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Sandra Schulz „Der Sog

Der Anfang war eine BBC-Meldung: Britin bekommt Strandverbot wegen Suizidgefahr. Ein Schicksal, zusammengefasst in wenigen Worten, ein Text, kurz und knapp und in seiner Sachlichkeit brutal.  Ich schrieb Amy D. einen Brief, sie antwortete prompt, und es begann ein monatelanger e-mail-Kontakt. Irgendwann telefonierten wir miteinander, und sofort verblüfften mich Amys Scharfsinn, ihre präzisen Aussagen, ihr distanzierter Blick auf sich selbst, ihr Zynismus. Amy ihrerseits war verblüfft, als ich ihr sagte, dass ich sie gern in Wales besuchen würde. Der Gedanke, dass sich jemand für sie interessiert – und sei es aus beruflicher Neugier – , schien ihr fremd und verlockend zugleich. Genau dies berührte aber auch eine der Kernfragen, die mich umtrieben: Missbrauchte ich das Mitteilungsbedürfnis eines depressiven Menschen für eine „gute Geschichte“? Würde sie mich als Freundin wahrnehmen und hinterher enttäuscht sein, wenn mein Angebot nicht Freundschaft, sondern nur die Bereitschaft zur Anteilteilnahme wäre? Würde ich ihre Not vergrößern – durch meine Präsenz oder meine Abwesenheit nach der Recherche oder durch meinen Text? Ich sprach mit Psychologen, mit Mitarbeitern des Suizidpräventionszentrums an der Universitätsklinik in Hamburg. Manchmal zuckte ich zurück: Welche Verantwortung übernahm ich? Konnte und wollte ich die tragen?

In der Redaktion beschlossen wir, uns selbst Restriktionen aufzuerlegen: keine volle Namensnennung, kein Kontakt zu Amys Nachbarn und dem sozialen Umfeld, um den Druck auf sie nicht zu erhöhen. Denn Amy lebt in einer Kleinstadt, in der jeder von der Frau, die ins Meer gehen will, gehört hat. Schließlich fuhr ich tatsächlich fünf Tage nach Wales, saß stundenlang auf einem Campingstuhl neben ihrem Bett und versuchte, mit ihrer Hilfe einen Einblick in ihr Leben zu bekommen. Gemeinsam gingen wir mehrere Aktenordner durch, gefüllt mit Polizeiprotokollen, Briefen und Gutachten von Psychiatern und Rechtsanwälten. Amy überließ mir auch wichtige Schriftstücke, von denen ich mit ihrer Erlaubnis Kopien anfertigte. So erfuhr ich, neben Amys subjektiver Darstellung, auch die „offizielle“ Sicht auf den „Fall Amy D.“

Letztlich haben sich glücklicherweise meine Befürchtungen nicht bestätigt. Ich habe Amy – nach Abdruck des Textes – eine englische Übersetzung des Artikels zukommen lassen. Sie war einverstanden mit der Art, wie ich sie porträtiert habe. Wir stehen bis heute in Kontakt. Für mich selbst war es sicherlich die schwierigste Recherche meines Lebens. Manches Mal während meiner Zeit in Wales fragte ich mich, ob ich nicht gerade die nötige journalistische Distanz verlor, zum Beispiel, wenn ich ihre Tabletten von der Apotheke holte, ihr Zimmer saugte, ihre Wäsche zur Reinigung brachte. Doch Amy hat eine gewisse Grenze nie überschritten. Sie hat mich nie in ihren dunklen Minuten in Deutschland angerufen oder um Hilfe gebeten. Sie hat respektiert, wenn ich mich in den Monaten nach der Recherche manchmal nur unregelmäßig meldete. Einmal schrieb sie mir einen Abschiedsbrief – per e-mail. Es ging ihr sehr schlecht. Doch sie hat noch nicht aufgegeben. Sie lebt.

Sandra Schulz


Der Sog


Eine Britin bekommt Strandverbot, weil sie angeblich 36 Mal versucht hat, ins Wasser zu gehen. Erklärungsversuche einer Frau, die sich dem Meer nicht entziehen kann.


Man hat ihr das Meer verboten. Sie konnte es sogar sehen, durch das Fenster des Gerichtsgebäudes, als man es ihr verbot. Sie musste nur den Kopf nach rechts drehen. Das Meer war ruhig an diesem Tag.

Seit dem 9. Januar 2006 durchziehen unsichtbare Linien Amys Stadt, Grenzen, die andere überschreiten, ohne es zu merken. Wenn Amy die Terrace Road nimmt zum Meer und nach rechts abbiegt, darf sie ein kurzes Stück auf der Uferpromenade gehen, darf den Pavillon passieren, darf den ersten, den zweiten Fahnenmast hinter sich lassen. Am letzten Mast vor der Grenze ist ein Schild angebracht, „Keine Hunde am Strand" steht darauf, dann kommt die Stelle, wo Amy die Straßenseite wechseln muss, nämlich dort, wo das weiße Geländer beginnt, gegenüber vom blau gestrichenen „Marine Hotel". Ab hier ist ihr das Betreten der Promenade untersagt. Wohl hat man ihr erlaubt, die Uferstraße selbst als auch den gegenüberliegenden Bürgersteig zu benutzen, allerdings nur bis zur Kreuzung hinter dem Gerichtsgebäude, markiert durch ein Sackgassenschild und einen Briefkasten. Dahinter, am Ende der Straße, mitten in der verbotenen Zone, liegt der kahle Berg, der die Bucht einrahmt, und jener Steinwall, der ins Meer ragt. Er ist einer von zwei Orten, die Amy auserwählt hat, zum Nachdenken über das Leben und zum Sterben.

Weil der britische Staat seine Bürgerin vor sich selbst und seine Beamten vor der Bürgerin schützen will, hat er No-go-Areas für eine einzelne Frau in Wales verhängt. Die Promenade links der Terrace Road: verboten, die Pier: verboten, die Uferstraße jenseits der Pier: verboten, der Hafen: verboten, der Landungssteg: verboten, der Strand: verboten, das Meer: verboten. Sollte Amy die gerichtlich verfügte Weisung missachten, drohen ihr bis zu fünf Jahre Haft, eine Geldstrafe oder beides. Sie habe, heißt es im Gerichtsbeschluss, sich in einer Weise verhalten, die einen vernünftigen Zuschauer zu der Annahme verleiten musste, dass sie gerade dabei war, sich selbst zu schädigen oder im Meer das Leben zu nehmen, und zwar wiederholt. Das wiederum, befand die Justiz, sei asozial. Für Amy gilt deshalb eine Anti-Social Behaviour Order, kurz: ASBO, gemacht für Leute, die andere belästigen, bedrohen oder schikanieren, sie in Bedrängnis oder in Notlage bringen. Manchmal reicht es allerdings schon, Tauben zu füttern oder laute Musik zu hören, um in Großbritannien eine ASBO zu bekommen. Oder verzweifelt zu sein.

(...)

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Sandra Schulz


Sandra Schulz, Jahrgang 1975, aufgewachsen in China, studierte Politikwissenschaft in Freiburg und Berlin und berichtete als freie Journalistin aus Japan. Ausbildung an der Berliner Journalistenschule, danach Redakteurin bei „mare“, Zeitschrift der Meere, ab Mai 2008 beim „Spiegel“. Mehrfach Veröffentlichungen im Buch des Hansel-Mieth-Preises, ausgezeichnet unter anderem mit dem Helmut-Stegmann-Preis und dem Axel-Springer-Preis.
Dokumente
Der Sog (pdf)

erschienen in:
mare,
am 01.07.2007

 

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