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20.11.17

Prämierte Texte

Juan Moreno „Ein ordentlicher Hurensohn

Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.

Der Mann, der den Regenwald retten soll, trägt ein weites, kurzärmeliges Hemd, das wenig knittert. Er fährt einen Kleinwagen und hält einen braunen Aktenkoffer fest, in dem er sauber beschriftete Mappen aufbewahrt. Die Schuhe des Mannes sind geputzt, die Bügelfalten seiner Stoffhosen makellos. Der Mann, der den Regenwald retten soll, könnte auch Haushaltswaren an deutschen Wohnungstüren verkaufen.

Roberto José Scarpari hat seinen grauen VW Fox auf dem Vorhof der Ibama-Zentrale geparkt, der Umweltschutzbehörde in Brasilien. Um neun beginnt sein Dienst. Scarpari ist pünktlich. Er ist immer pünktlich, ein freundlicher Herr mit unreiner, heller Haut und kleinen, wachen Augen. Der Hof der Ibama ist vollgestellt mit Holzstämmen, Holzbohlen und Brettern verschiedener Größe. Es gibt kaum freie Stellen. Alles, was hier steht, ist konfisziert, alles illegal geschlagenes Edelholz. Scarpari hat viel gearbeitet in den vergangenen Wochen.

Heute früh hat er einen Tipp bekommen. Eine Gruppe Männer soll in der Gegend Harthölzer schlagen. Scarpari sagt, er werde zwei, vielleicht drei Tage brauchen, um sie zu finden. Er wartet auf die Männer, die ihn begleiten sollen, auf Verbündete.

Auf dem Hof stehen bisher aber nur Gegner. Waldarbeiter, die an diesem Tag gekommen sind, um sich Abholzgenehmigungen zu holen. Ein kräftiger, bulliger Mann, dem zwei Schneidezähne fehlen, schaut Scarpari an wie einen Eindringling. Umweltbeamte im Amazonas-Gebiet, die ihre Arbeit ernst nehmen, sind in einer Gegend, in der die Menschen vom Holz leben, nicht sehr beliebt, und Scarpari wird gehasst.

Roberto José Scarpari hat die Aufgabe, Brasiliens Holzmafia zu jagen. Er soll die Banden aufhalten, die mit Kettensägen und Bulldozern den Regenwald zerstören. Dafür hat ihn die Umweltschutzbehörde hierhin versetzt. Seit anderthalb Jahren ist Scarpari in Altamira, das im Bundesstaat Pará liegt, mitten im brasilianischen Regenwald.

Wahrscheinlich ist es einer der miesesten Jobs, den die Leute aus Brasília zu vergeben haben. Pará, zweitgrößter Bundesstaat Brasiliens, zweimal so groß wie Frankreich, wird "terra sem lei" genannt, Land ohne Gesetz. 40 Prozent der Holzproduktion, 60 Prozent des Holzexports Amazoniens stammen von hier. Nirgendwo sonst ist in den vergangenen Jahren so viel Regenwald zerstört worden, meistens illegal. In Pará treffen schwerbewaffnete Holzdiebe auf Gesetze, die niemand durchsetzt.

Scarpari ist nicht nur für Altamira zuständig, dessen Gemeindegebiet größer ist als England. Er soll, darüber hinaus, über eine Region von 250 000 Quadratkilometern wachen. Über eine Fläche, in die dreimal Österreich passen würde.

15 Beamte, drei Geländewagen und bei Bedarf einen Hubschrauber hatte man Scarpari versprochen, als er den Job antrat. Es hörte sich gut an. Die Wirklichkeit ist, dass mittlerweile sechs seiner Mitarbeiter wegen Korruptionsverdachts vor Gericht stehen, zusammen mit seinem Vorgänger, dem ehemaligen Ibama-Chef von Altamira. Außerdem ist einer der Geländewagen meistens kaputt, und den Hubschrauber sieht Scarpari nur, wenn jemand aus der Hauptstadt Brasília einfliegt.

Brasilien soll etwas tun gegen die Abholzung. Die Welt appelliert an die Verantwortung des Landes für das Weltklima, vor allem Europa, das seine Urwälder schon vor Jahrhunderten abgeholzt hat.

Zur Beruhigung des globalen Umweltbewusstseins sendet Brasiliens Regierung immer mal wieder kämpferische Nachrichten in die Welt; schnürt Maßnahmenpakete, wenn der Druck wächst; oder lässt, wie im vergangenen Jahr, Hunderte Polizisten in den Regenwald los, die dann in Operationen mit entschlossenen Namen ("Feuerring") für Recht und Ordnung sorgen, angeblich.

Die Wirklichkeit wird eher von Zahlen abgebildet: 20 Prozent des brasilianischen Regenwalds sind unwiederbringlich weg, weitere 20 Prozent sind durch Einschlag schwer beschädigt. Es sind Zahlen, die für Anarchie sprechen. Wenn man Roberto José Scarpari ein paar Tage lang bei der Arbeit begleitet, bekommt man ein Bild davon, wie die Kräfteverhältnisse wirklich sind am Amazonas, ob der Regenwald eine Chance hat oder nicht.

Scarpari hat auf einem großen Tisch Frachtpapiere ausgelegt, die er vor ein paar Tagen bei einer Kontrolle auf der Transamazônica eingesammelt hat, der staubigen Fernstraße, die sich durch das Amazonas-Gebiet zieht. Scarpari zeigt auf ein Papier und sagt: "Eigentlich gut gemacht." Ein weißer Bogen mit Stempeln, Wappen und Unterschriften. Er ist für das Fahrzeugmodell XR 250 ausgestellt, angeblich ein Lastwagen mit 18 Tonnen Zuladung. Ein XR 250 ist aber kein Lastwagen, sondern ein Geländemotorrad von Honda.

So wie die Holzdiebe Frachtpapiere nachmachen, fälschen sie auch Eigentumsurkunden. Manche legen sie in Kisten mit Heuschrecken, um sie älter aussehen zu lassen. Es dauert Monate, manchmal Jahre, bis eine Behörde geprüft hat, ob die Papiere echt sind. Und falls sich die Urkunden als Fälschung herausstellen, klagt der Holzfäller. Bis ein Gericht entschieden hat, ist jeder Kubikmeter Holz, der sich auf dem Land zu Geld machen lässt, fort. Wer sollte das verhindern? Scarpari und die anderen neun?

Scarpari ist Agraringenieur, er stammt nicht aus der Gegend. Er will Karriere machen in der Umweltbehörde. In Altamira aufgeräumt zu haben kann gut für die Karriere sein. Es dauerte ein bisschen, bis Scarpari merkte, dass es schwierig werden könnte. Bis er merkte, wie viele Gegner er haben würde.

José Belarmino di Souza nennt Scarpari "einen verdammten Hurensohn". Berlarmino ist Vater von drei Kindern, zwei von ihnen sitzen hinter ihm auf der weißen Honda, er bringt sie gerade zur Schule. Am Lenker hängt eine Krücke. Belarmino hat nur ein Bein. Vor acht Jahren verlor er das andere beim Entladen eines Holzlasters, die Stämme waren schlecht gesichert, einer löste sich. Es musste knapp über dem Knie amputiert werden. Auto kann Belarmino nicht mehr fahren, Motorrad geht.

Belarmino trägt ein beigefarbenes T-Shirt und eine dunkle Hose, die ihm seine Frau umgenäht hat, damit man den Beinstumpf nicht sieht. Er ist 35 Jahre alt, ein herrischer, lauter Mann, dessen Hände beim Sprechen nur selten stillstehen. Seit 26 Jahren arbeitet er für seinen Chef. Belarmino hat nie etwas anderes gemacht, als mit illegal geschlagenem Holz zu arbeiten. Das Dorf hätte keine Straße, wenn es seinen Chef nicht gäbe, sagt er.

Vor einem halben Jahr machte Scarpari das Sägewerk dicht, in dem Belarmino arbeitete. Es liegt in Pontau, einem winzigen Dorf, hundert Kilometer nördlich der Transamazônica, mehrere Autostunden von der Zentrale der Umweltschutzbehörde entfernt. Pontau besteht aus ein paar Hütten, es gibt keinen Strom, keinen Arzt, nicht mal eine öffentliche Straße, die meisten Kinder im Dorf haben Malaria. Es gibt nur einen illegalen Pfad, den Belarminos Chef in den Urwald geschlagen hat.

Bäumeabholzen ist die einzige Arbeit, die es in Pontau gibt. Die Menschen hier würden ohne Arbeit nicht verhungern, Maniok, Pfeffer, Kakao, Mango, sogar Kaffee wächst, der Fluss ist voller Fische. Aber sie wollen Kühlschränke, Videorecorder, einen Arzt, der sich um die Kinder kümmert, die Malaria haben.

"Am Tag, an dem dieser verfluchte Hurensohn das Sägewerk zugemacht hat, habe ich kein Geld verdient", sagt José Belarmino di Souza.

Es war nur ein einziger Tag, aber Belarmino hat ihn nicht vergessen. Kurz nachdem Scarpari weg war, wurde das Sägewerk wieder in Betrieb genommen, es arbeitete einfach weiter, so wie es acht Jahre lang gearbeitet hatte. In der Regenzeit ist das Werk von der Außenwelt abgeschnitten, Scarpari kann es gar nicht kontrollieren. Seit acht Jahren wird hier illegales Holz zugeschnitten.

"Was sollen wir denn sonst tun?", fragt Belarmino, der sich an das Motorrad gelehnt hat. "Gibt mir Ibama Arbeit, tut Ibama das?" Belarmino schlägt mit der Krücke auf den Boden. "Hurensöhne, verfluchte."

Roberto José Scarpari steht inzwischen mit vier Militärpolizisten und seinem Ibama-Kollegen Pedro Mesquita auf einem Parkplatz in Anapu. José, Sebastião, Aldimir und Wester, die vier Polizisten, tragen grüne Uniformen, dazu schusssichere Westen und Schnürstiefel. Sie schwitzen, es ist ein heißer, schwüler Tag. An Scarparis Gürtel pendelt eine 38er. Die Polizisten halten ihre israelischen Maschinenpistolen im Anschlag.

Zwei bis drei Tage werde es dauern, hatte Scarpari gesagt. Sie gehen Holzdiebe jagen.

Das Dorf Anapu besteht aus einem kurzen Streifen asphaltierter Transamazônica, heruntergekommenen Häusern, Lkw-Werkstätten und wenig mehr. Die Bank, die es mal gab, wurde 2006 ausgeraubt und nie wieder eröffnet. Am Anfang des Dorfes steht eine Tankstelle. Tagsüber parken 12, 14, manchmal mehr Lastwagen auf dem Gelände. Alle unbeladen. Scarpari sagt: "Die fahren das Holz nur noch nachts."

Es klingt nach einem kleinen Sieg. Früher wurde auch am Tag transportiert. Es interessierte niemanden. Seit Scarpari da ist, haben sich die Arbeitszeiten für Lkw-Fahrer in Altamira geändert.

Die Gruppe steigt in die Wagen. Kurz nach Anapu steigen zwei junge Männer ein. Sie kennen den genauen Ort der Rodung. Sie arbeiten für einen Großgrundbesitzer, dem das Land rechtmäßig gehört. Da, wo gerade das Holz geschlagen wird, darf nicht mal der Eigentümer Bäume fällen.

"Wie viele sind es?", fragt Sebastião. Er ist seit fünf Jahren bei der Militärpolizei.

"Sie wüten schon seit ein paar Monaten und schaffen jede Nacht riesige Baumstämme raus. Dutzende Lastwagen, Tag für Tag", sagt einer der beiden.

"Wie viele?"

"Über 30. Schwerbewaffnet, Pistolen, Gewehre, alles Mögliche."

Sebastião sortiert seine Munition. José, sein dünner Kollege, der bisher kubanische Revolutionslieder gehört hatte, steckt die Kopfhörer weg. Sebastião hat drei Magazine mit jeweils 30 Schuss. José zwei Magazine. Die anderen beiden in dem zweiten Wagen vermutlich noch mal so viel. "Und Scarpari hat nur die 38er?", fragt Sebastião.

Sein Kollege José nickt.

Sebastião zählt die Munition erneut. Die anderen sind über 30 und schwerbewaffnet, sie sind zu viert und haben ziemlich genau 306 Schuss.

"Das ist zu wenig."

Seit Anfang der siebziger Jahre sind fast 800 Menschen in Pará, dem Land ohne Gesetz, von der Holzmafia oder Großgrundbesitzern ermordet worden; Menschenrechtler, Umweltaktivisten, Landarbeiter, Geistliche. In all den Jahren kam es zu genau drei Verurteilungen.

Eigentlich haben die Männer im Wald kein Interesse daran, jemanden wie Scarpari zu erschießen. Ihre Waffen tragen sie eher zum Schutz gegen andere Banden oder um die Eigentümer der Bäume zu bedrohen. Scarpari ist ein Bundesbeamter. Das wagen sie nicht, hatte Scarpari auf dem Parkplatz gesagt.

Scarpari und die Männer verlassen die Transamazônica. Ein schmaler Weg windet sich Richtung Norden durch Weideflächen. Es ist schwer zu glauben, dass hier mal Regenwald stand. Auf den Kuppen der Hügel erkennt man noch große, verkohlte Paranussbäume, die nicht umgefallen sind. Einige der Flächen brennen noch immer. Feuer ist die schnellste Art, Land zu roden. In einiger Entfernung grasen indische Kühe. Sie vertragen die Hitze im Amazonas-Gebiet besser als argentinische Angus-Rinder. Man sieht keine Menschen.

Sebastião schaut aus dem Fenster. "Wer hier als Fremder ohne Waffe aussteigt, begeht hundertprozentig Selbstmord." In der Gegend möge man keine Fremden. Fremde machen Scherereien.

Ein paar Minuten später stehen die zwei Autos vor einem verlassenen Lastwagen, einem alten Mercedes-Fabrikat. Er hat drei riesige Holzstämme geladen, je zwölf Meter lang. Brasilianische Zeder, ein Angelim Pedra und ein Massaranduba. Wert: 3500 Reais, schätzt Scarpari, über 1000 Euro. Aber er kennt die europäischen Preise nicht. Schlagzeugsticks aus Massaranduba-Holz kosten in Deutschland rund 40 Euro. Man kann sehr viele solcher Sticks aus einem zwölf Meter langen Stamm machen.

"Die können noch nicht weit sein. Der Motor ist noch warm", sagt Scarpari. Er läuft um den Lastwagen, auf dem Boden entdeckt er eine zertrümmerte Autobatterie. Offenbar hat der Fahrer den Lastwagen verlassen. Wer mit illegalem Holz erwischt wird und das Pech hat, an einen Beamten zu geraten, der sich ans Gesetz hält, muss seinen Lastwagen abgeben. Gesetz Nummer 9.605/98.

Scarpari hatte niemandem am Morgen gesagt, wohin sie fahren würden. Nicht den vier Polizisten, nicht seinem Kollegen Pedro. "Vielleicht hat uns jemand während der Pause in Anapu gesehen", sagt Pedro.

Scarpari fotografiert das Nummernschild, die Fahrzeugnummer und reißt einige Kabel aus dem Motorraum. Falls der Fahrer mit einer neuen Autobatterie zurückkommt, soll er nicht gleich losfahren können.

"Der Lastwagen ist illegal. Das Holz, das er transportiert, ist illegal. Die Wiesen hier dürfte es nicht geben, die Brandrodung vorhin war illegal, die Kühe sind illegal, sogar der verdammte Weg, auf dem wir stehen, ist illegal. Hier ist alles illegal", sagt Scarpari.

Der Pfad wird immer schmaler, die Autos kommen nur im Schritttempo voran. Nach 50 Kilometern kehrt langsam der Regenwald zurück. Man hört Affen und Vögel, die Baumkronen halten die Sonnenstrahlen ab. Immer wieder liegen kurz zuvor gefällte Stämme quer über dem Weg. Irgendjemand möchte nicht, dass die Männer weiterfahren.

Die Autos umkurven die Hindernisse, so lange, bis nach zwei Stunden ein Stamm den Pfad blockiert, der sich weder umfahren noch bewegen lässt. Der Stamm liegt da wie eine letzte Warnung. Es ist kurz vor sechs, langsam wird es dunkel. "Wir kommen morgen mit Kettensägen wieder", beschließt Scarpari. Der Baumstamm liegt da noch nicht lange. Die 30 Holzdiebe müssen in der Nähe sein. Nachts sollte man nicht in einer Gegend mit Holzdieben sein, nicht mit 306 Schuss.

Sie setzen zurück und fahren denselben Pfad zurück. José hört wieder Revolutionslieder, Sebastião denkt laut darüber nach, was wohl der Fußballer Ronaldo mit drei Transvestiten im Zimmer wollte, und die beiden Angestellten des Großgrundbesitzers dösen, es sieht aus wie die gemütliche Heimfahrt in den Feierabend. Aber es gibt keinen Feierabend im Land ohne Gesetz.

Die Geländewagen bremsen vor dem Lastwagen mit den drei Holzstämmen. Zwei Männer liegen darunter, mit Werkzeug in den Händen. José und Sebastião springen aus dem Auto, sie richten die Waffen auf die Männer und sehen nicht aus, als würden sie zögern zu schießen.

"Eure Hände will ich sehen", brüllt Scarpari. "Eure Hände!"

Sebastiãos Kollegen suchen die umliegenden Büsche nach Waffen ab.

Die beiden Holzdiebe erkennen, dass sie verloren haben. Sie legen ihre Hände auf den Kopf und stellen sich an den Laster.

Patrick ist 19 Jahre alt, Martin 22. Ein Mann habe sie angerufen und sie gebeten, den Lastwagen zu reparieren, sagen sie.

"Name des Mannes?", fragt Scarpari.

"Matacavalo oder so."

Der Pferdetöter?

"Das ist ein Spitzname."

"Ich kenne den Mann nicht. Ich bin nur ein Mechaniker, und das ist mein Lehrling."

Patrick und Martin sind aus Paracajá, einem kleinen Nest, zwei Stunden von hier. Natürlich wissen sie, wem der Lastwagen gehört, er gehört ihrem Chef. Sie sagen es nicht.

"Festnehmen", sagt Scarpari müde.

Mittlerweile ist es kurz nach zehn, und die Bilanz des Tages heißt: zwei Gefangene und ein Lastwagen Holz. Ein guter Tag für den Regenwald, ein schlechter Tag für Scarpari. Er weiß nicht, was er mit alldem machen soll. Der Lastwagen fährt nicht, ein Gefängnis, in das er die Jungs sperren könnte, gibt es hier nicht. Bis zur Zentrale nach Altamira sind es mindestens vier Stunden, und morgen will er eigentlich noch mal zu der Stelle mit dem großen umgefallenen Baum, obwohl er weiß, dass die Männer dann fort sein werden. Scarpari beschließt, Patrick und Martin in ein Sägewerk zu bringen, das er vor ein paar Monaten stillgelegt hat.

Er weiß, natürlich, dass er sie nie wiedersehen wird, aber irgendwie muss er sie bestrafen. Er ist das Gesetz, und wenn das Gesetz nicht richtig handeln kann, dann will es wenigstens so tun. Verbrecher in den Busch zu fahren und einfach auszusetzen ist besser, als Verbrecher einfach laufenzulassen, in dieser Logik denkt Scarpari. Als er im Sägewerk ankommt, sieht er, dass hier weiterhin illegales Holz verarbeitet wird.

Es ist jetzt mitten in der Nacht. Er lässt die beiden Verbrecher frei, er muss jetzt schlafen.

Wenn man Roberto José Scarpari eine Weile begleitet, wundert man sich nicht, dass sein Vorgänger im Gefängnis landete. Scarpari verbringt seine Nächte häufig in Hängematten, im Urwald, umgeben von Malariamücken und Holzbanden, die ihn am liebsten erschießen würden. Er müsste das nicht machen. Er könnte einfach in seinem Büro bleiben und nichts tun. Und nichts würde passieren. Die Leute wären wieder freundlich zu ihm. Und einige würden ihn sogar gut dafür bezahlen.

José Biancardi hat Scarparis Vorgänger gut gekannt. Die beiden Männer sind immer miteinander ausgekommen. Dann kam Scarpari und schloss das Sägewerk von Biancardi. Weil darin illegales Holz verarbeitet wurde. Weil Arbeiter beschäftigt wurden, die keinerlei Schutzkleidung trugen, die in Sandalen und kurzen Hosen an der riesigen Kreissäge standen.

Biancardi ist der Chef von José Belarmino, dem Einbeinigen.

Er hat tiefe Augenhöhlen, ein markiges Kinn. Nächstes Jahr wird er 50. Er sieht älter aus. Ein drahtiger Mann, der einen Satz flüsternd beginnen und brüllend beenden kann.

Er ist bekannt in Altamira. In einem Bericht, den Greenpeace Brasil einmal über die Abholzung in Pará verfasst hat, steht, dass Biancardi zu "hundert Prozent mit illegalem Holz" arbeite. Die Zeitung "O Liberal" aus Belém, der Hauptstadt Parás, wirft Biancardi vor, in den Mord an einem Umweltaktivisten verwickelt gewesen zu sein. Es hat wenig Sinn, Biancardi danach zu fragen, wie er seine Geschäfte macht.

"Alles, was ich mache, ist legal. Für mich arbeiten 400 Männer, alle legal." Er erzählt gern Geschichten darüber, was ein Habenichts aus Espiritu Santo, nördlich von Rio, in Amazonien erreichen kann, wenn er sich nicht zu schade ist für harte Arbeit. "100 Lastwagen, 30 000 Rinder. Nur mit dieser Hände Arbeit", sagt er.

Biancardi ist der Sohn italienischer Einwanderer, der viel darüber redet, woher er stammt. Er wohnt in einem sehr einfachen Haus in Altamira, nur ein paar Straßenkreuzungen von Scarparis Büro entfernt. Er trägt ein schmutziges Hemd, und für das Gespräch setzt er sich auf die Straße.

"Die sollten uns in Amazonien ein Denkmal setzen, stattdessen behandeln sie uns wie Dreck und stecken Millionen in die Repression", sagt Biancardi. "Die" sind die Regierung in Brasília, Ibama, Scarpari, eigentlich jeder, der fragt, woher er das Holz hat. "Wir", das sind Männer wie er, Patrioten, Unternehmer. Männer, die Amazonien aufbauen.

Was ist mit den ganzen illegalen Geschäften?

"Alles gelogen."

"Haben Sie Männer mit Waffen?"

"Nein, wozu sollte ich die brauchen?"

"Um die Menschen in Pontau zu bedrohen, wenn sie aufmucken."

"Das tue ich nicht. Ich kümmere mich um die Menschen dort. Fragen Sie die Leute, wer die Straße gebaut hat."

"Um das Holz zu transportieren."

"Um alles zu transportieren, auch Kranke. Wo ist der Staat?, frage ich. Wo? Er schickt Beamte, die mein Sägewerk zumachen, aber schickt er auch Ärzte? Nein. Der Staat existiert hier nicht."

Ein Mann wie José Biancardi ist das, was am Amazonas an vielen Orten einem Staat am ähnlichsten kommt. Wenn es einen richtigen Staat gäbe, wäre Biancardi kein reicher Mann. Aber es gibt in weiten Teilen Amazoniens keinen Staat, kein Gesetz. In Pontau gibt es nur einen Mann, der die Straße gebaut hat, Aspirin aus der Stadt mitbringt, einen Krüppel in seinem Sägewerk weiterbeschäftigt und deswegen die Regeln aufstellt. Und das ist er, José Biancardi.

Der Dieb bringt Arbeit, der Staat macht Ärger, vielleicht ist das das einzige Gesetz am Amazonas, das immer gilt.

Zwei Tage nach seiner Jagd auf die Holzdiebe sitzt Scarpari wieder in seinem Büro.

Die 30 Männer, die er vorgestern gesucht hatte, waren am folgenden Morgen natürlich weg. Er hat ein paar Kettensägen, etwas Benzin, ziemlich viel Cachaça, den brasilianischen Zuckerrohrschnaps, und eine Lichtung in der Größe eines Fußballfelds gefunden, die völlig verwüstet war.

Heute Morgen hat Scarpari erfahren, dass der Lastwagen mit dem illegalen Holz einem gewissen Antonio Mares Perreira gehört, Ausweisnummer: 318995522-00.

Senhor Mares Perreira ist ein sehr bekannter Mann. Es gibt in der Gegend Straßen, die nach ihm benannt sind. Bei den vorigen Kommunalwahlen ist Senhor Mares Perreira zum Stadtrat gewählt worden.

Roberto José Scarpari sagt, dass er mit so etwas gerechnet habe. "So war das immer, so wird das immer sein."

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Juan Moreno


Juan Moreno wurde am 6. Oktober 1972 in Huércal-Overa (Spanien) geboren. Er hat VWL in Konstanz, Florenz und Köln studiert. Nach dem Studium besuchte er die Deutsche Journalistenschule in München. Anschließend schrieb Moreno für die Süddeutsche Zeitung. Seit mehreren Jahren moderiert er eine Radiosendung beim Westdeutschen Rundfunk und eine politische Diskussionssendung bei Phoenix. Er schreibt regelmäßig für das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Sein Roman "Cindy liebt mich nicht" wurde 2010 verfilmt.
Dokumente
Ein ordentlicher Hurensohn (PDF)

erschienen in:
Der Spiegel,
am 06.04.2009

 

Kommentare

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