rote Fahne wehen." Er nimmt eine Zwei-Liter-Plastikflasche, schüttet deren Inhalt in einen Zinkeimer und taucht ein weißes Laken hinein. Dann zieht er das Tuch wieder heraus. Es ist pink. Schweinchenrosa. Die Demonstranten schauen schweigend auf das Banner, das auch nach dem zweiten Eintauchen schweinchenrosa bleibt. Tyrone knüpft das Tuch an eine Fahnenstange, hält es hoch und beginnt zu singen. "The Red Flag", nach der Melodie von "Oh Tannenbaum". Die Fahne ist pink, weil Tyrone Kirschlimonade genommen hat statt richtiger roter Farbe. Es sind harte Zeiten für einen guten Sozialisten.

Die Zeche Tower, zwei Kilometer außerhalb des tristen Städtchens Hirwaun auf ödem Hügelland gelegen, ist die letzte noch offene Kohlengrube in Süd-Wales, in den engen Tälern zwischen Cardiff und Merthyr Tydfil. Als einzige hat sie die Stilllegungswelle nach dem Bergarbeiterstreik von 1984/85 überlebt. Auf der einen Seite Margaret Thatcher und die staatliche Kohlebehörde mit ihrer Zechen-Sterbeliste, auf der anderen die Kumpelgewerkschaft National Union of Mineworkers (N U M), eine der letzten Bastionen des Sozialismus. Premierministerin Margret Thatcher will die Gewerkschaft demütigen und brechen. Nach 51 Streikwochen ist sie am Ziel: Die N U M kapituliert. Die Kohlebehörde beginnt mit dem Kahlschlag. In den folgenden acht Jahren verlieren allein im südwalisischen Revier 70 000 Bergleute ihren Job.

Allmählich wird den Bergleuten auf Tower klar, dass auch ihre Gnadenfrist abläuft. Am 5. April 1994, ein halbes Jahr nachdem Tyrone die rote Fahne hob, wird die Stilllegung der Zeche beschlossen. Jetzt gibt es in Süd-Wales keinen Kohlebergbau mehr.

August 2000, Zeche Tower. "Ich bin der Vorsitzende dieser Firma hier", verkündet Tyrone den Schülern, die aus Cardiff zur Zechenbesichtigung gekommen sind, "und das bedeutet, dass ich der Boss bin. Ich bin der Boss von allem, was ihr hier seht."

Der Boss spricht in schlichten Hauptsätzen. Weil er weiß, dass diese Schulklasse aus einer besonders verrufenen Sozialsiedlung kommt, erzählt er aus dem Leben. Und was man daraus machen kann. "Vor acht Jahren haben sie uns gesagt, dass wir nicht mehr gebraucht werden. Wenn das einer zu euch sagt, dann glaubt ihm nicht. Sondern glaubt an euch. Seht mich an." Die Lehrer sind irritiert, als Tyrone voller Stolz erzählt, dass er in der Schule zu den Schlechtesten gehörte. "Also, wenn ihr nicht die Cleversten seid - macht nichts. Ihr könnt trotzdem mal eure eigene Firma haben. So wie ich. Wir haben in den letzten Jahren 13 Millionen Pfund Gewinn gemacht. Und ich bin der Boss: ein Junge, der in der Schule schwer von Begriff war."

Tyrone steht in der Besucherbaracke der Zeche vor einem Zeitungsfoto, das an der Wand pappt. Er sieht glücklich aus auf dem Foto und ein bisschen betrunken. Er hält eine Flasche süßen Asti-Schaumwein, im Hintergrund der Förderturm von Tower. "Wir waren ein Haufen dummer Bergleute mit einem Traum", heißt die Schlagzeile. " Jetzt ist er wahr geworden! "

Nach dem Stilllegungsbeschluss der Kohlebosse entbrannte ein zweiwöchiger Nervenkrieg um das letzte Bergwerk in Süd-Wales. Tyrone und seine Leute kündigten Widerstand gegen die Schließung der Zeche an. Darauf erhöhte die Kohlebehörde ihr Abfindungsangebot noch einmal um 9000 Pfund - aber nur, wenn die Gewerkschaft die Stilllegung binnen einer Woche akzeptierte. Die Kumpel lehnten das Extra-Sterbegeld mit Zweidrittelmehrheit ab. Lieber wollten sie bis zum bitteren Ende kämpfen.

Nun drohte die Kohlebehörde, nicht nur die Extra-Abfindung, sondern auch die schon zugesagten 10 000 Pfund zu streichen. Da standen für jeden Bergmann fast 30 000 Euro auf dem Spiel. Am 19. April 1994, mittags um halb eins, gaben die Bergleute auf. Sie akzeptierten die Stilllegung und die Abfindung. Es war vorbei.

Niemand hat in dem Moment geglaubt, dass die Geschichte damit erst richtig anfangen sollte.

Es war am Abend nach der Kapitulation in einer Kneipe, so zwischen der zwölften und dreizehnten Runde. "Let's buy the fuckin' coalmine! ", soll einer gegrölt haben. Eine tollkühne Idee. Nachdem der Kater verflogen war, machten sich Tyrones Leute an die Arbeit. Innerhalb von zehn Tagen konterten sie den Stilllegungsbeschluss mit der Offerte eines Belegschafts-Buyout.

Eine Zeche in Arbeiterhand - das hatte es in Großbritannien noch nie gegeben. Wie sollte das funktionieren? Angeblich war das Bergwerk nicht profitabel. "Wir wussten, dass das nicht stimmt", sagt Tyrone 14 Jahre später. "Wir kannten die verdammte Zeche doch besser als die Kohlebosse in ihren Büros in London." Es war durchgesickert, dass die Manager der Zeche eigene Pläne verfolgten. Sie selbst wollen der Regierung das angeblich defizitäre Bergwerk abkaufen. Ein Teil der Kumpel sollte dafür - zu schlechteren Bedingungen - neu eingestellt werden.

Das Buyout-Team, mit Tyrone an der Spitze, überzeugte 239 Tower-Kumpel, einen Großteil ihrer Abfindung in einen Fonds einzuzahlen. Zunächst gab jeder 2000 Pfund, später noch einmal 6000. So kamen fast zwei Millionen zusammen. Die Barclays Bank gab zusätzlich einen Kredit von zwei Millionen Pfund.

Die meisten Arbeiter zahlten, als wenn es selbstverständlich wäre, dass entlassene Bergleute ihre Grube kaufen. "Wir hatten das Vertrauen der Arbeiter", erinnert sich Glyn Roberts, damals wie heute einer von Tyrones engsten Mitstreitern. "Die kannten uns, weil wir jeden Tag mit ihnen Schulter an Schulter schufteten und nicht irgendwo gemütlich im Büro saßen." Er selbst hatte seit 1965 unter Tage malocht, als Hauer am "Gesicht der Kohle". Jetzt trug er abends das Abfindungsgeld seiner Kollegen in einer Plastiktüte nach Hause und steckte es unters Kopfkissen.

An einem Oktoberdienstag, knapp ein halbes Jahr nach der Stilllegung der Zeche, erhielt das Arbeiterteam von der Regierung den Zuschlag. Sie hatten gesiegt. Tower gehörte jetzt ihnen.

Am klaren, kalten 2. Januar 1995 in der Frühe marschierten die Tower-Kumpel die lange Straße hinauf zur Zeche, Tyrone vorneweg. Frauen, Kinder und Nachbarn waren dabei, das Banner wehte, die Bergwerkskapelle spielte. "Als sie uns gezwungen haben, diese Zeche zu verlassen", sprach Tyrone ins Megafon, "da haben wir geschworen zurückzukehren. Und wenn die Arbeiter von Tower sagen, sie kommen zurück", rief er, holte tief Luft und brüllte, "dann kommen sie zurück! "

Die Meinung der Kantinenfrau ist gefragt. Ob sie auch zählt? Der Leitwolf entscheidet es Für die damalige konservative Regierung war der Zuschlag an die Arbeiter ohne Risiko - selbst wenn die Zeche pleiteging. Dann wäre nur erwiesen, was für die meisten eh feststand: dass Arbeiter tief buddeln, aber kein Unternehmen führen können. Aber Tyrone hatte vorgesorgt. Ausgerechnet die Berater von Price Waterhouse, bis dato stets für die Kohlebehörde tätig, hatten in seinem Auftrag das Unternehmen durchleuchtet und für profitabel erklärt. Sie sollten recht behalten: In den ersten fünf Jahren nach dem Buyout machte Tower vor Steuern fast 13 Millionen Pfund Gewinn. "Wir hatten uns entschlossen, den Kapitalismus mit seinen eigenen Mitteln auszuhebeln, nicht mit Demonstrationen und markigen Reden", sagt Glyn Roberts und strahlt. "Manchmal bringt es nichts, die Vordertür einzutreten. Man geht besser um das Haus rum und schaut nach, ob auf der Rückseite vielleicht ein Fenster offen steht."

Und Tyrone O'Sullivan, der dicke, militante Tyrone mit der pinkfarbenen Fahne, er war nun der Chef. Erster unter Gleichen.

Frühjahr 2003. "Morgen, Tyrone! ", brüllt der Kauenwärter vom Gang aus durch die halb offene Tür zum Chefbüro. "Lass uns für die Klos ab sofort Papierrollen statt Tissues bestellen! "

"Wieso das denn?", brüllt Tyrone zurück. "Rollen sind billiger! "

"Dann bestell von jetzt an eben Rollen! "

"Das müsstest du aber dem Lieferanten bestätigen, Tyrone! " Tyrone O'Sullivan verdreht die Augen. Da ist er nun Chef einer Firma mit fast 30 Millionen Pfund Jahresumsatz und muss entscheiden, womit seine Leute sich den Hintern abputzen. "Diese Klos sind das Letzte", knurrt er, während er in seinem Uralt-Organizer die Telefonnummer des Lieferanten sucht. "Kein Mensch fühlt sich verantwortlich, dass da sauber gemacht wird. Es stinkt wie die Hölle. Mein Gott, wir sind doch Arbeiter und keine Viecher." Endlich hat er die Nummer gefunden. "Tyrone hier, Zeche Tower. Also, wir nehmen ab sofort Klopapierrollen statt Tissues, okay? Rollenhalter? Ja, brauchen wir auch, zehn Stück, oder nee, sechs reichen, für jedes Klo einen."

Das Bergwerk Tower ist jetzt eine Genossenschaft, zu hundert Prozent im Besitz der Beschäftigten, eine kleine sozialistische Zelle, die sich in der rauen Welt des Kapitalismus behaupten, den Traum der Arbeiterbewegung von Sozialismus und Demokratie wahr machen will. Dazu gehört, dass jeder Genosse bei allen wichtigen Entscheidungen mitbestimmt; das Votum einer Kantinenfrau hat das gleiche Gewicht wie Tyrones Stimme. Umgekehrt gehört dazu offenbar auch, dass Tyrone als oberster Genosse seinen Segen sogar zur Klopapier-Beschaffung geben muss.

Tyrone ist das Alphatier der Genossenschaft. " Ja, so eine Art Leitwolf, das bin ich", sagt er ganz unbescheiden. "Erst will ich ins Team, und bin ich einmal drin, will ich Captain werden." So war es früher beim Rugby und später in der Gewerkschaft. Und jetzt, in der Firma, ist es wieder so. Dass er erster Mann würde, stand für ihn fest. "Die wären doch blöd gewesen, wenn sie einen anderen gewählt hätten. Ich bin der Beste für den Job."

Tyrone war 17 Jahre alt, als ihn eines Tages der Rektor aus seiner Berufsschulklasse holte. Ein Kollege seines Vaters stand draußen. Tyrone nannte ihn "Onkel Jack". "Schau mal, Tyrone", sagte Onkel Jack, "es tut mir leid, dein Vater ist heute in der Zeche verschüttet worden. Er ist tot, Tyrone."

In welcher Zeche das geschah? - "In dieser hier. Tower." Als Tyrone Bergmann wurde, mit 15, trat er natürlich gleich in die National Union of Mineworkers ein. Es war die beste Gewerkschaft der Welt. Sie war immer für einen da. Früher, wenn der Vater mal im Krankenhaus lag - wer besuchte ihn? Der Mann von der Gewerkschaft. Und als der Vater tot war - wer half der Mutter bei den Rentenformularen und fragte, was sie sonst noch brauchte? Der Mann von der Gewerkschaft.

Die Geschichten, die der Vater erzählte, waren der Nährboden, auf dem später Tyrones politische Gedankenwelt wucherte. Sie haben ihn gelehrt, dass ein Bergmann vor allem wissen muss, auf welcher Seite er steht. In der Zeche, wo Tyrones Großvater arbeitete, stürzte der einzige Streikbrecher kurz nach Ende des Arbeitskampfes in den Schacht, unter ungeklärten Umständen.

Tyrones Platz war immer auf der Linken. Für junge, tief gläubige Sozialisten wie ihn schien sich Mitte der Sechziger die Welt zum Besseren zu wenden. Sie schauten nach Kuba, Jugoslawien, Vietnam, Frankreich. Die Gewerkschaft gab den Takt an, und Tyrone marschierte. Dem Morgenrot entgegen. Später, in den Siebzigern und Achtzigern, zählte die von ihm straff geführte Gewerkschaftsloge auf Tower zu den militantesten im Land, bei Streiks und Demonstrationen immer vorneweg. Manche, die nicht zu seinen Freunden gehören, berichten von fast stalinistischen Zuständen, einem erschreckenden Mangel an innerer Demokratie in der Loge, wo allein Tyrones Meinung gezählt habe.

Der Sieg im Kampf um Tower hat Tyrone berühmt gemacht.

Sogar eine Oper erzählt vom Ringen um das letzte walisische Bergwerk; in Swansea wurde sie aufgeführt. Da stehen fiese Manager gegen Tyrone und seine Leute; es geht um die Maloche, um Jobs, um Liebe und Eifersucht. Denn die Bergmannsfrau Susan hat ein Verhältnis ausgerechnet mit dem Zechenmanager Emrys, der die Grube erst dichtmachen und dann billig kaufen will. Zuletzt siegt das Gute: Die Arbeiter bekommen die Zeche, Susan kehrt zu ihrem Mann zurück, und der Chor der Bergleute singt: "Wir geh'n auf neuen Wegen/dem Licht vereint entgegen."

Herbst 2003. Durch das Fenster von Tyrones Büro schaut Glyn Roberts zur Kantinenbaracke. Man kann sehen, wer dort beim Kaffee sitzt. "Was ist die Durchwahl der Kantine?" - "292", ruft Tyrones Sekretärin. Glyn wählt, eine der Kantinenfrauen nimmt ab. "Hier ist Glyn. Sag den vieren, die bei euch sitzen, sie sollen auf der Stelle ihren Hintern bewegen und unter Tage gehen, sonst streiche ich ihnen den Lohn." Kurz darauf eilen vier Männer in Bergmannsmontur aus der Kantine. Glyn und Tyrone lachen. War doch nur ein Scherz.

Jahrelang war der kleine Glyn Roberts Tyrones treuester Gefolgsmann in der Gewerkschaftsloge. Sie kennen sich seit Mitte der Sechziger. Bei Demos trug Glyn immer das Banner der Zeche. Manche sagen, er habe Schwierigkeiten mit dem Rechnen. Tyrone hat ihn zum Personalchef befördert.

Im Fettdunst der Kantine schiebt sich der Gewerkschaftssekretär "Will" Williams fettglänzende Würstchen, gebackene Bohnen und Fritten mit Essig und zäher Soße in den Mund und versucht kauend zu erklären, warum eine Zeche in Arbeiterhand, geführt von einem strammen Sozialisten, trotzdem eine Gewerkschaftsvertretung braucht. "Wir haben schon noch eine Rolle hier auf Tower", setzt er an, "aber eine schwierige." Und worin besteht die? "Nun ja", zögert Will. In der Küche knallt eine der Kantinenfrauen die Aludeckel auf die riesigen Töpfe. "Was Tyrone will, ist nicht immer das, was die Arbeiter wollen." Und was macht die Gewerkschaft dann? "Das ist genau das Problem. Wir haben ja nicht mehr die Schlagkraft wie zu alten Zeiten. Uns ist sozusagen der Feind abhanden gekommen. Okay, wir können mit Streik drohen, aber wahrscheinlich gibt Tyrone einen Scheiß drauf, weil er genau weiß: Es ist eh nur Bluff. Gegen wen sollen wir denn streiken? Uns gehört doch die verdammte Zeche."

Einmal trat das völlig Sinnlose trotzdem ein: Streik. Einen Tag lang fuhr kein Bergmann unter Tage. Einige Kumpel waren mit der neuen Schichteinteilung nicht einverstanden. Aus Solidarität legten die anderen, ermuntert von der Gewerkschaft, die Arbeit nieder. "Sie haben sich verhalten wie zu alten Zeiten", sagt Tyrone. "Immer wenn es Streit mit dem Management gab, hieß es: Lasst uns streiken. Wie bei einem Huhn, dem man den Kopf absäbelt, das rennt auch automatisch." Der Mann, der zum Streik aufgerufen hatte, das war er, Tyrone. "Es ist ein blödsinniger Streik", sagt er, und dann verheddern sich für einen Moment die alte mit der neuen Sicht der Dinge. "Ich bin trotzdem stolz auf die Jungs, dass sie Courage haben und sich nicht vom Management einschüchtern lassen."

Tyrone will Löwen, die ihre Beute reißen, keine Gnus, die panisch davonlaufen. "Millionen Gnus laufen in der Steppe rum. Aber es braucht nur ein einziger Löwe aufzutauchen, schon rennen sie alle los, und der Löwe kann das schwächste Gnu töten." Tyrone beugt seinen massigen Oberkörper über den Schreibtisch: "Dabei müssten sie sich doch nur umdrehen, bevor sie losrennen, und sie könnten alle verdammten Löwen auf der ganzen Welt in Grund und Boden stampfen. Warum sind sie nur so doof, diese Viecher?"

Derzeit werden in der Genossenschaft wieder die Messer gewetzt. Es soll mehr Geld für alle geben, wie jedes Jahr seit dem Buyout. Tyrone hat drei Prozent angeboten, nachdem im vorigen Herbst und in diesem Frühjahr jeder Beschäftigte schon mal 1000 Pfund Bonus und weitere 1000 Pfund Dividende einstreichen konnte. Drei Prozent mehr: Das macht etwa 130 Pfund im Monat für Finanzdirektor Geoffrey Davies, den Mann mit dem dicksten Gehalt, während die Frauen in der Kantine nur 20 oder 25 Pfund mehr mit nach Hause nehmen. Das ist nicht gerecht, erklärt die Gewerkschaft, weil der Abstand zwischen den "fetten Katzen" und den Malochern noch größer würde. Schlimmer noch: Es sei ein Verrat am Sozialismus. Die Arbeitervertretung verlangt eine andere Aufteilung: Der gleiche Geldbetrag für alle. So geht Sozialismus, findet die Gewerkschaft.

Das ist kein Sozialismus, findet Tyrone. Wer viel Verantwortung trägt oder sich unter Tage die Knochen ruiniere, solle hin und wieder mehr belohnt werden als jene mit einem lauen Job, die bei der Arbeit rumsitzen und fernsehen können. Und überhaupt: In welcher Welt lebt bloß diese Gewerkschaft? Wenn der Sozialismus irgendwo existiert, dann doch wohl auf Tower.

Einmal konnten sie drei Monate nicht ein Gramm Kohle fördern, weil nach einem Erdbeben Methangas aus einem stillgelegten Stollen in den Schacht geströmt war. In diesem Jahr machte die Genossenschaft mehr als drei Millionen Pfund Verlust. "Trotzdem haben wir die ganze Zeit den vollen Lohn gezahlt", sagt Tyrone. Das sei doch wohl Sozialismus. Jedes andere Bergwerk wäre unter diesen Umständen dichtgemacht worden.

Die Zeche gehört jetzt zwar allen Kumpels. Aber wer sich etwas einsteckt, bekommt Ärger

Letztens hat Glyn, der Personalchef, einen Arbeiter beiseite genommen. "Ich hab' gehört, deine Frau hat Brustkrebs", hat er zu ihm gesagt. " Jetzt mach, dass du nach Hause kommst, und lass dich nicht wieder blicken, bevor deine Frau okay ist." Zwei Monate kam der Mann nicht zur Arbeit, die Zeche hat den vollen Lohn gezahlt. So etwas wäre mit der Kohlebehörde undenkbar gewesen. Wer in finanziellen Schwierigkeiten ist, bekommt von der Genossenschaft Kredit, zinslos, auf zwei oder drei Jahre.

"Diese Gewerkschaft! ", zischt Tyrone, und sein Gesicht ist wieder so rot wie an jenem Herbstmorgen, als er die schweinchenrosafarbene Fahne wehen ließ. "Statt die Rebellion gegen mich anzuführen, sollte sie den Arbeitern sagen: Verpisst euch, ihr verdient hier mehr Geld als in jeder anderen Firma in Süd-Wales. Ihr kriegt 37 Tage Urlaub, anderthalb Jahre vollen Lohn, wenn ihr krank seid, der Lohnabstand zwischen den fetten Katzen und den Arbeitern ist kleiner als in jedem anderen Unternehmen in ganz Europa. Wir sponsern das Rugbyteam. Wir finanzieren die Bergmannskapelle. Und ihr seid immer noch nicht zufrieden? Was, zur Hölle, wollt ihr denn noch?" Da spricht nicht Tyrone, der Held der Arbeiter. Da spricht Tyrone, der Unternehmer. Die Fakten sprechen für ihn. Auf Tower verdient niemand weniger als 18 000 Pfund und keiner mehr als 54 000 Pfund im Jahr. "In anderen Firmen mit ähnlichem Umsatz kriegen die Manager locker 150 000 Pfund", sagt Tyrone. "Aber genau das wollen wir eben nicht. 54 000 sind doch auch eine schöne Summe, da kann sich doch niemand beschweren."

Der Mann, der wenige Jahre zuvor noch vom Generalstreik gegen die Thatcher-Regierung träumte und Kampflieder singen ließ, propagiert nun einen ganz anderen Sozialismus. "Ich sage immer", hebt er an, als ob er das früher auf jeder Demonstration verkündet hätte, "wenn du deinen Job nicht gewissenhaft machst, bringt dieses ganze Links-Getue überhaupt nichts. Was heißt es denn, Sozialist zu sein? Fahnen tragend durch die Gegend zu latschen? Das bringt etwa so viel wie Pissen gegen den Wind." Betriebsrente, Urlaub, gute Löhne für alle: Das sei nur finanzierbar, wenn die Zeche Profit mache. "Alles andere ist Blödsinn. Sei ein guter Arbeiter und bring so viel Kohle nach oben wie möglich. Das ist das oberste Prinzip für einen guten Sozialisten."

Einige wollten das gemeinsam Erkämpfte gern für sich allein ausschlachten. Auch auf Tower gab es immer den einen oder anderen, der sich nach Schichtende ein paar Eimer Kohle einfach so mitnahm, für den Ofen daheim. "Aber nach dem Buyout kamen sie mit Pick-ups hier an, um Kohle aufzuladen", sagt Brian Loveridge, der Security-Chef der Zeche. Letztens sah er, wie ein Arbeiter Stahlträger in seinen Wagen lud. "Was machst du denn da?" - "Och, die brauch' ich für den Anbau zu Hause." - "Aber du kannst sie doch nicht einfach mitnehmen." - "Wieso? Die gehören doch mir." - " Ja, aber sie gehören nicht nur dir, sondern auch all den anderen Leuten, die hier arbeiten." Verstanden hat der Mann es nicht, glaubt Loveridge.

Kürzlich hat sich ein Kumpel krankgemeldet, kaputtes Knie. Die Genossenschaft zahlt ihm 480 Pfund die Woche, den vollen Lohn. Vor ein paar Tagen fuhr Tyrone mit dem Auto an ihm vorbei, wie er die Straße hinaufstapfte, in Arbeitsmontur, zwei schwere Eisenträger auf der Schulter.

Tyrone vermisst in solchen Fällen die Unterstützung der Gewerkschaft. Wenn er, Tyrone, noch in der Gewerkschaft zu bestimmen hätte, würde er solchen Schmarotzern den Lohn kürzen. Oder sogar streichen. "Ich hab' immer auf Disziplin gepocht. Ist doch ganz egal, ob du Streikposten organisierst oder eine Firma führst. Wenn du die Disziplin verlierst, hast du alles verloren." Wenn er, als er noch Gewerkschaftssekretär war, jemanden beim Rauchen unter Tage erwischte, "dann hab' ich dafür gesorgt, dass er gefeuert wurde. Ich als Gewerkschaftssekretär, nicht der verdammte Manager." Und jetzt? Jetzt musste die Genossenschaft das Krankengeld für alle Beschäftigten kürzen, weil einige es ausgenutzt haben. Und die Gewerkschaft habe zugesehen.

"Sind Sie denn noch in der Gewerkschaft?"

" Ja, aber sie wollen nicht, dass ich zu den Versammlungen komme." Tyrone sieht auf einmal sehr müde aus.

Ein schlimmer Verdacht wuchert unter den Kumpels: Tyrone, ihr Tyrone, habe vergessen, wo er herkomme; er begehe Verrat am Sozialismus, den er mal gepredigt hat wie kein anderer auf Tower. Ein Wendehals. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. "Was ist nur geschehen mit einigen unserer früheren Arbeitskameraden?", fragt die Gewerkschaft auf einem Flugblatt. "All die Jahre haben sie mit uns Streikposten gestanden, sind landauf, landab auf Demonstrationen marschiert. Und jetzt treten sie die sozialistischen Prinzipien, auf denen die Firma gegründet ist, mit Füßen."

- "Wenn wir den Sozialismus und die Arbeiterdemokratie hier nicht gehabt hätten, wär' ich jetzt Millionär", kontert der Angegriffene. "Ich mach' das doch alles für die Arbeiter, nicht für mich."

Bisher haben sie immer noch für ihn gestimmt, wenn er zur Wiederwahl als Genossenschaftsvorsitzender antrat. Der gerissene Taktiker ließ öffentlich abstimmen, per Handzeichen. "Da gehen dann nur drei oder vier Hände hoch", sagt Tyrone und lacht. "Natürlich weiß ich, dass insgeheim mehr Leute gegen mich sind, aber die haben nicht den Arsch in der Hose, mir öffentlich zu sagen, dass ich mich zum Teufel scheren soll."

Langsam beginnt der Gründungsmythos des einzigen britischen Bergwerks in Arbeiterhand zu verblassen. Das Kollektiv verliert an Bedeutung, zu den vierteljährlichen Genossenschafts-Vollversammlungen kommen immer weniger. Es ist so eine Sache mit der Demokratie, wenn daheim eine leckere Nierchenpastete wartet.

Jeder prüft seine Optionen. Vor dem Buyout besaß keiner der Bergleute eine Aktie. Für einen guten Sozialisten gehörte sich das nicht. Jetzt sind sie alle Aktionäre, Volkskapitalisten, und in den vergangenen sechs Jahren konnten sie zusehen, wie der Wert ihrer Anteile stetig stieg - von anfangs 8000 auf zwischenzeitlich bis zu 33 000 Pfund. Da gerät so mancher ins Grübeln. Sollte man jetzt kündigen und die 33 000 Pfund mitnehmen? Oder noch ein paar Jahre unter Tage dranhängen, dann wären es vielleicht 60 000? Aber wer weiß schon, ob der Wert der Anteile nicht irgendwann sinkt? Vielleicht wäre es gut für den Profit der Zeche und den Wert der eigenen Anteile, wenn ein paar Kumpels weniger an Bord wären. Ohne es zu ahnen, sind die braven Bergleute in die Fänge des Shareholder Value geraten - jener eisigen Gedankenwelt, die sie als einfache Malocher ohne Verantwortung für das Wohl eines Unternehmens nur verachtet haben.

Die Versuchung ist groß, besonders für die Älteren. "Wenn sie sehen, dass ihre ehemaligen Kollegen im März ans Meer fahren und erst im Oktober zurückkommen", sagt Glyn, der Personalchef, "denken sie sich: Warum zum Teufel lassen die es sich gut gehen, während ich immer noch jeden Morgen um sechs in die blöde Zeche einfahre?" Wer 35, 40 Jahre geschuftet hat, darf so denken. 33 000 Pfund reichen für die kleinen Träume eines Bergarbeiters. Ein Wohnwagen am Meer zum Beispiel.

25. Januar 2008. Es ist ein stummer Marsch, ohne Gesang und ohne Bergwerkskapelle, ein Trauerzug, von der Zeche weg die lange Straße hinab. Zum letzten Mal weht das Tower-Banner. Britanniens einzige Zeche in Arbeiterhand existiert nicht mehr.

Sieben Millionen Tonnen Kohle haben sie in 13 Jahren aus dem Berg geholt. Nun ist keine Kohle mehr da. "Es gab keine Alternative zur Stilllegung", sagt Tyrone. "Wenn wir bei den heutigen Energiepreisen noch Kohle für drei oder vier Jahre hätten, könnten wir ein Vermögen machen." Das sozialistische Experiment ist beendet. Die walisische Nationalversammlung verfasst eine feierliche Erklärung: "Die Bergleute von Tower haben uns allen gezeigt, wie wichtig es ist, dass Menschen den Mut und die Zuversicht haben, ihr Schicksal und ihre Entscheidungen selbst in die Hand zu nehmen." Schöne Worte.

November 2008. Ein Bungalow an der Küste, 50 Kilometer von Tower entfernt. Ein gut gelaunter Tyrone sitzt in karierten Filzpantoffeln im Wohnzimmer und knallt die Lokalzeitung vom Vortag auf den Tisch. "Neue Hoffnung für die Täler! ", steht auf Seite eins. "Bis zu 1000 Jobs auf ehemaligem Zechengelände." Dazu sein Foto. Er wird gefeiert wie der Messias. "Tyrones Magie könnte unsere Täler wieder erstrahlen lassen", schreiben sie. "Wenn jemand hier für Arbeit sorgen kann, dann ist es dieser Mann. Schon einmal hat er bewiesen, dass er Wort hält."

Tyrones neuester Coup ist mindestens so kühn wie seinerzeit das Buyout. In den nächsten zehn Jahren will er die 1100 Hektar große Tower-Brache in einen Wohn-, Gewerbe- und Freizeitpark verwandeln und bis zu 1000 Leuten Arbeit bringen. "Ich möchte, dass die heute Dreijährigen hier Arbeit finden, wenn sie 16 oder 17 sind, statt ihre Heimat zu verlassen." Das ehemalige Kohlerevier ist die ärmste Gegend in Wales. Nach dem Zechensterben der achtziger Jahre verfielen die Dörfer. Schon montags warten die Jungs aus den Tälern aufs Wochenende, aufs Saufen und die freudlose Erleichterung mit den Kleinstadt-Schlampen. In Pen-ywaun, wo Glyn Roberts jetzt im Gemeinderat sitzt, beziehen 82 Prozent aller Haushalte Unterstützung vom Sozialamt.

Die Zeche ist tot, der Geist von Tower lebt. Für den Traum von 1000 Jobs. Tyrone hat ein neues Unternehmen gegründet, ein Joint Venture aus der Tower-Kooperative und zwei Firmen mit Expertise in Landschaftssanierung und Projektentwicklung. Der Andrang war groß, die Tower-Genossen hatten freie Auswahl.

Genug Geld ist da. Besser: Es wird da sein. Vier Millionen Tonnen genossenschaftseigene Kohle liegen noch auf dem Zechengelände, teils nur wenige Meter unter der Erdoberfläche. Jetzt, da der Untertagebetrieb eingestellt ist, kann sie günstig abgebaggert und ans nahe Kraftwerk Aberthaw verkauft werden. "Das Geld, das wir benötigen, um unseren Traum zu erfüllen, verdienen wir selbst. Wir müssen nicht um Subventionen betteln."

Das Kohlerevier will nicht sterben. Die Zukunft lässt sich aber verdammt viel Zeit

Die aktuell 284 Tower-Aktionäre stehen hinter Tyrone. Nicht einer habe in der Vollversammlung gegen ihn gestimmt, erzählt der oberste Genosse. Obwohl sie selbst von den versprochenen neuen Jobs gar nichts haben. Die Älteren sind nach Stilllegung der Zeche in Rente gegangen, die anderen arbeiten fast alle wieder als Bergleute. Steigende Energiepreise haben der Kohle eine Renaissance verschafft. Zwei neue kleine Bergwerke wurden in der Nähe eröffnet; fast 150 ehemalige Tower-Kumpel arbeiten jetzt dort. Die Zechen griffen sofort zu. Erfahrene Bergleute sind gefragt. Die ehemaligen Tower-Arbeiter erfahren jetzt, wie es ist, wenn man nur Malocher ist und nicht Eigentümer. Sie verdienen weniger als früher, und statt 37 gibt es 26 Tage Urlaub.

Nur eine Handvoll Genossen hat sich auszahlen lassen. Tyrone hat das Statut der Kooperative ändern lassen. Seither hat die Genossenschaft Anteile nur noch zurückgekauft, wenn sie es sich leisten konnte - und das war meist nicht der Fall.

Insgeheim hoffen die Genossen, dass der Wert ihrer Anteile steigt, wenn Tyrone erst die Planungsgenehmigungen unter Dach und Fach hat und das Land, ihr Land, an Investoren verkauft wird. Dann haben sie zum ersten Mal im Leben richtig viel Geld, 30 000 oder 50 000, vielleicht 100 000 Pfund, wer weiß. "Und wenn es nur 50 Pfund pro Woche sind", sagt Tyrone. "Das zählt für einfache Bergleute. Sie können sich einen Urlaub in der Sonne leisten. Oder etwas für die Kinder oder Enkel zurücklegen."

Nun hat Tyrone einen dicken Stein ins Wasser geworfen und schaut, welche Wellen er schlägt. Noch erscheint sein Plan zur Wiederbelebung der Region vage. 1000 Jobs sollen entstehen, aber welche? Bisher hat es, trotz großzügiger Zuschüsse und schlüsselfertiger Fabrikhallen, kaum jemand geschafft, einen seriösen Investor in die abgelegenen Täler zu lotsen. "Ich hab' keine verdammte Ahnung, was für Jobs das sein werden", sagt Tyrone. "Aber genau das ist doch das Tolle. Alles ist offen, alles ist möglich." Das Konzept sollen die Joint-Venture-Partner nach und nach gemeinsam mit den Gemeinden schmieden.

Natürlich hat Tyrone Ideen. Ein Energie- und Umweltpark wäre prima. Ein Wohngebiet mit Sport- und Freizeiteinrichtungen, hoch über den Dörfern, inmitten der Natur. Einzelhandel, damit die Leute zum Einkaufen nicht ins grottige Merthyr Tydfil müssen. Natürlich werde man an die Vergangenheit erinnern, als jedes Dorf noch eine Zeche hatte. Aber keine Disneyland-Fassade für Industrieromantiker mit den rührseligen Geschichten von Staublunge und Streik. "Wir haben viel Spannenderes zu erzählen", sagt Tyrone. "Die Tower-Story. Wie 239 Bergleute es allen gezeigt haben und später 1000 Jobs für ihre Kinder und Enkel geschaffen haben, statt das Geld einzusacken."

Ein paar Jahre will Tyrone noch dranhängen. "Bis dahin will ich alle Genehmigungen in der Tasche haben. Damit es nicht mehr geändert wird, wenn ich weg bin." Keuchend holt er Luft. Er nimmt seine Medikamente nicht. Er ist 63. Treppen schafft er kaum noch. Er weiß, dass er von den 120 Kilo runter muss, dass er die Flasche Whisky pro Woche streichen sollte, das fette Essen, die drei, vier Liter Bier am Freitagabend. Er macht nicht den Eindruck, als wolle er gleich morgen damit beginnen.

Und was wird aus dem Sozialismus, den sie auf Tower immer hochgehalten haben? Die Partner im Joint Venture sind knallharte Kapitalisten. Tyrone und die Seinen haben vorgesorgt: Die Genossenschaft hält 65 Prozent der Anteile; im Aufsichtsrat sitzen vier Tower-Genossen und vier von den anderen. "Und ich. Mit Vetorecht. Wir behalten die Kontrolle", sagt Tyrone. Damit aus den 1000 Arbeitsplätzen keine 1000 Jobs zu Hungerlöhnen werden. "Es ist unser Land, unsere Idee, unser Projekt", sagt Glyn Roberts. "Wir lassen uns das von niemandem wegnehmen." Er hofft, dass Tyrone den Tag noch erlebt, an dem sie vor dem Förderturm einen Torbogen enthüllen, aus weißem Marmor vielleicht, und noch einmal das Lied von der roten Fahne singen. Ein Denkmal mit den Namen von fünf Frauen und 234 Männern, in Stein gemeißelt. Die bewiesen haben, dass der Traum von Solidarität nie erlischt. Jedenfalls nicht in den Tälern von Süd-Wales.

Tyrone glaubt an seinen Traum. "Ich bin kein Märchenonkel.

Was wir in diesen 15 Jahren erreicht haben, ist ja auch keine Legende." Dann kneift er die Augen zusammen und zischt: "Vor 20 Jahren haben sie uns geprügelt und gedemütigt. Sie dachten, dass sie uns erledigt haben. Sie haben sich getäuscht, die Bastarde. Wir sind Bergleute aus Wales. Wir kommen zurück."

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Andreas Molitor


Andreas Molitor, Jg. 1963, lebt und arbeitet als Wirtschaftsjournalist in Berlin. Das Handwerk lernte er in den Achtzigern auf der Kölner Journalistenschule, die ökonomische Theorie erschloss ihm ein Volkswirtschaftsstudium an der Universität Köln. Nach einigen Jahren als Redakteur und Reporter (bei Wochenpost, Berliner Zeitung und im Dossier der ZEIT) arbeitet er seit 2000 als freier Autor von Wirtschaftsreportagen, Porträts, Reports und Feature, vor allem für das Wirtschaftsmagazin brand eins, daneben u.a. für die ZEIT, die Berliner Zeitung, Capital, Brigitte, GEO, DeutschlandRadio und den WDR. Er ist Mitglied des Autorennetzwerks Autoren+Reporter.
Dokumente
Tyrones Traum (PDF)

erschienen in:
brandeins,
am 30.01.2009

 

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