Reporter Forum Logo
30.04.17

Prämierte Texte

Eva Corino „Schlaf, Kindchen, schlaf

Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.

Sie sieht alles noch genau vor sich; das eingefrorene Lächeln, mit dem Claudie Hartwieg die Tür geöffnet und Sven* in Empfang genommen hat, die Art, wie sie ihn an den Schultern nahm und sanft, aber bestimmt ins Innere des Hauses bugsierte, die Tür, die sich öffnete und schloss. Wenn sie an dem Haus vorbeifährt, jagt es ihr einen Schauer über den Rücken. Und wenn ein französisches Lied im Autoradio kommt, würgt sie den Motor ab. Es ist vier Jahre her, und es ist immer noch nicht vorbei.

Claudie Hartwieg war eine Tagesmutter. Französin, eine Grande Dame, die im Chor sang und Klavier spielte. Sie hatte ein Haus mit sieben Zimmern und einen weitläufigen Garten. Sie sprach gern davon, dass sie die Kinder nicht wegen des Geldes betreue, sondern aus Idealismus.

Ach, wissen Sie, Frau Trösken. Ich hätte es gar nicht nötig, als Tagesmutter zu arbeiten. Aber es macht mir einfach Spaß, das kreative Potenzial in diesen kleinen Menschen zu wecken und ihnen in dieser schnelllebigen Zeit ein bisschen quality time zu geben.

Es war genau das, was eine junge Mutter wie Nga Trösken hören wollte. Mit 18 hatte sie ihr erstes Kind bekommen, nebenbei das Abitur gemacht, dann angefangen, Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Sie lernte gerade für das Vordiplom, als ihr Sohn seine erste Tagesmutter verlor. Das Jugendamt hatte ihr die Pflege-Erlaubnis entzogen, weil sie während der Arbeitszeit trank. Für den damals 18 Monate alten Sven einen Krippenplatz zu finden, war in München vollkommen aussichtslos. Das Jugendamt empfahl ihr Claudie Hartwieg. Die Toptagesmutter. Zehn Jahre Erfahrung und zufriedene Eltern aus den besten Kreisen, promovierte Juristinnen, Professoren und Chefärzte.

Am Telefon war Hartwieg kurz angebunden, sie müsse sich jetzt um ihre kleine Spielbande kümmern - aber am Abend zog Nga Trösken einen imposanten Lebenslauf aus dem Faxgerät.

Demnach besaß Madame Hartwieg humanistische Bildung, war Mathematiklehrerin und hatte in Lothringen ein Knabenkonvikt geleitet, bevor sie in den Achtzigerjahren der Liebe wegen nach München kam. Sie heiratete Jürgen Hartwieg und bekam drei Kinder, die sie auf französische Internate schickte.

Warum wird so jemand Tagesmutter?, dachte Nga Trösken.

Im Fax lag auch ein Speiseplan. Bei Claudie Hartwieg gab es jeden Tag ein Drei-Gänge-Menü. Zum Beispiel: Brokkolicremesuppe. Tarte au boeuf (Rinderbraten, Tomaten und Petersilie auf Mürbteig, mit Emmentaler überbacken). Orangencreme.

Ein idyllischer Tagesablauf ergänzte das Paket: Bis 8 Uhr 30 freies Spielen mit klassischer Musik im Hintergrund. Es werden ohne Muss Kinderbücher (deutsch-französisch) angeschaut, gebaut, von mir gesungen. Bis 9 Uhr zweites Frühstück. In der Adventszeit frühstücken wir nur mit Kerzenbeleuchtung und hören dabei Weihnachtsmusik an (Bach Oratorium) Von ca. 9 Uhr 20 gehen wir für eine Stunde raus (Spaziergang oder im Garten). Draußen wird auf die Natur, Blumen, Farben geachtet, Ballspiele, Gymnastik gemacht. Beim Spazieren gehen wird die Hand gegeben, an dem Zwillingsbuggy festgehalten.

Nachdem wir uns die Hände gewaschen haben und jedes Kind seine Schuhe schön aufgeräumt hat, lese ich etwas vor. Anschließend stimme ich ein Lied mit der Flöte an und lasse die Kinder das Lied erraten. Um ca. 11 Uhr lege ich die Kinder hin. Jedes Kind begleitet das andere in sein Schlafzimmer, wünscht ihm einen guten Schlaf, streichelt es am Kopf. Das neue Kind wird zuletzt ins Bett gebracht, denn es schreit vielleicht gerne! Chut, leise, die Claudie ist da. Ich habe dich ganz lieb. Du bist nicht allein. Dann bleibe ich an der Tür, bis es einschläft. Nach dem Aufwachen wartet das Essen ...

An einem Montag im Oktober wurde Nga Trösken zum Besichtigungstermin eingeladen. Das Haus in der Breitbrunner Straße war lichtdurchflutet, gediegen eingerichtet und penibel aufgeräumt. Keine Legokiste war ausgekippt, keine Murmel lag auf dem Boden. Nga Trösken nahm auf dem Sofa Platz, Sven saß auf ihrem Schoß, und Madame Hartwieg ließ ihren Charme spielen: Sie machte ihrer Kundin, die aus Vietnam kommt, Komplimente für ihr gutes Deutsch, hatte selbst gut deutsch gelernt, sprach aber mit einem starken französischen Akzent.

Claudie Hartwieg war keine Frau der praktischen Fleecejacken. Sie trug Make-up und hohe Absätze, ein Chanelkostüm mit taillierter Jacke und engem Rock. Wird das nicht sofort bekleckert? dachte Trösken.

Wie sie es eigentlich schaffe, neben der anstrengenden Tagesbetreuung all diese raffinierten Gerichte zu zaubern?, fragte Trösken. Claudie Hartwieg lächelte geschmeichelt: Ich stehe schon um fünf Uhr auf, um alles vorzubereiten.

Sie sei 46 Jahre alt, erzählte sie und seit 1996 Witwe. Ihr Mann sei nach langer Krebskrankheit gestorben, sie habe ihn bis zum Tod gepflegt. Nga Trösken, die Frau Hartwieg bisher für eine eher kühle Person gehalten hatte, sah, wie sie mit den Tränen kämpfte und war nun fast restlos überzeugt, dass ihr Sohn hier gut aufgehoben sein würde.

Drei andere Kinder waren an diesem Vormittag anwesend. Sie waren erstaunlich brav. Ein Baby schlief im Kinderwagen, ein 18 Monate altes Mädchen nuckelte an seiner Trinkflasche, ein Dreijähriger saß mit seinem Stoffhasen reglos in der Ecke und schaute vor sich hin.

Mein Sohn ist auch friedlich veranlagt, aber eine Stunde sitzt der Ihnen nicht herum, sagte Nga Trösken. Madame Hartwieg winkte ab: Ich mache viel Musiktherapie. Das läuft sehr gut.

Am 8. Oktober 2004 begann Svens Eingewöhnungszeit. Seine Mutter begleitete ihn an fünf Tagen für eine knappe Stunde. Dann wagte sie den Aufbruch, fuhr mit klopfendem Herzen nach Hause. Kaum war sie zu Hause an ihrem Schreibtisch, begrüßte ihre Tagesmutti Claudie sie mit einem fürsorglichen Anruf: Alles in Ordnung! Sven hat nur kurz geweint, ist sehr vertieft in sein Spiel. Falls etwas sein sollte, melde ich mich noch einmal.

Danach beschloss Nga Trösken, Sven sogar ganztags zu Frau Hartwieg zu schicken. Die Klausuren rückten näher. Die Studentin fuhr jeden Morgen in die Bibliothek, mit gutem Gewissen, sie wusste ihren Sohn ja in besten Händen.

Ein paar merkwürdige Regeln gab es. Als sie morgens ihren Sohn einmal fünf Minuten zu spät abgab, drohte Frau Hartwieg damit, Svens Platz anderweitig zu vergeben. Nga Trösken versprach, das werde nicht wieder vorkommen. Ein anderes Mal klammerte ihr Sohn; sie wäre gerne noch ins Haus gegangen, um ihm ein Bilderbuch vorzulesen. Aber Frau Hartwieg bestand darauf, dass sie Sven an der Tür verabschiedete. So wie immer. Glauben Sie mir, das Kind löst sich leichter von Ihnen!, erklärte Frau Hartwieg. Und Sie bringen keine Unruhe in meine Gruppe!

In den ersten Adventstagen begann Sven sich zu verändern. Wenn die Mutter ihn abholte, war er etwas wackelig auf den Beinen, schlief im Auto sofort wieder ein. Wenn Nga Trösken ihn zum Abendessen wachrüttelte, verschlang er nach drei Krapfen noch zwei Bananen, leerte die Milchflasche in einem Zug. Wahrscheinlich ist das Programm so anstrengend, sagte der Vater.

Mitte Dezember verschlimmerte sich der Zustand: Sven konnte abends nicht mehr einschlafen. Immer, wenn die Eltern das Licht in seinem Zimmer ausknipsen wollten, fing er an zu schreien. Dann weinte er bis vier Uhr morgens, und niemand konnte ihn beruhigen.

Der Kleine zahnt!, sagte der Schwiegervater. Das ist nur eine Phase!, erklärte die Nachbarin. Nga Trösken schrieb die ersten Klausuren und nahm sich vor, ihren Sohn in den Weihnachtsferien mit Aufmerksamkeit zu überschütten.

Aber an den Feiertagen wurde sein Geschrei noch hysterischer. Und an Silvester hörte der Junge plötzlich auf zu sprechen. Er starrte die Eltern nur mit großen Augen an, sagte weder Mama noch Papa.

Die Eltern waren sicher, dass in Sven etwas aus den Fugen geraten war. Im Januar schickten sie ihn für zwei Wochen zu Verwandten nach Berlin. Dort wurde es besser. Er schlief wieder normal. Aber kaum war er zurück in München, zurück im Alltag, ging es ihm wieder schlechter.

Am 17. Februar 2005 holte Nga Trösken ihren Sohn wie jeden Mittwoch schon um 15 Uhr und nicht um 16 Uhr ab. Claudie Hartwieg wusste das, aber sie muss es vergessen haben und wurde ganz nervös, als Nga Trösken vor der Tür stand. Warten Sie einen Augenblick, ich muss Sven noch wickeln, sagte die Tagesmutter.

Ich erledige das.

Nein, ich kann ihnen doch kein schmutziges Kind übergeben!

Na meinetwegen, wickeln Sie ihn!, sagte die Mutter.

Zwanzig Minuten ließ Madame Nga Trösken im Nieselregen auf der Treppe stehen. Als Hartwieg ihr Sven schließlich in den Arm drückte, war eine Schlaffalte in seinem Gesicht.

Hat er bis eben geschlafen?

Nein. Er hat gespielt.

Da wusste Nga Trösken, dass Frau Hartwieg lügt. Warum? dachte sie. Schlaf ist doch nichts Anstößiges, oder?

Im Auto war Sven nicht ansprechbar. Wahrscheinlich bekommt er Drogen, sagte der Vater halb im Scherz.

Nga Trösken wandte sich an zwei entfernte Bekannte, die ihre Töchter früher auch zu Frau Hartwieg gebracht hatten. Beide berichteten, dass die Mädchen am Nachmittag viel schliefen, sehr hungrig und durstig wirkten - und dass sie sich nach dem Abholen in der Breitbrunner Straße manchmal erbrechen mussten.

Ist euch eigentlich aufgefallen, dass der Minivan von Frau Hartwieg morgens an einer etwas anderen Stelle steht als nachmittags?

Lässt sie die Kinder im Haus allein?

Einmal telefonierte ich mit Frau Hartwieg um 11 Uhr vormittags. Sie sagte, sie sei gerade bei der Bank gewesen, und könne keine Überweisung von mir feststellen. Nach einer Pause fügte sie hinzu, dass sie für den Bankgang natürlich eine Vertretung habe.

Entgegen allen Beteuerungen hat sie mit meinem Kind sicher nie einen Spaziergang gemacht.

Lenas Schuhe waren beim Abholen immer noch genauso geknotet wie beim Hinbringen.

Und kein Klümpchen Erde klebte an den Sohlen.

Lena konnte mir nie die Namen ihrer Spielkameraden sagen.

Marie meinte: Die ganzen Babys bei Frau Hartwieg, die schlafen immer. Da habe ich gestutzt: Wieso die ganzen?

Ich wollte das Zimmer im ersten Stock besichtigen, wo Lena ihren Mittagsschlaf machte. Frau Hartwieg sagte, sie müsse den Tag zielstrebig beginnen.

Ein Nachbar sagte, er hätte ein Schluchzen im Keller gehört.

Manchmal hatte Lena so kleine Salzkrusten an den Augen. Als hätte sie stundenlang auf dem Rücken gelegen und geweint.

Am 18. Februar rief Nga Trösken bei Frau Hartwieg an, und sagte, dass Sven heute nicht käme. Anschließend fuhr sie mit ihrem Sohn zur Haunerschen Kinderklinik und erzählte von ihrem Verdacht. Die diensthabende Schwester wollte sie abwimmeln. Die Mutter blieb hartnäckig. Was soll ich denn in den Aufnahmebericht schreiben?, fragte die Schwester: Vergiftung durch Tagesmutter?

Bald kamen mehrere Ärzte ins Behandlungszimmer, die den Jungen eingehend untersuchten. Sie fanden nichts. Auch die Blutwerte waren normal. Nga Trösken forderte eine Haaranalyse, da man Drogen im Blut nur 24 Stunden lang nachweisen kann. Bei einem kleinen Kind?, fragte der Oberarzt erstaunt. Acht Haarbüschel schnitt er von Svens Kopf und schickte sie an das Labor der Rechtsmedizin.

Als Nga aus der Klinik kam, stand ein selbstgebackener Kuchen auf ihrem Küchentisch. Neben dem Teller lag eine Karte: Heute wollte ich mit Sven einen Kuchen backen. Das hatte ich ihm versprochen. Weil er nicht kommen konnte, habe ich heute für Sven einen Kuchen gebacken. Ich hoffe, er schmeckt ihm. Bon Appetit! wünscht eure Tagesmutti Claudie.

Ngas Trösken starrte den Kuchen an. Als Sven ihn probieren wollte, warf sie ihn samt Karte und Glasteller in den Mülleimer.

Sie rief das Jugendamt an, mehrere Male, aber sie erreichte immer nur den Anrufbeantworter. Drei Tage später kam der Rückruf, mit der Bitte, die verdächtigen Beobachtungen schriftlich zusammenzufassen.

Hier sind Kinder in Gefahr! Die Eltern müssen sofort alarmiert werden!, sagte Nga Trösken.

Ohne Beweise geht das nicht. Wir müssen den Dienstweg einhalten, antwortete die Mitarbeiterin vom Jugendamt.

Am Dienstag, den 22. Februar 2005, warf Nga Trösken die fristlose Kündigung von Svens Vertrag in Hartwiegs Briefkasten. Am gleichen Tag bat das Jugendamt die Tagesmutter um einen Gesprächstermin. Claudie Hartwieg war in heller Aufregung. Drei Tage lang rief sie im Hause Trösken an. Was habe ich denn falsch gemacht?, fragte sie.

Eltern erzählte sie, dass eine Mutter, Frau Trösken, Probleme mit ihrem Sohn habe und nun alles auf sie schieben wolle. Viele Eltern versprachen, Frau Hartwieg zu unterstützen.

Am Freitag, den 25. Februar, wurde Hartwieg im Jugendamt mit den Vorwürfen konfrontiert: Sie stritt alles ab. Anschließend rief sie bei Nga Trösken an: Ich kann Sie jetzt sehr gut verstehen, sagte Hartwieg. Ihre Stimme klang sehr nett, fast entspannt. Ich wünsche Ihnen alles Gute!, sagte Frau Hartwieg noch. Dann legte sie auf.

Am Dienstag, den 29. Februar bekam Nga Trösken einen Anruf vom Jugendamt. Ihr wurde mitgeteilt, dass Claudie Hartwieg sich Samstagnacht mit einer Überdosis Beruhigungstabletten das Leben genommen habe. Auf dem Küchentisch habe die fristlose Kündigung von Svens Vertrag gelegen.

Zu dieser Zeit war das Haus in der Breitbrunner Straße bereits versiegelt. An der Tür hing ein Zettel: Wenden Sie sich ans Jugendamt!

Ein paar Tage später erschien in der Süddeutschen Zeitung eine Todesanzeige: "Deine Stimme, die uns vertraut war, schweigt/Der Mensch, der für uns da war, ist nicht mehr./Du fehlst uns/Was bleibt, sind Erinnerungen, die uns niemand nehmen kann."

"Was ein Mensch an Gutem/in die Welt hinausgibt,/ geht nicht verloren." (Albert Schweitzer) Claudie Hartwieg - Du bleibst für immer in unseren Herzen!" Darunter die Namen von 17 Tageskindern.

Am Mittwoch, den 2. März wurde Claudie Hartwieg beerdigt. Auf dem Waldfriedhof am Lorettoplatz hatte sich eine Schar dankbarer Eltern versammelt. Der katholische Priester, der Hartwieg aus seiner Gemeindearbeit kannte, stand am Sarg.

Claudie Hartwieg wollte mehr sein, als sie war, sagte er. Zum Abitur hat es nicht gereicht. Als Siebzehnjährige kam sie als mittelloses Mädchen nach München und suchte Anschluss in unserer Gemeinde. Sie verschwand so rätselhaft wie sie gekommen war. Zwanzig Jahre später tauchte sie wieder auf mit ihrer Familie, die in einer Hochhaussiedlung am Stadtrand lebte. Ihr Mann war ein kleiner Versicherungsangestellter. Er litt an Depressionen, im Jahr 1996 warf er sich vor den Zug. Das war ein Schicksalsschlag für Claudie Hartwieg. Aber danach ging es bergauf, sie brachte es zu bürgerlichem Wohlstand. Mir ist bis heute schleierhaft, sagte der Pfarrer, wo sie das viele Geld hergenommen hat.

Die Trauergäste sahen sich fragend an. So eine Rede hatten sie nicht erwartet. Hartwiegs Kinder verließen vorzeitig das Gelände.

Am 9. März 2005 schickte die Haunersche Kinderklinik das Ergebnis der Haaranalyse: Sven hatte Medikamente bekommen - Amitryptylin und Diphenhydramin - und zwar hochdosiert über einen längeren Zeitraum. Diphenhydramin ist ein Schlafmittel, Amitryptilin ein beruhigendes Antidepressivum. Zu den Nebenwirkungen zählen Mundtrockenheit, Erbrechen, Zittern, wackeliges Gehen, Harnstau, Krampfanfälle und Herzrhythmusstörungen bis hin zum Herzstillstand.

Obwohl die Medikamente keine Sucht erzeugen, können entzugsähnliche Symptome auftreten: Aggression, Angstträume und Panikattacken. Jetzt wusste Nga Trösken, warum Sven in den Weihnachtsferien so hysterisch geschrien hatte. Er war auf Entzug.

Mit diesem Beweis ging Trösken zur Polizei, um Claudie Hartwieg anzuzeigen. Als die Polizistin erfuhr, dass die Frau, die angezeigt werden sollte, sich umgebracht hatte, verlor sie schlagartig das Interesse: Tut mir leid! Gegen eine Tote ermitteln wir nicht!

Drei Stunden später bekam Nga Trösken einen Anruf von einem Kommissar namens Wagner. Die Ermittlung begann.

Bei der Hausdurchsuchung fand man im Keller eine große Anzahl von Kinderbetten. Man fand die laufenden Verträge (30 Tageskinder pro Woche, bis zu 20 Kinder am Tag!) und ein Rezept für das Antidepressivum Amitryptilin - ausgestellt auf die Patientin Claudie Hartwieg - sowie 6 000 Tabletten, das Zehnfache der normalen Jahresdosis.

Das kriminelle System der Claudie Hartwieg nahm allmählich Gestalt an. Jede normale Tagesmutter weiß, wie ungeheuer anstrengend die Betreuung von Kleinkindern ist. Und es kann sein, dass Hartwieg diesen Anstrengungen irgendwann nicht mehr gewachsen war. Erst hat sie den Kindern eine Tablette verabreicht, dann zwei, dann viele - langsam wurde aus der Not ein Geschäftsmodell.

Anhand der Verträge konnte die Polizei errechnen, dass sie über rund 10 000 Euro im Monat verfügte. Aber sie hatte auch gewaltige Ausgaben: Für die Miete, die Renovierung des Hauses, das neue Auto, die vornehmen Internate ihrer Kinder. Drei Mal im Jahr fuhr sie in Urlaub, machte Tauchkurse in Ägypten und Safaris in Afrika.

Eine Hauslehrerin der Familie sagte den Ermittlern, dass Hartwieg ihre eigenen Kinder unter extremen Leistungsdruck gesetzt hat. Sie mussten gute Noten haben, Geige spielen und Lateinunterricht nehmen. Ganz offensichtlich wollte Hartwieg zu der großbürgerlichen Schicht gehören, die sie als Tagesmutter bediente. Sie hat Nga Trösken immer wieder aufgezählt, wer alles zu ihren Kunden gehörte: die Tochter von diesem berühmten Narkosearzt, der Sohn von jenem anerkannten Rechtsanwalt. Nga Trösken hat das anfangs sehr beeindruckt. Sie war als Flüchtlingskind aufgewachsen, ihre alleinerziehende Mutter stand bei Siemens am Fließband.

Am 11. März 2005 standen die ersten Reporter vor Tröskens Tür. Alarmiert von ihren Zeitungsartikeln, meldeten sich etwa 70 Eltern bei der Polizei. Etwa 50 kamen zu dem Informationsabend, den Nga Trösken organisierte.

Ach, Sie sind die arme Mutter, deren Kind ruhig gestellt wurde!, sagte ein Vater zur Begrüßung.

Er hoffte, ihr Sohn sei eine traurige Ausnahme. Aber bald zeigte sich, dass Claudie Hartwieg ihre Tageskinder systematisch ruhig gestellt hatte. Und zwar seit dem Jahr 2000, als sie in die Villa umgezogen war. Von 50 weiteren Haarproben waren 50 positiv. Auch Locken, die aus verstaubten Tagebüchern gelöst wurden, wiesen Rückstände von Amitriptilin auf.

Selbst skeptische Eltern mussten lernen, die Leiden ihrer Kinder als Nebenwirkungen zu lesen: Erbrechen, Zittern, wackeliges Gehen. Für viele war das ein Schock. Männer machten ihren Frauen Vorwürfe. Frauen ihren Männern. Ehen gerieten ins Schleudern. Mehrere Mütter ließen sich monatelang krank schreiben, wollten nie mehr arbeiten gehen und ihre Kinder anderen Menschen überlassen.

Nga Trösken wurde zur zentralen Figur in der wachsenden Gemeinde von Hartwieg-Opfern. Dutzendweise riefen Mütter an, erzählten ihre Leidensgeschichten. Nga hörte genau zu und schnell verstand sie, warum das kriminelle System von Claudie Hartwieg so lange funktionieren konnte.

Die Tagesmutter hatte den Austausch zwischen Eltern geschickt unterbunden. Sie mussten hintereinander, in Zeitfenstern von 15 Minuten, antreten, um ihren Nachwuchs zu bringen und abzuholen. Sie wurden an der Haustür abgefertigt und trafen sich nur, wenn sie zu spät kamen. Babys wurden im Autositz geliefert und gleich angeschnallt in den Keller getragen. Die Tabletten wurden zerstoßen und wahrscheinlich in den Apfelsaft gemischt, den es zum Frühstück gab. Fast alle Eltern hatten seltsame Dinge beobachtet, aber nicht die nötigen Schlussfolgerungen gezogen. Fast alle waren beruflich so unter Druck, dass sie Hartwiegs virtuosen Ausreden glauben wollten. Beim Abholen schwärmte sie in höchsten Tönen von den Fortschritten der Kinder, band die Mütter in intensive Gespräche ein. Die Kinder misstrauischer Eltern kamen in den Genuss von kostenlosen Wochenendausflügen in Museen und Freizeitparks. Sie durften Erdbeermarmelade kochen und die Einmachgläser mit nach Hause nehmen. Oh, bonne maman!

Die Tagesmutter hatte auch ein ganz bestimmtes Beuteschema entwickelt. Hartwieg suchte nach unerfahrenen Müttern mit dem ersten Kind - die sie leicht täuschen und für die sie die Rolle der erfahrenen Ratgeberin spielen konnte. Ehrgeizige Akademikerinnen, die nach Schwangerschaft und Geburt schnell wieder in den Beruf zurückkehren wollten. Außerdem hatte sie sich auf sehr kleine Kinder spezialisiert, die noch nicht richtig sprechen und nicht erklären konnten, dass Frau Hartwieg sie anbrüllte. Dass sie keine Drei-Gänge-Menüs bekamen, sondern nur eine Stange Weißbrot, die sie im Stehen essen mussten. Dass sie nicht in den Garten gehen durften, nicht toben, nicht rennen, nicht spielen.

Im Juli 2005 wurde eine Elterntherapiegruppe eingerichtet - von Dr. Karl-Heinz Brisch, Psychotherapeut an der Haunerschen Kinderklinik in München. Durch seine Arbeit wurden die Mütter soweit stabilisiert, dass sie die Traumatherapie ihrer Kinder begleiten konnten. Viele hatten Entwicklungsstörungen, waren in ihren sprachlichen und motorischen Fähigkeiten weit hinter ihren Altersgenossen zurück. Manche konnten mit zwei Jahren noch nicht laufen, wie auch, wenn sie den ganzen Tag im Gitterbett lagen.

Zehn Mütter, die sich in der Therapie begegnet sind, treffen sich heute noch regelmäßig. Sie spekulieren über die Motive von Claudie Hartwieg. Sie vergleichen die Entwicklung ihrer Kinder. Die einen konnten die verlorene Zeit aufholen. Die anderen kämpfen bis zum heutigen Tag mit Lernstörungen und Verhaltensauffälligkeiten. Ein Junge beißt sich stundenlang auf die Fingerkuppen. Ein Mädchen schlägt jeden Abend mit dem Kopf gegen die Wand.

Am 16. Oktober 2006 wurde Nga Trösken die Verdienstmedaille des Freistaates Bayern für besondere Zivilcourage verliehen. Die Laudatio hielt Günther Beckstein. Er lobte, wie unerschrocken sich Nga Trösken im Fall Hartwieg durch die Instanzen kämpfte. Die Preisträgerin nutzte ihre Dankesrede, um die Fahrlässigkeit des Jugendamtes anzuprangern. Derzeit gründet sie einen Verein, der sich für höhere Qualitätsstandards bei Tagesmüttern einsetzt. Und für strengere Kontrollen.

------------------------------

* Die Namen der Kinder wurden geändert. Der Artikel beruht auf Gesprächen mit fünf der betroffenen Familien.


Zurück

Eva Corino


Eva Corino, geboren 1972, studierte Philosophie und Germanistik in Tübingen und Paris. Theaterkritikerin und Kolumnistin bei der Berliner Zeitung (1997 bis 2002). Bücher im Berlin Verlag: „Keine Zeit für Tragödien“, „Das Taschenbuch – Eine Autorin geht durch die Stadt und fragt: Was haben Sie in Ihrer Tasche?“. Globalisierte Mutter von 3 Söhnen mit Stationen in Washington DC, Duschanbe, derzeit Brüssel. Seit 2008 freie Journalistin.
Dokumente
Schlaf, Kindchen, schlaf (PDF)

erschienen in:
Berliner Zeitung,
am 24.01.2009

 

Kommentare

Denisha, 25.04.2016, 02:22 Uhr:

That's really thinking at an imersspive level

Simonetta, 10.05.2014, 18:17 Uhr:

Ein sehr packend geschriebener Bericht.Schockierend, daß es ein Tatsachen-Bericht ist...Danke, Eva!

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*


CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*
Kontakt: Reporter Forum e.V. | Sierichstr. 171 | 22299 Hamburg