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Prämierte Texte

Alexander Smoltczyk „Merkels Dispo

Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.

Jeden Morgen um Viertel nach acht hat Herr Weinberg dasselbe Problem: Schulden. Das Problem haben viele. Der Unterschied zu anderen Bundesbürgern ist, dass Weinberg genau neun drei viertel Stunden Zeit hat, um sich vor den Gläubigern zu retten. Bis 18 Uhr muss er neues Geld auftreiben, um die fälligen Schulden zu zahlen.

Das ist der eine Unterschied. Der andere: Es sind ziemlich viele Schulden an diesem Morgen. Eine gute Milliarde Euro. Und bis 18 Uhr bleibt nicht mehr viel Zeit.

Thomas Weinberg ist kein Fall für die Schuldnerberatung oder die Sendung "Raus aus den Schulden" bei RTL. Weinberg ist Chefhändler der "Bundesrepublik Deutschland - Finanzagentur GmbH". Er muss dafür sorgen, dass die Konten des Bundes am Ende des Handelstags ausgeglichen sind. Dass jede Fälligkeit des Tages beglichen, jede unvorhergesehene Steuermillion zinsbringend angelegt ist. Er muss heute noch eine Milliarde finden. Eine Milliarde, so viele Schulden sind heute zur Rückzahlung fällig. Es ist ein ständiges Löcherstopfen, Jonglieren, Umbuchen, Aufreißen neuer Löcher.

Und wenn Finanzminister Peer Steinbrück jetzt wieder einen Nachtragsetat von "weiteren 10,7 Milliarden Euro" ankündigt, dann ist das letztlich Weinbergs Problem.

"Meinen Kindern sage ich, Papa kümmert sich darum, die Bundesrepublik flüssig zu halten", sagt er.

Weinberg hat die Schulden der Deutschen am Hals. Wenn er morgens sieht, dass die "Bild"-Zeitung mit Boris Beckers Hochzeit aufmacht, steigt seine Laune. Dann ist offenbar kein neues Konjunkturpaket verkündet worden, und der Tag wird ruhiger werden. Wenn während eines Gipfels relevante Mittelaufnahmen verkündet würden, sagt er, dann hat er die bald auf seinem Schreibtisch: "Wenn zum Beispiel der Stresstest einer Bank schlecht ausfällt, spiegelt sich das zuerst auf den asiatischen Märkten wider." Und um 8.15 Uhr dann auf seinem Bildschirm.

Weinberg ist Marathonläufer mit einer Bestzeit von 3 Stunden 30. Der 47-Jährige ist ziemlich groß, hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Günther Jauch und wird auf diskrete Weise unruhig, wenn das Gespräch länger als 20 Minuten dauert. Dann rennen die Augen zum Bildschirm. Die Schulden warten.

Zur Jahreswende hatte der Bund genau 981 281 444 403,38 Euro Schulden.

Das waren noch Zeiten.

Der FDP-Politiker Otto Fricke, Vorsitzender des Bundestags-Haushaltsausschusses, schätzte im Januar, dass die Billion spätestens zum Jahresende überschritten sein wird. Dank der zu erwartenden "Engpässe" bei der Bundesagentur für Arbeit, der "Risiken" der geplanten Bad Bank, der "Löcher" in den Krankenkassen. Inzwischen ist die Marke erreicht. Deutschland hat ein Problem mit 13 Stellen vor dem Komma.

Aber Deutschland ist nicht allein. Der Internationale Währungsfonds hat gerade errechnet, dass die zehn reichsten Länder bis zum nächsten Jahr ihre Schuldenquote von 78 Prozent (2007) auf 106 Prozent des Sozialprodukts ausweiten werden. Noch nie in Friedenszeiten standen Regierungen so tief in der Kreide.

Die Hüter der Bundesschuld wirken in einem neuen Geschäftsviertel am nördlichen Rand von Frankfurt am Main, gepflastert mit Verbundsteinen, so zeit- und formlos wie die Anzüge der Leute, die vorm Penny-Markt sitzen und ihre Lattes und Macchiatos rühren.

Das Lurgi-Gebäude war lange das größte zusammenhängende Bürohaus Europas. Ein krakenähnlicher Bau. Aber die Mieten sind günstig. Deswegen ist sie hier mit ihren 340 Mitarbeitern, die Schuldenagentur des Bundes.

340 Leute gegen eine Billion.

Man betritt die Schuldenagentur - "links, beim Bundesadler einmal klingeln", hieß es am Empfang - durch eine Glastür. In der Lobby stehen ein Safe und eine Büste des Freiherrn Karl August von Hardenberg, des Hüters der preußischen Staatskasse.

"Wir rechnen hier in Milliarden", sagt einer der Mitarbeiter. "Null Komma vier sind 400 Millionen. Da muss man sich erst dran gewöhnen." Am Anfang habe er noch Schweißausbrüche bekommen, sagt er. Und: "Man darf nicht an die Größenordnungen denken, sonst würde man wahnsinnig werden."

An den Wänden hängen Schatzbriefe aus einer Zeit, als man noch unbeirrt ans Morgen glaubte.

Allesamt garantiert "reichsmündelsicher", prägegestempelt und schon von weitem als grundsolide zu erkennen. So auch eine "Schuldverschreibung der Stadt Duisburg über Eintausend Mark" von 1921, zwei Jahre vor der Hyperinflation. Ein paar Meter entfernt hängt eine "3%ige Schatzanweisung des Deutschen Reiches" aus dem Jahr 1941. Mitten im Krieg wird pünktliche Zinszahlung versprochen sowie eine Einlösung zum Nennwert "am 16. Mai 1962" bei der Reichsschuldenverwaltung. "Der Anspruch auf das Kapital erlischt, wenn die Schatzanweisung nicht binnen dreißig Jahren nach dem Eintritt der Fälligkeit zur Einlösung vorgelegt wird." Das wäre am 16. Mai 1992, also kurz nach Hitlers 103. Geburtstag.

Thomas Weinbergs Büro findet sich im gesicherten Bereich der Agentur, im Handelsraum. Die beiden Flachbildschirme vor ihm glimmen in allen Farben. Charts wachsen ruckelnd, Kurven zacken nach oben (oder nach unten), es zuckt, flimmert, pulsiert in einem Meer aus Ziffern, Zahlen, Kürzeln. Man sieht Crude-Oil-Notierungen, US-Bonds-Werte und T-Bill-Kurse, Swaps, Key-Rating, unter "Sovereigns" firmieren europäische Kreditderivate, daneben quetschen sich noch die "US-Dollar Swaps", darüber ein weißer Blitz: die Kurse für Tagesgeld im Minutenrhythmus.

Das ist die Krankenakte des Finanzkapitalismus, der Rundumcheck in Echtzeit, Werte, die dem fiebernden Körper Geldmarkt abgelauscht und ins Netz gestellt werden. Die nackte Wahrheit. Das ist Weinbergs Welt.

Als Chefhändler muss Weinberg sich auf dem Interbankenmarkt mit Titeln eindecken, um den Teil der Schulden, die an einem Tag zur Rückzahlung fällig werden, zu bedienen.

Er verkauft den Banken Papiere des Bundes, bekommt Geld dafür und zahlt fällige Papiere aus. Weinberg wickelt seine Geschäfte, wie jeder Bundesbürger auch, über ein Girokonto ab, seines ist bei der Bundesbank und heißt "Liquiditätskonto". Er muss es auf null bringen. Denn ein Minus am Abend, eine "Unterdeckung", käme einem zinslosen Darlehen der Zentralbank an den Staat gleich. Und das verbietet der Vertrag von Maastricht. Wer Schulden macht, soll dafür auch zahlen.

Es ist ein ewiges Hin- und Herschieben mit Fälligkeiten, Fristen, Zinskonditionen.

Jetzt, um die Mittagszeit ("12:50:51 London, 20:50:51 Tokio, 07:50:51 New York"), ist es im Handelsraum ruhig. Kein Telefon, kein Radio, kein Fernseher, kein Bürogeplauder.

In völliger Stille tobt das Tier Kapitalismus.

Weinberg hat keine Familienfotos und lustigen Postkarten an seinen Computer geklebt. Das hier ist kein Spiel. Noch vier Stunden.

Bis zur Krise bestand Weinbergs Job vor allem darin, die Anschlussfinanzierung der Fälligkeiten im Blick zu haben. Also mit neuen Schulden die alten zu bezahlen, damit jeder Gläubiger pünktlich sein Geld bekommt. Das war die Zeit, als Peer Steinbrück noch sagen konnte: "Die Nettokreditaufnahme wird zurückgefahren", und dabei so selig aussah, als hätte er Haschkekse gefrühstückt.

Jetzt dagegen rollt die Schuldenlawine. Von Zurückfahren ist keine Rede mehr. Geld muss her, möglichst schnell, und Weinbergs Job ist mühsamer geworden. Außerdem soll er Geld sparen. Deswegen telefoniert er die Banken ab, um die günstigsten Konditionen für einen Kredit zu erwischen: "Wenn ich 4,95 Prozent statt 5,0 Prozent bekomme, ist es ein guter Tag gewesen", sagt er. Sein Ziel sei es, sagt Weinberg, "leicht unter EONIA" zu liegen, dem durchschnittlichen Tagesgeldsatz in Euroland, dem Urmeter des deutschen Geldmarkts.

Weinbergs Gespräche laufen ungefähr so: "Wir suchen 500 Millionen, habt ihr die da? Zu welchem Zins? Danke, ich melde mich wieder." Es sei im Grunde wie auf dem Gemüsemarkt, sagt Weinberg. "So ein Gespräch dauert vielleicht 15 Sekunden. Da kann man nicht lange über die Eintracht reden. Da ist viel Geld im Umlauf, das Geschäft muss schnell gehen."

Bei "Panorama", der ARD-Sendung, haben sie mal von der "Zockerbude des Bundes" geredet. Das hat ihnen bei der Agentur nicht gefallen. Nicht jeder Fisch im Haifischbecken ist auch ein Killer.

"Ein Zocker", sagt er, "hätte hier keine Daseinsberechtigung." Weinberg ist ein lieber Hai. Er sei zur Agentur gekommen, wird erzählt, weil er "mal für die KfW ei-

nen Dollarbond aufgelegt hat". So klingen Heldenbiografien in Bankerkreisen.

Der Nationalökonom David Ricardo nannte Staatsschulden schon vor fast 200 Jahren "eine der schrecklichsten Geißeln, die jemals zur Plage einer Nation erfunden wurden", konnte sich aber mit dieser Auffassung unter Haushaltspolitikern nicht durchsetzen.

Am 17. Januar 1820 wurde die "Preußische Hauptverwaltung der Staatsschulden" gegründet. Ein Musterbetrieb, eine der Säulen des Preußentums, geführt meist über Jahrzehnte hinweg von "Geheimen Ober-Finanzräthen" mit langen Namen.

Damals, als es das Wort "erhöhter Refinanzierungsbedarf" noch nicht gab, wurden die Schulden in moleskinbezogene, marmorierte Kontorbücher eingetragen. Damals, als die Schulden noch zwischen zwei Buchdeckel passten. Eines dieser Bücher liegt gerade beim Buchbinder. 22 Kilo, mit pelziger Oberfläche und einem Kantenschutz aus Messing: "Grundbuch der Schuldverschreibungen" steht auf dem Deckel. Es sieht wertvoll aus, wie ein Schatz.

Hier wurde seit dem 12. März 1891 in Kanzlistenschrift Buch geführt über die Schulden des Landes, damals wurde offensichtlich noch im Tausenderbereich gerechnet. Das Jahr 1933 ist hier nur ein Eintrag, die Schrift, der Kopierstift der gleiche.

Die meisten dieser Schuldbücher verbrannten 1945 bei einem alliierten Luftangriff auf die Reichsschuldenverwaltung in Berlin-Kreuzberg.

Heute ist das Bundesschuldbuch ein Datensatz. Eine gigabyteschwere Computerdatei, wo sämtliche Schatzbriefe, Obligationen, Anleihen des Bundes und ihre Fälligkeiten aufgelistet sind.

Jede Neuverschuldung erscheint in der Bilanz als 12-, 13-stelliger Posten "Kredite zur Rekapitalisierung", wo noch in der Vorperiode eine Null gestanden hatte.

Im Keller sirren die Rechner. Man darf sie nicht fotografieren, weil Hacker aus der Form der Kästen irgendwelche Rückschlüsse ziehen könnten: "Was glauben Sie, wäre los, wenn der Bund seine Schulden nicht bedienen könnte?" Deswegen gibt es auch an einem geheimen Ort in Frankfurt ein "Backoffice", eine Sicherungskopie der gesamten Agentur.

Das Portfolio des Bundes ist auch eine archäologische Lagerstätte. In den Beständen finden sich noch Schulden aus den zwanziger Jahren, die das Deutsche Reich aufnahm, um die Reparationen nach dem Ersten Weltkrieg zu bezahlen.

Schulden vergehen nicht.

Weinberg verwaltet die Schulden des Bundes. Er rettet den Bund über den Tag, bedient die Gläubiger und sorgt dafür, dass keine Million irgendwo unverzinst herumliegt. Das ist die eine Aufgabe der Agentur, das Tagesgeschäft.

Die andere Aufgabe besteht darin, Schulden zu machen. Das Anpumpen der Geld- und Kapitalmärkte im großen Stil, genannt "längerfristige Kreditaufnahme".

Das wird per Auktion geregelt. Meistens montags oder mittwochs kurz vor elf Uhr.

Es ist der beinahe wöchentliche Test, ob noch jemand für den Bund anschreiben mag.

Die Auktion findet im gesicherten Bereich der Agentur statt, im Handelsraum. Da stehen dann Weinberg, der Chefhändler, einige Mitarbeiter und einer der beiden Geschäftsführer. Die Auktionäre. Keiner setzt sich, keiner trinkt Kaffee. Finanzministerium und Bundesbank sind per Telefon zugeschaltet. Der Hammer für den Zuschlag ist die Enter-Taste von Weinbergs PC.

Schon vorher sind die 27 Mitglieder des Bieterkonsortiums, meist Banken, um Gebote gebeten worden. Die Bietergruppe wechselt im Laufe der Gezeiten. Lehman Brothers International etwa ist nicht mehr dabei.

Im Prinzip ist Schuldenmachen einfach. Die Banken geben dem Bund Geld und bekommen dafür ein Papier, auf dem steht, wann der Bund zurückzahlt und wie viel Zinsen er dafür zahlt. Diese Schuldscheine können die Banken dann an ihre Kunden weiterverkaufen.

Es ist das gleiche uralte Muster des Geldverleihs, beschrieben schon in der Bibel und praktiziert in den Kundenabteilungen der Sparkassen und den Hinterstuben der Kredithaie. Umsonst gibt's nichts, "denn wer hat, dem wird gegeben" (Matthäus 25,29).

Weinberg und die anderen Auktionäre warten, wem gegeben wird. Es wird: Kurz vor Ablauf der Frist kommen die Angebote herein, in handlichen Stückelungen von 100 Millionen und bestimmtem Zins. Dann wird kurz beraten, ein letzter Blick auf die Flimmerkurven, die aktuelle Marktentwicklung, dann fällt die Auktionsentscheidung.

Weinberg drückt die Enter-Taste, und der Bund kann aufatmen. Drei, zwei, eins - meins! Deutschland hat neue Schulden gemacht.

Über diesen recht undramatischen Vorgang entsetzen sich Verbände wie der Bund der Steuerzahler (etwa 332 000 Mitglieder), beklagen in leidenschaftlichen Appellen ihrer Zeitschrift "Der Steuerzahler" die "Verschwendung" und die "fiskalische Gängelung". "Die Schulden von heute sind die Steuern von morgen" ist ihr Motto. In Berlin betreiben diese Mahner ihre "Schuldenuhr" und begehen Jahr für Jahr ihren "Steuerzahlergedenktag" mit der Bockigkeit von Heimatvertriebenen.

Wer als Bürger etwas am Finanzproblem seines Staates ändern will, geht zu einer Glastür im Parterre des Lurgi-Bürogebäudes, auf die ebenfalls ein Bundesadler geklebt ist. Hier ist der Schalter für die Privatkunden der Agentur. Man trifft auf einen Kundenberater mit etwas undeutlicher Aussprache, aber einem langen, bis ins 18. Jahrhundert belegten Adelsnamen.

An den Wänden hängt ein Plakat, "Günther Schild, Finanzexperte". Das Maskottchen der Agentur. Das Original steht in der Lobby. Eine Schildkröte, die aussieht wie aus Messing, aber eigentlich aus Harzmatten gefertigt ist und nicht viel wiegt. Im Servicecenter hängen Plakate, auf denen die Schildkröte eine Margerite im Maul hält: "Die entspannendste Geldanlage Deutschlands", steht darunter.

"Wir wollten etwas, das Sicherheit ausstrahlt", sagt der Herr von der Kundenberatung.

Es herrscht wellnesshafte Ruhe, nur die Lüftung summt. "Sie hätten im Oktober kommen sollen", sagt der Kundenberater. Unbeschreiblich sei das damals gewesen. Zwei Stunden hätten die Bürger warten müssen, um an ihr Schuldbuchkonto zu kommen, die auf rund 20 000 Anrufe pro Tag ausgelegte Telefonanlage der Agentur brach zusammen. Alle wollten dem Bund etwas leihen.

Damals war der deutsche Rentier und Kuponschneider in nackter Panik. Vor allem jener Anleger vom Typus "Wohlsituierte Ww., fin. unabh., in besten Jahren, mit trad. Werten".

In den siebziger Jahren kannte man die Papiere nur aus den Rowohlt-Taschenbüchern, wo mitten im Text plötzlich für "Pfandbriefe und Kommunalobligationen" geworben wurde. So etwa: "Macht unsere Bücher billiger! forderte Tucholsky einst, 1932, in einem ,Avis an meinen Verleger'. Man spart viel Geld beim Kauf von Taschenbüchern. Für die Jahreszinsen eines einzigen 100-Mark-Pfandbriefs kann man sich zwei Taschenbücher kaufen." Generationen von Schülern sind mit dieser "verbrieften Sicherheit" aufgewachsen, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, um was es sich handelte.

Der Bund macht beim Bürger Schulden, indem er ihm Bundeswertpapiere verkauft. Je nach Ausstattung gibt es Schatzbriefe, Finanzierungsschätze, Obligationen, Anleihen, Schatzanweisungen. Manche laufen länger, manche kürzer. Gemeinsam ist allen, dass sie nicht viel bringen außer Sicherheit.

Bundesschatzbriefe galten deshalb bis vor kurzem noch als die Schrebergarten-Anlage, belächelt von Börsianern. Vor dem Crash triumphierte die kurze Frist über die lange, der Hai über die Schildkröte.

Das hat sich geändert.

In den ersten Wochen dieses Jahres kamen 200 Millionen Euro von Privatanlegern herein. Knapp eine halbe Million Bundesbürger haben dem Bund Geld geborgt, die durchschnittliche Order liegt bei 40 000 Euro. Jeder kann ein Konto eröffnen, kostenfrei. Was angesichts der homöopathischen Rendite nicht verwunderlich ist. Hat der Bürger bezahlt, bedankt sich der Bund mit einem Formbrief bei seinem neuen Gläubiger: "... freuen uns, dass Sie sich für Bundeswertpapiere entschieden haben. Mit freundlichen Grüßen, Bundesrepublik Deutschland".

Das Geschäft mit den Privatkunden macht 95 Prozent der Aufmerksamkeit, aber nur 3 Prozent der Bruttokreditaufnahme des Bundes aus.

Für den großen Rest ist Carl Heinz Daube zuständig. Er ist einer der beiden Geschäftsführer der Finanzagentur, ein Handlungsreisender der Bundesrepublik Deutschland. Er sucht auf dem globalen Finanzmarkt nach Investoren, die dem Bieterkonsortium, also jenen Banken, die an der Auktion teilnehmen, die Papiere des Bundes abkaufen. Ein PR-Mann für Bundeswertpapiere sozusagen. Einer, der der Schildkröte Beine macht.

Es ist schwer, mit dem 48-jährigen Geschäftsführer einen Termin zu bekommen. Daube ist nie da, immer unterwegs, in "Middle East", wie er sagt, in Tokio, Rio und Shanghai. Alle paar Wochen müsse er seine "Key-Player" besuchen, um "Bund zu verkaufen". Und das sei derzeit etwas schwieriger. "Viele Investoren", sagt Daube, "sind aus der Sommerpause des vergangenen Jahres nicht mehr aufgetaucht. Hedgefonds beispielsweise haben sich quasi komplett verabschiedet."

Daubes Reisen sind Vertreterbesuche auf höherem Niveau. Bei manchen Fonds oder Banken geben sich die Emissionsemissäre die Klinke in die Hand, packen ihre Präsentationen aus und erklären, weshalb ein Asiate oder Scheich genau ihre Schuldpapiere kaufen soll. "Jeder hat etwas anzubieten", sagt Daube. Die Österreicher sind spezialisiert auf Fremdwährungen, die Belgier auf Nischenprodukte. "Unsere Produkte", sagt er, "sind hochliquide und sicher. Dafür sind Investoren bereit, einen niedrigeren Zinssatz zu akzeptieren."

Seit es die D-Mark nicht mehr gibt, konkurriert der Bund mit allen anderen europäischen Ländern. Deswegen wurde im Jahr 2000 die Finanzagentur gegründet. Eine GmbH, deren einziger Gesellschafter der Bund ist. Man wollte der Schildkröte ein wenig Beine machen. "Marktanalysen" mussten her, "Modelle zur Portfoliosteuerung" und natürlich "Synergieeffekte". Die Schildkröte wollte auch ein bisschen Hai sein. Früher gab es für den Bund vielleicht 20 Möglichkeiten, an Geld zu kommen. Heute sind es etwa 200. Daube nennt es "Diversifizierung der Finanzmarktinstrumente".

Vergangenes Jahr wurde vom Bund die Tagesanleihe für Privatanleger eingeführt, das erste neue Produkt seit 30 Jahren. Derzeit wird ein Fonds entwickelt, ein Korb aus verschiedenen Schuldpapieren des Bundes. Das gab es früher nicht.

Bis 2014 soll die Agentur so jährlich 500 bis 750 Millionen Euro weniger für die Finanzierung ausgeben.

Daubes Counterpart ist das "Referat VII A 2" im Finanzministerium, zuständig für "Steuerung und Kontrolle des Schuldenwesens". Und dahinter der zuständige Staatssekretär Jörg Asmussen.

Mit dem bespricht Daube sich. Das Schuldenmachen wird immer teurer. Irgendwann müssen neue Kredite aufgenommen werden, um die Zinsen der alten Kredite noch zahlen zu können. Man kennt das aus der Schuldnerberatung in Duisburg oder Berlin-Neukölln. Das kann auch Staaten passieren.

In der Finanztheorie galt lange der Lehrsatz, ein Staat könne nicht pleitegehen, weil jede noch so hohe Schuld letztlich durch Vermögen gesichert sei. Für David Oddsson, den Zentralbankchef von Island, war das nur bedingt tröstlich, als sein Staat vergangenen Herbst durch Überschuldung so gut wie zahlungsunfähig war und die Bürger ihn mit Schneebällen bewarfen. Sie hatten ihrem Staat Geld geliehen und jede Hoffnung auf Rückzahlung verloren. Islands Finanzsystem wurde gerettet, weil der Weltwährungsfonds und einige Nachbarländer der Insel mit Krediten aushalfen, die sie auf den freien Märkten nie bekommen hätte.

Kritiker sagen, der Schuldenstaat würde Unternehmen die Kredite wegnehmen. Auch Volkswagen, E.on, Fresenius geben schließlich Anleihen heraus. Das sei nicht das Gleiche, sagt dann die Agentur. Es gebe viele Unterschiede: Volumen, Bonität des Emittenten, Liquidität und letztlich im Preis. "Solange in der Krise keine private Investitionsnachfrage da ist, nehmen wir Unternehmen das Kapital nicht weg", sagt Daube. "Im Gegenteil: Durch die Staatsgarantien verbessert der Bund die Voraussetzungen, damit Unternehmen frisches Kapital beschaffen können."

Noch sind die Investoren bereit, ihr Geld auch für geringen Zins an die Regierungen zu verleihen. Aber das kann sich schnell ändern, sobald die Märkte in Asien sich wieder erholt haben und die Zinsen wieder steigen. Dann wird Schuldenmachen für den Staat wieder teurer. Dann ist die Zeit der Schildkröten wieder vorbei.

Daube muss dieses Jahr mindestens 346 Milliarden Euro auftreiben. Die Strategie heißt, sich auf dem (kurzfristigen) Geldmarkt und dem Kapitalmarkt (mit Laufzeiten von einem Jahr und länger) möglichst ausgewogen zu bedienen.

"Unsere Aufgabe ist schwieriger als früher", sagt er. "Allein schon weil das Volumen größer ist. Letztes Jahr waren 220 Milliarden Euro am Markt zu plazieren. In diesem Jahr kommt mehr als die Hälfte noch mal drauf."

Und da ist die jüngste Nachbesserung noch gar nicht eingerechnet.

Je mehr Schulden bedient werden müssen, umso mehr Steuereinnahmen, umso mehr Wachstum braucht das Land, und wenn es nicht genügend Wachstum gibt, dann muss der Staat bei seinen Ausgaben sparen. So einfach ist es. So schwer wird es.

Es ist 18 Uhr. Thomas Weinberg schaltet seine Bildschirme aus. Der Handel ist beendet. Die Geld- und Kapitalmärkte ziehen weiter, der Sonne hinterher. Das Liquiditätskonto des Bundes bei der Bundesbank ist auf null gebracht. Buchhalterisch ist alles in Ordnung, die Witwen und Wirtschaftsweisen können beruhigt schlafen gehen.

Die Finanzagentur leert sich ohne ein Zeichen von Hektik, nur im Keller surren irgendwo die Server, und irgendwo dreht sich David Ricardo im Grabe um.

Morgen ist ein neuer Tag der Schulden.

Zurück bleibt der Freiherr von Hardenberg und, gleich neben der Tür mit dem Bundesadler, ein Safe, ein Geldschrank. Er stammt aus dem Besitz der alten Bundesschuldenverwaltung. Keiner hat einen Schlüssel zu ihm. Keiner in der Finanzagentur weiß, wie er sich öffnen lässt. Gewiss ist nur eines: Der Schrank ist leer.

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Alexander Smoltczyk


Alexander Smoltczyk, geboren 1958, Studium der Volkswirtschaft, Philosophie und Landwirtschaft. Redakteur und Reporter für die taz (Frankreich-Korrespondent), Geo, Wochenpost und Merian, ab 1996 Reporter beim SPIEGEL. Seit 2005 lebt er als Italien- und Vatikankorrespondent in Rom. Smoltczyk hat mehrer Bücher veröffentlicht und zahlreiche Journalistenpreise erhalten, unter anderem zwei Kisch-Preise und einen Henri-Nannen-Preis. Seit Mai 2007 schreibt Smoltczyk wöchentlich Deutschlands erstes Vatikan-Blog „Uups! – et orbi“.
Website des Autors
Dokumente
Merkels Dispo (PDF)

erschienen in:
Der Spiegel,
am 22.06.2009

 

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