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24.04.17

Sabine Rückert „Todfreunde

Mit diesem Text hat Sabine Rückert den Reporterpreis 2009 in der Kategorie "Reportage" gewonnen. Die in der ZEIT erschienene Reportage schildert die lange Beziehung zwischen einem brutalen Serienmörder und dem Kommissar, der ihn überführte. Die Jury prämierte den Text, weil er in kunstvoller Perfektion die Leben der beiden Männer einander verschränkt, deren fast freundschaftlicher Kontakt auch Jahre nach der Verurteilung bis heute andauert. Hier wird auf vorbildliche Weise, so die Jury, ein sehr eigenes Lehrstück von Schuld und Sühne erzählt.

An einem Spätsommertag des Jahres 2009 sitzen zwei ältere Herren an einem Tisch und sprechen über das Fernsehprogramm. In dem spärlich möblierten Zimmer, durch dessen Fenster die Sonne hell hereinfällt, ist niemand anders als die beiden Männer, die in ihren Kaffeetassen rühren und manchmal zum Gebäck auf dem Tisch greifen. Hennes Jöris und Otto Debisch* scheinen einander lange zu kennen. Sie könnten früher Nachbarskinder gewesen sein oder Schulfreunde. Denn dass der eine zehn Jahre jünger ist als der andere, müsste man wissen - sehen kann man es nicht. Sie reden, was man so redet, über Leute, die draußen am Fenster vorbeigehen, aber was sie wirklich verbindet, erwähnen sie nicht.

Als Hennes Jöris das erste Mal mit Otto Debisch zu tun bekam, war das an einem Herbsttag des Jahres 1978. Damals betrat Hans-Josef Jöris, den zu dieser Zeit schon alle Hennes nannten - frisch von der Polizeihochschule und jetzt Praktikant bei der Mordkommission Mönchengladbach - ein stillgelegtes Bahnhofsgebäude in der rheinischen Kleinstadt Willich. Hier ist die verstümmelte Leiche des kurz zuvor vermisst gemeldeten 12-jährigen Sohnes eines britischen Besatzungssoldaten entdeckt worden. Jöris, 28 Jahre, erster Mordfall, muss sich zusammenreißen, als die älteren Beamten den Tapetenfetzen anheben, mit dem der Mörder sein Opfer abgedeckt hat. Sein Blick fällt auf die geöffnete Bauchhöhle des Jungen. Jemand hat ihn mit Messerstichen durchbohrt und ihn danach erwürgt, dem Toten die Bauchdecke wie einen Deckel herausgeschnitten, die Beine aufgesäbelt, die Geschlechtsorgane abgetrennt und mitgenommen. Der ganze Raum steht unter Blut. So gewütet hat der Mörder, dass darüber sein Messer kaputtgegangen ist. Das verbogene Tatwerkzeug hat er zurückgelassen. "Dieses Schwein kriegen wir", hört Jöris die Kollegen sagen. Da ahnen die Männer noch nicht, dass ihnen genau dieses nie gelingen wird. Und der Praktikant ahnt nicht, dass er es sein wird, der den Mörder fängt.

Erst fast sechs Jahre später, im Februar 1984, begegnen sich Hennes Jöris, nun schon KOK, Kriminaloberkommissar, und Otto Debisch das erste Mal. Ein Jäger hat kurz zuvor im Wald bei Mönchengladbach die vergrabenen Überreste eines Mannes entdeckt, der Willi F. hieß und im Sommer des Vorjahres aus einem psychiatrischen Krankenhaus - in dem Suizidanten und andere Problembeladene untergebracht sind - verschwunden war. In der Klinik hatte man Willi nicht weiter vermisst, er war ein unsteter Geselle, außerdem freiwillig da gewesen. So einer kann gehen, wenn er will. Einer Schwester fällt nun aber, da man ihn skelettiert aufgefunden hat, wieder ein, dass der Mitpatient Otto Debisch kurz nach Willis Abgang behauptet habe, der Willi sei "tot" - obwohl das doch zu jenem Zeitpunkt noch niemand hatte wissen können. Der Patient Otto Debisch ist inzwischen entlassen worden und lebt nun im Heim "Schöne Aussicht", einer Unterkunft für gestrandete junge Leute, irgendwo in der Eifel.

Also reist Kommissar Jöris dorthin und nimmt Otto Debisch - Heimkind, Schulabbrecher, berufslos, arbeitslos - in dessen Zimmer fest. Die Polizei kommt zu dritt, einer stellt sich vors Fenster, einer vor die Tür, Jöris setzt sich dem Verdächtigen gegenüber und bringt ihm in sanften Worten bei, dass er sie nun begleiten müsse. Da tut Debisch etwas Seltsames: Er zieht seine Kamera heraus und macht ein Foto. Klick. Hennes Jöris, wie er Otto Debisch lächelnd verhaftet. Es ist das letzte Bild auf dem Film. Dann ist er voll.

Als Otto Debisch 25 Jahre später diese Fotografie vor Hennes Jöris auf den Kaffeetisch legt, ist der perplex: "Mensch, hast du mich damals fotografiert? Das hab ich ganz vergessen." - "Da haste noch jung ausgesehen", antwortet Debisch. Er hat noch mehr dabei: Aufnahmen vom Heim "Schöne Aussicht", das abgeschieden an einem Abhang steht. Auch Debisch selbst ist irgendwo auf dem Film, ein athletischer, etwas gebeugter Mann, mit halblangem Haar und einem von Bitterkeit gezeichneten Gesicht.

Otto Debisch wundert sich, wie der Polizist Hennes die Bilder vergessen konnte. Er ruft: "Du hast sie doch damals selber zum Entwickeln gebracht - in den Supermarkt, in dem du mir auch die Zündhölzer gekauft hast!" Richtig, die Zündhölzer! Drei herrliche Segelschiffe hat Otto aus Tausenden Streichhölzern gebaut in jenen drei Monaten, die sie zusammen verbracht haben. Februar, März, April 1984. Über 90 Tage Aug in Auge, Hand in Hand, man könnte sagen: in enger Umschlingung. Otto Debisch hat keinen Tag vergessen, Otto Debisch vergisst nie etwas. Die Schiffe hat er seinem Freund Hennes im Mai 1984 als Andenken dagelassen, die Fotos mitgenommen. Seit 25 Jahren liegt der lächelnde Hennes in Ottos Nachttischschublade.

Debischs erste Vernehmung am 4. Februar 1984 läuft zäh. Jöris hat ihn mit aufs Polizeirevier nach Mönchengladbach gebracht. Man duzt sich, was in Verhören nicht ungewöhnlich ist, weil die Lage dann weniger brenzlig erscheint. Es geht um den skelettierten Willi. Das Protokoll hält fest, dass Debisch viel redet und nichts sagt. Schließlich fragt Jöris ihn: "Hattest du Streit mit dem Willi?"

"Mit dem hab ich noch nie Streit gehabt."

"Otto, stimmt es, dass ihr beide zusammen rausgegangen seid, als der Willi verschwand?"

"Ja, aber wir sind getrennte Wege gegangen."

"Wann ist dir dann aufgefallen, dass der Willi nicht mehr da ist?"

"Am nächsten Morgen."

"Otto, hast du was mit dem Tod vom Willi zu tun?"

"Ich schwöre, dass ich damit nichts zu tun habe. Wenn ich von jemandem wüsste, der damit zu tun haben könnte, dann würd' ich es sofort sagen."

"Otto, du sollst am 11. Juli 1983 abends gegen 19 Uhr von einem Ausgang sturzbetrunken auf die Station zurückgekommen sein. Du sollst dich vier Mal übergeben und außerdem geweint haben. Der Pflegerin gegenüber sollst du dann gesagt haben: Maria, hilf mir, hilf mir! Der Willi ist tot, der Willi ist tot! Was sagst du dazu?"

"Ich weiß nur noch, dass ich an diesem Tag zwei Flaschen Whiskey getrunken hab'. Kann sein, dass ich was gesagt hab', aber ich weiß von nichts!"

Viel haben sie nicht gegen Debisch in der Hand, als sie ihn schließlich in eine Gefängniszelle stecken. Wenn Debisch nicht auspackt, müssen sie ihn bald wieder laufen lassen. Es ist am selben Abend, als Kommissar Jöris, der schon auf dem Weg nach Hause ist, einem unbestimmten Gefühl gehorchend beschließt, noch einmal nach dem Verhafteten zu schauen. Er hatte es ihm am Nachmittag versprochen, und obwohl er jetzt eigentlich keine Lust mehr hat, fährt er doch noch aufs Polizeirevier, um seine Zusage einzuhalten. "Gut, dass de kommst", sagt der wachhabende Beamte, als er die grün gestrichene Stahltür aufschließt, "der da drin is' am Heulen." In Zelle 4 ist es finster. Durch die Glasbausteine, die das Fenster ersetzen, fällt kein Licht mehr. Otto Debisch ist nicht zu sehen. Auf der Pritsche hockt ein schluchzender Haufen Mensch, der die Decke über sich gezogen hat. Vorsichtig streift Hennes Jöris die Umhüllung zurück und legt den Arm um den Nassgeweinten. "Was is' los?"

"Ich will meine Sachen haben."

"Die sind noch in der Eifel, die könn' wir jetzt nich' holen, es is' Nacht."

"Ich will sofort meine Sachen, sonst klaut mir die einer", erwidert Debisch zitternd.

"Ich schwör dir, morgen früh fahren wir als Erstes los und holen deine Sachen", verspricht Jöris sanft. Und weil ihm ein so gewaltiger Kummer wegen ein paar Klamotten und einem alten Kofferradio merkwürdig vorkommt, fragt er: "Haste was mit dem Willi zu tun?" Nicken. Und dann sagt der in seinem Arm noch etwas - es rieselt Jöris bis heute kalt über den Rücken, wenn er daran denkt: "Morgen erzähl ich dir noch mehr - auch das von dem englischen Jungen. Und dann wirste berühmt."

Es wurde der Fall seines Lebens, und er hat Jöris bei der Polizei den Ruf eines Menschenflüsterers eingebracht: Denn der Mann, den Jöris an jenem Abend tröstend im Arm hielt, war - obwohl kaum älter als zwanzig Jahre - ein Serienmörder. Sechs Tötungsdelikte, die ihm niemand hätte nachweisen können, hat er dem Kriminalbeamten am nächsten Tag gestanden. Das erste - an einem alten Mann - hatte Debisch schon als 13-Jähriger begangen, das letzte im Sommer zuvor - an Willi. Manche waren zu regelrechten Blutbädern ausgeartet, wie das an dem kleinen Engländer, das Otto Debisch mit 17 beging. Drei der Taten waren ungeklärt geblieben, eine vierte war nicht einmal bekannt geworden und als Vermisstensache verstaubt. Für weitere zwei waren Unschuldige verurteilt worden. Und nun klärte Hennes Jöris sechs Morde auf einmal, weil Otto Debisch in jener Nacht endlich eine Seele gefunden hatte, die er für würdig hielt, sein entsetzliches Wissen mit ihm zu teilen.

Hennes Jöris hat keine Bücher geschrieben über diesen Fall, er ist nicht im Fernsehen aufgetreten, hat nicht auf Tagungen geglänzt, ist nicht mit Tatortlichtbildern umhergereist und hat keine Vorträge über Verhörmethoden an Polizeiakademien gehalten. Er hätte auch gar nicht gewusst, was er da sagen sollte. Vielleicht: Ich war bloß der richtige Mensch zum richtigen Zeitpunkt. Oder: Ein Vernehmungsbeamter trifft auf tausend verschiedene Menschenmodelle, und auf keines kann er sich vorbereiten - es ist immer das erste Mal, und ich hatte Glück.

Hennes Jöris hielt an jenem Abend ein kleines Versprechen und ist dafür übermäßig belohnt worden. Er war zuverlässig und freundlich gegenüber einem Menschen, dem nie einer mit Treue und Güte begegnet ist, den das Schicksal immer nur in die Irre geschickt und in den Morast von Brutalität und Verrat getaucht hatte. Und dieser Mensch hatte ihn nun zu seinem Freund erkoren und beschlossen, ihn - unter Aufgabe der eigenen Existenz - berühmt zu machen. Blutiger Ruhm war das Einzige, was Otto Debisch zu verschenken hatte.

Das ist alles lange her. Nächstes Jahr geht Hennes Jöris in Pension. Der Flur der Todesermittler im ersten Stock der alten Backsteinkaserne, in der die Polizei Mönchengladbach sitzt, war über all die Jahre sein Zuhause. Hier trat er 1978 als Praktikant seinen Dienst an, jetzt ist er seit zwölf Jahren der Chef. Raum F169 ist seiner, hier riecht es nicht nach Ruhm, sondern nach Pfeifenrauch. Auch müsste mal gestrichen werden, die türkisfarbene Jalousie hängt schief über sterbenden Topfpflanzen. Im Radio singt Marianne Rosenberg leise von ewiger Liebe. Jöris, über dessen Schreibtisch 350 Todesermittlungen im Jahr gehen, der täglich Erstochene, Ertrunkene, Erhängte, Erschlagene, Erwürgte und auf unklare Weise Erloschene zu Gesicht bekommt, hört ständig WDR 4, einen tröstlichen Sender für ältere Leute, aus einer unerreichbar heilen Welt. Jöris sitzt täglich ab 6.30 Uhr an seinem Schreibtisch, um 10 Uhr hat er schon die zweite Pfeife geraucht. An den Wänden Fotos von früher: Jöris im Kreise der Kollegen, klein, jung, drahtig, mit halblangen Locken und Schnauzbart. Das Kinn trotzig vorgereckt. Die Arme selbstbewusst vor der Brust verschränkt. Ein guter Bulle.

Debisch reißt die Schreibmaschine hoch und brüllt: "Den bring ich um!"

Das Ansehen eines Beamten wächst mit der Schwere des zu bekämpfenden Verbrechens, deshalb gilt die Mordkommission als Gipfel der Polizeiarbeit. Oder wie Jöris es ausdrückt: "'ne Steigerung von tot jibt et nich!" Weil der gewaltsame Tod sich nicht an die Dienstzeiten hält und Mörder keinen Feierabend machen, sondern vorzugsweise nachts oder am Wochenende zuschlagen, hat Jöris zwei Handys und zu Hause drei Festnetztelefone: in der Küche, neben dem Fernseher, am Bett. Oft schreckt ihn das Klingeln in der tiefsten Nacht hoch und zwingt ihn, im Halbschlaf Entscheidungen zu fällen. Wie viele Weihnachtsfeste, Urlaube, Hochzeitstage, Kindergeburtstage hat er in den vergangenen dreißig Jahren an Tatorten oder in Vernehmungszimmern verbracht? Wie oft saß seine Frau neben einem leeren Platz im Theater oder aß in einem Wellnesshotel für zwei? Er kann nicht anders - "töter jibt et nich" - er muss. Er ist geboren für diese ausgetretenen Treppenhäuser, diese gebohnerten Gänge, diese mit hässlichen Fahndungsplakaten beklebten Wände. Hennes Jöris ist geschaffen für das Verbrechen.

Und für Täter wie Debisch, dessen drei Schiffe immer noch über den Aktenschrank im Raum F169 segeln: ein Zweimaster, ein Dreimaster, ein Viermaster. Mit Rahen und Takelage, hergestellt aus einem Berg von Streichhölzern und einem Meer von Geduld. Hennes Jöris hat die Streichhölzer damals büschelweise abgebrannt, bevor er sie Otto Debisch in die Zelle brachte. Drei Monate war der Untersuchungshäftling im Polizeigewahrsam, "ausgeantwortet", wie es heißt, weil er so schrecklich viel zu gestehen hatte. Und Jöris sorgte dafür, dass es Debisch in dieser Zeit gut ging.

Die langen Gespräche zwischen Hennes Jöris und Otto Debisch sind bis heute in den dicken Vernehmungsakten des Mönchengladbacher Polizeiarchivs festgehalten. Auf ihnen haben sich inzwischen so viele Jahre abgelagert, dass sich die Hände waschen muss, wer darin blättert. Leicht kann es nicht gewesen sein mit Debisch, der, mutterlos in sozialer Kälte aufgewachsen, den Menschen vor allem Böses zutraute.

In den ersten Tagen will er gar nicht essen, bis Hennes zur Pommes-Bude läuft, um dieser Verweigerung eine dicke Currywurst entgegenzusetzen. Später fahren Streifenwagen zum "Spickhof" und holen von dort gewaltige Grillteller, die Otto dann gerne vertilgt. Der Beschuldigte muss bei Laune gehalten werden. Ist er schlecht drauf oder fehlt Jöris beim Verhör durch Zufall, schweigt er einfach oder weist auf seine Rechte hin: Er sei nicht verpflichtet, hier Angaben zu machen. Als ein hinzugezogener Polizist im Verhör einmal laut wird und ihm mit Drohungen kommt ("wir können auch anders"), reißt Debisch eine Schreibmaschine an sich, schwenkt sie hoch über dem Kopf des Störenfrieds und brüllt: "Den bring ich um!" Der Beamte muss den Raum sofort verlassen, denn dröhnende Stimmen oder fuchtelnde Gebärden kann der Beschuldigte nicht vertragen - er ist in seinem Leben zu viel angeschrien und misshandelt worden.

Auch bei Jöris schweigt Debisch manchmal lange im Verhör. Am Anfang bringt er es nicht fertig, die grausamen Einzelheiten auszuspucken, er wirft stumm den Kopf nach vorn, sodass ihm sein langes Haar ins Gesicht fällt. Dann weiß Jöris, es ist Zeit für eine Pause. "Der Vernehmer braucht vor allem: Geduld", sagt Jöris, "wer eine Aussage erzwingen will, scheitert." Also hat er zugehört und gewartet. Bis der andere Schutt ablädt. Debisch spricht und spricht, die Schreibmaschine macht die Musik dazu. Was da kommt, ist kein Geständnis mehr, es ist ein Befreiungsoratorium. Otto Debischs lange Flucht vor sich selbst geht zu Ende.

Das Vernehmungsprotokoll dokumentiert, dass der Redestrom Debischs seitenlang durch keine einzige Frage unterbrochen wird. Und auch, dass Gestehen eine sehr intime Sache ist, eine schreckliche innere Leistung. Mörder wissen, wie die Gesellschaft über sie denkt. Und wer sechs bestialische Morde schildert, wie Debisch, dem ist klar, dass er sich im Prozess des Gestehens aus der Gemeinschaft der Menschen hinausbewegt, dahin, wo die totale Einsamkeit herrscht. Bloß Hennes Jöris ist noch da. Der geht mit auf Höllenfahrt und kümmert sich, dass Debisch auch jetzt Teil der Menschheit bleibt. Jöris, der keine Angst vor ihm hat, nicht das Ungeheuer sieht, sondern den Gepeinigten, den Gehetzten, den Gottverlassenen. Jöris, der jeden Tag in den Vernehmungspausen mit Debisch spazieren geht auf dem großen, mit schönen Platanen bewachsenen Polizeigelände. Tag für Tag, Woche um Woche, durch Handschellen und Fürsorge an ihn gekettet. Bisweilen ertappt Jöris sich dabei, dass er dem anderen auch etwas offenbart, erzählt von sich und seiner hübschen Frau, die gerade ein Kind erwartet.

So gelingt es dem Kriminalbeamten Hennes Jöris, Hüter von Recht und Ordnung, um sich und den Mörder eine Zeit lang einen magischen Kreis zu ziehen, in dem die Normen der Welt nicht mehr gelten und Recht und Ordnung außer Kraft gesetzt sind. Keine der Abscheulichkeiten, die Otto Debisch begangen hat, wird bewertet, keine verurteilt, keine angewidert kommentiert. Sie stehen für sich - unberührt von Gut und Böse. Ein Vernehmungszimmer ist kein Gerichtssaal, sondern ein Beichtstuhl. Nie wieder wird jemand an Otto so Anteil nehmen wie Hennes. Und nie wieder wird einer so zuhören. "Jeder hat einen Grund für das, was er tut", sagt Jöris nüchtern, "auch der Mörder." Jöris kennt die Physik des Verbrechens: Ursache und Wirkung, Druck, der Gegendruck erzeugt, Zerstörung, die Zerstörer gebiert. Und Otto lässt sich fallen, denn für Hennes sind alle Menschen aus demselben Stoff gemacht: Was Otto auch getan haben mag, nichts wird an dieser Einschätzung etwas ändern.

Mönchengladbach, 12. Februar 1984, 10.49 Uhr. Vernehmung Otto Debisch zum Tode des Arnold P. in Essen.

"Woher kanntest du den Arnold?"

"Aus dem Heim, wir sind immer zusammen weggegangen. Er war aber in einer anderen Gruppe, ich glaube H oder B."

Wie alt war er denn?"

"So 17 oder 18."

"Und was ist passiert?"

"Wir sind auf den Schrottplatz Brombeeren pflücken gegangen", sagt Debisch, "da hab ich ihn vor den Kopf gehauen."

"Womit denn?"

"Mit einem Knüppel, kann auch ne Eisenstange gewesen sein."

"Und dann?"

"Dann hat er sich nicht mehr gerührt, dann hab ich mit ihm dasselbe gemacht wie mit den anderen."

"Was denn?"

"Ich habe ihm zuerst den elften Finger abgeschnitten"

"Und weiter?"

"Dann hab ich ihn abgeschlachtet."

"Wie hast'n das gemacht?"

"Ich hab das Fleisch von den Knochen getrennt."

"Womit?"

"Mit einem Messer."

"Von allen Knochen?"

"Von allen!"

"Haste sonst noch was abgeschnitten?"

"Ja, die Hände und Füße an den Gelenken."

"Und sonst?"

"Ich hab das Fleisch vom ganzen Körper abgetrennt."

"Was hast'n mit dem Fleisch gemacht?"

"In ein Loch geschmissen, das war schon da."

"Haste den Jungen vorher ausgezogen?"

"Ja, dat musst ich ja wohl."

"Was hast'n mit der Kleidung gemacht?"

"Liegen lassen."

"Warum haste denn das Fleisch abgeschnitten? War der da schon tot?"

"Der war schon tot, der hat sich nicht mehr gerührt. Und warum ich das gemacht hab, weiß ich nicht. Ich hab alle Knochen abgeschnitten und einzeln in eine Tonne getan. Ich hab auch den Kopf abgeschnitten, da hab ich auch das Fleisch von abgemacht. Erst hab ich die Füße abgeschnitten, dann das Bein am Knie, dann oben an der Hüfte. Dann den Körper in der Mitte durchtrennt, dann die Arme abgeschnitten und nochmal in der Mitte geteilt, dann hab ich noch die Hände abgeschnitten. Die Hände und Füße habe ich genommen und sie unter der Brücke vergraben. Die Stelle könnte ich dir heute noch zeigen."

"Wie weit ist die Brücke entfernt?"

"Ungefähr 500 Meter."

"Was hast du dann gemacht?"

"Zurück ins Heim gegangen."

"Bist du eigentlich später mal von der Polizei überprüft worden?"

"Nee."

Wie zerlegt man einen Menschen? Otto erklärt es stundenlang. Er hat es ja wieder und wieder getan. Er hat sich quer durch den Nordwesten Deutschlands gemordet, immer dem Weg folgend, auf dem man ihn als Jugendlichen von Heim zu Heim weiterstieß. Immer da, wo Otto gerade war, kam jemand grausig zu Tode. Arnolds Skelett hat er beispielsweise - abzüglich Hände und Füße - an einem anderen Ort anatomisch korrekt wieder zusammengesetzt und wie ein Memento mori liegen lassen, auf dass die Menschheit es finde. Ein Symbol aus archaischen Zeiten mitten in Essen, Nordrhein-Westfalen.

"Ich habe nur Kirschen geklaut und den Willi umgebracht"

Manchmal beschleichen KOK Jöris Zweifel an Debischs Berichten: Jeder Polizist kennt die Schwätzer, die sich auf den Wachen wichtig tun mit ihrem Wissen aus der Zeitung. Auch für den Mord an Arnold sitzt seit Jahren schon ein anderer in einer Anstalt, ein Schizophrener, der sich seinerzeit selbst bezichtigt hatte. "Otto", hält Jöris dem Beschuldigten deshalb vor, "du sollst uns hier nicht aus Gefallen Dinge erzählen, die du nicht gemacht hast. Hast du den Arnold wirklich getötet?"

"Ja."

"Hast du ihn alleine getötet?"

"Ja."

"Otto, du weißt, dass jemand anderes längst gestanden hat, den Arnold umgebracht zu haben. Wie erklärst du dir das?"

"Der ist bekloppt in der Birne."

So kommt es mitten in den Verhören plötzlich zu einer Art Beweislastumkehr: Nicht der Polizist versucht dem Beschuldigten die Tat nachzuweisen, sondern Debisch müht sich, den Kommissar davon zu überzeugen, dass er tatsächlich ein Serienmörder ist. Im Fall des kleinen Engländers kann Debisch das verschwundene Medaillon beschreiben, das der 12-Jährige bei seiner Ermordung um den Hals trug. Und im Fall Arnold glaubt der Kommissar dem Vernommenen die Geschichte erst, als der ihn zur beschriebenen Brücke führt, unter der die Beamten wirklich die Überreste von Händen und Füßen eines jungen Mannes ausgraben.

Die Fotos der besichtigten Tatorte und Rekonstruktionen liegen in den Akten. Große Schwarz-Weiß-Abzüge, auf denen man Jöris und Debisch aneinandergekettet zu Tatorten gehen und von Tatorten kommen sieht. Gemeinsam durchmessen sie jene verbrannte Erde, die damals Debischs Lebensraum war: Schrottplätze, Baustellen, Kinderheime, verhungerte Schonungen, Industriebrachen, graue Wiesen, Unterführungen, Schutthalden, Bahngeleise - die abgerissenen, die gemiedenen Distrikte der Bundesrepublik. Otto Debisch hauste in einem schmutzigen, gefährlichen Niemandsland, nur durch eine hauchdünne Wand getrennt vom satten Frieden der Wohlstandsbürger. Hier in der Vergessenheit war sein Platz. Hier tötete er. Gleich nebenan. Die meisten seiner Opfer sind junge Heiminsassen, wie er selbst, oder Zufallsbegegnungen. Keine der Taten ist von langer Hand geplant. Gegen keinen der Männer, die er erschlägt, entmannt und aufschneidet hegt Debisch besonderen Groll. In den Verhören kann er für seine Blutexzesse nicht einmal einen Grund angeben.

Es müssen Springfluten der Aggression gewesen sein, die über ihm zusammenschlugen und ihn mit sich rissen. Attacken aus dem Nichts, Rauschzustände der Allmachtsfantasie. Einen Menschen komplett auseinanderzunehmen dauert - vorausgesetzt, man hat ein gutes Messer - etwa einen Tag. Debisch hat sich lange und leidenschaftlich mit der totalen Zerstörung von Personen beschäftigt - welches Ausmaß an destruktiver Energie muss er aufgebracht haben! Wie viel Ergötzen und Befriedigung muss sein Vernichtungswerk ihm beschert haben, dass er es wieder und wieder verrichtete!

Nichts von dieser Ekstase dringt in seinen Aussagen durch. Weder Blutrausch noch Begeisterung. Seine Berichte sind detailreich und sachlich genau, seine Skizzen übertreffen an Exaktheit die der Polizei, doch bleibt alles dürr und seltsam ohne Regung. So, als beschriebe Debisch einen Tag auf der Kfz-Zulassungsstelle. Debisch sagt Sätze wie diesen: "In S. habe ich eigentlich gar nichts angestellt. Außer Kirschen geklaut. Und außer den Willi umgebracht." Wenn er in Tränen ausbricht, dann über sich und das eigene Schicksal - nie über das der Getöteten.

Debischs Geständnis erscheint wie eine weit zurückliegende Halluzination, in die er den Kommissar jetzt entführt: Es gellen keine Schreie, niemand kämpft oder bettelt um sein Leben. Hier gibt es keine herausquellenden Därme, keine Qual, keine Angst, keinen Hass, keinen Gestank, keinen Ekel, keine Reue, keine Lust, keinen Schmerz. Wie ein Träumender bewegt sich der Mörder durch die abstrakte Szenerie der eigenen Schilderung. Sobald er seine Opfer mit dem Messer berührt, zerfallen sie scheinbar von selbst in ihre Bestandteile. Wie im Märchen werden Figuren mühelos mittendurch gerissen, Hände und Füße liegen plötzlich da, wie abgefallen. Alles scheint leicht und selbstverständlich, und niemand muss sich wundern.

Zum Kaffeetrinken 25 Jahre später hat Otto Debisch Cremeröllchen mitgebracht und Schokopudding. Er schenkt aus der Thermoskanne nach, Milch und Zucker, selbst das Geschirr hat er in seinem großen roten Rucksack hergeschleppt. Otto ist der Gastgeber, Hennes sein Gast. Der hat als Mitbringsel eine ganze Plastiktüte Schwarzer Krauser und Zigarettenpapier dabei. Bis heute raucht Otto Debisch nur dieses Kraut. Vielleicht sieht er deshalb älter aus, als er ist. Sehnig, zerfurcht, eine Schirmmütze gegen die Sonne und gegen die Blicke, immer gebeugt. Er könnte Bauarbeiter sein oder Trapper, er ist aber Gärtner. Die beiden trinken Kaffee und reden nicht vom Tod, sondern vom Leben: Otto erzählt von Eissalat, Kopfsalat, Johannisbeeren, Radieschen, Gurken und Rhabarber, all dem Gemüse, das unter seinen Händen gedeiht. Seine Finger sind voller winziger Stacheln, das kommt von den Brombeeren und Disteln. Hennes merkt, dass Otto die Stacheln nicht mehr richtig sehen kann. "Du brauchst 'ne Brille", sagt er, "wir müssen uns drum kümmern."

Man muss wohl schrumpfen und sich in Debischs klein gebliebenes, versteinertes Seelenhaus quetschen, durch seine Schießscharten in die Kloake hinausblicken, als die sich die Welt ihm präsentiert. Genau das hat Jöris getan. Und hat verstanden. Hat im anderen die entsetzlich schiefgelaufene Variante seiner selbst erkannt. Den finsteren, wütenden Bruder, der für sein Unglück Rache am Menschengeschlecht nahm, indem er Unbekannte als anonyme Vertreter dieser Menschheit zermalmt hat. Aus dieser Anteilnahme hat Jöris nie mehr ganz herausgefunden.

Die Frage, woher das Böse rührt, hat die zwei Männer damals zusammengeführt, wenn sie sich diesem Thema auch von entgegengesetzten Seiten näherten. Jöris, der Polizist, aus seiner intakten Welt - Debisch, der Mörder, aus seiner defekten:

Hier Jöris, einziger geliebter Sohn hart arbeitender Bürger, der Vater Kraftfahrer, die Mutter bei der Bahn. Dort Debisch, einer von zehn verwahrlosten Söhnen, dessen hasserfüllte und gewalttätige Familie in einem einzigen Zimmer und später in einem Abrisshaus vegetierte.

Hier Jöris, dessen Mama mit dem Rad noch einmal einkaufen fuhr, wenn ihrem Liebling das Mittagessen nicht passte, und die ihm tröstend ein Bier servierte, als er durchs Abitur gefallen war. Dort Debisch, dessen Mutter starb, als er ein kleines Kind war und dessen alkoholisierter Vater die Söhne strafte, indem er ihre Hände auf die heiße Herdplatte legte.

Hier Jöris, der als junger Kriminalbeamter seine häusliche Helga heiratete, die ihm bis heute jeden Tag ein vorgekochtes Mittagessen fürs Büro einpackt. Dort Debisch, ein chaotischer Halbwüchsiger auf Odyssee durch Kinderheime, psychiatrische Anstalten und Waisenhäuser, ein abweisendes und verschlossenes Kind, nirgends angenommen, nirgends gut gelitten.

Hier Jöris, der nach Dienstschluss in sein Bullerbü heimfährt, worin ein weißes Entenpaar, Bert und Berta, mit den Küken über den Teich schwimmt und Helga ihm nach dem Nachtmahl die Pfeife in den Garten trägt. Dort Debisch, der im März 1985 vom Landgericht Mönchengladbach zu einer hohen Haftstrafe verurteilt und obendrein wegen einer vom psychiatrischen Sachverständigen diagnostizierten "schweren seelischen Abartigkeit" auf unabsehbare Zeit in den Maßregelvollzug eingewiesen wurde, wo er heute noch sitzt.

Plötzlich packte Debisch eine wilde Reue: Der Freund war bloß ein Spion

Und jetzt sitzen sie beide da, im sonnendurchfluteten Besucherraum einer modernen forensisch-psychiatrischen Anstalt, und reden. Hennes hat auf Ottos Bitten Erkundigungen über dessen Geschwister eingezogen. Und weil fast alle Debisch-Brüder dissozial, polizeilich auffällig oder irgendwo eingesperrt sind, kann Hennes Ottos Familiengeschichte ziemlich genau rekonstruieren: Wer wo wie lange brummen muss, wer vor Gericht steht, wer festgenommen wurde, wer starb. Debisch selbst erfährt von draußen nur das, was es bis in die Fernsehnachrichten schafft. Kein Mensch besucht ihn - nur Jöris.

An diesem Spätsommertag geht es um den ungeklärten Tod eines älteren Bruders irgendwo in Norddeutschland, der ein paar Aspirintabletten geschluckt hatte und dann leblos im versifften Zimmer eines weiteren Bruders gefunden wurde. Die Suche nach der Todesursache war rasch eingestellt, der Leichnam ohne Obduktion bestattet worden.

Als Gegenleistung für die Recherche schenkt Debisch dem Besucher eine Panflöte, gefertigt aus Goldregenholz, das im Anstaltsgarten wächst. Die Zweige hat Otto mit dem Messer ausgehöhlt und zugeschnitten und mit Zwirn zusammengebunden. Otto gilt mittlerweile als in sich ruhender Patient, sodass er mit spitzen und scharfen Gegenständen hantieren darf. Psychopharmaka bekommt er nicht, er ist nicht krank im klassischen Sinne. Otto ist kaputt, dagegen gibt es keine Medikamente. Als Otto dem Instrument ein paar Töne entlockt, sagt Hennes: "Schön! So was kricht man nicht alle Tage." - "Auf jeden Fall handgemacht", antwortet der andere befriedigt.

Debisch ist der einzige Verurteilte, zu dem Jöris je Kontakt hielt, nachdem alle Arbeit getan war. Mit dem er sich geschrieben, mit dem er telefoniert und den er ab und zu besucht hat. Dabei darf man sich diese Beziehung nicht als herzliche Männerfreundschaft unter Gleichgesinnten vorstellen. Jöris besucht Debisch eher, so wie ein Veteran einen alten Kriegskameraden besucht, mit dem es nicht mehr viel zu reden gibt, an dem man aber hängt, weil man einst gemeinsam vor Stalingrad im Schützengraben lag.

Eine Rolle spielt dabei, dass Debisch nicht zu den kaltherzigen Taktikern gehörte, die aus Geldgier töten und ihr Alibi minutiös planen. Solche aalglatten Mörder hat Jöris später auch verhört - manche haben dabei versucht, ihr Verbrechen unbeteiligten Dritten anzulasten - , und er war jedes Mal froh, wenn die Sache vorbei war. Debisch mochte sechs Morde auf dem Gewissen haben - irgendetwas an ihm hat Jöris trotzdem angerührt, wenn er auch nicht genau sagen kann, was. Wahrscheinlich, dass Otto so aus tiefstem Herzen von allem Übel erlöst werden wollte und dass er dazu einen Freund und Helfer brauchte. Es ist dieser Vertrauenskredit, den Hennes Jöris bis heute abträgt. Seine Treue ist die Revanche für Ottos totale Selbstauslieferung.

Und Debisch? Für ihn war Jöris die beste Beziehung, die er je hatte. Einer, der Wohlwollen in sein Leben getragen hat. Und Mitleid. Und Gerechtigkeit.

Die große Krise zog für Debisch herauf, als alles gesagt war, als die gemeinsame Seifenblase platzte und seine Zweisamkeit mit Jöris ein abruptes Ende nahm. Das war, als Debisch nach Abschluss der Ermittlungen im Mai 1984 ins Untersuchungsgefängnis verlegt wurde. Monatelang war er der Star des Mönchengladbacher Polizeireviers gewesen, der Nabel der Welt. Jeder hatte an seinen Lippen gehangen. An den Montagen war Debisch jedes Mal bockig und verstimmt gewesen, weil ihm übers Wochenende Jöris' Aufmerksamkeit nicht im gewohnten Maße gegolten hatte. Dann musste der gekränkte Beschuldigte durch Sonderrationen an Zigaretten, Cola und Zuwendung wieder aufgemuntert werden. All das hörte schlagartig auf. Kein Jöris mehr. Kein Grillteller. Stille in seiner Zelle und auf dem Flur nur das kalte Rasseln der Gefängnisschlüssel.

Otto ist mit einem Mal wieder einsam. Allein mit dem Blut und der Schuld, die er zusammen mit Hennes heraufbeschworen hat. Ohne Ablenkung, Musik, Gerüche, Licht und Trost. Zurückverbannt in seine mit Schreckensbildern ausgekleidete Innenwelt. Plötzlich muss in Otto der Gedanke aufgestiegen sein, dass Jöris niemals sein Freund war, sondern bloß ein Spion, ein Aushorcher. Und eine wilde Reue muss ihn gepackt haben, eine ohnmächtige Wut. Die Hassbriefe, die Otto im Frühjahr 1984 aus dem Gefängnis an den "Polizeipräsidenten Hennes Jöris" geschrieben hat, füllen einen halben Ordner. Sie schnappen über vor Zorn und Enttäuschung. "Ihr könnt mich alle am Arsch lecken", kreischt es in entfesselter Orthografie, "ich schreibe jetzt an die Zeitung, die werden mir geben, was ich brauche. Der Hennes war immer noch nicht bei mir. Ich habe jetzt die Wahrheit aufgeschrieben, denn das, was ihr habt, ist nicht die Wahrheit. Ich habe euch alle in der Hand. Ich kann immer noch sagen, dass ihr mich gezwungen habt, alles zuzugeben. Damit ihr einen Mörder habt, der in den Knast geht. Doch in der Zelle habe ich mich kaputt gelacht über euch, weil ich euch so verarscht habe. Kaputt gelacht. Ich bin kein Mörder! Ihr seid die Irren! Ich bin kein Mörder! Der wahre Mörder ist noch frei."

Vorbei ist es jetzt mit Otto Debischs Ruhe, von der er in den Vernehmungen durchdrungen war. Mit aller Macht will er Jöris herbeizwingen. Er schimpft, er droht mit dem Anwalt, mit der Presse und mit Suizid. Er bittet und fleht. Im Mai 1984 schreibt er: "Mein Freund! Kannst du dich nicht wieder bei mir einnisten? Dann hast auch du Gitter vor den Fenstern. Ist das nicht ein guter Vorschlag? Du und ich in einer Zelle. Dann kannst du mit mir sprechen über was du möchtest. Ich hab es so satt, alleine zu sein. Für zwei Wochen ist das sicher zu machen. Wenn du nur willst!!" Und Jöris überlegt allen Ernstes, sich auf Debischs Vorschlag einzulassen. Vielleicht habe der ja noch mehr düstere Geheimnisse. Die Vorgesetzten müssen es Hennes Jöris ausdrücklich verbieten, zu Otto Debisch ins Gefängnis zu ziehen.

Als Debisch merkt, dass alles nichts fruchtet, bekommt die Polizei ungewöhnliche Post: eine selbst gezeichnete maßstabsgetreue Geländeskizze eines alten Steinbruchs, in die der Untersuchungshäftling mit Kreuzen und hingestreckt gemalten Männchen die angeblichen Gräber fünf weiterer Mordopfer eingezeichnet hat. Endlich geschieht, worauf Debisch zielt: Jöris kommt zurück und setzt die Vernehmung fort: "Otto, du hast in dieser Zeichnung fünf kleine Personen eingezeichnet, was hat es damit auf sich?"

"Das sind fünf Menschen, die da noch liegen müssten."

"Männer oder Frauen?"

"Alles Männer."

"Sind die vergraben?"

"Ja."

"Wie tief denn?"

"So 50 bis 60 Zentimeter."

"Wer hat sie vergraben?"

"Na wer wohl? Ich."

"Wann?"

"1981 alle."

"Waren die tot?"

"Nee, ich hab ihnen mit dem Knüppel auf den Kopf gehauen."

"Allen an einem Tag?"

"Nee, ich hab sie an fünf Tagen hintereinander umgehauen."

"Sagst du das jetzt nur, um wieder mal rauszukommen?"

"Nein, es stimmt. Bisher hat mich halt keiner danach gefragt."

"Haste die auch zerschnitten?"

"Nee."

"Kann die einer gefunden haben?"

"Nee, wie denn?"

"Also liegen die da noch."

"Ja."

"Und du kannst uns die Stellen zeigen?"

"Klar."

Ein Polizeivermerk vom 3. Juli 1984 erzählt, wie die Geschichte weitergeht: "Heute wurde Debisch in der Justizvollzugsanstalt abgeholt und an Ort und Stelle gebracht. Dort erklärte er plötzlich, er habe uns nur verarschen wollen. Er habe hier niemanden umgebracht und vergraben." Dennoch lässt der damalige Chefermittler das Gelände zwei Tage lang von vier Leichenspürhunden und sieben Polizeibeamten absuchen. Sie finden nichts.

Danach streitet Debisch alles ab. Auch vor Gericht. Da gibt er zwar zu, Jöris die Taten genau so geschildert zu haben wie protokolliert, doch er beharrt darauf, sie nicht begangen zu haben. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters, warum Debisch über die Morde Einzelheiten wisse, die nur der Täter kennen kann, behauptet Debisch plötzlich, in allen sechs Fällen als Zeuge dabei gewesen zu sein. Aber er weigert sich, die Identität des wahren Mörders preiszugeben. "Aus Angst", wie er sagt.

Und Debisch hatte Angst. Vielleicht muss man sich seine Psyche wie das in Segmente aufgeteilte Innere einer Apfelsine vorstellen. Alle seine bösen Wünsche und traumatischen Erinnerungen hatte Debisch in ein einziges vergiftetes Apfelsinenrippchen gepackt und es dem Kommissar Jöris im Verhör übergeben. Das Ich-bin-es-gewesen hatte Jöris ihm abgenommen. Und jetzt war Debisch es los, ein für allemal. Um weiterleben zu können, müssen seelisch instabile Mörder den verhassten Teil der eigenen Persönlichkeit manchmal abspalten und wie einen Fremden fortschicken. Sprechen sie dann über ihre Bluttaten, stehen sie im Wortsinne neben sich und beobachten sich aus der Perspektive eines Dritten, eines Zeugen. Die Wahrheit, dass sie selbst es gewesen sind, die da handeln, könnten sie nicht aushalten.

Debisch hat nie wieder über seine Taten gesprochen. Dem Nervenarzt, der ihn für die Hauptverhandlung untersucht hatte, gab er ausweichende Antworten. Vor Gericht hat er alles abgestritten. In der Anstalt schweigt er seit 25 Jahren. Einen Polizeiprofiler, der ihn befragen wollte, hat er aus der Zelle geworfen. Einem Fernsehsender, der eine große Dokumentation über ihn drehen wollte, hat er geschrieben: "Leckt mich am Arsch!" Fragt man Debisch heute, warum er sich ausschließlich Jöris anvertraut hat, sagt er: "Weil der zuhört."

Wenn Hennes ihn hin und wieder nach dem Fortgang irgendwelcher Therapien fragt, zuckt Otto die Achseln. Manchmal, sagt er, unterhalte er sich mit dem netten Anstaltspsychologen, aber bloß über das aktuelle Wohlbefinden. Zu mehr ist er nicht bereit. Debischs Vergangenheit liegt unter einer Grabplatte. Zu den gerichtlichen Anhörungen, in denen über die Fortdauer seiner Unterbringung entschieden wird, geht er schon lange nicht mehr. Briefe des Gerichts wirft er weg. "Die Versuche einer therapeutischen Arbeit mit Herrn Debisch waren weitgehend erfolglos", schrieb ein externer Gutachter vor drei Jahren über ihn. "Herr Debisch hat es bisher nicht zugelassen, auch nur ansatzweise etwas von seinem inneren Erleben preiszugeben." Bei dieser Haltung sei an eine Entlassung nicht zu denken.

So lebt Otto Debisch nunmehr hinterm Mond. Dort ist es sicher und still. Wie ein Astronaut sieht er die Erde aus sehr großer Entfernung, und die Geräusche der Welt dringen so gedämpft an sein Ohr, dass sie ihn nicht irritieren können. Ein Mann im Schwebezustand, frei von Erwartungen, Hoffnungen, Anforderungen. Ohne Vergangenheit und ohne Zukunft, ohne Erinnerung und ohne Ziel. Dass er letztlich wegen Hennes Jöris hier ist, nimmt Otto ihm nicht übel. Otto sagt: "Alles meine Schuld gewesen. Der Jöris kann da nichts für."

Gleich nach der Verurteilung kamen Ottos Briefe: "Mein lieber Freund, wie geht es dir? Ich denke gern an die alten Zeiten zurück" Inzwischen hat Jöris eine ganze Mappe voll von diesen Schreiben, an deren Anfang und Ende - wie bei einer polizeilichen Vernehmung - immer die genaue Uhrzeit steht. Hennes hat zurückgeschrieben, später auch angerufen und irgendwann den ersten Besuch gemacht. Seine Kollegen auf der Wache erinnern sich, dass Ottos Telefonate ab und zu mitten in Polizeibesprechungen platzten und Jöris sich dann erst mal mit Otto unterhielt. "Wenn ich geknickt bin, dann rufe ich halt den Hennes an, und dann beruhigt er mich wieder für ein paar Jahre", sagt Otto Debisch. Er hat sogar die Telefonnummer des Privatanschlusses der Familie Jöris. "Wenn Debisch eines Tages ausbricht", prophezeien die Kollegen, "steht er bei dir vor der Tür."

Die Besuchszeit ist um, Otto packt die Kaffeetassen ein. Hennes muss gehen. Auch er hat mit Otto seither nie mehr über die Morde geredet und ihn nie nach dem Warum gefragt. Er fürchtet, Otto könne den Verstand verlieren, wenn er ihn noch einmal zwänge, sich umzudrehen und zurückzuschauen ins finstere Tal seines Lebens. Hennes gibt Otto zum Abschied die Hand, dann tritt er durch die Sicherheitsschleuse aus Panzerglas hinaus in die freie Welt. Er wird wiederkommen. Irgendwann. Weil Otto wartet.

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Sabine Rückert


geboren 1961, Studium der Kommunikationswissenschaft, Theologie, Markt- und Werbepsychologie. Ausbildung an der Springer-Journalistenschule. Anschließend Nachrichten-Redakteurin bei der taz, seit 1992 Redakteurin bei der Zeit, zunächst im Dossier. Seit 2001 arbeitet sie als ressortunabhängige Gerichts- und Kriminalreporterin. Für ihre Reportagen und Porträts erhielt sie mehrere Journalistenpreise.
Dokumente
Todfreunde (PDF)

erschienen in:
Die ZEIT,
am 24.09.2009

 

Kommentare

Rafael, 15.12.2014, 11:49 Uhr:

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Mathias Irle, 04.11.2009, 07:55 Uhr:

Mein Favorit: Tolle Gegenschnitte zwischen den Vernehmungsprotokollen und den Taten. Man lernt zwei Menschen kennen und verstehen und nie geht dabei die Würde verloren. Es wurde großartige Bilder gefunden, die das Fühlen und Erleben des Mörders beschreiben.
Nachdem ich den Text in der Zeit gelesen habe, habe ich ihn mehreren Leuten zum Lesen gegeben.

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