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27.05.17

Prämierte Texte

Fiona Ehlers „Der ewige Augenblick

Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.

Es wird ein Tag sein, wie alle ihre Tage waren, seit fünf Jahren. Es wird diesen kurzen, glücklichen Moment nach dem Aufwachen geben, wenn sie die Augen aufschlagen will, wenn sie glaubt, dass alles wie früher sei. Aber die Dunkelheit weicht nicht, eine kurze Panik, ein Gefühl von Verzweiflung, dann wird sie wieder wissen, was zu tun ist.

Sie wird nach dem schwarzen Umhang tasten und dem Kopftuch. Ein Taxi wird sie ins Gefängnis fahren am Rande der Stadt. Man wird sie an sein Bett führen. Sie wird sein Gesicht ertasten, mit ruhiger Hand die Pipette halten. Sie wird ihn nicht sehen können, wie er vor ihr liegt, festgeschnallt, betäubt, machtlos. Ob er leidet, wie sich die Säure in seine Netzhaut frisst, ob er doch etwas spürt und zuckt und strampelt. Sein Anblick wird ihr erspart bleiben, sie glaubt, das werde ihr die Tat erleichtern.

Am Ende des Tages wird sie ihr Buch vollenden, an dem sie seit Monaten arbeitet. Ein Buch über das verwüstete Leben der Amene Bahrami. Blinde, Rächerin, erst Opfer, dann Vollstreckerin. Das letzte Kapitel ist noch ungeschrieben, es soll im Buch ganz am Anfang stehen.

Wenn sich Amene Bahrami den Tag ihrer Rache ausmalt, huscht ein flüchtiges Lächeln über ihr Gesicht. Es ist das Lächeln in einer Fratze. Es wächst kein Haar mehr in diesem Gesicht, die Haut ist bleich und zum Reißen gespannt. Wie Kletterpflanzen an einer Hauswand im Winter ziehen sich wulstige Narben über die Stirn, die Wangen, das Kinn, den Hals. Dort, wo früher dunkle Augen unter sanft geschwungenen Brauen lagen, klaffen jetzt Höhlen. Das linke Auge ist zugewachsen mit Narbenhaut, das rechte ist aus Glas.

Tausende Male hat Amene diesen Tag im Geiste geprobt, Tausende Male ihre eigenen Lider mit den Fingern auseinandergezogen und vergebens Medizin hineingeträufelt. Sie fühlt sich vorbereitet.

Wird sie Frieden finden nach der Tat, wird die Tat ihr Leben retten? "Es geht nicht um mich", sagt Amene, "mein Leben ist zerstört. Ich will keine Rache, ich will den Männern in Iran eine Lehre erteilen. Würde noch eine Frau mit Säure verätzt, könnte ich mir das niemals verzeihen."

Amene Bahrami ist 31 Jahre alt, eine stolze, tapfere Frau, keine Zauderin. Sie hat sich entschieden, sie beharrt auf ihrem Recht auf Rache an ihrem früheren Kommilitonen Madschid Mowahedi, der sie mit Schwefelsäure übergoss, ihr Gesicht verwüstete, ihre Schönheit hinrichtete. Er tat es aus verschmähter Liebe, damit kein anderer Mann sie je besitzen werde. Er tat es vor fünf Jahren in Teheran, an einem Herbsttag zur Fastenzeit.

Amene darf, was sie plant, seit ihr der Oberste Gerichtshof in Teheran im November 2008 das Recht auf Vergeltung zusprach. Sie hat es schriftlich, ein 30-seitiges Urteil, von ihr selbst unterschrieben. Sie hätte auch Blutgeld, eine Art Ausgleichszahlung, von 40 000 Euro annehmen können, aber sie besteht auf dem Vollzug des islamischen Scharia-Gesetzes. Sie darf Madschid Mowahedi dasselbe zufügen, was er ihr angetan hat. Sie will ihn blenden, beidseitig. "Auge um Auge, Zahn um Zahn", so steht es schon im Alten Testament. Nach Teheran fliegt sie nur für diesen Tag, dann kehrt sie nach Spanien zurück, ihre neue Heimat.

Es ist ein milder Frühlingsmorgen, Amene sitzt in einem Straßencafé im Hafenviertel von Barcelona. Sie hört das Meer, spürt die Brise, riecht an einer Rose, die ihr jemand in die Hand gedrückt hat. Menschen bleiben stehen und starren sie an. Nach Spanien kam sie vor vier Jahren, 17 Operationen hat sie hinter sich. Seit fünf Jahren gleicht ihr Leben einer Schussfahrt, es geht rasant bergab. Nichts, so glaubt sie, verspreche Linderung, außer ihrer Rache.

Sie verlässt das Café und tastet sich mit dem Blindenstock in einen Supermarkt. In Barcelona kennt man ihre Geschichte, seit sie im Fernsehen war, an der Kasse tätscheln ihr drei spanische Frauen die Hand. Amene hört: "Zeig's dem Hurensohn, er hat es nicht anders verdient!"

Amene lächelt, sie zahlt. Sie steigt erhobenen Hauptes in einen Bus, zählt die Haltestationen, steigt aus an einer Blindenschule, dort lernt sie Blindenschrift. Ihre Lehrerin steht an der Klassentür, die Arme in die Hüften gestemmt, sie verweigert ihr den Zutritt. Zwei Blinde stehen sich gegenüber, ihre Köpfe irren umher, sie suchen ihr Gegenüber, sie können sich nur hören und schreien sich an. Die Lehrerin ist wütend, sie zischt, sie werde Amene nie wieder unterrichten, wegen dieser entsetzlichen Sache, die sie vorhat in Iran.

Menschen, die Amene begegnen, haben Mitleid mit ihr, viele verurteilen sie auch. Sie versuchen sich vorzustellen, was sie an ihrer Stelle täten. Was sie täten, wäre Amene ihre Tochter. Wie lebt man mit dieser Geschichte, mit dieser Fratze? Soll sie verzeihen, wäre das gerechter?

Sie erzählt ihre Geschichte mit trotziger Stimme, fast herrisch, sie spricht nun Persisch, ihre Muttersprache, da kann sie sich besser ausdrücken, jeder Satz, den sie sagt, wird wichtig sein. "Niemand ist in meiner Lage. Ihr habt Gesichter, Arbeit, Zukunft. Ihr könnt nicht wissen, was gut für mich ist", diese Sätze sagt sie oft.

Ihr Handy steckt in ihrem BH, damit es jederzeit griffbereit ist und Journalisten sie erreichen können. Sie geht hausieren mit ihrer Geschichte. Sie macht es nicht nur wegen des Geldes, auf das sie angewiesen ist, seit ihr die iranische Regierung den Unterhalt gestrichen hat. Sie will, dass die Welt von ihrem Leid erfährt, sie hat einen Auftrag. Es ist, als wolle sie ihrem Schicksal eine Bedeutung beimessen, diese unfassbare Tat darf nicht umsonst gewesen sein, sie muss sich wehren, muss warnen, nur das, glaubt sie, gebe ihrem kaputten Leben einen Sinn. Ihr Schicksal hat sie stark werden lassen, aber auch kalt. "Mein Herz", sagt sie, "ist aus Stein."

Amene hat sich entschieden. Sie wartet auf den Vollstreckungstermin, ganz Teheran wartet auf diesen Termin. Dort kreisen zwei Familien umeinander; Kisas, das Vergeltungsprinzip der islamischen Rechtsprechung, steht zwischen ihnen. Auch sie gehen zugrunde an dieser Geschichte, die voller Brutalität ist und Schuldzuweisungen, voller Rückschläge, Widersprüche und ohne Gewissheiten. Sie spielt zwischen Archaik und Moderne in der Hauptstadt Irans, eines repressiven Landes.

Die Bahramis, Familie des Opfers, leben in Teherans Nordwesten, Kleine-Leute-Gegend, laut und trubelig. Amenes Mutter Schahin, 50, ist klein und rundlich wie ihre Tochter, sie klagt jedem Taxifahrer ihr Leid, sie läuft Anwaltsbüros ab und Richter und buhlt um Verständnis im Namen der Tochter. Sie sitzt im Wohnzimmer und zeigt Fotos. Ein hübsches Kind, verhätschelt, herausgeputzt als Prinzessin. Schönheit, diesen Eindruck gewinnt man, ist wichtig in dieser Familie.

Amene wuchs zur stolzen Frau heran, studierte Elektrotechnik, für Frauen in Iran damals eine ungewöhnliche Wahl. Später machte sie Karriere in einem Ingenieurbüro für medizinische Geräte, verdiente mehr Geld als ihr Vater, 200 Euro im Monat. In Wirklichkeit aber sei sie traditionell, sagt Amene, sie habe nur studiert, weil alle es taten. Sie träumte von der großen Liebe, dem perfekten Ehemann und fünf Kindern.

Zwei Tage vor der Tat habe er ihr wieder aufgelauert, so sagt es die Mutter. Dieses Jüngelchen aus der Universität, das nicht begreifen wollte, dass Amene auf einen Besseren wartete. Das sich an sie drängelte im Labor und sein Bein an ihrem rieb. Dessen Mutter anrief, Amene dabei prüfte wie einen Gaul auf dem Viehmarkt, von Hochzeit faselte und Mitgift. Zwei Jahre ging das so, die Belästigungen wurden immer dreister.

Amene stellte ihn zur Rede. Sie sagt, es war das erste und letzte Mal, dass sie miteinander gesprochen haben. "Ich habe einen Verlobten", sagte sie. Es war eine Lüge. "Er ist sehr eifersüchtig, verschwinde aus meinem Leben."

In der Nacht vor der Tat habe sie einen Traum gehabt, sagt Amene. Stockdunkle Nacht, sie stieg einen Berg hinauf und schaufelte Gräber. Am 2. September 2004 saß sie im Büro über winzige Chips gebeugt, sie brauchte gute Augen ihre Arbeit. Nach Feierabend wollte sie in die Moschee, es war Fastenzeit, sie ging durch den Resalat-Park im Norden der Stadt. Sie hörte Schritte hinter sich, hörte ihren Namen. Sie drehte sich um. Madschid hatte eine rote Plastikkaraffe in der Hand.

Der Schmerz traf sie wie ein Feuerstrahl, als ob, sagt sie, "man einen Wasserkessel auf eine glühende Herdplatte stellt und die Tropfen tanzen drum herum". Sie riss sich den Tschador vom Leib, ging in die Knie, sah ihn weglaufen, dann war es dunkel.

Ein Passant stürzte herbei, übergoss sie mit Wasser, es vermischte sich mit der Säure, lief die Arme herunter, drang in den Mund, verätzte auch Zunge und Speiseröhre. Man schleppte sie in ein Krankenhaus, dort wussten die Ärzte nicht, was sie tun sollten. Die Mutter zog die brüllende Tochter in ein Taxi, sie fuhren ins nächste Krankenhaus, ins übernächste, überall wurde Amene falsch behandelt. Ihr Gesicht wurde schwarz durch die Verbrennungen, dann rot, die Schmerzen waren unerträglich. "Die Säure frisst weiter", sagten die Ärzte, "viele Jahre lang."

Tag und Nacht wachten die Bahramis an ihrem Bett. Sie fragte oft: "Wie sehe ich aus?" Sie sagten, bald sei alles überstanden, und versteckten jeden Gegenstand, in dem sie sich hätte spiegeln können. Irgendwann geschah es doch, Amene ging über den Flur und blickte in einen Toilettenspiegel, in ihr zugeschwollenes Gesicht, die Haare versengt, das linke Auge ein Krater. Sie erholte sich lange nicht von diesem Schock. "Allah, was habe ich verbrochen, wofür strafst du mich?", sagte sie und verstummte für Wochen.

Amenes Fall sorgte für Aufsehen in Iran. Der damalige Staatspräsident Mohammed Chatami war erschüttert, ließ ihr Hilfe zukommen, 18 000 Euro. Irgendwann war das Geld aufgebraucht. Irgendwann nähten Ärzte Amenes Augen zu und entließen sie nach Hause. Sie fühlte sich hässlich und ungeliebt, eine Bürde für die Familie.

Das Schlimmste, sagt Amene, "Madschid hat sich nie bei mir entschuldigt. Er wollte mich besitzen, ich war seine Trophäe". Am Telefon habe seine Mutter gesagt, er sei ein Mann, was er sich in den Kopf gesetzt habe, bekomme er auch. "Das darf ich doch nicht zulassen!", sagt Amene.

Sie weiß es nicht besser, vielleicht konnte sie Madschid auch nicht sehen, sein Vater jedenfalls sagt, Madschid sei am Krankenbett gewesen, fast täglich, er habe um Verzeihung gebeten. "Warum behauptet sie etwas anderes, denkt sie, wir sind Ungeheuer?"

Die Mowahedis, Familie des Täters, leben im Südwesten Teherans, auch eine Kleine-Leute-Gegend, auch laut und trubelig. Auch diese Eltern zeigen Fotos im Wohnzimmer, es sieht so aus wie das der Bahramis, Sitzkissen auf billigen Perserteppichen. Auf einem Foto sieht man einen Mann mit Jungsgesicht, kantiges Kinn, Brille, Student der Elektrotechnik, fünf Jahre jünger als Amene. Der Vater ist Taxifahrer. In seinem gelben Peugeot fährt er oft zum Haus von Amenes Eltern, parkt gegenüber, sitzt einfach da und starrt vor sich hin.

An jenem Abend wirkte Madschid verstört, sagt der Vater, er stürmte in sein Zimmer unter dem Dach, heute eine Abstellkammer, niemand hier rechnet mehr mit seiner baldigen Rückkehr, er war wie von Sinnen, sagt der Vater, aß nicht, mehrere Tage lang.

Ist es wegen Amene?, fragten seine Eltern. Oft hatte er von diesem stolzen Mädchen erzählt, wie hoffnungslos er in es verliebt sei. Wie es ihn provozierte, ihm seine Telefonnummer zusteckte, mit seinen Gefühlen spielte, so sagen es die Eltern. Dann habe Amene ihn fallen lassen, er sei schrecklich gekränkt gewesen. "Sie hatte ein Auge auf ihn geworfen, sie hat ihn verführt", sagt Madschids Mutter.

"Er ist verrückt", sagt Amene. "Wertlos, verzogen, ein Irrer, gemeingefährlich."

"Die Polizei fasste ihn nach zwei Wochen", sagt Amenes Mutter.

"Er stellte sich nach drei Tagen", sagt Madschids Vater.

Die Säure frisst, ein Leben lang.

Nach der Tat offenbarte sich Madschid seiner Mutter. Er habe die Säure in einer Drogerie gekauft, für drei Euro. Er habe die Wirkung unterschätzt, obwohl er sie mit Wasser verdünnt habe. Die Idee, sagte er, komme aus der Zeitung, assid paschi, Säureattentäter, eine neue Form der Gewalt in Iran. Seine Mutter glaubte kein Wort, bis er einen Zeitungsartikel hervorkramte mit einem Foto von Amene. Die Mutter brach zusammen, sie flehte ihn an, sich zu stellen. Auf der Polizei schlug ihm der Vater ins Gesicht, heute macht er sich Vorwürfe. Madschids Schwester wusste von seinen Plänen, er hatte damit gedroht, sie glaubte ihm nicht.

Als Amene nach fünf Monaten in vier Teheraner Kliniken nach Spanien kam, das Gesicht übersät mit eitrigen Wunden, die Augen zugenäht, gab es plötzlich eine Chance auf Heilung. Im April 2005 operierten sie die Netzhaut des rechten Auges. Als ihr Arzt Ramón Medel die Verbände abnahm, sah sie seinen Kittel, sein Namensschild am Revers, sie schrie vor Glück. 15 Monate lang konnte sie sehen, nicht viel mehr als Licht und Schatten, aber immerhin. Sie holte ihre Spiegelreflexkamera aus dem Koffer, eine Zenit 122, entdeckte die schöne Stadt am Meer, knipste Surfer am Strand und Blumenhändler auf den Ramblas. Genoss die Freiheit ohne Tschador und Sittenwächter, lernte Spanisch, lernte ein selbständiges Leben.

Ihr wuchsen Kräfte zu, von denen sie früher nichts geahnt hatte: Sie begriff, Schönheit ist vergänglich, und leben ist besser als sterben. Sie war wieder ausgelassen wie früher, war glücklich über jeden Tag, dankbar für jede weitere Operation. Ihre Zuversicht hielt nicht an, es gab kein Entrinnen aus der Finsternis.

Präsident Ahmadinedschad hatte die Zahlungen an Amene eingestellt. In Barcelona konnte sie ihre Miete nicht mehr zahlen, wurde verklagt, zog zu Nonnen in ein Studentenwohnheim, flog auch dort raus. "Du kommst aus einem reichen Land, wir haben hier kein Öl, wir können dich nicht länger durchfüttern", sagte eine spanische Sozialarbeiterin und dass sie jetzt etwas Passendes gefunden habe. Amene zog ein weiteres Mal um, es roch nach Alkohol, Haschisch, Urin. Mit angezogenen Beinen saß sie auf dem Bett, hörte, wie sie lallten, randalierten, die ganze Nacht. Sie war im Obdachlosenheim, sie verschwand am nächsten Morgen. Sie fand ein Zimmer bei einer Spanierin, die spricht kaum ein Wort, liegt den ganzen Tag im Bett und raucht. Dort lebt sie bis heute.

Ein paar Tage nachdem sie eingezogen war, merkte Amene, wie warme, weiche Flüssigkeit über ihre rechte Wange lief. Sie dachte, es sei die vom Arzt verschriebene Fettcreme, sie tupfte sie ab mit einem Taschentuch. Es war ihr rechter Augapfel. Er hatte sich entzündet. Ein Infekt, eingefangen im Pennerasyl.

Dr. Medel setzte ihr ein Glasauge ein. Er hatte kein schwarzes mehr, Amene sagte, dann nehme ich Ihre Augenfarbe, Graublau. "Sitzt mein Glasauge noch?", fragt sie oft, reibt daran und rückt es gerade.

Sie war jetzt völlig erblindet, es gab keine Hoffnung mehr. Ihre ältere Schwester reiste aus Teheran an, sollte sie pflegen, amüsierte sich lieber und ließ sie allein. Amene dachte viel nach, besprach Kassetten, eine Art Tagebuch, die Grundlage für das Buch über ihr Leben. Es sind mehrere Dutzend Kassetten, sie verwahrt sie in einem Schränkchen zusammen mit dem Koran und Selbstporträts von früher.

Sie hatte Barcelona gesehen, langsam verblassten die Bilder, sie ging kaum noch vor die Tür. "Stellen Sie sich vor, ich lebe im Paradies, ich weiß, wie schön es hier ist", sagt sie, "als Blinde ist es die Hölle." Es muss in dieser Zeit gewesen sein, als ihr Wunsch auf Rache reifte.

Im März 2008 flog sie zurück nach Iran. In der 71. Kammer des Strafgerichts wurde Madschid der Prozess gemacht. Er gab das trotzige Kind, das auf den Boden stampfte und unfähig schien zur Reue. Seine Familie wartete vor der Tür, wurde nicht mal verhört. Das Publikum im Gerichtssaal lachte Madschid aus. Es weinte, als Amene ihre Geschichte erzählte, mit fester Stimme, unter Tränen aus toten Augen. Sie hatte das Mitleid auf ihrer Seite, wie sollte es auch anders sein.

Am Ende der Verhandlung wünschte sich Madschid den Tod: "Dann hängt mich doch!" Das war der Moment, als sie sicher war. "Er hat den Tod nicht verdient", sagt sie. "Er darf nicht einfach weg sein. Er soll leiden wie ich."

Auf Amenes ausdrücklichen Wunsch wurde ihr das Recht auf Vergeltung eingeräumt. Der Fall ging um die Welt, er entspricht den üblichen Klischees von Iran, der repressiven Republik. In westlichen Ländern sind Körperstrafen abgeschafft, eine Vollstreckung durch das Opfer ist ausgeschlossen. Hier jedoch will ein Opfer selbst Hand anlegen, das mag man vielleicht sogar verstehen, aber darf ein moderner Staat das zulassen?

Dieser Staat lässt es zu, aber er unternimmt auch Versuche, Amene umzustimmen. Die Entscheidung in letzter Instanz ließ vier Jahre auf sich warten, sie ist umstritten, auch in Iran. Der mächtige Justizchef Ajatollah Schahrudi empfing Amene und ihre Mutter. Er war höflich, aber bestimmt, sagt die Mutter, er bat Amene, zu verzeihen und das Geld anzunehmen. Auch eine Anwältin aus der Kanzlei von Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi rief an, sie sagte, der Ruf Irans stehe auf dem Spiel. Aber Amene ließ sich nicht erweichen. Weil sie eine Frau ist, eine Frau in Iran, sind ihre beiden Augen nur so viel wert wie eines von Madschid, sie beschloss, sein zweites Auge dazuzukaufen, damit er wirklich blind sein wird wie sie.

Iran hat ein drakonisches Rechtssystem. Es gibt hier Menschenrechtler und Anwälte, die glauben, es sei kein Zufall, dass Amenes Wunsch gerade jetzt entsprochen wurde. Seit die Fundamentalisten an der Macht sind, sagen sie, gebe es wieder Richter aus reaktionären Religionsschulen, die Opfer zur Gewalt überreden. Die es gern sähen, wenn Iraner an diese falsch verstandene Gerechtigkeit glaubten. Kisas dient der Disziplinierung der Gesellschaft. Diese Aktivisten kämpfen dagegen, fordern eine Reform des Rechtssystems. Sie kämpfen noch gegen ganz andere Strafmaßnahmen: Einkerkerung von Regimekritikern, Erhängen Minderjähriger, Steinigung. Sie sagen: Rachejustiz sät Gewalt, sie unterbindet sie nicht. Sie glauben, das Urteil sei politisch motiviert. Sie glauben: Strenge Regeln und Verbote führen zu solchen Taten, Verschleierung, Geschlechtertrennung, kein Sex vor der Ehe. Sie haben viele Erklärungen für diesen Fall. Lösen kann ihn nur Amene.

Sie sieht sich als Kämpferin für die Rechte der Frauen. Sie ist es leid, dass Männer ihr vorwerfen, sie sei schuld an der Tat. "Männer wie Madschid müssen erzogen werden. Er ist ein Barbar, er versteht nur die Sprache der Barbaren", sagt sie. Sie schadet uns Frauen, sagt eine Anwältin aus dem Kreise Ebadis, am 12. Juni ist Präsidentschaftswahl in Iran, erstmals sind Frauenrechte Wahlkampfthema. Sie sagt, Amenes Rache sei kein Fortschritt, sondern Rückschritt, ein falsches Zeichen, in der Sprache der Männer, des Mittelalters. Amene sagt: "Da macht man einmal was Positives für die Frauen in Iran, und alle regen sich auf."

Und sie sagt auch: "Hätte er mich um Verzeihung gebeten, würde mir seine Familie zwei Millionen Euro bieten, ich würde es mir überlegen."

"Sie will den Preis in die Höhe treiben, sie will mehr Blutgeld, deshalb beharrt sie auf Kisas", sagt Madschid.

Seit fünf Jahren lebt Madschid in einer Acht-Mann-Zelle im Gefängnis von Karadsch, einem mächtigen Flachbau, umgeben von Stacheldraht. Seine Mithäftlinge machen ihm das Leben unerträglich, sagen die Eltern, er ist der assid paschi, Abschaum. Jeden Dienstag besuchen sie ihren Sohn, sein Haar ist geschoren, sie sprechen durch eine Glaswand. An diesem Dienstag kommen sie spät nach Hause, er hat ihnen einen 19-seitigen Brief mitgegeben, jede Seite musste genehmigt werden, sein Fingerabdruck prangt unter vielen Stempeln. Es sind Rechtfertigungen mit blauer Tinte, er zitiert Paragrafen, verweist auf andere Säurefälle, die milder entschieden wurden, fleht die Richter an, den Fall neu zu untersuchen. Es sind die trotzigen Worte eines Jungen, der sich selbst als Opfer sieht.

Dann klingelt das Telefon. Es ist Madschid, er will sich erklären, er weiß, ausländische Journalisten sind bei seinen Eltern.

Er hat eine leise, dünne Stimme, er sagt: Er habe Amene nur erschrecken wollen. Er sagt, dass er eine Strafe verdient habe. Aber nicht diese Strafe. Dann überschlägt sich seine Stimme, er verspielt seine Glaubwürdigkeit, wie damals vor Gericht: "Sie kann sehen, sie lügt, sie darf mich nicht blenden. Sie hat das Urteil unterschrieben, wie kann sie das, ich denke, sie ist blind?" Dann appelliert er an Amene, es klingt wie eine Drohung: "Ich kenne sie, sie hat ein gutes Herz. Sie will es nicht wirklich tun, wenn doch, dann gnade ihr Gott."

Die Zeit ist um, ein Tuten, dann ist die Leitung tot. Madschids Eltern weinen leise neben dem Telefon. Auch diese Familie ist verwüstet, krank vor Angst um ihr verlorenes Kind. Sie brauchten psychologische Hilfe und Geld für die Ausgleichszahlung, sie haben es nicht. Wie Amenes Eltern haben auch sie früh geheiratet, im Alter von 13 und 15 Jahren, eine arrangierte Ehe. Sie wollten alles richtig machen, ihre Kinder sollten studieren, selbst wählen, wie sie leben wollen. Madschid war überfordert mit der Freiheit, und wahrscheinlich war er unter Druck durch all die sexuellen Verbote. Man könnte sagen, auch er ist ein Opfer der Zeit.

Am Abend, als alles gesagt ist, machen die Mowahedis ein Angebot, eine Art Ablasshandel, es klingt so irrwitzig wie die Tat. "Wenn es stimmt, dass Amenes Familie sie als Last empfindet, dann würden wir sie aufnehmen." Würde sie ihn blenden, wäre er frei, so lautet das Gesetz. "Wir pflegen sie beide", sagen sie, "dann könnten sie endlich heiraten."

Am darauffolgenden Morgen betritt Amenes Mutter das Teheraner Strafgericht, schummrige Flure, Verbrecher werden vorbeigeführt in Handschellen. In Raum 108 hängen Bilder von Revolutionsführern, eine blinde Justitia hält ihre Waagschalen. Darunter sitzt Amenes Richter, westlicher Anzug, Sonnenbrille im Haar, auskunftsbereit.

Die Mutter ist nicht zum ersten Mal hier, sie will wissen, wann der Vollstreckungstermin ist. Sie sagt, sie habe den Eindruck, man halte sie hin. Der Richter sagt, das werde dauern. Bisher habe sich kein Arzt bereit erklärt, Madschid zu betäuben und die Blendung zu beaufsichtigen.

Aber das Urteil sei doch rechtskräftig, sagt die Mutter. Der Richter zuckt mit den Schultern, Justizchef Schahrudi müsse es unterzeichnen, noch zögere der. Er spricht von Blutgeld, er sagt: "Überzeugen Sie Ihre Tochter, das Geld anzunehmen. Das wäre die beste Lösung für alle." Bis zum letzten Moment könne sie sich entscheiden, auch noch wenn Madschid betäubt vor ihr liege.

Amenes Mutter nickt. Blutgeld, sie flüstert das Wort, sie schämt sich. Sie sagt: "Meine Tochter ist fest entschlossen, wie soll ich sie überzeugen, sie wird denken, ich hätte sie verraten."

Derweil sehnt Amene in Barcelona den Tag der Vergeltung herbei. Vergangenen Dienstag ist sie zum 18. Mal operiert worden. Sind die Wunden verheilt, wird sie nach Teheran fliegen, sie rechnet mit September. Seit sie blind ist, lebt sie nur noch für dieses eine Bild in ihrem Kopf, Madschids Blendung, ihre Rache. Sie soll in dem Buch über ihr Leben am Anfang stehen. Das böse Ende zuerst, aus dramaturgischen Gründen.

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Fiona Ehlers


Fiona Ehlers, 39, wuchs in Pinneberg auf und floh mit 19 nach Italien. Literatur- und Kunstgeschichtsstudium in Perugia, Bamberg, Berkeley und Hamburg. Henri-Nannen-Schule unter Ingrid Kolb. Seit 2000 Redakteurin beim SPIEGEL, seit vier Jahren in Berlin für das Ressort Gesellschaft. Ihre Reportagen wurden mehrfach ausgezeichnet, unterm anderem mit dem EMMA-Preis 2006 und dem Liberty Award 2008 für ihre Krisen- und Kriegsberichterstattung.
Dokumente
Der ewige Augenblick (PDF)

erschienen in:
Der Spiegel,
am 08.06.2009

 

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