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28.03.17

Prämierte Texte

Pia Eckstein / Regina Munder / Frank Nipkau / Anne-Kathrin Schneider „Die Bewährungsprobe

Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.

Ein wiederkehrender Traum: Die Mutter steht auf dem Friedhof, "auf unserem Friedhof". Jemand sagt einen achtlosen Trostspruch zu ihr: Das wird schon wieder, das Leben geht weiter, es ist ja noch kaum Zeit vergangen, seit es geschehen ist. Ihre Antwort darauf ist jedes Mal dieselbe: "Wir haben lebenslänglich", schreit sie, "wir haben lebenslänglich", bis sie von ihren eigenen Schreien erwacht.

Der 11. März überschattet die Tage der Opfer-Eltern, und er durchwirkt ihre Nächte: "Albträume ohne Ende", wirres, verstörendes Schlafgeflacker, das sich manchmal momentweise zu einem klaren, schlichten Bild verdichtet. Zum Beispiel: Ein Mann in schwarzen Kleidern kommt und stiehlt die anderen, die noch lebenden Kinder.

"Uns allen geht es schlechter" jetzt, sagt Gudrun Hahn, Mutter der erschossenen Jacqueline. In den ersten Wochen nach dem 11. März wirkte der Schock wie eine örtliche Betäubung, die einen bei vollem Bewusstsein den Schmerz doch ertragen ließ. Nun "spürt man den Schmerz innen", sagt Barbara Nalepa, die ihre Tochter Nicole verloren hat. "Wie ein Stein hängt er einem am Herzen, am Magen."

Es gibt Tage, "die sind supergut", erzählt Birgit Schweitzer, die Mutter von Selina. "Aber wenn es kommt, dann kommt es knüppeldick." Die Unabweisbarkeit des Verlustes zieht einen hinab in die Depression. Der Tag steht vor einem wie ein Berg.

Es ist alles durcheinandergeraten. "Die Reihenfolge ist einfach nicht eingehalten. Normal stirbt der Opa, dann kommen die Eltern." Sicher, es kann Krankheiten geben, Unfälle, man weiß das. Aber wenn "du plötzlich einen Grabstein aussuchen und dein Kind beerdigen sollst", weil es in seinem vertrauten Klassenzimmer von einem 17-Jährigen grundlos hingerichtet worden ist, mit einem präzisen Kopfschuss von hinten wie sollte sich das einordnen lassen in irgendeinen Horizont des Begreifens?

Geduld

Ein Tag wirkt nach

Wie der 11. März verblasst: Die Übertragungswagen stehen jetzt woanders. Winnenden, Winnenden, man kanns nicht mehr hören, es gibt doch auch anderes solche Stimmen gibt es jetzt öfters. Aber in Wahrheit ist nichts vorbei.

Die Albertville-Realschule ist seit Mitte Mai in einem Provisorium neben der Trudl-Krämer-Rollsporthalle untergebracht: 156 Container, 2600 Quadratmeter Fläche, ein Erdgeschoss, ein erster Stock, 20 Klassenzimmer. 14 neue Lehrer hat das Land genehmigt und eine zusätzliche stellvertretende Schulleiterin.

Man hört jetzt hier und dort aus anderen Schulen: Von so einer Personalausstattung können wir nur träumen. Dass eine Videoanlage Eingänge und Umfeld der Container bewacht, ein Wachdienst tagsüber patrouilliert, die Polizei regelmäßig in Uniform Präsenz zeigt, weil die Schüler, deren Weltvertrauen so nachhaltig erschüttert ist, es gewünscht haben; dass im Schulalltag manchmal die Erinnerungen aufbrechen, unvermittelt, mitten im Unterricht; dass die Pädagogen inmitten des Ausnahmezustands arbeiten davon ist selten die Rede.

Das Unvorhersehbare, erklärt die Schulpsychologin Anne Niedermeier, sei nach einem so schlimmen Erlebnis normal. Sogenannte Trigger können traumatisierte Menschen plötzlich und ohne Vorahnung aus der Bahn werfen: ein lautes Geräusch, ein Hupen, ein Martinshorn. Es gibt Betroffene, die nicht reden wollen; andere können nicht damit aufhören. Es gibt Jugendliche, die auf einen öffentlichen Prozess hoffen, um sich nochmals mit dem Geschehen auseinandersetzen zu können; andere fürchten, dass dadurch ihre Wunden wieder aufgerissen werden. Was dem einen hilft, bedeutet für den anderen eine Überforderung.

Flexibel und individuell auf die ganz unterschiedlichen Nöte und Bedürfnisse eingehen zu können: Das nennt Niedermeier als wichtigste Aufgabe der Psychologen.

Der Traumapsychologe Thomas Weber wünscht sich für die kommenden Monate vor allem eines: "Wir brauchen Geduld"; Geduld der Betroffenen mit sich selbst und ihren Symptomen die Seele brauche lange, um derart Schreckliches zu verarbeiten, Jammern, Albträume, Verdrängen, all das sei angesichts des Grauens, das manche erleben mussten, "normal".

Geduld bräuchten auch die Menschen, die den schwer Traumatisierten nahestehen: da sein, auch wenn sich jemand abkapselt, es zulassen, wenn jemand unerwartete Verhaltensweisen an den Tag legt, zuhören, wenn sich jemand immer wieder dasselbe von der Seele reden muss.

Und Geduld wünscht sich Weber von all jenen, die nicht betroffen sind: "Das Schlimmste, das jemand zu einem notleidenden Menschen sagen könnte, wäre: Jetzt lass es doch endlich mal gut sein."

Wunden

Helfer und Seelsorger

In der katholischen Kirche St. Karl Borromäus ist seit Mitte April eine "Klagemauer" aufgebaut, Trauernde haben hier Briefe, Kerzen, Blumen, Selbstgebasteltes niedergelegt. "Es kommen immer wieder Leute zur Klagemauer, aber auch wie früher zur Madonna", erzählt Pfarrer Gerald Warmuth. "Es gibt Jugendliche, die kommen jeden Tag." Der Bischof hat einen Friedenspädagogen entsandt: Dieser Tage nimmt ein Sozialpädagoge seine Arbeit auf und will für alle Menschen mit seinem Angebot da sein; für mindestens zwei Jahre.

Sicher, sagt der evangelische Pfarrer Reimar Krauß, der Alltag ist längst zurückgekehrt aber er bleibt geprägt von dem, was geschehen ist. "Wir begegnen den Folgen und werden, wie jetzt zum Schulanfang oder beim Vorbeilaufen an der Schule, immer wieder daran erinnert."

"Das Geschehen holt uns in der täglichen Arbeit immer wieder ein", sagt Monika Hermann, Geschäftsführerin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Kreisverband Rems-Murr. So schnell werden die Bilder nicht verblassen. Sie erzählt aber auch von positiven Erfahrungen, etwa dem Besuch eines Mädchens in der DRK-Wache, das seinen Rettern danken wollte. "Anfangs hatte ich Bedenken, denn ich wusste nicht, was die Begegnung bei meinen Kollegen und auch dem Mädchen auslösen würde." Doch das Gespräch im Beisein einer Psychologin lief sehr gut: Für die Rettungssanitäter war es eine Bestätigung, dass sie in all dem Grauen, dessen Zeuge sie waren, auch etwas Gutes erreichen konnten. Und Monika Hermann bleibt das starke Gefühl: "Ich bewundere diese junge Frau, und ich bin mir sicher, dass sie ihren Weg machen wird."

Nicht aus dem Kopf geht Hermann, dass sehr junge Ersthelfer im Einsatz waren. Sie hätten vermutlich tiefe seelische Wunden davongetragen. Viele Kollegen benötigten nun selbst psychologische Hilfe. "Wir etablieren ein internes Hilfssystem. Auf jeder Rettungswacht soll es einen speziell geschulten Kollegen als Ansprechpartner geben."Fortsetzung auf der nächsten Seite.


Totalverlust

Opfer-Eltern erzählen


Barbara Nalepa steht in der Küche. Und hinter ihr: Nicole, in einem ganz hellen, einem himmelblauen Kleid. Die Mutter wendet sich um. Du lebst?!, fragt sie. Ja klar, sagt die Tochter. Der Vater kommt herein, die Mutter ruft ihm zu: Sie lebt! Er antwortet: Ja klar lebt sie.

Hier endete der Traum. Und noch während in der Desorientierung des Erwachens die ungläubige Freude nachklang, kehrte das Bewusstsein zurück mit all seiner erdrückenden Kraft. "Und mir ist klargeworden, dass sie vielleicht lebt in unseren Herzen, aber nicht so, wie ich das will."

Es gibt jetzt zwei Barbara Nalepas. Die eine "lebt, als ob Nicole da wäre, ganz normal, nur macht sie momentan irgendwo Ferien. Die zweite sagt: Es ist passiert und du musst das wahrhaben. Und wenn diese Person keine Kraft mehr hat, kommt wieder die andere und sagt: Du, es ist alles okay, es ist nichts passiert."

Jacquelines Schuhe "stehen noch im Flur", sagt Gudrun Hahn. "Ich kann sie nicht wegräumen, weil ich das Gefühl habe, dann geht noch ein Teil von ihr."

Was sie erlitten haben, nennt Juri Minasenko einen "Totalverlust" - zersetzt und unterhöhlt sind die tiefsten Gewissheiten und die banalsten Alltagserfahrungen, verloren hat Juri Minasenko seine Viktorija, das über alles geliebte Kind, den Engel, die Tochter, die "uns mehr gegeben hat als wir ihr", verloren hatte er zwischenzeitlich den "Geschmack von Essen, das Gefühl von frischer Luft" und musste ihn erst langsam wiederentdecken.

Und verloren gegangen ist die innerste Ordnung der Dinge: "Die Zeit ist stehen geblieben." Es gibt "kein Zurück mehr" und "keine Zukunft".

"Ein Stück von einem selber ist ganz einfach gestorben", sagt Gudrun Hahn. "Tot."

Verantwortung

Juristische Fragen

Was könnte den Eltern der Opfer helfen? "Wir haben ein großes Bedürfnis, das alles aufzuklären", sagt Juri Minasenko. Die Eltern wollen Antworten, wirkliche Antworten, nicht nur Antwort-Bruchstücke, Antwort-Brosamen. "Wie hat es geschehen können, dass sich ein Junge in einen Mörder transformiert hat?" Wer war Tim K., wie wurde er zu dem, der da am Ende wahllos kalt mordete?

Jürgen Marx, Vater der ermordeten Selina, redet vom Vielleicht: Wenn die Eltern von Tim K. ihnen bei der Suche nach Antworten helfen, sich den Fragen aussetzen würden, vorbehaltlos; wenn sie sich nicht erst weggeduckt und dann mit einem so offensichtlich taktisch motivierten, nichtssagenden Brief an sie gewandt hätten; wenn das Ehepaar K. sich ungeschützt vor die Eltern der Opfer hingestellt hätte mit seiner ganzen Scham und Verzweiflung, anstatt diesen Schrieb zu verschicken, eingetütet in ein "Kuvert wie vom Finanzamt", in dem jede Formulierung anwaltlich abgezirkelt wirkte und ansonsten "Selbstmitleid" durchklang . . . dann, vielleicht, wäre das Verhältnis zwischen Tim K.s Eltern und den Eltern der Opfer "nicht so verhärtet, wie es jetzt ist", sagt Jürgen Marx. Es haben sich viel zu viele Wenns angehäuft. "Für uns alle sind die Eltern diejenigen, die die Last der Hauptschuld tragen müssen."

Ihre Verantwortung ihre Verantwortung als Eltern, ihre Verantwortung als Waffenbesitzer muss in einer Gerichtsverhandlung erörtert und darf nicht mit einem schriftlichen Strafbefehl zu den Akten gelegt werden, findet Marx. Eine intensive und transparente juristische Aufarbeitung vielleicht, sagt Juri Minasenko, wäre dies etwas, "das mich trösten kann".

Wird die Staatsanwaltschaft Anklage erheben oder das Verfahren gegen Tim K.s Vater mit einem Strafbefehl wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen zügig beenden? So eine Verhandlung, fürchten manche, stehe der Mann womöglich nicht durch, Ärzte sagen, er sei massiv suizidgefährdet. Ein Prozess würde auch Tim K.s 15-jährige Schwester, die sowieso schon entsetzlich getroffen ist von der Katastrophe, aus ihrer schützenden Anonymität reißen. Bedenkenswerte Argumente.

Aber zu viele Fragen sind auch nach dem Abschluss der Ermittlungen offen und könnten nur in einer ausführlichen Verhandlung mit Expertengutachten und Zeugenaussagen beantwortet werden: Im Frühjahr 2008 offenbarte Tim K. schwere psychische Probleme, er bat um Hilfe, ging mit den Eltern nach Weinsberg, führte mehrere Gespräche mit einer Therapeutin, die danach eine Anschlussbehandlung empfahl; und genau während dieser Weinsberger Zeit und unmittelbar danach brachte der Vater seinem Sohn den Umgang mit einer großkalibrigen Pistole bei warum? War er womöglich dem fatalen Irrglauben verfallen, das gemeinsame Schießen könnte das Verhältnis zwischen Vater und Sohn verbessern, gar eine Art therapeutischer Wirkung entfalten? Beim ersten Gespräch berichtete Tim K. der Therapeutin, dass er manchmal "alle Menschen umbringen" wolle; die Psychiaterin aber kam in den weiteren Sitzungen zum Ergebnis, dass keine ernsthafte Gefahr bestehe warum? Sie sagt, sie habe Tim K.s Eltern über die aggressiven Fantasien des Jungen informiert; die Eltern bestreiten das wer lügt hier?

All diese Fragen münden in eine letzte, die quälendste: Hätte dieser Amoklauf verhindert werden können?

Man kann das nicht auf dem Papierwege erledigen.

Drei Phasen

Trauma und Trauerarbeit

Psychologen sagen: Die kollektive Trauerarbeit nach solch einem traumatisierenden Ereignis folge einem Phasen-Modell. Am Anfang steht die Solidarisierung alle existenziell Erschütterten und auch die mittelbar Betroffenen fühlen sich eins in ihrem Leid, rücken zusammen, finden Halt in der Nähe zueinander. Das war in Winnenden ganz stark und trostreich zu spüren.

Aber mit der Zeit beginnt die zweite Phase: Jeder Mensch sucht seine eigenen Wege, mit dem Schmerz umzugehen, und daraus ergeben sich widerstreitende Anliegen. Der eine braucht Ruhe, der andere sucht Zuflucht in der Aktivität. Da die Menschen nun so vieles zu bewältigen haben, für das sie keine Routinen kennen, kann es geschehen, dass sie in verschiedene Richtungen zerren. Weil überall die Nerven bloßliegen, kommt es zu Spannungen. Klüfte können aufbrechen.

Diese zweite Phase hat bereits begonnen. Wie offensiv sollte sich das Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden in die mediale Öffentlichkeit begeben? Wer hat das Sagen und darf mit Entscheidungen vorangehen? Wie transparent ist mit Spendengeldern umzugehen? 300000 Euro sind eingegangen, bei der Stadt, beim Bündnis, bei der Schule wofür soll es verwendet werden, was ist sinnvoll, was gerecht? Manche der Opfer-Eltern, die anfangs mit im Bündnis waren, haben es mittlerweile verlassen.

Uwe Krechel, der Bonner Anwalt von Hardy Schober, dem Vater der ermordeten Jana Natascha, erklärte unlängst gegenüber Zeitungen: Offenbar wolle die Staatsanwaltschaft "einen öffentlichen Prozess vermeiden, damit keine weiteren Polizeipannen offenbart werden".

Polizeipannen? Falsche Einsatztaktik? "Tiefe Dankbarkeit", sagt Jürgen Marx, empfinde er gegenüber den Polizisten, die da gleich nach dem ersten Alarm in die Schule gegangen sind und "ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt haben, um andere zu retten. Man kann denen gar nicht genug danken".

Risse zeichnen sich auch in Leutenbach ab. Einige Opfer-Familien leben in Weiler zum Stein, auch die Familie des Täters hat hier gewohnt. Tim K.s Eltern sind allerdings mit ihrer Tochter an einen unbekannten Ort gezogen und werden nicht zurückkehren. Es hatte Morddrohungen gegeben.

Auch heute noch, sagt Bürgermeister Jürgen Kiesl, kreise das Gespräch in Bürgerstunden immer wieder um das Geschehene. "Leute kommen und fragen, was die Gemeinde für den 11. März 2010 plant." Andere wiederum wünschen sich nichts sehnlicher als eine Rückkehr zur Normalität.

Auch Tim K.s Vater habe Mitleid verdient, sagen manche: Den eigenen Sohn habe er verloren und könne noch nicht einmal seine Trauer richtig leben, weil jede Erinnerung überschattet ist von dem Furchtbaren, das der Junge so vielen angetan hat, und weil in jeden Moment der Stille Selbstvorwürfe hineindröhnen müssen.

Andere finden es schwer erträglich, so viel Verständnis aufbringen zu sollen.

"In dem behutsamen Umgang mit diesem Spannungsbogen sehe ich die große Herausforderung für das nächste Halbjahr", sagt Jürgen Kiesl. "Hier ist das Fingerspitzengefühl jedes Einzelnen gefragt."

Noch eine dritte Phase kennen die Psychologen: Sie ist gekennzeichnet von einem neuen, dem Zwischentief abgerungenen und dadurch umso tiefer wurzelnden Gefühl der Zusammengehörigkeit.

Dorthin zu finden: Das ist die Aufgabe, die sich den Menschen in und um Winnenden stellt.


Leidenschaft

Der Waffenstreit


Auf einige Fragen hat den Eltern der Opfer kein Mensch je eine vernünftige Antwort gegeben: Warum braucht irgendwer eine 9mm-Beretta im Haus, eine Waffe, die gemacht wurde, um zu töten, eine Waffe von solcher Wucht, dass ihre Kugel erst eine dicke Tür durchschlagen kann und danach noch einen menschlichen Körper? Warum sollte solch eine Mordwaffe für Sportschützen unverzichtbar sein?

Jawohl, Sie haben recht, erklärten manche Politiker im vertraulichen Gespräch, kein Mensch braucht so was. Und später im Fernsehen verdünnten dieselben Politiker ihre Antwort, bis alle Klarheit sich auflöste in einem milchigen Wortgestöber aus Einerseits und Andererseits. "Wenn die Lobby steht, traut sich die Politik nicht recht nach vorne", sagt Jürgen Marx. Es ist, wie Barbara Nalepa sagt, "feige."

Entsprechend lau und halbgar fiel die sogenannte Verschärfung des Waffenrechts aus. Deutlicher als die Politiker werden die Waffenfreunde. Ein Stabsfeldwebel a. D. schrieb der um ihre Tochter Selina trauernden Familie Schweitzer eine Mail: Sie seien Spinner, sie ließen sich von radikalen Waffenfeinden vor den Karren spannen, sie sollten nicht so auf die Tränendrüse drücken.

"Ihre Regierung sollte sich schämen", sagte Dr. Michael North von der Initiative Gun Control Network bei seinem Vortrag im Winnender Rathaus am 20. Mai. Schämen dafür, dass sie nicht konsequenter reagiere auf den Amoklauf.

Katrin Altpeter von der SPD saß im Publikum an jenem Abend; und musste sich dafür Anfeindungen gefallen lassen: Sie missbrauche den Abend und die Tat für Wahlkampfzwecke, schrieb ihr danach Willi Halder von den Grünen per E-Mail.

Es gehe nicht um Wahlkampf, sagt Katrin Altpeter. Es gehe darum, Position zu beziehen. Altpeter spricht ganz eindeutig für eine Verschärfung des Waffenrechts. Und sie hat dem Aktionsbündnis mangelte es am Geld Flug- und Dolmetscherkosten für Michael North übernommen, gezahlt aus dem privaten Geldbeutel. Irgendwann sollten die Kosten irgendwie mal abgerechnet werden, sagt Altpeter. Sie weiß nicht, ob es schon passiert ist. Es sei auch nicht wichtig.

Juri Minasenko hat mit Sportschützen geredet. "Es ist schrecklich, das zu hören, wenn die Leute sagen: Ich bin leidenschaftlicher Schütze, meine Leidenschaft ist das Schießen." Sein Eindruck aus diesen Diskussionen: "Sie definieren sich als Schützen, nicht als Eltern", es gelinge nicht, sie zu einem Wechsel der Perspektive zu bewegen, es sei unmöglich, auf dieser Basis zu einer Verständigung zu finden. "Sie sagen, sie fühlen sich angegriffen in ihrer Leidenschaft. Aber angegriffen wurden unsere Töchter."

Leidenschaft. Was den einen Leidenschaft ist, empfindet Thomas Schweitzer als etwas, das "Leiden schafft".

Vorwärtsdenken

Eine Schul-Vision

Wir haben einen Traum, haben die Albertville-Schüler bei der Gedenkfeier im März gesagt. Ihre Wünsche handelten von einer Welt, in der die Menschen achtsamer miteinander umgehen, von neuen Lebensperspektiven, die sich dem Schrecklichen abtrotzen lassen.

Vorwärtsdenken. Wenn nun das neue Schuljahr in der Albertville-Containerschule beginnt, lautet die Aufgabe: arbeiten am Traum. "Für mich gehört dazu, dass die Schüler als Individuen gefördert werden, dass wir die Stärken der Schüler erkennen und bestärken, um die Schwächen auszugleichen, dass wir das Selbstwertgefühl der Schüler erhöhen und den Sinn für Gemeinschaft pflegen", sagt Rektorin Astrid Hahn. Erlebnispädagogik gehört dazu, viele Sportmöglichkeiten, vielleicht eine Theater-AG, auf jeden Fall zusätzliche Betreuungs- und Fördermöglichkeiten. "Es wird ein Prozess sein", sagt Hahn, "der vier, fünf Jahre dauert."

Zum Schuljahr 2011/12 werden die Albertville-Realschüler aus den Containern in ihr altes Schulgebäude ziehen. Anfangs war noch die große Frage: Können die Kinder und Jugendlichen in ein Haus zurückkehren, in dem so Unfassbares geschehen ist? Bald zeigte sich: Sie wollten.

Die neue alte Schule wird deutlich größer sein: Den Anbautrakt, der bisher noch von der Robert-Boehringer-Hauptschule und der Haselsteinschule mitgenutzt wird, bekommen die Albertviller hinzu. Es wird 22 Klassenzimmer geben, so viele, dass keine Wanderklassen mehr nötig sind, einen Raum der Stille, einen für die Schulpsychologen, einen für die SMV, ein größeres Lehrerzimmer. Das Schülercafé bekommt einen Eingang von außen her, damit nicht Schüler anderer Schulen durch die Flure der Albertville-Realschule gehen. So soll ein Ort entstehen, an dem sich die Schüler wieder wohl und sicher fühlen, ein Ort, wo sie auch Platz finden, um zu trauern und das Gedächtnis an die Verlorenen zu bewahren.

Vorwärtsdenken. Oberbürgermeister Bernhard Fritz verzichtet auf eine erneute Kandidatur. Seine Amtszeit endet am 31. März 2010. Er folgt damit seinem ursprünglichen Plan, nur für zwei Amtsperioden zur Verfügung zu stehen. Der oder die Neue wird viel zu leisten haben: sensibel mit den Stimmungen in der Stadt umgehen, sich für eine zentrale Gedenkstätte einsetzen, Fingerspitzengefühl zeigen beim Umgang mit den Spendengeldern, sich als Schlüsselfigur bewähren beim Ringen um ein Wir-Gefühl.

Vorwärtsdenken das gilt für die Schule, das gilt für die Stadt.

Und die Gesellschaft? Was können, was müssen wir alle lernen?

Lehren

Sich kümmern und Grenzen setzen

"Wir wollen, dass sich etwas ändert in dieser Gesellschaft, und wir wollen mithelfen, damit es kein zweites Winnenden mehr geben kann." Mit diesen Worten haben sich die Opfereltern nach dem Amoklauf in dieser Zeitung in einem offenen Brief an die Kanzlerin, den Bundespräsidenten und an Ministerpräsident Oettinger gewandt. Eine wichtige Forderung haben die Eltern inzwischen durchgesetzt: Das Mindestalter für das Schießen mit Großkalibern wurde von 14 auf 18 Jahre heraufgesetzt. Und es gibt schärfere Kontrollen, die zumindest der Rems-Murr-Kreis auch umsetzen will (siehe "Waffen eine Zwischenbilanz").

Doch noch immer lagern mehr als acht Millionen Pistolen und Gewehre ganz legal in deutschen Haushalten, bei Jägern und Sportschützen, bei Erben und Sammlern. Umgerechnet kommt auf fast jeden zehnten Bundesbürger eine legale Waffe.

Ist dies wirklich notwendig für die Ausübung des Schießsportes? Und muss eine Gesellschaft nicht immer wieder Grenzen setzen, damit nicht alles, was technisch machbar ist, und damit nicht alles, was Menschen tun wollen, auch geschieht?

Im Schießsport werden diese Grenzen immer weiter verschoben. Das sogenannte IPSC-Schießen, bei dem der Schütze durch einen Parcours hetzt und auftauchende Ziele binnen Sekunden treffen muss, ähnelt eher einem Bürgerkriegstraining. Wer aber einen Sport ausüben will, in dessen Mittelpunkt Disziplin, Konzentration und Körperbeherrschung stehen, benötigt nicht immer größere Ballermaschinen; solche Großkaliber braucht mit Ausnahme der Jäger niemand zu Hause.

Die nächste Grenzverschiebung findet bei den Killerspielen statt, die immer realistischer das Verletzen und Ermorden von Menschen einüben. "Schon Grundschüler kommen mit den umstrittenen Killerspielen in Kontakt", schreibt Ingriß Eißele in ihrem Buch "Kalte Kinder". "Der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest befragte 6- bis 13-Jährige nach ihren Lieblingsspielen. Immerhin an fünfter Stelle (23 Prozent) rangierten Actionspiele. Schon 12-Jährige spielen brutale Computerspiele, die gemäß der USK (Unterhaltungssoftware- Selbstkontrolle, analog zur FSK bei Filmen) erst ab 16 oder 18 Jahren freigegeben sind oder gar indiziert sind."

Ein Verbot der Killerspiele würde immerhin zeigen, dass die Gesellschaft dies nicht mehr akzeptiert. Der Bundespräsident unterstützt die Forderung, die Landesinnenminister ebenso. Nach der Bundestagswahl wird sich zeigen, wie mutig die Politik ist. Denn die Killerspieler sind mittlerweile so gut organisiert wie die Schützen.

Experten und Arbeitskreise sammeln derzeit viele technokratische Vorschläge, wie man sich besser vor Amokläufen schützen kann mit Türklingeln, Sprechanlagen und Alarmsignalen. Doch um den eigentlichen Kern der Debatte drückt sich unsere Gesellschaft nach wie vor. Es geht darum, wie wir miteinander umgehen: in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz oder in der Freizeit. Damit sich wirklich etwas ändert, brauchen wir eine Gesellschaft, die sich kümmert und die sich traut, Grenzen zu ziehen.

Davon sind wir noch weit entfernt.

Zukunft

Opfer-Eltern erzählen

Manchmal gelingt es: die stillstehende Zeit wieder in Gang zu setzen; sich den Erinnerungen anzuvertrauen, ohne dass der Verlustschmerz einen zerreißt; die Gegenwart tief einzuatmen; so etwas wie Zukunft zu spüren.

Im Urlaub beim Wandern, an einem guten Tag, erzählt Jürgen Marx, "haben wir zu jedem Schmetterling ,Guten Morgen Selina, hallo Mädels gesagt". Für Fremde muss sich das "balla-balla" angehört haben, wie sie mit den Tieren sprachen. Aber es hat "unheimlich geholfen".

Einen Stein finden, der geformt ist wie ein Herz; nachts aus dem Zimmer schauen und im Himmelsgeviert des Fensterrahmens genau 15 Sterne sehen, von denen einer besonders hell leuchtet; sie alle suchen nach solchen Zeichen.

Beim VfB im Stadion sitzen pünktlich zum Anpfiff reißt der Himmel auf, wird blau, und kaum ist das Spiel vorbei, schließt sich der Wolkenvorhang wieder. Vor sich hin murmeln: "Hey, das habt ihr gut gemacht da oben. Danke!"

Mit dem gerahmten Foto der Tochter reden: Hoppla, arg verstaubt bist du heute Morgen.

Manchmal gelingt es, "richtig positiv zurückzudenken", sagt Jürgen Marx, an "tolle Tage, wo man gemeinsam gelacht hat. Meistens geht es nicht. Aber wenn doch, dann ist es richtig schön. Wir genießen es und puschen die schönen Momente auf, weil wir ja wissen: Morgen oder in einer halben Stunde oder in fünf Minuten kommt wieder eine Riesenkugel und haut dich um."

Ein Traum: Da steht die Tochter. Wo bist du, fragt die Mutter, warum kommst du nicht zurück? Die Tochter: Du weißt, dass ich nicht zurückkommen kann. Ich fühle mich gut, wo ich bin. Ich bin ganz ruhig.


Waffen eine Zwischenbilanz

Anfang April schrieb Landrat Johannes Fuchs alle Waffenbesitzer im Zuständigkeitsbereich des Landratsamtes an (also in allen Gemeinden außer den Großen Kreisstädten): Die Besitzer sollten ihren Bestand kritisch überprüfen. Viele kamen zum Schluss, dass sie ihre Waffen nicht mehr brauchen, und gaben sie im Kreishaus ab.

Seit dem 11. März sammelte das Landratsamt 1716 Waffen ein und übergab sie dem Kampfmittelbeseitigungsdienst zur Vernichtung. Und am 25. Juli trat eine bis Ende des Jahres befristete Amnestie für die Abgabe illegaler Waffen in Kraft: Bis heute sind 30 solcher Waffen beim Landratsamt abgegeben worden.

Derzeit sind bei der Waffenbehörde noch gut 2500 Waffenbesitzer registriert, Ende 2008 waren es noch knapp 3500. Landrat Fuchs: "Wir wollen erreichen, dass nur die Waffen in privater Hand sind, die für Sport oder Jagd tatsächlich gebraucht werden. Diesem Ziel sind wir ein gutes Stück nähergekommen."

Von den verbliebenen Besitzern erwartet das Landratsamt eine Auskunft, wie sie ihre Waffen aufbewahren. Mehr als zwei Drittel der Angeschriebenen haben bis Ende August reagiert. Die übrigen wurden Anfang September in einem deutlicher formulierten Schreiben auf ihre Pflicht hingewiesen, Fragen nach der Aufbewahrung zu beantworten und Kaufbelege für Waffenschränke oder Bilder von Prüfzertifikaten vorzulegen. Diese Daten bilden die Basis für unangemeldete Vor-Ort-Kontrollen, die demnächst beginnen.

Für diese zusätzliche Aufgabe hat der Kreistag der Schaffung einer neuen Stelle in der Waffenbehörde zugestimmt. Seit Anfang August ist sie besetzt.

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Pia Eckstein


Pia Eckstein, geboren, 27. Mai 1969, Studium der Germanistik und der Kunstgeschichte an der Universität Stuttgart, Dissertation über „König David – Eine strukturelle Analyse des Textes aus der Hebräischen Bibel und seiner Wiederaufnahmen im Roman des 20. Jahrhunderts“. Volontariat bei der Motorpresse Stuttgart, seit 2001 beim Zeitungsverlag Waiblingen, derzeit als Reporterin in der Kreisredaktion. Verantwortlich u. a. für das Familien-Forum, das in diesem Jahr einen Sonderpreis beim Lokaljournalistenwettbewerb der Konrad-Adenauer-Stiftung erhalten hat. Pia Eckstein hat zwei Söhne.

Regina Munder


Regina Munder, geboren 1971 in Stuttgart, Abitur in Waiblingen, Studium Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis in Hildesheim und Liverpool, Abschluss als Diplom-Kulturpädagogin, Volontariat bei den Buchverlagen Gerstenberg und Claassen (Hildesheim), Volontariat beim Zeitungsverlag Waiblingen 1999, Redakteurin bei der Winnender Zeitung seit 2000.

Frank Nipkau


Frank Nipkau, Jahrgang 1964, aufgewachsen in Lengerich (Westfalen), Studium der Geschichte an der Universität Bielefeld, Volontär und Redakteur beim Westfalen-Blatt. Leiter der Lokalredaktion Cottbus bei der Lausitzer Rundschau, seit 2002 Redaktionsleiter des Zeitungsverlages Waiblingen (Waiblinger Kreiszeitung, Schorndorfer Nachrichten, Winnender Zeitung, Welzheimer Zeitung); Theodor-Wolff-Preisträger.

Anne-Kathrin Schneider


Anne-Kathrin Schneider, geboren am 22.08.1980 in Heidelberg, Abitur in Idar-Oberstein, danach Friedensdienst in Chicago. Studium Diplom-Journalistik, Politik und Philosophie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Währendessen freie Mitarbeit beim Eichstätter Kurier, Praktika unter anderem beim Stern, Zeit online und Tagesspiegel. Ab August 2006 Volontärin, ab August 2008 Redakteurin des Zeitungsverlags Waiblingen.
Dokumente
Die Bewährungsprobe (PDF)

erschienen in:
Rems-Murr Rundschau,
am 11.09.2009
Peter Schwarz



Peter Schwarz, geboren am 1. Oktober 1965 in Aalen, aufgewachsen in Ellwangen. Nach dem Studium der Germanistik und Soziologie in Tübingen 1995 Volontariat beim Zeitungsverlag Waiblingen. Anschließend als Redakteur bei der "Waiblinger Kreiszeitung" verantwortlich für die wöchentlich erscheinende Jugendseite "nicht jugendfrei", deren Konzept 1998 mit einem Sonderpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung beim Lokaljournalistenwettbewerb ausgezeichnet wurde. Derzeit Reporter in der Kreisredaktion. Theodor-Wolff-Preisträger.

 

Kommentare

Namari, 25.04.2016, 02:09 Uhr:

Intmaorfion is power and now I'm a !@#$ing dictator.

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