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Prämierte Texte

Jana Simon „Die Jungs aus Zelle 221

Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.

Wie die Zelle eingerichtet wird, ist festgeschrieben und überall im Gefängnis gleich. Aus Sicherheitsgründen. Zelle Nummer 221, erster Stock, Haus 2, "Mord- und Totschlagsstation" in der Jugendstrafanstalt Berlin-Plötzensee ist neun Quadratmeter groß: grauer Bodenbelag, an der Wand ein Bett, darauf eine Decke mit der Aufschrift "Land Berlin", gegenüber ein Tisch, daneben ein Schrank aus Kunstholz.

Zelle 221 erzählt von Verbrechen, von Schuld, von Scham, vielleicht auch von Sühne. Zelle 221 erzählt von Mehmet Kemal, Gavin Jones und Daniel Koch (Namen der Häftlinge geändert). Alle drei haben Zelle 221 gepflegt und gehasst. Alle drei blickten durch ihr vergittertes Fenster auf den Hof mit den stacheldrahtumhüllten Bäumen in der Mitte - Mehmet Kemal von Dezember 1998 bis November 2001, Gavin Jones vom Frühjahr 2007 bis Mai 2008 und Daniel Koch von da an bis heute. Alle drei haben sehr jung schon sehr schwere Straftaten begangen. Was sie verbindet, ist diese Zelle.

Zelle 221, Frühjahr 2008. Über Daniel Koch sagen die anderen Häftlinge, er habe aus der Zelle eine "Kuschelhöhle" gemacht. Koch ist 21 und seit drei Jahren in Plötzensee. Er trägt ein Unterhemd, das seine Armmuskeln freilegt. In seiner Zelle regieren die Frauen, sie schauen auf sein Bett, von seiner Pinnwand, von der Schranktür. Sie haben alle sehr wenig an. Die Bilder kleben an einer Leiste, man muss darunterschauen können, mindestens einmal in der Woche wird Zelle 221 kontrolliert. Nach Paragraf 19 Absatz 2 des Strafvollzugsgesetzes dürfen die Gefangenen ihre Zelle in "angemessenem Umfang ausstatten", aber es können "Gegenstände ausgeschlossen werden", wenn sie die "Übersichtlichkeit des Haftraumes behindern". Neben den Nackten hängen Fotos von den Malediven, Kochs Mutter war dort im Urlaub. Koch hat die beiden größten Sehnsüchte der Häftlinge an einer Wand vereint: Sex und Freiheit.

Jeden Tag um sechs wird Daniel Koch geweckt, um sieben geht er zur Arbeit, er macht in der Anstalt eine Tischlerlehre. Gegen 15 Uhr kehrt er zurück, meist bleiben die Zellentüren nur noch ein, zwei Stunden geöffnet. Ab 16 oder 17 Uhr ist er dann allein in Zelle 221, Stunden des Nichtstuns, in der die Konjunktive in seinem Kopf lärmen, Gedanken daran, wie das Leben ohne sein Verbrechen hätte aussehen können. Das Eingeschlossensein sei am Anfang richtig beklemmend gewesen. Diese Eintönigkeit, die den Körper schlaff werden und die Gedanken taumeln lässt und das Nachdenken darüber, was er getan hat. Ein Makel, nie mehr aus dem Lebenslauf zu tilgen. Wenn Daniel Koch die Spannung nicht aushält, putzt er seine Zelle. Koch findet, kleine Räume machen viel mehr Dreck als große. Im Schrank liegen seine Jeans und T-Shirts auf Kante. Ordnung ist ihm wichtig. Auch, weil er sie draußen vor der Tür oft nicht finden kann.

Vorraum der Zelle, Frühjahr 2008. Auf dem Flur regt sich Kochs Zellennachbar Shapi, ein Kosovo-Albaner, der einen Lehrer umgebracht hat, über die Haftbedingungen auf: keine Fernseher in den Zellen, Schikane der Beamten und zu wenig Aufschluss! Nur selten sind vier Vollzugsbeamte da, damit die Zellentüren in Haus 2 bis 21 Uhr offen bleiben können. Zu wenig Personal, zu viele Krankmeldungen. Daniel Koch verhält sich still, wenn andere erzählen. Nur wenn ihn etwas stresst, erscheint quer auf seiner Stirn eine Falte. Über seine Tat mag er jetzt nicht reden. Die Häftlinge fragen einander nie, warum sie hier sind. Jeder hört irgendwas von irgendwem. Daniel Koch hat noch vier Jahre vor sich.

Büro des Gefängnisleiters, Sommer 2008. Nicht weit entfernt von Zelle 221 im Verwaltungsgebäude der Haftanstalt sitzt Marius Fiedler hinter einem überdimensionierten Schreibtisch. Seit 19 Jahren leitet er das Gefängnis Plötzensee, regiert eine kleine Stadt mit Werkstätten, Zellen, Sportplatz und momentan 485 Gefangenen, die in drei Schichten von 300 Vollzugsbeamten bewacht werden. Vor knapp dreißig Jahren ist Fiedler zufällig ins "Gefängnis-Business" geraten, wie er es nennt. Er hatte Soziologie, Erziehungswissenschaften und Psychologie studiert. Danach wollte er kurz in der Psychiatrie arbeiten, um psychische Krankheiten besser zu verstehen, und fand nur einen Platz im Krankenhaus der Haftanstalt Berlin-Tegel. Damals war Fiedler 32 und davon überzeugt, die Häftlinge seien in Tegel doppelt eingesperrt - sowohl im Gefängnis als auch in der Psychiatrie. Bis er den Chefarzt des Gefängnisses kennenlernte, einen "Weltbürger" aus einer alten italienischen Familie. Der vertrat die Ansicht, die Gefangenen sollten nicht nur büßen, sondern die Zeit in Haft nutzen, um sich zu entwickeln. Der Arzt wurde Fiedlers Mentor, und Fiedler blieb zehn Jahre als Psychologe dort.

Marius Fiedler ist jetzt 61, er kann sich noch erinnern, dass, als er in Tegel anfing, der Erziehungsgedanke im Jugendstrafvollzug im Vordergrund stand. Wenn er jetzt bei Treffen mit anderen Gefängnisdirektoren über "Erziehung" redet, verdrehen die meist nur die Augen. " Das Sicherheitsbedürfnis ist größer geworden, und das Verhältnis der Öffentlichkeit zu den Straftätern hat sich verändert. Früher wurden sie noch als Bestandteil der Gesellschaft angesehen, die resozialisiert und integriert werden sollten. Heute ist der Straftäter der Feind, der bekämpft werden muss."

Vor zwei Jahren stand Fiedlers Jugendstrafanstalt oft in den Zeitungen. An das Gefängnis grenzt eine Kleingartensiedlung, von dort warfen Bekannte der Insassen regelmäßig Handys und Drogen über die Mauer in die Anstalt. Einmal filmte ein Fernsehsender live mit, und Fiedler bekam Ärger. Vor die Zellenfenster mit Blick auf die Kolonie wurde jetzt "Tegeler Masche", eine Art Fliegengitter, gesetzt. Und bald soll ein innerer Sicherheitszaun hinzukommen.

Die Statistiken zeigen, dass die Jugendkriminalität nicht gestiegen ist, aber die Körperverletzungsdelikte jugendlicher Täter zugenommen haben. Die meisten Kriminologen sind der Meinung, das liege daran, dass diese Taten öfter angezeigt würden. Kaum etwas hat in den vergangenen Jahren die deutsche Öffentlichkeit mehr erregt als der Umgang mit jungen Gewalttätern. In einer Zeit, in der große Banken ihr Geld verspielen und angesehene Firmen untergehen, in der nichts mehr gewiss zu sein scheint, bildet die scharfe Verurteilung von Kriminellen eine Art kleinsten gemeinsamen Nenner, auf den man sich noch einigen kann. Je verunsicherter der Einzelne, desto größer das allgemeine Verlangen nach Sicherheit.

Der hessische Ministerpräsident Koch und Bundeskanzlerin Merkel forderten schon vor Jahren härtere Strafen für kriminelle Jugendliche und lösten eine Diskussion aus. " Als ob die doppelte Strafe zu doppelt so guten Ergebnissen führen würde. Das ist eine sehr naive Sichtweise", sagt Fiedler. Druck erzeuge nur Gegendruck. Stattdessen müsse man klare Grenzen setzen.

Marius Fiedler sitzt in seinem Büro und sammelt Argumente, damit "die Wirklichkeit wahrgenommen wird". Er zitiert den Prorektor der Berliner Fachhochschule für Soziale Arbeit, der an einem Stichtag im Jahr 2007 untersuchte, wie viele der etwa 7500 Insassen deutscher Jugendstrafanstalten jünger als 16 Jahre alt waren, und dabei nur auf 52 Häftlinge kam. Aber die Auseinandersetzungen sind heftiger geworden. Da ist zum Beispiel Fiedlers Gegner Hans-Jörg Albrecht, der Direktor des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg. Albrecht meint, dass die meisten Häftlinge im Jugendstrafvollzug über 18 seien und nicht mehr erzogen werden wollten. Albrecht fordert, das Erziehungsziel im Jugendstrafrecht aufzugeben. Fiedler antwortet ihm mit Kant: "Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht."

Seit Jahren sagt Marius Fiedler seine Meinung jedem, der sie hören mag: seiner "vorgesetzten Behörde", der Senatsverwaltung für Justiz, den 1200 Fachbesuchern, die sich jährlich das Gefängnis Plötzensee anschauen, und seinen Kollegen. Er ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Jugendstrafanstalten und Mitglied des deutsch-russischen Jugendrates. Er reist oft nach Russland, da hat Fiedler auch die riesigen Säle gesehen, in denen die russischen Häftlinge schlafen. In Plötzensee hat jeder Insasse seine eigene Zelle. Der Schutz der Intimsphäre wird wichtig genommen. " Besonders seit Siegburg", sagt Fiedler. Dort wurde vor drei Jahren ein junger Mann von seinen Mithäftlingen gequält und schließlich getötet. In einer Gemeinschaftszelle.

Aufenthaltsraum des Gefängnisses, Sommer 2008. Zelle 221 ist für Gespräche zu klein, deshalb wartet Daniel Koch im Aufenthaltsraum. Von draußen dringen laut die Stimmen der Häftlinge, die sich durch die geöffneten Fenster ihrer Zellen unterhalten.

Koch ist im Süden von Berlin aufgewachsen, in einer Neubausiedlung. Seine Welt bekam einen Riss, als sich seine Eltern trennten. " Von einem Tag auf den anderen war er weg", sagt Koch über seinen Vater. Daniel Koch war damals in der neunten Klasse. Zur Schule ging er nur noch selten, er schlief jeden Tag bis zehn, rauchte Haschisch, nahm auf der Straße anderen Jugendlichen ihre Schuhe oder Handys ab. " Aus Langeweile", sagt er. Er selbst wurde auch überfallen, einmal musste er auf Socken nach Hause laufen. Danach kaufte er sich ein Messer. " Ihr Wichser zieht mich nicht mehr ab", dachte er. Nie mehr Opfer sein. " Opfer" ist eines von Kochs liebsten Worten, er benutzt es oft, immer klingt es nach Schwäche.

Einmal raubte Koch wieder einen Jungen aus und wurde erwischt. Zur Strafe sollte er 90 Sozialstunden in einem Jugendklub leisten. Dort ist er nie hingegangen. Dafür kam er drei Wochen in den Jugendarrest. " Nachher habe ich mächtig Schläge von meinen Vater bekommen." Das hatte er auch früher schon. " Aber ich hatte eine gute Erziehung", sagt Koch. Es ist ihm wichtig, dass er nicht aus einem asozialen Elternhaus stammt. Schläge klingen für ihn nach Ordnung, nach Normalität.

Wenn Koch und die anderen Häftlinge in Plötzensee gegen eine Regel verstoßen, stellen sie sich manchmal gemeinsam vor, wie viel Prügel sie dafür wohl von ihren Vätern bezogen hätten. Es ist ein grausames Spiel, Gürtel und Stöcke spielen darin eine große Rolle.

An die Tat, die ihn in Zelle 221 führte, kann sich Koch nur schemenhaft erinnern: Ein Dezemberabend 2005, er stieg zusammen mit Freunden in einen Bus. Er war damals 18. Einer seiner Freunde begann einen Streit mit einem Mädchen. Koch hatte getrunken und Ecstasy genommen. Der Freund des Mädchens mischte sich ein. Daniel Koch fühlte sich "unter Druck", seinem Freund zu helfen. Er zog sein Messer und stach zu. Dann flüchtete er aus dem Bus.

Am nächsten Morgen sah er in den Fernsehnachrichten, dass es an der Bushaltestelle einen Toten gegeben hatte. Er stellte sich nicht der Polizei, aber seine Freunde redeten. Als die Kripo kam, um ihn abzuholen, schaute er gerade Fußball. Koch gestand und kam sechs Monate in Untersuchungshaft. " Das war eine harte Zeit", sagt er. Er träumte viel von seinem Opfer und wachte mit dessen Schrei auf. " Es ist nicht so ein schönes Gefühl, ein Menschenleben auf dem Gewissen zu haben."

Im Gerichtssaal saßen die Eltern des Opfers, die Geschwister, dessen ganze Schulklasse, und alle schauten ihn an. Daniel Koch war mit seinem Anwalt allein, er wollte nicht, dass jemand Bilder von der "Familie des Totschlägers" machte. Er wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt. " Ich hätte mir selbst zehn gegeben", sagt er. Die Höchststrafe im Jugendstrafrecht. Die meisten in Plötzensee würden sich selbst härter bestrafen, meint Koch. " Vielleicht wollen wir auch mal Richter spielen." Aber über die Jahre werde die Tat immer mehr vom Knastalltag verdrängt. Viele lernen sich erst im Gefängnis kennen, viele werden erst im Gefängnis Berufskriminelle. " Man bekommt immer mehr Input", sagt Koch. Trotzdem bleibe jeder für sich allein. " Hier gibt's keine Freunde."

Koch läuft den leeren Gang entlang zu Zelle 221, die anderen Häftlinge sind schon lange eingeschlossen. Er hat Brote aufgehoben, die wird er am Abend essen, und vielleicht putzt er noch ein bisschen. Die Zelle ist das Gesicht des Gefangenen. Wenn sie dreckig ist, zeigt er Schwäche, macht sich angreifbar für Mitinsassen und Beamte.

Daniel Koch ist noch einmal rückfällig geworden, in Haft. Das kostete ihn ein weiteres Jahr seines Lebens.

Zimmer des Psychologen, Sommer 2008. Die Akte des Insassen Daniel Koch liegt bei Jörg Abram, dem Psychologen und Leiter der Wohngruppe von Haus 2, im Schrank. Da liegen auch die Ordner "Gavin Jones" und "Mehmet Kemal". Abrams Büro ist nur zwei Türen von Zelle 221 entfernt. Abram nennt sie eine der "privilegierten Hafträume". Dort sitzen meist ältere Häftlinge, die keine Drogen nehmen, nicht illegal telefonieren, eine Ausbildung machen oder zur Schule gehen. Bäume spenden diesen Zellen Schatten, und kein Haus steht in der Nähe, sodass die Häftlinge nicht durch die Gespräche der anderen Insassen bis in die Morgenstunden wach gehalten werden. " Für viele Gefangene ist die Zelle das erste eigene Zimmer ihres Lebens. Sie ist ein ganz intimer Raum", sagt Abram. Manche schlafen darin bis zu 15 Stunden am Tag. So müssen sie nichts denken, nichts hören, nichts fühlen. Abram hat beobachtet, dass viele, auch wenn die Türen offen stehen, ihre Zelle nicht verlassen, weil sie nicht wissen, was sie draußen mit sich anfangen sollen.

Jörg Abram ist 57, seit 27 Jahren arbeitet er als Psychologe in der Jugendstrafanstalt. Er ist ein wichtiger Mann in Plötzensee, das Tor zur Freiheit. Abram schreibt Einschätzungen, entscheidet mit darüber, ob ein Gefangener Hafterleichterung bekommt oder nicht. Über Daniel Koch sagt er: "Er ist ein furchtbarer Mitläufer, kann nie nein sagen. Wenn er das nicht lernt, wird er wieder auffällig werden." Einmal in der Woche spricht Abram mit den 17 Häftlingen seiner Wohngruppe allein, freitags treffen sich alle zusammen. Die Gefangenen erleben ihn über Jahre fast jeden Tag, viele bemühen sich, in seine Hirnwindungen zu dringen. Deshalb klingen ihre Sätze manchmal nach ihm, die Häftlinge sprechen dann von "Verarbeitung" und "Verdrängung". " Das halten sie aber nicht jahrelang durch", sagt Abram und lacht.

Er blättert in einem Hefter auf seinem Schreibtisch und zählt auf: Russlanddeutsche, Kosovo-Albaner, Libanesen, Palästinenser, Türken, Polen, Angolaner und Deutsche leben in seiner Wohngruppe. In Plötzensee sind 70 Prozent der Gefangenen nichtdeutscher Herkunft - im westdeutschen Durchschnitt sind es rund 50 Prozent. Abram sieht dafür vor allem soziale Gründe: kaum Bildung und "belastende Faktoren" wie Armut, Alkohol, Arbeitslosigkeit.

Es klingt wie ein Klischee, aber die meisten Studien zu diesem Thema kommen zum selben Schluss: "Kriminalität steht fast immer im Zusammenhang mit Armut, und davon sind Migranten mehr betroffen." Viele Häftlinge haben die Schule nur selten besucht. " Wir haben hier keine Abiturienten, sondern viele, die als Analphabeten aus der Hauptschule kommen", sagt Abram und fügt hinzu, "das Problem sind auch die schwachen Väter." Entweder seien sie gar nicht da oder kümmerten sich nicht um die Erziehung. Und Väter, die autoritäre Familienstrukturen gewohnt seien, fühlten sich oft durch die Emanzipation der Frauen verunsichert, sähen ihre Rolle in der Familie in Gefahr. Sie reagierten mit Schlägen, um sich Autorität zu verschaffen. Sie werden von ihren Söhnen nicht als Vorbilder erlebt, sondern als Verlierer.

Manchmal sieht Jörg Abram auch die Erfolge der Haft, wenn die Gefangenen "drinnen" eine Lehre oder die Schule abschließen, was sie "draußen" nie durchgehalten hätten. " Ich verlange von den Häftlingen, dass sie einen Plan machen, wie sie ihr Leben ordnen wollen", sagt er. In seiner Wohngruppe gibt es nicht viele Rückfälle, deutschlandweit liegt die Quote aber zwischen 70 und 80 Prozent.

Wie die Häftlinge teilt auch Jörg Abram die Welt in "drinnen" und "draußen". Draußen, in seinem Privatleben, spricht er nicht über das Gefängnis. Wenn ihm auf der Straße ein ehemaliger Insasse begegnet, wartet er, bis der ihn zuerst grüßt. Manche rufen ihn Jahre später an, aber nur, wenn sie etwas Schönes zu erzählen, wenn sie etwas erreicht haben.

Offener Vollzug, Sommer 2008. Gavin Jones blickt, etwa hundert Meter von Daniel Koch und Jörg Abram entfernt, auf die andere Seite der Gefängnismauer. Seine alte Zelle 221 kann er von dort nicht mehr sehen. Jones sitzt im offenen Vollzug, er ist schon einen Schritt weiter als Daniel Koch. Er darf jeden Tag für ein paar Stunden nach draußen und macht an einem Kolleg seinen Realschulabschluss nach. Dort wissen nur die Lehrer, wohin er abends zum Schlafen zurückkehrt. Gavin Jones ist 23, das Kind eines schwarzen US-Soldaten und einer Deutschen. Er trägt weite kurze Hosen und ein Basketball-T-Shirt, beim Reden lächelt er viel.

Seine neue Zelle im offenen Vollzug mag er nicht mehr einrichten, die Leere soll signalisieren, dass er auf dem Absprung ist. Er hofft, bald entlassen zu werden. In seiner alten Zelle 221 habe er sich noch richtig Mühe gegeben, sagt er. Dort lag ein weißes Deckchen über dem Tisch, und an der Wand hing ein Bild von betenden Pilgern in Mekka. Jones ist im Gefängnis zum Islam übergetreten. Er sagt, der Islam habe ihn überzeugt - wovon genau, kann er nicht erklären. Er hat einige Suren auf Arabisch gelernt, den Koranunterricht besucht. Jones ist auf der Suche nach einem Sinn. " Ich habe so krasse Gedanken: Wann kommt man in den Himmel und wann in die Hölle? Was mache ich im Gefängnis?"

Gavin Jones redet leise, seine Sätze klingen sanft. In Plötzensee konnte er im Rahmen eines Musikprojektes mit vier anderen Häftlingen eine Hip-Hop-Gruppe gründen: Gitta Spitta, ihr Video lief auf YouTube im Internet, draußen haben ihn schon Mitschüler erkannt. Einer seiner Freunde aus der Band wurde nun nach Uganda abgeschoben. Ab und zu ruft er Jones auf dem Handy an und erzählt ihm, wie verzweifelt er ist. Manchmal hebt Jones nicht mehr ab, wenn er wieder diese Nummer auf dem Display sieht. Er weiß nicht, was er sagen soll.

Jones' Eltern haben sich getrennt, als er sechs war. Der Vater kehrte in die USA zurück. Jones hat keine guten Erinnerungen an ihn, der Vater trank, und er schlug Gavins Mutter. Ein Thema, bei dem Jones fast völlig verstummt. Im Knast gibt es zwei Tabus: die Kindheit und die Straftat. Weil das nie schöne Geschichten sind, die die Häftlinge erzählen könnten.

Gavin Jones begann mit 14 zu kiffen, sprühte Graffiti, hatte eine Gang. Sie nannten sich die Terminators, trugen Carlo-Colucci-Pullover, fanden sich sehr cool und brauchten immer Geld. Jones fing an zu dealen, raubte andere aus, prügelte sich. " Immer wenn ich eine Kleinigkeit gemacht habe, ist gleich etwas Krasses daraus geworden." Mehrmals kam er in Untersuchungshaft, am Ende hatte er zwei Einzelfallhelfer, einen Sachbearbeiter bei der Kripo und einen Bewährungshelfer. Die rieten ihm: "Geh doch mal schwimmen", oder "Mach doch eine Ausbildung". Er fand sie alle lächerlich. Gavin Jones ist Intensivtäter, er weiß nicht mehr, wie viele Taten er begangen hat und wie oft er Bewährungsstrafen bekam. Ihm wurden zahllose Hilfsmaßnahmen angeboten, keine davon hat er angenommen. Was hätte der Staat machen können, um ihn von seinem kriminellen Weg abzubringen? Jones schweigt. " Nichts", sagt er. " Ich hätte auf nichts gehört."

Als er 15 war, setzten die Sozialarbeiter ihr letztes Mittel ein: Sie schickten Jones in ein Jugendheim in der Nähe von Frankfurt am Main, weit weg von seiner Familie und seinen Freunden. Jones lächelt. Dem Betreuer dort habe er sofort eine geknallt, dessen Strenge habe ihm nicht behagt. Bald verabschiedete sich Jones abends in die Dorfdisko, er blieb nicht lange im Heim.

"Wenn ich früher härter bestraft worden wäre, wäre die eigentliche Tat nicht passiert", glaubt er. Aber er bekam immer Bewährung.

Es geschah an einem Septemberabend 2004. Jones war in einer Cocktailbar, hatte getrunken, eine Mischung aus Speed und Ecstasy im Blut und fühlte sich von einem anderen Gast beleidigt. Es kam zur Schlägerei mit mehreren Männern. Einen von ihnen verletzte er mit dem Messer so schwer, dass er im Koma lag und notoperiert werden musste. Gavin Jones wurde wegen schwerer Körperverletzung zu fünf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.

In den ersten Wochen in Plötzensee hatte er einen "Blackout", wie er es nennt. Er konnte nicht arbeiten, nicht schlafen, brach seine Ausbildung zum Koch ab. Jones ist dann zu Jörg Abram, dem Psychologen, gegangen und hat geredet. Das erste Mal, vielleicht. " Draußen hätte ich nie eine Therapie gemacht", sagt Jones. Im Mai 2008 kam er in den offenen Vollzug. " Ich bin resozialisiert", sagt er jetzt. Zelle 221 scheint weit hinter ihm zu liegen.

Bistro Piccolo Romantica, Frühjahr 2008 . Mehmet Kemal hat in Zelle 221 nie Familienfotos aufgehängt. " Männer sind Schweine", sagt er. Kemal wollte vermeiden, dass seine Mutter oder seine Schwester zu Sehnsuchtszielen seiner Mitinsassen würden. An seinen Wänden klebten Poster des kurdischen Schauspielers Yilmaz Güney. " Das ist mein Reich", sagt er. Kemal redet von Zelle 221, als lebe er noch immer dort. Dabei ist er seit sieben Jahren draußen, in Freiheit.

Als Treffpunkt hat er einen Imbiss in Berlin-Kreuzberg gewählt. Nur ein paar hundert Meter von dem Ort entfernt, wo er die Tat beging, die sein Leben veränderte. Kemal ist 28 und ringt mit seinen Worten. Er will nichts Falsches sagen oder zu viel von sich preisgeben. Erst vor Kurzem hat er sich wieder bei dem Psychologen Abram gemeldet, um ihm zu sagen, dass er nun eine ABM-Stelle als Sozialarbeiter in einem Jugendzentrum habe. Mehmet Kemals Geschichte könnte eine Erfolgsgeschichte werden.

Kemals Eltern sind vor mehr als 30 Jahren von Anatolien nach Deutschland ausgewandert. Mehmet wuchs in Kreuzberg auf. " Einer meiner Cousins war eine große Nummer im Viertel. Ich wollte nicht in seinem Schatten stehen. Ich wollte, dass mit meinem Namen Taten verbunden werden."

Kemal hat immer zu seinem Vater aufgeblickt, einem Taekwondo-Meister. Kemals Eltern waren bemüht, ihn unter Kontrolle zu halten, aber der entzog sich. Nach der Grundschule kam er auf eine Gesamtschule im vornehmen Berliner Süden. Aber Mehmet Kemal fand diese Welt gefährlich fremd. Er bewaffnete sich, kaufte ein Klappmesser. Er weiß das Datum noch genau: der 3. Februar 1997. Er war damals 17 und ging mit zwei Freunden die Oranienstraße entlang. Ein Mann kam ihnen entgegen und lief einfach zwischen ihnen hindurch. Kemal fühlte sich provoziert. Fünfmal habe er zugestochen, sagte ihm später die Polizei. Fünf Stiche, ausgeführt mit großer Wucht.

Kemal schweigt einen Augenblick. " In unserer Familie passiert so was nicht", sagt er. In der Untersuchungshaft zertrümmerte er einen Spiegel, er konnte sich selbst nicht mehr sehen.

Kemal wurde zu sieben Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt. Im Knast habe er lernen müssen, sich neu durchzusetzen. " Wenn du dich einmal bückst, stehen zehn hinter dir." Bücken bedeutet, sich zu unterwerfen. Er war jetzt Nummer 130987. " Drinnen ist alles monoton. Immer dieselben Farben, nie ein freier Blick. Aber das Schlimmste ist, dass ständig jemand neben dir steht, der bestimmt." Aus dem Gefängnis habe er an die Mutter des Opfers geschrieben, sie habe ihm nicht geantwortet.

Nachdem Kemal zwei Drittel seiner Haft abgesessen hatte, wurde er vorzeitig entlassen. Der Psychologe Abram hatte eine gute Prognose abgegeben, die er so zusammenfasst: "Er ist im falschen Viertel groß geworden, hat aber eine stabile Familie." Draußen bemühte sich Mehmet Kemal um Arbeit, in Haft hatte er eine Ausbildung zum Zweiradmechaniker abgeschlossen. Er stellte sich in verschiedenen Werkstätten vor, aber irgendwann kam immer die Frage: "Und wo haben Sie gelernt?" Wenn Kemal darauf antwortete, konnte er sehen, wie das Interesse im Gesicht des Gegenübers erlosch. Er schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch bis zu seiner jetzigen ABM-Stelle. Sie endet bald. Dann wird er wieder um Vertrauen bitten müssen.

Zelle 221, Spätsommer 2008 . Daniel Koch und Gavin Jones sitzen auf dem Bett in Zelle 221, gemeinsam zählen sie die "Toten": wie viele Menschen von den Insassen ihrer Wohngruppe "draußen" umgebracht wurden. Sie kommen auf sieben oder acht, so genau können sie das nicht feststellen. Jones sieht sich in seiner alten Zelle um, sein Blick fällt auf ein Gedicht, das Koch an seinen Schrank geklebt hat: Krank von Erich Fried. Koch kennt es noch aus der Schule:

"Wer gegen die Gesetze dieser Gesellschaft

nie verstoßen hat und nie verstößt

und nie verstoßen will

der ist krank"

Eigentlich sollte dieses Treffen mit Gavin Jones draußen sein, in der Freiheit. Aber Jones ist zurück im geschlossenen Vollzug, zurück in Haus 2, allerdings nicht in seiner alten Zelle. Jones hat jetzt einen Haftraum auf der "schlechten" Seite, dort, wo die Gebäude dicht nebeneinander stehen und sie kein Baum vor der Sonne schützt. Eine gute Zelle, schattig und leise, muss er sich erst wieder verdienen. Welche Zelle ein Gefangener bekommt, zeigt auch seinen Status an: wie weit seine "Erziehung" vorangeschritten ist.

In einer Juninacht hat Gavin Jones seine Freiheit verwirkt, wieder einmal. Freunde boten ihm in einer Bar Kokain an. Schon am darauf folgenden Tag wurde er in Handschellen wieder in den geschlossenen Vollzug gebracht, eine Urinprobe hatte ihn überführt. Auch zur Schule darf Jones jetzt nicht mehr hinaus. Er sitzt in seiner Zelle, liest Krimis und fühlt sich unfair behandelt. " Ich habe nur eine Nase gezogen, und gleich wird mir alles weggenommen." Die Einschätzung des Psychologen Abram klingt nicht gut: "Nach diesem Rückfall sehe ich keine gute Prognose für ihn."

Gavin Jones hat noch anderthalb Jahre vor sich. Er hofft, dass seine Freundin draußen weiter zu ihm hält. Und er träumt viel vom Jenseits, so wie es der Koran beschreibt. Es gebe da eine Stelle, wo einer sage, er möge nicht zurückkehren in die öde Welt. " Dann weiß ich, wie schön es dort ist."

Zelle 221, Herbst 2008 . Daniel Koch schwingt einen Stuhl über die Badtür, hängt sich daran und macht Klimmzüge. Er hat noch ein Jahr "Nachschlag" bekommen, wie er sagt, ein Jahr mehr wegen der "Unterdrückungsgeschichte". Gemeinsam mit vier anderen Häftlingen quälte er zwei Mitinsassen. Sie mussten Kochs Essenschüsseln putzen und die Zelle sauber machen. Wenn sie sich wehrten, wurden sie verprügelt. Warum? " Die haben es zugelassen", sagt Koch. Es ist ein ständiges Machtspiel, jeder muss beweisen, dass er kein Opfer ist. Als Beamte die beiden Häftlinge unter der Dusche mit blauen Flecken entdeckten, kam alles heraus.

Daniel Koch fürchtet sich davor, wieder die Kontrolle zu verlieren. " Man muss sich hier hart durchsetzen." Wenn zum Beispiel jemand zu ihm sage: "Fick deine Mutter", raste er noch immer aus. " Wer sich nicht wehrt, zeigt den anderen, dass er keine Ehre hat." Also hält sich Koch lieber abseits, versucht, nicht aufzufallen.

Demnächst wird seine Mutter ihn besuchen. Sie darf zwei Stunden bleiben. Sie werden im Besuchsraum der Haftanstalt sitzen, und Koch wird nach Worten suchen. Er findet, zwei Stunden seien zu lang. Es passiert ja nichts im Knast, vor allem nichts Schönes. Sein Vater kommt nie, er schreibt ihm auch nicht. Er ist aus seinem Leben verschwunden.

Die Gedanken an draußen, sie kommen nun öfter. " Der Knast hat mich verändert. Ich werde mein Leben anders aufbauen", sagt Koch. Nach seiner Entlassung hat er vor, Berlin zu verlassen und nach Bayern zu ziehen. Er träumt davon, sich mit einer Tischlerei selbstständig zu machen. Den Kontakt zu seinen Mitinsassen will er abbrechen. Zu viele schlechte Einflüsse. An Jörg Abram, den Psychologen, wird er vielleicht eine Karte schreiben. Aber nur, wenn er es geschafft hat.

Büro des Gefängnisleiters, Winter 2009 . Marius Fiedler sagt, es sei sehr schwer, Prognosen für die Zukunft von jugendlichen Häftlingen abzugeben. " Sie entwickeln sich sprunghaft." Einmal habe er einem Insassen eine schlechte Einschätzung geschrieben, und der sei nie wieder auffällig geworden. " Man muss das richtige Strafmaß finden - nicht zu hart und nicht zu mild. Aber das Gefängnis ist mitnichten der beste Ort für die Entwicklung von Jugendlichen." Fiedler ist froh, wenn ein paar Häftlinge in Plötzensee einen Abschluss schaffen, und manchmal ist er auch schon froh, wenn sie wenigstens zum Zahnarzt gehen, bevor sie entlassen werden. Die Rückfallquote bleibt hoch. Was hilft? " Bildung, Bildung, Bildung."

Daniela Hosser vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, Projektleiterin der Studie Entwicklungsfolgen der Jugendstrafe, hat sich seit 1997 mit insgesamt 2400 Häftlingen beschäftigt und kommt zu dem Schluss: "Entgegen gesellschaftlichen Erwartungen und Hoffnungen ist die Jugendstrafe selbst für das Gros junger Männer kein Anlass für einen tiefgreifenden Einstellungs- und Verhaltenswandel." Fiedler reagiert auf diese Aussage verstimmt: "Was heißt tiefgreifend? Welche Hoffnungen hatte man da? Wir können die Jugendlichen nicht umkrempeln. Mein Hauptziel ist es, dass sie nicht mehr straffällig werden."

Es gibt oft Augenblicke, in denen Marius Fiedler verzweifeln könnte, meist dann, wenn seine "übergeordnete Behörde" oder Politiker nach einer grausigen Geschichte in den Boulevardzeitungen schärfere Maßnahmen gegen kriminelle Jugendliche fordern. In diesen Momenten versucht er, an Fälle zu denken, die gut ausgegangen sind, an den Häftling, der jetzt im Nachwuchskader der Fußballbundesliga spielt, oder an jenen, der inzwischen eine große polnische Zulieferfirma für die Automobilindustrie leitet. Fiedler weiß, das sind Ausnahmen. Er bemüht sich, bescheiden zu sein. Ihm würde reichen, wenn der "Resozialisierungsgedanke" wieder mehr Akzeptanz fände. Bisher gibt es keine Alternative zum Strafvollzug, um jugendliche Kriminelle zu bestrafen. " Aber alle Gefangenen sind früher oder später wieder unsere Nachbarn. Und wir müssen versuchen, sie zu halbwegs verträglichen Nachbarn zu machen."

Fiedler hat ein Stehpult vors Fenster geschoben und eine Couch gekauft, von seinem eigenen Geld. Nun sieht sein Büro aus wie ein Wohnzimmer. Die meiste Zeit verbringt Fiedler im Gefängnis, auch Weihnachten feiert er im Knast. Mit 65 muss er in Pension gehen, er fürchtet sich schon etwas davor. Die verordnete Untätigkeit erscheint ihm wie eine Strafe.

Café im Kino Alhambra, Winter 2009 . Mehmet Kemal muss gleich auf seinen fünfjährigen Sohn aufpassen. Er teilt sich das Sorgerecht mit seiner früheren Freundin. Wenn er mit seinem Sohn zusammen ist, dann nimmt er sich vor, den Verlockungen nicht zu erliegen, die Verbindungen von früher ruhen zu lassen. Seine ABM-Stelle gefällt ihm. Da ist er nicht nur der "Exknacki", nicht der "Totschläger", den alle argwöhnisch beobachten. " Im Inneren bin ich kein schlechter Mensch", sagt Kemal.

Vor Kurzem hat er zehn "Problem-Jugendlichen" sein erstes Antiaggressionstraining gegeben. Er hat zwei Stunden über sich geredet: dass man mit 17 zu jung ist, um ein Messer zu tragen. Dass er damals keine sinnvolle Beschäftigung hatte, keine Ziele. " Ich wollte nur Respekt, so schnell wie möglich."

Vor den Augenblicken innerer Aufruhr graut ihm noch immer. Kemal lebt in steter Furcht, einen Fehler zu begehen. Schon eine rote Fußgängerampel, die er nicht beachtet, kann eine Gefahr sein. " Eine Anzeige, und ich bin wieder weg." Nach sieben Jahren in Freiheit wirkt Mehmet Kemal oft wie ein Mann am Abgrund, der sich doch immer wieder gegen den letzten Schritt entscheidet.

Manchmal überlegt er, wie sein Leben verlaufen wäre ohne diese Tat, ohne das Gefängnis: "Wo wäre ich jetzt? Hätte ich einen Sohn?" Er kann die Fragen nicht beantworten. Hat die Haft etwas bei ihm bewirkt? " Es tut mir leid, dass ein Mensch gestorben ist, aber man kann diesen Tod nicht sühnen." Er sieht das Gefängnis als letzte "Sozialmaßnahme" für eine Tat, die er nicht wiedergutmachen kann.

Beim Abschied sagt Mehmet Kemal, dass er sich ab und zu nach dem Gefängnis sehne, nach seiner alten Zelle 221. Nach dieser Ruhe. Man gebe alle Verantwortung ab, habe dann auch "keine Kopfschmerzen mehr". Es ist, als übernähmen andere das Leben für einen. " Manchmal denkst du gar nicht mehr an draußen", sagt Mehmet Kemal.

Frühjahr 2009 . Daniel Koch wird in diesem Jahr das Gefängnis wahrscheinlich zum ersten Mal für ein paar Stunden verlassen dürfen. Gavin Jones besucht nun die Schule in der JVA Tegel, Deutschlands größtem Männerknast. " Er hat sich gefangen", sagt der Psychologe Abram. Seit Januar hat er wieder Haftlockerung und darf an den Wochenenden für zehn Stunden raus. Mehmet Kemal ist wieder arbeitslos geworden und will demnächst eine Ausbildung zum Erzieher beginnen. Wenn das Arbeitsamt es ihm erlaubt.

Hilfe vor Strafe

In Deutschland gibt es 27 Jugendstrafanstalten mit etwa 7500 Häftlingen. Dort sitzen jugendliche und heranwachsende Straftäter bis zum 24. Lebensjahr ein. Etwa die Hälfte von ihnen wurde wegen Gewalttaten verurteilt. Noch im Kaiserreich wurden jugendliche Delinquenten als "kleine Erwachsene" behandelt, die Geschichte eines selbstständigen Jugendstrafrechts beginnt erst 1923 in der Weimarer Republik.

In Jugendstrafanstalten wird großer Wert auf Ausbildung und Unterstützung der Gefangenen gelegt. Der Erziehungsgedanke steht im Mittelpunkt, weil der Gesetzgeber davon ausgeht, dass Jugendliche durch pädagogische Maßnahmen positiv beeinflusst werden können. Gefängnisstrafen dürfen nur dann verhängt werden, wenn zuvor Erziehungsmaßnahmen beim Täter nichts genützt haben. Dazu zählen Arbeitsstunden in gemeinnützigen Einrichtungen oder soziale Trainingskurse. Gefängnisstrafen kommen auch infrage, wenn eine besondere Schwere der Schuld festgestellt wird, bei Kapitalverbrechen beispielsweise.

"Die Gefangenen sind in der Entwicklung ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten so zu fördern, dass sie zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Lebensführung in Achtung der Rechte anderer befähigt werden", heißt es im Berliner Strafvollzugsgesetz. Dieses Ziel wird allerdings selten erreicht: 80 Prozent der jugendlichen Straftäter werden nach ihrer Entlassung rückfällig. " Je härter die verhängte Sanktion, desto höher sind die Rückfallraten", stellt der Zweite Periodische Sicherheitsbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2006 fest. Die Integration in die Gesellschaft gelingt nach einem Aufenthalt im Gefängnis schlechter als bei milderen Strafen. Einen Job zu finden fällt dann oft sehr schwer.

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Jana Simon


Jana Simon wurde 1972 in Potsdam geboren und wuchs in Ostberlin auf. Sie studierte Osteuropawissenschaften, Politologe und Publizistik in Berlin und London. Von 1998 bis 2004 war sie Reporterin beim „Tagesspiegel“ in Berlin. Für ihre Reportagen erhielt sie den Alexander-Rhomberg-, den Axel-Springer-Preis und den Theodor-Wolff-Preis und 2008 den Transatlantischen Journalistenpreis. 2002 erschien ihr Buch „Denn wir sind anders. Die Geschichte des Felix S.“ bei Rowohlt/Berlin und 2004 der Reportageband „Alltägliche Abgründe“. Seit 2004 ist Jana Simon Autorin bei der „Zeit“ in Berlin.
Dokumente
Die Jungs aus Zelle 221 (PDF)

erschienen in:
Die ZEIT,
am 16.04.2009

 

Kontakt: Reporter Forum e.V. | Sierichstr. 171 | 22299 Hamburg