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27.04.17

Prämierte Texte

Marian Blasberg „Der Dandy von Ost-Berlin

Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.

Die Sache mit B. kann ich nicht vollständig erzählen, denn ich war nicht die ganze Zeit dabei.

Es war eisig kalt an diesem Wintersonntag 18 Jahre nach der Wende, als sich Karlheinz Schädlich mit einem Revolver in der Hand zu einer Bank im schicken Ostberliner Bötzow-Viertel schleppte. Auf einem Bolzplatz in der Nähe spielten Kinder, und durch die kahlen Äste der Kastanien leuchtete der Abendhimmel. Man müsse den Revolver im 45-Grad-Winkel am Mund anlegen und auf den Gaumen zielen, hatte Schädlich Freunden gegenüber mal erwähnt. Jetzt brabbelte er nur noch wirres Zeug.

Um kurz nach sechs hallte ein dumpfer Knall durch dieses Viertel, wo man einen alten Mann wie ihn gewöhnlich übersieht.

Karlheinz Schädlich starb am 16. Dezember 2007, noch bevor der Rettungshelikopter landete, durch die Kugel einer Smith and Wesson. In seinem Rücken stand ein öffentliches Klo.

"Der Stasi-Mann, der Günter Grass verriet, tötete sich selbst auf einer Parkbank", titelte am nächsten Tag der Boulevard.

Wenn es nur Grass gewesen wäre.

14 Jahre lang hatte Schädlich, Deckname "Schäfer", Registriernummer XV/7470/75, aus dem politischen Untergrund der DDR berichtet. Er hatte sich in den Freundeskreis des eigenen Bruders eingeschlichen, der ein bekannter Schriftsteller war, und hatte über die Schwester ausgesagt. Er hatte seine Familie zerstört und sich eine Verdienstmedaille des Ministeriums für Staatssicherheit erworben, weil durch seinen "wesentlichen Beitrag" ein "Operativvorgang zum Abschluß" gekommen war, die Auszeichnung erfolgte durch Befehl Nr. K 4834/79. Geredet hatte Schädlich darüber nie. Er war ein Leben lang ausgewichen. Jetzt hatte er sich endgültig weggeduckt.

"Vielleicht war es Scham", schrieb die Welt, aber eher wirkt Schädlichs Schuss wie eine letzte Inszenierung. Wie ein Ausrufezeichen hinter eine Diktatur, die ihre eigene Elite gebrochen hat.

Die Polizei behandelte den Fall in ihrer Akte als "Bilanzsuizid". Das war ein Schluss, den ein ratloser Beamter zog, nachdem er sich mit Julia unterhalten hatte. Ihre Adresse stand auf einem Zettel, der in Schädlichs Manteltasche steckte. Julia, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, war der Mensch, der ihm zuletzt am nächsten war. Julia ist gerade einmal 33 Jahre alt.

An einem regnerischen Montag Ende Januar stapft Julia mit gesenktem Blick durch die voll besetzten Reihen einer Friedhofskapelle im Prenzlauer Berg. Drei Männer spielen Swing, und vorn neben der Urne duften Blumen. Als Julia an das Pult tritt, klammert sie sich mit den Händen an ihr Redemanuskript. Sie schluckt. Dann hebt sie ihren Kopf und sagt: "Gar nicht so einfach, über jemanden zu reden, den ich nur so kurze Zeit begleiten durfte. Zehn von 76 Jahren, was ist das schon?" Dann hält sie inne, räuspert sich, ihr Leben ist gerade ziemlich aus den Fugen.

In den Bänken hocken Menschen, von denen sie die meisten noch nie gesehen hat, Schädlichs Schwester; seine Exfrau Lisa, die das Moderessort der DDR-Zeitschrift Sibylle leitete; das Christianchen ist gekommen, mit dem Schädlich mal eine gefährliche Affäre hatte; der Historiker Fritz Klein, sein Vorgesetzter am Zentralhistorischen Institut an der Akademie der Wissenschaften; und Joachim Jauer, der lange das ZDF-Büro in Ost-Berlin geleitet hat.

Es ist ein seltsames Ensemble, das sich in die Kapelle drückt. Da sitzen Menschen, die man vor 30 Jahren in der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin hätte treffen können. Angehörige und Freunde, die betroffen waren vom Verrat, aber die Trauerworte spricht eine junge Frau aus dem Westen, die diese Dinge nur vom Hörensagen kennt. Er hat ihr nie davon erzählt.

"Wollen Sie eigentlich, dass ich weiterspreche?", fragt Julia mit leiser Stimme. Sie hat ein hübsches, zierliches Gesicht, die Haare trägt sie kurz geschnitten. Draußen nieselt es.

Worüber Julia sprechen kann, das ist nur die eine Hälfte seines Doppellebens. Das ist der Kauz, der in der Jazzbar, wo sie damals kellnerte, allabendlich im feinen Tweedjackett am Tresen stand und in den Zeitungen des nächsten Tages blätterte. Der Geschichten zu erzählen wusste wie kein anderer, über Geheimagenten, Trenchcoats, über den schwulen Tänzer Rödel, der im Krieg bei seiner Familie untergekommen war und ihm die BBC vorspielte.

Vorn in der Kapelle, zwischen den Blumen, steht ein Ölgemälde. Es zeigt Schädlich an einer Straßenecke, um seinen Hals baumelt ein Fotoapparat, unter dem Arm klemmen ein Spiegel und eine Vogue, am Rand eine Blondine, die sich nach ihm umdreht. Es ist ein Bild, das Schädlich zeigt, wie er sich selber sah, ein Flaneur, weltoffen und geistreich. " Die Geschichte", sagt Julia, "sah er als eine Abfolge von Kriminalfällen", und man fragt sich, was sein Bruder davon halten würde. Hans Joachim Schädlich fehlt an diesem Tag. Er nimmt in Bremen einen Literaturpreis entgegen.

Solange alles klar war, lernte ich von B., dass es Männer aus Schnee gibt, woraus ein Drachen besteht, wie man nicht absäuft und wieso 6 durch 2 geteilt werden kann, schrieb Hans Joachim Schädlich Anfang der Neunziger, kurz nachdem die Beziehung zu Karlheinz zerbrach, in seiner Erzählung Die Sache mit B.

"B" wie Bruder.

Am Tag nach der Beerdigung geht Julia noch mal auf den Friedhof. An der Stelle, wo Schädlich anonym bestattet wurde, steckt sie einen Blumentrichter in den Matsch, damit sie dort im Frühling etwas pflanzen kann. Sie zupft ein wenig an den Kranzschleifen herum. Am Nachmittag sitzt sie, wie so oft in vergangenen Tagen, auf dieser Bank im Bötzow-Viertel. Als würde ihr der Ort noch eine Antwort schulden.

"Bilanzsuizid", sagt sie. " Was weiß denn ich?" Julia weiß gerade gar nichts mehr.

In der Woche zuvor war sie fast jeden Tag in seiner Wohnung. Hat geputzt und aufgeräumt und dabei einen Teil der Stasiakte aufgetan. Sie blätterte darin, es ging um ein Privatbüro von Grass, vermerkt waren die Öffnungszeiten, 10 bis 16 Uhr. Es sagte ihr nicht viel. Später stieß sie auf zwei Briefe, adressiert an Grass und an den Spiegel, darin die Wörter Angst, Verzweiflung, Reue. " Der vertraute Freund", sagt sie, "wird langsam fremd."

Seitdem er nicht mehr da ist, fragt Julia sich, wer dieser Mann war, den sie an einem Abend vor zehn Jahren in der Jazzbar kennenlernte. Sie war damals zum Studieren nach Berlin gezogen, und nach der Schicht saß sie mit ihm noch auf ein Bier am Tresen. Sie erzählte ihm, dass sie mit sieben angefangen hat zu rauchen. Dass sie mit elf gekifft hat und mit zwölf ihr Kaff bei Wiesbaden verlassen hat, um nicht wie ihre Freunde auf die schiefe Bahn zu kommen. Schädlich sagte ihr, dass er es bewundere, wie mutig sie als Kind gehandelt habe. Möglich, dass er etwas in ihr sah, was er nicht hatte.

Als die Bar geschlossen wurde, trafen sie sich jede Woche im Café. Schädlich genoss es, wenn die Leute dachten, Julia sei seine Geliebte. Manchmal rief er an, um sie auf eine Fernsehsendung hinzuweisen, er schickte Ausrisse aus der Titanic. Es schien, als ob er die Wendejahre gut verkraftet hätte.

Seit der Abwicklung des Instituts, an dem er über Englische Geschichte forschte, verfasste er gelegentlich Artikel für das Neue Deutschland, er schrieb über Kim Philby, der im Zweiten Weltkrieg die Abteilung Auslandsspionage des britischen Geheimdiensts leitete, obwohl er für die Russen spionierte, und über den Baron zu Putlitz, der englischen Agenten Hitlers Aufmarschpläne steckte. Manchmal begleitete ihn Julia zu Vortragsreisen nach Bad Saarow, in die Uckermark, nach Hiddensee, und unterwegs nahm Schädlich sie dann mit in seine Glitzerwelt. Erzählte ihr von seinen Nachmittagen beim Baron zu Putlitz; von den Briefen, die er sich mit Philby schrieb; von den Dissidenten Robert Havemann, Wolf Biermann, Manfred Krug, die er persönlich kannte; von all den Mädchen, die er vom Bordstein weg aufs Cover der Sibylle gebracht hatte. Julia glaubt, dass Schädlich in der grauen DDR geschillert haben muss, doch jedes Mal, wenn sie ihn drängte, das alles einmal aufzuschreiben, hat er abgewinkt.

"Dummer alter Mann", sagt sie.

Julia begreift erst jetzt, dass Schädlich eine Freundin brauchte, die seine Vergangenheit nicht kannte. Neulich war sie mit seiner Schwester aus. Beim Aufräumen der Wohnung hatten sie etwas Geld gefunden, die Schwester sagte: "Jetzt lassen wir uns mal zusammen von ihm einladen." In all den Jahren waren sie sich nie begegnet. Schädlich schickte seine Schwester weg, wenn Julia kam, doch jetzt, beim Inder, öffnete sie Julia das Tor zu einer Welt, das er verschlossen gehalten hatte. Was sich auftat, war ein Abgrund.

Hannelore Dege hat immer wieder den Kontakt zu ihrem Bruder gesucht. Die Schwester, selbst verraten, war eine der wenigen, die ihn immer wieder fragten, auch wenn ihn die Fragen quälten.

Bis zu ihrer Pensionierung war Dege Anästhesistin. Sie lebt seit mehr als 30 Jahren in einem gepflegten Plattenbau am Stadtrand von Berlin. Wer sie dort besucht, trifft eine aufgeräumte Dame von 71 Jahren mit Lockenkopf und einem sehr lebendigen Gesicht.

Es hatte Monate gedauert, ehe Hannelore Dege in einer E-Mail schrieb, dass sie genug Abstand habe, um mit einem Fremden ein Gespräch zu führen. Der Tod des Bruders, sagt sie, habe vieles wieder aufgewärmt, die Gespräche, die sie führte, mit seinen Freunden, mit Julia, durch die sie nun erfuhr, wohin er all die Jahre ausgewichen war, wenn sie sich auseinandersetzen wollte. " Wenn man so will", sagt sie, "hat er ein doppeltes Doppelleben geführt, eins vor der Wende und eins danach."

Dege ist eine Frau, der es nicht leichtfällt, loszulassen. Viele ihrer Möbel standen schon in ihrem Elternhaus, einer herrschaftlichen Villa im vogtländischen Reichenbach. Vielleicht muss man dorthin zurück, um zu verstehen, an den Anfang der Geschichte.

Karlheinz wuchs als ältestes, Hannelore als jüngstes von vier Geschwistern auf. Ihr Vater führte einen Wollhandel und starb früh. Niemand, sagt Dege, habe darunter so gelitten wie Karlheinz. Plötzlich fehlte ihm der Mensch, der ihn beschützte, der seine NSDAP-Kontakte spielen ließ, damit der Junge nicht zum Jungvolk musste. Karlheinz hasste es, die Hänseleien, die Geländespiele. Lieber las er Bücher über Mode, spielte mit Kameras und ließ die kleine Schwester auf dem Dachboden posieren. Die Mutter, überfordert mit dem alltäglichen Kampf ums Überleben, wollte, dass er von der Schule geht und Geld verdient. In diesen Jahren nach dem Krieg muss er sich selbst verloren haben.

Schädlich lebte rastlos. Acht Monate verkaufte er in Leipzig Lebensmittel, dann war er Erntehelfer im Westen. Zog weiter, fand in Fürstenwalde eine Anstellung im Reifenwerk, bewarb sich 1951, am Ende dieser Odyssee, am Ostberliner Institut für Lehrerausbildung und schrieb sich für ein Fernstudium im Fach Geschichte ein. Sein Staatsexamen machte er fünf Jahre nach der Schwester. Da stand die Mauer schon vier Jahre. Schädlich hatte nun etwas gefunden, wozu er sich berufen fühlte. Er promovierte an der Akademie der Wissenschaften und stieg in intellektuelle Kreise auf.

Das Verhältnis zur Schwester war recht eng in dieser Zeit. Dege holt ein Album aus dem Arbeitszimmer und zeigt Fotos, die er von ihr aufgenommen hat. " Zu diesem Kurzhaarschnitt", sagt sie, "hat er mich überredet." Den Nicki, den sie trägt, hat er ihr mitgebracht, aus dem Westen, wie so vieles.

Schädlich hat sie ausstaffiert, mit Büstenhaltern, Röcken, hat sie versorgt mit Tonbändern von Biermann und einem Buch von Havemann. Er hat sie überredet, trotz ihrer vielen Nachtdienste mit ihm auszugehen, ihn zu Abendessen zu begleiten, zu denen auch Journalisten aus dem Westen kamen. Es war aufregend, sagt Dege, Teil dieser Boheme zu sein. Und manchmal gab ihr Bruder damit an, dass ihm Günter Gaus, der Ständige Vertreter Bonns in Ost-Berlin, auf einem Empfang gesagt habe, er könne sich auf ihn verlassen, wenn es Probleme gebe.

Es hätte leicht Probleme geben können. Schädlich wusste das. So oft hatte er auf die kleinbürgerlichen Verhältnisse in der DDR geschimpft. Es war bekannt, dass er als Lehrer mit dem minderjährigen Christianchen angebandelt hatte. Dem Zoll war aufgefallen, dass er aus Polen Pelze in die DDR schmuggeln wollte. Als im August 1968 in Prag russische Panzer auffuhren, hatte Schädlich eine Protestnote unterschrieben, und seitdem er promovierte, gab es diesen Briefwechsel mit Philby, den ihm der KGB schließlich verbot.

Schädlich hätte wissen müssen, dass er sich erpressbar machte. Er hätte ahnen können, dass sein Telefon abgehörte wurde, aber er sprach darüber nicht. Vielleicht stand zu viel auf dem Spiel.

Schädlichs Stelle war für ihn wie maßgeschneidert. Mehr Freiheit war in der DDR kaum möglich. Er konnte sich in seine Forschungen vertiefen, konnte nach Ungarn reisen, um Archive zu besuchen, er verdiente überdurchschnittlich, und weil er in der Woche nur an zwei Tagen Präsenzpflicht hatte, blieb genügend Zeit, um nebenbei in der Sibylle über Tweedjacketts zu schreiben. In keinem anderen Land war es so leicht zu schillern wie in dieser grauen DDR, so lange jedenfalls, wie man sich an die Regeln hielt.

B. interessierte sich angelegentlich und misstrauisch. Womöglich passt es hierher: B. gehörte der staatlichen Partei an.

Schädlichs Bruder Hans Joachim verließ die DDR 1977. Im Jahr zuvor hatte er gegen die Ausweisung Wolf Biermanns protestiert und später seinen Erzählband Versuchte Nähe im westdeutschen Rowohlt Verlag veröffentlicht, woraufhin die Stasi aufmerksam notierte, dass Günter Grass ihn während mehrerer Begegnungen dazu ermuntert habe, die Verhältnisse im Land so schonungslos wie möglich bloßzustellen. Er wurde jetzt, wie Grass, "operativ bearbeitet", wegen "staatsfeindlicher Hetze". Er hatte seine Existenzgrundlage in der DDR verloren.

Die Brüder trafen sich fortan in Budapest, in Prag, in West-Berlin. Hans Joachim war in Sorge, Karlheinz könne seinetwegen Probleme bekommen. Man hatte ihn aus der Partei geworfen, weil er sich nicht vom Bruder distanziert hatte, aber Karlheinz sagte, es erleichtere ihn. Er wirkte unverdächtig, dem System zu nahe zu sein, auch deshalb machte Hans Joachim ihn mit Grass bekannt.

Schädlich besuchte Grass mehrmals in dessen Westberliner Büro, die Öffnungszeiten: zwischen 10 und 16 Uhr. Der Schwester brachte er eine Gesamtausgabe von Grass' Werken mit, und im Frühjahr 78 bat Hannelore ihn, Grass zu fragen, ob der nicht im privaten Rahmen eine Lesung halten wolle.

Grass las damals oft in Ost-Berlin. Er hatte keinen Grund, misstrauisch zu sein, als Schädlich ihn am frühen Abend des 16.Juni am Bahnhof Friedrichstraße abholte. Sie fuhren in die Wohnung eines Anästhesisten, wo 40 Gäste warteten, die meisten oppositionell gesinnte Ärzte. Grass las eine Stunde aus dem Butt, und währenddessen rutschte Schädlich so nervös auf seinem Stuhl herum, dass seine Schwester glaubte, er habe irgendwas geschluckt.

Am 30. Oktober 1979 erhielt Schädlich aus der Hand von Erich Mielke die Verdienstmedaille der NVA in Bronze.

Am 12. Dezember 1989, einen Monat nach dem Fall der Mauer, vermerkte Major Salatzki, dass die "offene und ehrliche Zusammenarbeit wegen Perspektivlosigkeit" abgebrochen werde.

Alles war nun anders.

Ein Dutzend Jahre nach meinem Verschwinden tauchte ich im ehemaligen Einheimischen auf, weil es die Grenze plötzlich nicht mehr gab. Ach, war das ein "Guten Tag! Wie geht's dir?" Ich war zwar ein Auswärtiger, aber als ich B. traf, war mir fast heimisch zumute.

Nichts war anders.

Zwei Jahre hätte Schädlich Zeit gehabt, etwas zu sagen. Zwei Jahre, in denen sich viele andere das Leben nahmen, weil sie ahnten, dass irgendwann etwas ans Licht kommen würde. Schädlich schwieg und lebte weiter, so als hätte es das alles nicht gegeben.

An einem Winterabend 1992 klingelt bei Hannelore Dege das Telefon.

"Weißt du noch?", fragt Hans Joachim, der gerade in der Gauck-Behörde war, "wer in Budapest mit uns gefrühstückt hat?"

Dege versucht sich zu erinnern. " War das nicht Karlheinz?"

"Wer wusste, worüber wir in Prag gesprochen haben?"

"Karlheinz, glaub ich, sonst niemand."

Jetzt ist es raus.

"Warum?", fragt ihn die Schwester ein paar Tage später, aber Schädlich blickt nur stumm auf seinen Tisch. " War es deine Faszination für die Geheimdienste? War's Neugier? Dein Prominentenwahn? War es das Ambiente, in dem ihr euch getroffen habt?" Er hebt die Schultern. Sein Verlag, brummt Schädlich irgendwann, habe ihm gesagt, er solle gleich ein Buch über die Sache schreiben. Sie hätten auch schon einen Titel: "Ich war ein Spitzel". Dege ist außer sich. " Jetzt willst du auch noch Geld damit verdienen, was?", sagt sie. " Und das, bevor du dich erklärst!"

Ein paar Tage darauf teilt Schädlich seiner Schwester schriftlich mit: "Das Charakterbild von mir, das Du hier kürzlich mühelos entworfen hast, trifft in allen Teilen zu." Er bittet sie, es für ihn aufzuschreiben. Er könne es vielleicht gebrauchen, für sein Buch.

Dege zieht sich nun zurück. Sie schämt sich für den Bruder. Fühlt sich mitschuldig. Sie sagt: "Es kommt mir heute vor, als hätte ich mich damals wie ein Kind verhalten, das misshandelt wurde und den Täter trotzdem in Schutz nimmt."

Sie ruft die Ärzte an, die sie zur Lesung eingeladen hatte, versucht zu erklären, wiedergutzumachen, irgendwie. Dem Gastgeber der Lesung, der malt, hilft sie, einen Raum zu finden, wo er seine Bilder zeigen kann. Sie kauft ihm eines ab, den Oderbruch in Öl, recht düster. Es hängt heute versteckt hinter der Tür zum Arbeitszimmer.

Als Dege ihre eigene Akte einsieht, muss sie erkennen, dass sie selbst zwei Jahre lang im Visier der Stasi war. Einige der Ärzte waren aus Neuruppin, das damals als ein Nest von Republikflüchtlingen galt, zur Lesung angereist, und aufgrund der Aussage des Bruders interessierte man sich nun dafür, ob sie mit diesen Dingen irgendwas zu tun habe.

"Viel schlimmer aber", sagt sie, "war, dass ich jetzt nicht mehr wusste, wer ich all die Jahre für ihn war. Eine Statistin, in deren Begleitung er sich unauffällig wähnte? Mit der er sich auf all den Einladungen schmückte?"

Nach Jahren sucht sie wieder den Kontakt. Schreibt ihm, dass sie nicht einsieht, dass die Stasi ihr den Bruder nimmt. Will wissen, warum er sich so eingesetzt hat für die Treffen mit Hans Joachim. Ob es sein Auftrag war. " Gequirlte Kacke", schreibt Schädlich zurück und geht wieder in Deckung. Ruft nur an, um Fernsehsendungen zu empfehlen. Schickt Ausrisse aus der Titanic. Sagt, dass er die Familie nicht brauche, und verschweigt, dass er längst eine neue hat. Julia und ihre Freunde.

B. wurde übel, er sagte: "Ja, es ist wahr. Was soll ich jetzt tun. Du warst nicht der Einzige, über den ich geredet habe. Du warst nicht einmal der Wichtigste." Ich sagte: "Das glaube ich, ich habe es gesehen. Geh zu den anderen und sage ihnen: >Ja, es ist wahr.<"

Karlheinz Schädlich spricht mit Jauer. Er sagt ihm, er habe eigentlich nur Gutes über ihn erzählt.

Schädlich spricht auch noch mit anderen, doch was er sagt, bleibt vage. Es klingt nach Ausrede, wenn er die Angst erwähnt, im Freundeskreis verbrannt zu werden; wenn er beschreibt, wie hundeelend es ihm ging vor dem Rapport. Einmal erzählt er der Schwester von den Treffen mit Salatzki, seinem Führungsoffizier. Salatzki, ein Jurist, empfing ihn jeden Monat in einer Villa. Er bot ihm Cognac an, und Schädlich blieb einige Stunden. Kotzte sich aus. Konnte über alles reden, wie damals mit dem Tänzer Rödel, wie mit Putlitz, wie mit seinem Vater, der so früh verstarb. Danach war die Angst zwei Wochen weg. Es scheint, als habe er sich mit dem Teufel eingelassen, um ihn loszuwerden.

Es ist nicht leicht, die Widersprüche zu entwirren, festzustellen, wie sehr Schädlich Opfer war und wie sehr Täter. Auf vielen Aktenblättern führt Salatzki die "belastenden Momente" auf, die über Schädlich selbst gesammelt wurden, aber diese Drohkulisse muss er beim Anwerbungsgespräch nicht anwenden. Salatzki notiert, dass sich "Dr. Sch., ohne zu zögern, bereiterklärte, mit dem MfS zusammenzuarbeiten", vermutlich weil er ahnt, dass seine Stelle auf dem Spiel steht. Sie hängen ihm eine Medaille um, weil durch seine Mithilfe angeblich ein Republikflüchtling enttarnt und festgenommen wurde, und gleichzeitig bemängeln sie, dass er über ein Buch des Bruders erst berichtet, als dieses schon erschienen ist. Es heißt, er erfülle seine Aufgaben "ohne besondere Initiative". Jetzt braucht Salatzki seine Drohkulisse.

Schädlich, dem sonst so sehr daran gelegen war, sich abzuheben, handelte unter den Bedingungen der Diktatur wie ein Durchschnittsspitzel. Es gab andere, die mehr erzählten, und welche, die sich weigerten. Schädlich hat versucht, sich durchzumogeln.

Zu mir hat er gesagt: Was soll ich jetzt tun? Ich sagte: Ich weiß es nicht.

Wenn man Hannelore Dege auf ihren Bruder Hans Joachim anspricht, schweigt sie. Man ahnt, dass er nicht versteht, dass sie es nicht aufgegeben hat, Erklärungen zu fordern. " Karlheinz", sagt sie, "hat noch immer etwas Trennendes, auch jetzt nach seinem Tod."

Für Julia vermischen sich die Welten jetzt.

An einem Tag im Mai ist sie wieder mal in Schädlichs alter Wohnung. Sie räumt auf, weil bald ein Freund von ihr hier einzieht. In den engen Räumen hängt noch der Geruch von Pfeifentabak, er hängt in den Hemden, in den Mänteln, in den vergilbten Seiten seiner Bücher. 40 Jahre lang hat Schädlich hier gewohnt, er nannte es sein "Wohnklo". Auf dem Küchentisch liegt noch der Tagesspiegel von dem Tag, an dem er sich erschoss.

Julia kramt in alten Kisten. Sie findet seine Pässe und wundert sich über die vielen Visa aus dem Westen. Dann gräbt sie ein Tonband aus und spielt es ab. Gloomy Sunday, das Lied der Selbstmörder. Dann Schädlichs müde Stimme, die verkündet, dass er jetzt das Telefonbuch vortrage, von A bis Z. Julia fängt an zu weinen.

Entlang der Wände türmen sich die Bücherstapel: Brecht, Tucholsky und Fontane, diverse Lexika, Geschichte, "Drittes Reich". Zweitausend Bücher, aber keins von seinem Bruder, nichts über die DDR, nichts über die Stasi. Als hätten dieses Land und seine Spitzel niemals existiert.

Schädlich hat es Julia erst gebeichtet, als es nicht mehr zu verdrängen war. Ende 2006, ein Jahr vor seinem Tod, stand im Spiegel ein Artikel, in dem die Rede war von neuen Dokumenten, die Aufschluss gäben über die "Stasi-Jagd auf Günter Grass". Die Spitzel, hieß es, hätten sich in einer geheimen Operation namens "Bolzen" an Grass herangewanzt, und einer der erfolgreichsten sei ein gewisser Schädlich gewesen. Der aber sei für eine Stellungnahme nicht erreichbar gewesen.

Schädlich war kurz zuvor in die Psychiatrie eingeliefert worden. Es hatte ernst geklungen, als er davon sprach, sich umzubringen. Der Verfall des Körpers hatte ihn depressiv gemacht. Er konnte kaum noch laufen, seine Nieren schmerzten, und die Ohren hatten sich entzündet, nachdem er gegen das Geschrei der Nachbarskinder Ohropax genommen hatte.

Als Julia ihn in der Klinik anrief, erzählte er von dem Artikel. " Jetzt wissen Sie es also auch", krächzte Schädlich in den Hörer. Julia versuchte, ihn zu beruhigen. " Herr Schädlich", sagte sie, "ich mag Sie trotzdem. Wir alle machen Fehler."

Julia hat nicht nachgefragt. Nie hatte sie nachgefragt. Sich immer nur gewundert. An dem Tag, an dem er Egon Krenz im Bundesarchiv grüßte. An dem Abend, als sie in der Jazzbar jemand fragte, ob der Mann am Tresen nicht der "Schädling" sei. Jetzt fragt sie sich, ob sie genauer hätte hinsehen müssen. Ob das nicht ihre Aufgabe als Freundin gewesen wäre, viel mehr, als ihn zu trösten.

Möglich, dass sie so überfordert war wie viele andere, deren Freund plötzlich ein Spitzel war. Was wusste sie schon über die Stasi, über Grass? Jetzt geht es Julia so, wie es der Schwester ging vor 15 Jahren. Auch Julia ist sich nicht sicher, ob sie je mehr war als eine Statistin. Ein Zeitvertreib, mit dem er seine Schuld verdrängte. " Hätte ich Idiot mal nachgebohrt", sagt sie.

Die Schwester hat gebohrt, auch im letzten Jahr. Nach dem Klinikaufenthalt, als Schädlich klären wollte, ob aufgrund seiner Berichte tatsächlich jemand festgenommen wurde, half sie ihm. Sie recherchierte Telefonnummern, und Schädlich rief die Leute an, er fragte: Warst du im Gefängnis? Es klärte sich nicht auf. Er rief seinen Bruder an, um ihm nach 15 Jahren zum Geburtstag Glück zu wünschen, aber sie redeten kaum eine Viertelstunde.

Schädlich schrieb an Grass, acht Zeilen, und annähernd das Gleiche an den Mann vom Spiegel, der ihn damals nicht erreichte: "Ich habe einen langen Brief inzwischen auf die Hauptsache verkürzt: Ich bereue, was ich getan habe, und schäme mich für meine Angst und Feigheit. Reue ist das, was zu spät kommt, Wiedergutmachung geht nicht. Ich kann es mir selbst kaum verzeihen."

Der Brief wird niemals abgedruckt.

Vielleicht war es zu spät, ein halbes Jahr nach dem Artikel. Vielleicht gab es nach 18 Jahren keine Worte mehr, die angemessen gewesen wären. Irgendwann war diese Sache viel zu groß für einen Mann, der über alles reden konnte, nur nicht über sich.

"Er sah wie ein Wrack aus", sagt Joachim Jauer, der ihn kurz vor seinem Tod zuletzt getroffen hat. " Er wälzte sich im Dreck", sagt Fritz Klein, sein Chef am Institut, den Schädlich bewunderte, weil er sich gleich nach der Wende als IM geoutet hatte. " Er wollte mit sich selbst nichts mehr zu tun haben", sagt seine Schwester, die er darum bat, ihm einen Tablettencocktail zu besorgen.

Hannelore Dege tat es nicht. Stattdessen suchte sie nach Haushaltshilfen, nach mobilen Diensten und betreuten Wohnanlagen, aber Schädlich spottete darüber nur, dass er die heldenhafte Schwester wohl enttäuschen werde.

Am Nachmittag des 16. Dezember 2007 ruft Schädlich Julia an und sagt, dass er von seiner Beerdigung geträumt habe, von Jazzmusik und Blumen. Danach wählt er die Nummer seines Zeitungsboten. Schädlich bittet ihn, die Zeitungen vom nächsten Tag an durch den Türschlitz zu stecken. Er sei jetzt eine Weile fort.

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Marian Blasberg


Marian Blasberg, geboren 1975, studierte Philosophie und Germanistik in Düsseldorf. Im Anschluss besuchte er die Deutsche Journalistenschule in München. Seit 2006 arbeitet Blasberg als Pauschalist bei der ZEIT (Ressorts Magazin und Dossier). Auszeichnungen: Erich-Klabunde-Preis für sozial engagierten Journalismus (2008), Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2008)
Dokumente
Der Dandy von Ost-Berlin (PDF)

erschienen in:
ZEITmagazin,
am 31.12.2008

 

Kommentare

Champ, 25.04.2016, 09:43 Uhr:

Je veux bien aller fouiner dans ce &qto&;greniertquou; avec toi&#8230; je vais aller le faire dès que j&#39;ai un peu de temps&#8230; je ne reconnais personne sur la photo, j&#39;ai des ancêtres normands à Dieppe, mais pas en Bretagne, du moins pas à ma connaissance.Elle est belle cette photo !

Michael, 12.02.2015, 21:03 Uhr:

Hallo Herr Blasberg,
der Artikel ist sehr interessant.Mich interessiert die Geschichte Schädlich und die des Baron zu Putlitz. Was hat er eigentlich Julia erzählt über ihn ? Das würde mich schon sehr interessieren und wie könnte ich diese Julia ggfs.kontaktieren ? Ich war ein Bekannter von Putlitz und möchte mehr über ihn wissen,zumal auch an seiner Biographie gearbeitet wird und es nur noch wenige Zeitzeugen gibt. Für ihre Hilfe wäre ich Ihnen sehr verbunden ! Mfg

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