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27.03.17

Prämierte Texte

Guido Mingels „Keine Menschenseele

Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.

Ich beziehe mich auf Ihre Anfrage, in welcher Sie über mein Leben schreiben wollen. Im Grundsatz bin ich nicht abgeneigt. Wenn Sie mich besuchen möchten, sollten Sie vorgängig bei der Kanzlei der Anstalten Thorberg während der Bürozeiten das Besuchsformular verlangen und dieses mindestens 3 Tage vor dem Besuch an die Kanzlei zurücksenden. Monatlich stehen mir maximal 5 Stunden Besuchszeit zur Verfügung. Ich hoffe, diese bürokratischen Hürden sind für Sie kein Hindernis, und es würde mich freuen, bald wieder etwas von Ihnen zu hören. Mit freundlichen Grüssen,R. Hagen

Hagen Rolf, geb. am 05. 11. 1971, von Winterthur, Maler, später Berufsunteroffizier der Schweizer Armee, wird schuldig erklärt des vollendeten Mordes, begangen am 12. Juli 2004 in Donauwörth, Deutschland, zum Nachteil des Yildiz Murat, geb. 18. 06. 1989, 15 Jahre alt, Schüler, deutscher Staatsangehöriger; sowie des versuchten Mordes zum Nachteil des Wernicke Ramon, 14 Jahre alt, Schüler; sowie der strafbaren Vorbereitungshandlungen zu Mord;

Hagen Rolf wird in Anwendung der Art. 6 Ziff. 1, 11, 21 Abs. 1, 43 Ziff. 1 Abs. 2, 46 Ziff. 2, 63, 65, 66, 68 Ziff. 1, 69, 112, 260bis Abs. 1 StGB, Art. 386 Abs. 1, 396 Abs. 1 StrV

verurteilt

zu lebenslänglichem Zuchthaus, wo- bei die Sicherheitsverwahrung angeord-net wird und eine psychotherapeutische Behandlung durchzuführen ist. Hagen Rolf kehrt unter Annahme von Fluchtge-fahr zurück in den vorzeitigen Strafvollzug in die Anstalten Thorberg.





Hinter Mauern

Der Thorberg ist ein Hügel aus Sandstein am Rande der Gemeinde Krauchthal, nahe Bern. Eine Strasse voller Kurven führt hinauf. Aus der Ferne sieht das Gefängnis aus wie eine mittelalterliche Burg. Die alten Mauern von neuen umgeben, alles mit Nato-Draht bewehrt. Ein erstes stählernes Gitter, eine Gegensprechanlage, bitte in die Kamera blicken. Mit einem Surren springt die mächtige Tür auf. In der Eingangsschleuse zwei Polizisten hinter Glas, Ausweis bitte. Was nicht benötigt wird ins Schliessfach, Handy, Portemonnaie, Schlüsselbund, Tasche. Ein Metalldetektor wie am Flughafen, es piepst. Schuhe ausziehen bitte. Es piepst. Gürtel ausziehen bitte. Besucher-Badge gut sichtbar montieren. Herr Aufdermaur wird Sie in den Besucherraum begleiten. Kopfsteinpflaster im Innenhof, Bohrgeräusche aus der Anstaltsschreinerei. Ein paar Stufen runter, ein Zimmer mit fünf Tischen. In einer Holzkiste in der Ecke liegen Plüschtiere, falls Kinder zu Besuch kommen.

An der hinteren Wand sitzt ein Mann, mit offenem Mund. Er erhebt sich und streckt die Hand zum Gruss.

«Haben Sie den Weg gut gefunden?»

Rolf Hagen kommt in Winterthur zur Welt, der Vater ist Betriebsdisponent bei den SBB, die Mutter, eine gelernte Coiffeuse, führt den Haushalt. Es gibt eine ältere Schwester. Er besucht die Volksschulen, Lieblingsfächer Werken und Sprachen, er macht bei den Pfadfindern und den Verkehrskadetten mit. Der Vater verlässt die Familie, als Rolf zehn Jahre alt ist. Nach einer Malerlehre arbeitet er fast zehn Jahre als Nachtwächter bei der Securitas. Nach der RS macht er weiter bei der Armee, bringt es zum technischen Feldweibel. Erste eigene Wohnung in Winterthur, dann Umzug nach Hofstetten, aufs Land, weil es dort besser ist für seinen belgischen Schäferhund, Sascha. Später Umzug nach Heimberg bei Thun, in die Nähe der Kaserne Jassbach, die Armee will ihn behalten, er wird Berufssoldat. Instruktor bei den Übermittlungstruppen, ein Experte für die Störung feindlichen Funkverkehrs. Dann fährt Rolf Hagen eines Montags im Jahr 2004 mit seinem Landrover Discovery nach Deutschland, um gemeinsam mit einem Mittäter einen 15-jährigen Jungen hinzurichten.

«Mein Leben», sagt Hagen, «hat auf einer halben Seite Platz.»

Er hat ein Gesicht, das man sich nicht merken kann. Die leichten Hängelider verleihen seinem Blick etwas Schläfriges. Der Bart um die jungenhaft runden Wangen ist erst im Gefängnis gewachsen und passt nicht zu ihm. Wenn er lacht, was er manchmal grundlos tut, bilden sich Fältchen auf seinen Schläfen und in der unteren Zahnreihe zeigt sich ein schief stehender Schneidezahn. Er trägt die braune Anstaltshose und über einem alten Pullover eine Sportjacke mit einem Aufnäher, BUSA, Berufsunteroffiziersschule der Armee, Herisau. Er ist gross und füllig, die Stimme tief und melodielos, sein Händedruck ist unbegreiflich warm und schwer.

«Worüber wollen wir reden?»

Eine Gruppe von Reitern findet Murat Yildiz, 15 Jahre, aus Asbach-Bäumenheim, am Freitag, dem 16. Juli 2004, im Waldstück Enderlesholz bei Donauwörth-Wörnitzstein. Die Gerichtsmediziner beschreiben auf 35 Seiten die Leiche eines Jugendlichen, Körpergewicht 66 Kilo, Körperlänge 166 Zentimeter. Sie zählen und nummerieren dreissig Stichwunden, dem Opfer zugefügt durch ein Bajonett der Schweizer Armee, verteilt auf Hals, Brust, Bauch, Genitalregion und Rücken. Der Stichkanal von Wunde Nr. 24 ist von der Hautdecke bis zu den Lungenverletzungen 13 Zentimeter lang, vierzehnmal wurde in dieselbe Wunde nachgestochen. Sie notieren «Hautrötungslinien am Hals mit perlschnurartiger Kontur wie von einer Halskette»: Spuren des Erdrosselns. Sie finden 1,2 Liter Blut im Brustraum rechts und 0,7 Liter im Brustraum links. Sie vermerken Hinweise für eine Fesselung. Sie übergeben den Ohrring vom linken Ohr dem anwesenden Kriminalbeamten und messen das Gewicht des Herzens: 333 Gramm.

Sechs Wochen nach der Tat, am 27. August 2004, wird Hagen in der Kaserne Herisau festgenommen, seither befindet er sich in Haft, im April 2006 ergeht das Urteil. In den vier Jahren seit seiner Verhaftung ist dieser Mann, der sich in seinem ganzen Leben kaum je einen Gedanken über sich selbst gemacht hat, bis ins Innerste durchleuchtet worden. Dutzenden Polizisten, Ermittlern, Anwälten und Richtern erzählt er seine Geschichte. Er unterhält sich während mehr als hundert Therapiestunden mit mehreren Fachleuten und Professoren des forensisch-psychiatrischen Dienstes der Universität Bern. Psychologen testen seine Denk- und Abstraktionsfähigkeit, sie messen seine Depressivität, seine empirisch abgrenzbaren Persönlichkeitsmerkmale, seine sozial rele- vanten Verhaltensbereitschaften, seine Konfliktbewältigungsstrategien. Sie wollen herausfinden, wie es Rolf Hagen möglich war, eine Tat zu begehen, welche die Richter in ihrer Urteilsbegründung als «heimtückisch, listig, skrupellos», «äusserst verwerflich» und «unvorstellbar grausam» bezeichnen.

Hagen sieht dem Besucher unablässig in die Augen. Er sagt: «Ja, es war schon ziemlich extrem, das stimmt. Es war schon sehr rabiat.»

Der Einzelgänger

Von Anfang an gesteht Rolf Hagen alles, verschweigt nichts. Jeder, der mit ihm zu tun hat, ist irritiert durch die Offenheit, mit der er über seine Tat spricht – schonungslos gegen das Opfer und schonungslos gegen sich selbst. Sein Anwalt sagt, dass ihn die «Teilnahmslosigkeit» dieses Mandanten «tief erschreckt» habe. Sein Therapeut erlebt in Gesprächen «seine emotionslose Detailliertheit». Der Sachbearbeiter vom Dezernat Leib und Leben vermerkt die «erschreckende Genauigkeit» seiner Aussagen und die «völlig anteillosen Ausführungen zur Tat». Vor den Richtern auf Schloss Thun steht Hagen frei von Kalkül und belastet sich selbst durch ebenso präzise wie kalte Auskünfte, seine Worte empfindet das Gericht als «distanziert, monoton, ohne jede Gefühlsäusserung». Die forensische Gutachterin beschreibt Hagens Deliktarbeit als «konstruktiv, offen und authentisch, wenn auch, seiner Persönlichkeit entsprechend, ohne tiefere Beteiligung». Das Gericht kann bei diesem Angeklagten «kein Mitgefühl und keine Reue erkennen» und konstatiert eine «komplette Geringschätzung menschlichen Lebens».

An einem Nebentisch im Raum hat eine junge Familie Platz genommen, der Vater, Häftling wie Hagen, erhält Besuch von Frau und Kind. Hagen sagt: «Dieser Junge – wie soll ich es sagen. Er war einfach ein Mittel zum Zweck. Wie ein Gegenstand. Ich kann es nicht anders sagen.»

Rolf Hagen ist zeitlebens ein konsequenter Einzelgänger, nahe an der sozialen Unsichtbarkeit. Ohne dass ihn das stören würde. Bis zu seiner Tat nimmt kaum jemand nachhaltig Notiz von ihm, nicht einmal seine Familie. Seine Schwester sagt, sie habe noch nie viel mit ihrem Bruder gesprochen. Sie habe ihre Welt gehabt und der Bruder die seine. Ihr Bruder habe sich den ganzen Lebensweg allein erarbeiten müssen, er habe niemanden gehabt auf der Welt, weder die Eltern noch einen Götti oder eine Gotte, die ihm den Weg aufgezeigt hätten. Sie könne nicht sagen, gesteht die Schwester, welche Interessen ihr Bruder gehabt habe. Auch der Vater, der seine Kinder nach der Trennung von der Familie ab und zu bei sich hat, weiss wenig über seinen Sohn zu berichten und gibt bei der Befragung an, nicht gewusst zu haben, dass sein Sohn homosexuell ist. Mit der Tat des Sohnes konfrontiert, gibt der Vater nur zu Protokoll, ihm «so etwas sicher nie zugetraut» zu haben. Die Mutter, an Alzheimer erkrankt, kann nicht befragt werden. Der Kommandant der Berufsunteroffiziersschule bezeichnet Hagen nach dessen Verhaftung als «auffällig unauffällig».

Die Ellbogen auf der Tischplatte, greifen Hagens grosse Hände ineinander wie zum Gebet. «Das Ganze hat wohl noch so einige aus den Socken gehauen. Wer mich kannte, wie ich draussen war, konnte sich bestimmt nicht ausmalen, dass der Hagen so etwas tut.» Jetzt steht, ungewollt, ein Lachen in seinem Gesicht, der Gedanke an die schockierten Bekannten amüsiert ihn.

Zwischen zwanzig und dreissig, zehn Jahre lang, marschiert und fährt Rolf Hagen als Nachtwächter durch die Quartiere Zürichs, allein. Objektschutz und Revierdienst bei der Securitas, ein Job, der ihm gefällt. Seine Schwester glaubt, die Uniform habe ihn beeindruckt – wie damals bei den Kadetten, wie bei den Pfadfindern, wie in der Armee. Rolf Hagen erzählt, dass er gerne durch die leeren Hallen der Fabriken ging, durch die leeren Büroräume der Firmen, durch die leeren Gärten der Villen an der Goldküste, «und man weiss, man ist völlig alleine hier, keine Menschenseele weit und breit». Er sitzt nachts um vier in der Portierloge der Midor AG in Meilen, er umrundet im Dunkeln immer wieder das Gymnasium Rämibühl und beobachtet die Fuchsfamilie, die dort unter einer Baracke in ihrem Bau wohnt. Überhaupt, die Wildtiere in der Stadt faszinieren ihn, die Rehe in Hottingen, die Eulen in Wipkingen, und die Igel, überall Igel. Er vermisst die Menschen nicht. Am liebsten ist ihm der Dienst im Zoologischen Garten. «Das war ein Gaudi, man hatte den ganzen Zoo für sich, und die Viecher kamen zu einem hin, weil sie dachten, wer kommt denn jetzt noch um diese Zeit.» Hagen lächelt, er geniesst die Erinnerung. Ein Vorteil seines Arbeitsrhythmus sei gewesen, sagt er, dass er jeweils nachmittags, wenn er frei hatte, einkaufen gehen konnte, «denn dann sind nur ganz wenige Leute in den Läden».

Nicht dass er Angst oder Scheu hätte vor den Mitmenschen: Sie interessieren ihn einfach nicht. Er ist sich selbst genug. Dr. med. Ralph U. Aschwanden, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Hagens Therapeut, benutzt ein Bild, um seinen Patienten zu erklären: «Stellen Sie sich einen Alpöhi vor, das ganze Leben auf der Alp. Allein, aber nicht einsam, in seiner Welt und nach seinen Regeln lebend. Mit wenigen Bedürfnissen, aber dennoch zufrieden.» Der Therapeut zieht ein Buch aus einer Schublade, Internationale Klassifikation psychischer Störungen, und schlägt das Kapitel F60.1 auf, schizoide Persönlichkeitsstörung, vulgo Einzelgänger-Syndrom. Merkmale: 1. Wenn überhaupt, dann bereiten nur wenige Tätigkeiten Freude. 2. Emotionale Kühle, Distanziertheit oder abgeflachter Affekt. 3. Reduzierte Fähigkeit, warme, zärtliche Gefühle für andere oder Ärger auszudrücken. 4. Erscheint gleichgültig gegenüber Lob oder Kritik von anderen. 5. Fast immer Bevorzugung von Aktivitäten, die alleine durchzuführen sind. 6. Übermässige Inanspruchnahme durch Fantasien und Introvertiertheit. 7. Hat keine oder wünscht keine engen Freunde oder vertrauensvollen Beziehungen. 8. Mangelhaftes Gespür für geltende soziale Normen und Konventionen. «Auf Hagen», so der Therapeut, «treffen sämtliche Kriterien zu.»

Verdikt der Gutachter: Der Explorand leidet an einer schizoiden Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen und zwanghaften Zügen sowie an einer Störung der Sexualpräferenz durch pädophil-sexuellen Sadismus. Das Leben anderer bedeutet ihm nicht viel, und das Töten erregt ihn. Diese Kombination macht ihn gefährlich.

Bereits im Alter von zwölf Jahren, so erzählt Hagen seinen Analytikern, fühlte er sich angeregt durch Filme mit Kampfszenen zwischen Männern. Aus dieser Zeit ist ihm eine Sequenz aus einem Winnetou-Film, während der eine Kamera über tote Indianerleiber fährt, in angenehmer Erinnerung. Es sind die ältesten erregenden Bilder in Hagens Kopf, in dem sich mit den Jahren immer radikalere Fantasien einrichten. Der Tod, in Verbindung mit Zärtlichkeit, zieht ihn an; er denkt sich nichts dabei. Als er 1993 seine erste eigene Wohnung bezieht, beginnt er, sich Pornovideos auszuleihen. Der Sexualakt selber interessiert ihn dabei nicht sehr, er bevorzugt Filme mit Handlung, in denen Liebkosungen ausgetauscht werden oder in denen gekämpft wird. Er sagt aus, dass er sich schon immer daran störte, dass im Fernsehen viel mehr Frauen- als Männerleichen zu sehen sind. Im Alter von zwanzig Jahren interessiert er sich konkret für den Beruf des Leichenbestatters, er erkundigt sich nach Ausbildungsmöglichkeiten, man bescheidet ihm, er sei zu jung.

Hat er nie den Gedanken gehabt, dass er psychisch krank sein könnte? «Ich fühlte mich gesund. Ich hatte nie das Bedürfnis, zum Arzt zu gehen oder so, wegen meinen Fantasien. Sie waren ja etwas Angenehmes für mich.»

Es gibt ein paar zufällige Versuche, Liebesbeziehungen zu Männern aufzubauen, aber Hagen merkt jedes Mal rasch, dass er nicht findet, was er sucht. Oder er weiss noch nicht, wonach er suchen soll. Er fühlt sich bei diesen Kontakten gehemmt und blockiert, ist zum Teil impotent. Erst hinterher, wenn er allein ist, sich die Treffen zu Hause in Erinnerung ruft und sie mit seinen Fantasien ergänzt, erregen sie ihn.

Präzise Perversion

An seinen freien Nachmittagen geht Rolf Hagen oft mit seinem Hund Sascha spazieren. Geht in Hofstetten bei Elgg dem Farenbach entlang oder steigt am Wochenende auf den nahen Schauenberg, 894 Meter über Meer, beliebter Aussichtspunkt. Der Hund, sagt die Schwester, sei sein bester Freund gewesen. Hagen nimmt ihn mit zur Arbeit, zieht wegen ihm aufs Land, sechs Jahre lang ist das Tier sein treuer Begleiter. Doch es kommt zu Zwischenfällen, der Schäfer, so die Schwester, «entwickelte sich zum Angstbeisser». Einmal rastet der Hund in einem Tierheim aus, einmal verbeisst er sich in den Labrador der Schwester. «Da musste er halt abgetan werden», sagt Hagen. Aus Zeitmangel bittet er einen Bekannten, den Hund zum Einschläfern wegzubringen. Am Abend, als er von der Arbeit kommt, ist nur noch die Leine und das Halsband da. «Das war kurz ein komisches Gefühl, aber nicht gross.» Rolf Hagen geht am nächsten Tag wieder zur Arbeit, «und das wars dann».

Im Jahr 2000 legt er sich einen Internetanschluss zu, gerne sucht er nach Fotos von jungen Männern mit Verletzungen im Bereich des Brustkorbes. Seine Wünsche gewinnen nun an Präzision. Ihm gefallen halbwüchsige Knaben mit hübschen Gesichtern und nacktem Oberkörper, aber lieber mit Badehose als völlig unbekleidet. Seine liebste Vorstellung ist es, einen jungen Mann kennenzulernen, mit diesem in einen Wald zu gehen, ihn zu berühren und zu streicheln, um ihn dann plötzlich zu würgen und zu erstechen. Es stört sein Idealbild, wenn der Begehrte sich wehrt. Er entdeckt irgendwann, dass es Genre-Filme gibt, die seiner Sehnsucht entsprechen, Pornofilme, in denen Männer Männer lieben und töten. Er stösst im Internet auf anonyme Chatrooms, in denen andere Männer an dieselben Dinge denken wie er, er merkt, dass er nicht der Einzige ist. Manchmal, selten, kommt ihm der Gedanke, dass seine Wünsche nicht gesund sind, doch er glaubt, sie mithilfe des Internets abreagieren und kontrollieren zu können. Auf seiner Festplatte befinden sich am Ende mehrere Hundert Fotos und Filmsequenzen mit Tötungsszenen. Er onaniert jeden Tag vor dem Computer, um Ruhe zu finden. Daneben meistert er sein Leben. Es funktioniert. Falls er jemals wusste, dass etwas nicht stimmt mit ihm, so hat er es irgendwann einfach vergessen.

Mittäter Mathias B.

Seine frühste Kindheitserinnerung beschreibt Hagen gegenüber seinen Gutachtern so: Er sitzt auf einem Korpus und sagt zu seinen Eltern, «ich werde nie heiraten». Zur Trennung der Eltern befragt, sagt er, dass ihm «gar nicht gross aufgefallen» sei, dass der Vater plötzlich weg war. Die Mutter beginnt Anfang der Achtzigerjahre, psychisch kranke ältere Menschen im 9-Zimmer-Haus der Familie in Winterthur aufzunehmen. Sie machen mit im Haushalt, sie sitzen mit am Mittagstisch, sie sind am Weihnachtsabend mit dabei. Hagen beschreibt die Mitbewohner in der Erinnerung als «lästig». Seine Mutter, glaubt er, habe ein Helfer-Syndrom gehabt – er dagegen sei eher «der schadenfreudige Typ, der lacht, wenn andere auf die Schnauze fallen». Die Stimmung in seiner Familie bezeichnet er als «kalt und distanziert», beeilt sich dann aber, jeden Verdacht auszuräumen, er wolle seine Tat mit einer verpatzten Kindheit entschuldigen. «Den Punkt mit der Familie kann ich nicht bringen. Das habe ich auch meinem Anwalt gesagt. Ich bin selber verantwortlich für das, was ich getan habe.» Kein Trauma, keine massiven Gewalterlebnisse, kein eigener sexueller Missbrauch – Rolf Hagen verneint gegenüber Richtern und Gutachtern alles, was das Gewicht seiner Schuld mindern könnte.

Als ein Wachmann in der Tür des Besucherraums erscheint, schreckt Hagen ruckartig vom Stuhl hoch, sofort bereit, einem möglichen Befehl zu folgen. Die Anstaltsleitung beschreibt den Gefangenen Hagen als vorbildlich. Er selbst sagt, er schätze die klare Tagesstruktur im Gefängnis, dass man ihm jederzeit sagt, was er zu tun hat. «Noch 15 Minuten», sagt der Wachmann.

Ende Juni 2004 beginnt in einem Internetforum der Kontakt zwischen Hagen und dem späteren Mittäter, dem Deutschen Mathias B. Mit zunehmender Erregung stellen die beiden bald darauf in langen E-Mail-Dialogen fest, dass sich ihre Begierden gleichen. Am 2. Juli 2004 schreibt hagen93@bluewin.ch an mathias29@gmx.ch: «eine andere fantasie von mir ist, dass ich ne horde boys durch erschiessen mit pfeilen erledige. oder mit einem gewehr. alle jungs tragen nur badeslips und sonst nichts. was sagst du dazu?» B. antwortet: «ja, die jungs sind etwa 14-16 jahre alt, manche auch jünger. deine ideen sind nicht schlecht, aber ich stehe mehr auf würgen und strangulieren.»

Am 5. Juli 2004 fährt Hagen ein erstes Mal nach Donauwörth, um gemeinsam mit Mathias B. nach einem Mittel zu suchen für ihre Zwecke. Noch gehen sie relativ planlos vor. Der 14-jährige Ramon Wernicke*, dem die beiden spätnachts die Mitfahrt in ihrem Auto anbieten, kann sich, als die Täter ihn auf einem Feldweg gemeinsam packen, um ihn umzubringen, aus seiner Jacke winden und wegrennen. Hagen sagt später in der Hauptverhandlung aus, wäre dieser Junge nicht entkommen, wäre er jetzt vermutlich tot, Punkt 2 der Anklage: versuchter Mord. Am 6. Juli 2004, nach der Heimfahrt in die Schweiz, schreibt Hagen ermunternde Vorschläge an seinen Freund, wie man es das nächste Mal besser anstellen könnte beim Töten. «ist wie beim skifahren, fällt man um, muss man sofort wieder aufstehen und weiter üben bis mans kann.»

Der 12. Juli 2004

Bevor er losfährt, packt Rolf Hagen seine Sachen. Ein Paar OP-Handschuhe aus Gummi, eine Wäscheleine aus Nylon, ein weisses Frotteetuch, eine rot-schwarz-weiss karierte Picknickdecke, ein Bajonett zum Sturmgewehr 57. Er legt alles in seinen Landrover Discovery, Kennzeichen BE 334 495, und macht sich auf den Weg. Von Heimberg bei Thun über Bern, Zürich, Bregenz und Stuttgart bis zum Bahnhof des Örtchens Donauwörth nahe Augsburg, wo er sich mit Mathias B. treffen will. Er und sein Mittäter sind übereingekommen, nicht noch einmal dieselben Fehler zu machen wie beim ersten Mal. Sie wollen «die Sache diesmal feiner angehen und nicht mehr so plump», wie Hagen später aussagt. Noch während der Fahrt erhält Hagen ein SMS von B., er habe nun jemanden gefunden, der «hinhalten» würde. Mathias B. hat in einem Internetforum eine Annonce für ein Blinddate platziert, der 15-jährige Murat Yildiz hat geantwortet, man trifft sich in der Pizzeria beim Bahnhof. Der Jugendliche zeigt sich bereit, gegen einen Lohn von 150 Euro pro Person, für sexuelle Spiele mit Würgen zur Verfügung zu stehen. Murat Yildiz, Schüler, weist die beiden noch darauf hin, dass er um 22 Uhr zu Hause sein müsse.

«Was mich selber erschreckt hat», sagt Hagen im Besucherraum der Anstalten Thorberg, «war, dass ich danach rein gar nichts empfand. Wir haben den umgebracht und sind dann in einer Beiz einen Schnaps trinken gegangen. Danach bin ich losgefahren und habe in einem Autobahnhotel übernachtet. Ich habe tief und fest geschlafen.»

Montag, 12. Juli 2004, kurz vor neun Uhr abends, Hagen, B. und Murat fahren los und erreichen bald das vorgesehene Waldstück. Hagen breitet seine Picknickdecke aus. Er trägt Latexhandschuhe, sein Mittäter Lederhandschuhe. Sie ziehen Murat bis auf T-Shirt, Slip und Socken aus, sie streicheln ihn. B. beginnt, den Jungen sanft zu würgen, lockert den Würgegriff immer wieder, drückt jedes Mal etwas stärker zu. Irgendwann beginnt Murat zu «hyperventilieren», sie lassen von ihm ab. Murat sagt, ihm sei kalt, sie geben ihm die Hose, alle drei setzen sich auf die Rückbank ins Auto, wo es wärmer ist. Wieder streicheln die beiden Männer den Jungen, und er streichelt seine Mörder. Murat sagt, er müsse nun langsam nach Hause. Die Täter steigen aus. Hagen sagt zu B., dass er den Jungen auch noch würgen möchte. Und dass man es dann «zu Ende bringen» solle. Sie sind sich einig. Nur noch zehn Minuten, bitten sie Murat. Der ist einverstanden, sich noch einmal strangulieren, sich mit Handschellen fesseln zu lassen. Hagen nimmt ihn nun «in den Schwitzkasten», B. hält seine Beine fest, damit er nicht strampeln kann. Murat wird ohnmächtig, sie ziehen ihm alles aus ausser das T-Shirt, Hagen verstaut die Kleider im Kofferraum. Murat kommt zu sich, er stöhnt, Hagen würgt ihn erneut bis zur Bewusstlosigkeit. Sie tragen ihn in den angrenzenden Wald, er gleitet ihnen aus den Händen, noch immer bewegt er sich. Hagen würgt ihn erst mit den Händen, dann drückt er einen Holzstock auf seinen Kehlkopf. Er dreht ihn auf den Bauch und presst sein Gesicht zu Boden, Mittäter B. wartet beim Auto. Murat kommt immer wieder zu sich, Hagen holt eine Hundeleine aus dem Auto, um «mehr Kraft» zu haben, würgt sein Opfer damit, bis er denkt, es sei «nun endlich tot». Er ruft den Mittäter, um den Jungen weiter in den Wald zu tragen. Murat gibt wieder Atemgeräusche von sich, Murat lebt. Hagen wird «wütend», geht zum Auto, holt das Bajonett aus dem Kofferraum. Er dreht Murat auf den Bauch und sticht ihn in den Nacken, Wunde Nr. 1, in die Schulter, Wunde Nr. 2. Noch immer hört er ein Stöhnen, noch immer hört er ihn leben, es macht ihn «rasend», Wunden Nr. 3, 4, 5. Laut eigenen Aussagen sagt er dann, «der Typ stirbt einfach nicht». Jetzt dreht er Murat auf den Rücken, stösst den Dolch in Hals, Brust, Bauch, «unzählige Male», wie er später den Ermittlern sagt, Wunden Nr. 6 bis 30. «Dann dachte ich, so jetzt reicht es. Es ist vorbei.»

Keine Menschenseele. Weit und breit.

Mittäter Mathias B. ist am 25. Juli 2005 vom Landgericht Augsburg zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe und zur Sicherungsverwahrung verurteilt worden, der höchsten Strafe, die das deutsche Recht kennt.

Haben Sie noch Ziele, Rolf Hagen? «Mein grosses Ziel ist es, irgendwann wieder hier rauszukommen. Dass ich irgendwann sagen kann, ‹Ciao Thorberg›. Vielleicht in 15, vielleicht in 25 Jahren.»

Am 27. März dieses Jahres hat das Kreisgericht Thun die Verwahrung von Rolf Hagen, die es zwei Jahre zuvor selbst verhängte, aufgehoben und in eine stationäre therapeutische Massnahme umgewandelt. Entscheidend für den neuen Richtspruch war, dass Rolf Hagen im Herbst letzten Jahres eingewilligt hat, sich einer Hormontherapie zu unterziehen, bei der die Bildung des Sexualhormons Testosteron unterdrückt wird. Das Verfahren ist auch als «chemische Kastration» bekannt. Die Experten des forensisch-psychiatrischen Dienstes haben die Erfolgsaussichten der Therapie als «tendenziell positiv» beurteilt. Rolf Hagen, so sagt sein Therapeut, sei nun dabei «vom Mann zum Mensch zu werden».

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Guido Mingels


Guido Mingels, 40, ist Reporter beim Zürcher "Das Magazin", der Samstagsbeilage des "Tages-Anzeigers". Geboren in Luzern, Schweiz, studierte er Germanistik, Linguistik und Philosophie in Bern, Frankfurt/M. und Berlin. Seit 1998 ist Mingels als Autor und Redakteur für verschiedene Medien tätig, er schrieb für GEO, Tagesspiegel, Die Zeit, Dummy, mare, und andere. 2003 wurde Mingels mit einem Kisch-Preis für "Josef, der Panzerknacker", das Porträt eines notorischen Hoteleinbrechers, ausgezeichnet.
Dokumente
Keine Menschenseele (PDF)

erschienen in:
Das Magazin,
am 17.08.2007

 

Kommentare

Blessing, 25.04.2016, 10:13 Uhr:

hello! this is SO inspiring. her dress, her shbe#&s8230;out the decorations are completely out-of-this world fantastic! i seriously cannot decide what detail i love best, but the fun pops of color cannot be beat!

Patrick, 08.01.2011, 23:56 Uhr:

Ich hab den bericht damals auf einer andren seite gelesen und ich fande es ja ich kanns net ausdrücken... wie kann man nur son typen in schutz nehmen und schreiben ja es tut mir leid für den armen jungen und so... ich kannte ihn... sehr gut sogar und ich muss sagen man müsste diese leutz mitm tode bestrafen doch da ich weis das uns das selbst zu mördern machen würde vergas ichs obwohl sies verdient haben... doch eines tages wird ihnen noch die gerechte strafe kommen brettschneider und hagen... und ich hoffe das sie es aufs tiefste bereuen ihn umgebracht zu haben ich weis wie sich seine mutter fühlte wie sich unsere mitschüler und freunde fühlten selbst meine freunde fühlen mit die die ihn nicht kannten... und das will was heißen

ali, 23.11.2010, 09:50 Uhr:

wie kann ein gericht die sicherheits verwahrung auf heben .ein mörder pleipt ein mörder wen man sagt das ist gerecht dan bin schockiert über solche lage. auch der richter und die sichologen tragen eine mietschuld des verbrechen den sie gehen richtig gegen solche verbrecher vor mann solte solche verbrecher für immer weg speren für die ewig keit

David, 30.09.2010, 01:55 Uhr:

Mit größtem Abscheu und Wut las ich von diesem grausamen Mord an Murat.
Seine Mörder sind perverse abscheuliche Psychopathen,die sollten lebenslänglich in der Psychiatrie eingesperrt bleiben;
ansonsten wird in 20 jahren wieder ein armer Junge als
Mordopfer enden!

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