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30.05.17

Bücher

Georg Brunold „"Zeitreisen ist eine Überlebensnotwendigkeit"

Georg Brunold hat sich auf eine jahrelange Lese-Odyssee für ein großes Reportage-Lesebuch begeben: "Nichts als die Welt - Reportagen und Augenzeugenberichte aus 2500 Jahren". Im Interview erzählt er von den schönsten Lesefrüchten:

"In einigen Fällen habe ich mich von wohlgehüteten Berufsgeheimnissen trennen müssen. Wenn ich ein lachendes oder weinendes Gesicht zu skizzieren habe, dann greife ich zu meinem ganz unschätzbaren Begleiter von Darwin: «The Expression of the Emotions in Man and Animals» (deutsch: «Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei den Menschen und den Tieren»). Da finden Sie minutiös die Gesichtsmuskulatur und ihre Dynamik erörtert. Es gibt viele Arten, die Augenbrauen zusammenzuziehen, und das kann ganz Unterschiedliches, ja Gegenteiliges zum Ausdruck bringen. Und wenn Sie zum Beispiel mehr darüber wissen wollen, was Erzählen vom Dozieren unterscheidet, dann kenne ich dazu keinen aufschlussreicheren Text als jenen knappen Essay von Borges: «Die Erzählkunst und die Magie»."

Bitten laden Sie das Interview mit Georg Brunold rechts herunter - gemeinsam mit zwei Leseproben aus "Nichts als die Welt":

Zum einen Konstantin Georgiewitsch Paustowskijs Bericht über ein Juden-Progrom in Russland.

Und John-Lewis Burckhardts Bericht über seinen Aufbruch mit einer Sklavenhändlerkarawane in den Sudan, 1814. Brunold: "Weil der Erkenntnisprozess, zu dem ein Reporter sich ins Dunkle, in eine nie betretene Welt aufmacht und den Leser auf den Sozius bittet, wie bei Burckhardt auch noch heute mit oft höchst heiklen und anspruchsvollen Vorbereitungen beginnt und nicht mit einem der Ansichtskartenästhetik huldigenden Fresko und Vorblick auf die zu erobernde Gesamtlandschaft wie in heutigen Reportagemagazinen."

Es gibt in nächster Zeit zwei Lesungen mit Georg Brunold: Am Donnerstag, 15. Oktober, um 20 Uhr in der Romanfabrik, Hanauer Landstraße 186 in Frankfurt. Und am Montag, 2. November um 19.30 Uhr im Festsaal Kreuzberg, Skalitzer Straße 130, Berlin.



Lieber Herr Brunold, warum brauchen wir Reporter dieses Buch?

Was die gedruckten deutschsprachigen Medien unserer Gegenwart am meisten behindert, ist ihr Begriff von Aktualität. Aufs tägliche Pressemenu wird gesetzt, was in der Suppe von heute schwimmt und womöglich gestern da noch nicht gesehen wurde. Gewiss, auch von der Aktualität ausgewählter älterer oder zeitloser Dinge hört man hie und da, von der Aktualität der Bibel zum Beispiel, aber dann im Kontext der Tagespolitik unserer Kirchen. Fast nichts an unserer Gegenwart findet eine Erklärung in dieser selbst. Wir sind dazu auf die Vergangenheit angewiesen, nicht ein bisschen, sondern auf große Strecken davon, und soweit wir von dieser auch noch ihre eigene Stimme hören können, wollen wir uns nicht mit Geschichtsunterricht zufrieden geben. Wer vom Lauf der Welt etwas kapieren will, hat sich selbst zum Generalisten weiterzubilden, und das muss wohl auch für professionelle Welterklärer gelten, zu denen Reporter zählen. Das Buch enthält auf seinen letzten 80 Seiten übrigens eine kommentierte Handbibliothek für solche Generalisten.

Warum war es Ihr Wunsch, dieses Buch zu machen?


Es war ein Knabentraum. Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten 25 Jahren Egon Erwin Kischs Sammlung «Klassischer Journalismus» verschenkt habe – in allen möglichen beim Antiquar erstandenen Ausgaben. Kischs Buch erschien erstmals 1923, und seither wurde in deutscher Sprache nichts Vergleichbares gemacht. Aber dann hat sich mir auch schon vor längerer Zeit eine regelmäßige Beobachtung eingeprägt, schon bevor ich mit 30 Jahren hauptamtlicher Journalist wurde: Allen wirklich interessanten Köpfen, die ich kennen gelernt habe, ist eines gemeinsam: sie lesen nicht bloß Neuerscheinungen, sondern ein Leben lang immer wieder in allen Epochen der Weltgeschichte herum. Ich habe mich im Augenblick grad selber wieder einmal von Cicero zu entwöhnen, obwohl der in der Sammlung schließlich gar nicht untergekommen ist. Sein Sarkasmus ist unerreicht außer vielleicht durch Machiavelli. Er schreibt über Notwendigkeit und Zufall und amüsiert sich über seine Kollegen von der Stoa, die den letzteren leugnen. Seinerseits hält er daran fest, daß «dieser Stein auch von der Decke herabgefallen wäre, wenn Eikadios gerade nicht in seiner Höhle gewesen wäre».

Welche Kriterien haben Sie angelegt bei der Auswahl der Texte?

Da ist erstens die Bedeutung der Ereignisse, zweitens der Rang der Autoren, und drittens hat man Vorlieben. (Die fallen natürlich um so stärker ins Gewicht, je näher man der Gegenwart kommt. Kisch in den zwanziger Jahren nahm in seine Sammlung keine Lebenden auf, weil unter diesen die Klassiker noch nicht zu erkennen seien.) Die Auswahl in «Nichts als die Welt» beschränkt sich auf die traditionellen Kernressorts Politik, Gesellschaft und Kultur. Alles weitere – etwa Natur und Wissenschaft, Technik und die Problematik ihrer Anwendungen – hätte selbst den Rahmen dieses Folianten gesprengt. Innerhalb dessen habe ich mich allerdings bemüht, über den welthistorischen Daten Dinge wie Theater, Musik, Mode und die Welt des Alltags nicht ganz zu vergessen. Schön ist, daß der kanonische Drall eines solchen Unterfangens das Überraschende nicht ausschließt: von Petrarcas anonymem Brief über die Exilkurie in Avignon bis zum Bericht des Schweizer Gardekommandeurs Ludwig von Flüe, der am 14. Juli 1789 die Bastille verteidigte, von Machiavelli in Deutschland bis zu Simenon mit Hitler im Fahrstuhl, von Voltaire und der Pockenimpfung bis zu Julian Barnes und der BH-Größe der Britannia. Mir persönlich ist nicht klar, weshalb in den Magazinen unserer Gegenwart so gut wie nie etwas Überraschendes anzutreffen ist. An der Welt kann es nicht liegen.


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Georg Brunold


Georg Brunold (56, aus Arosa), Doktor der Philosophie, 1987–1995 Redakteur und Afrikakorrespondent der «Neuen Zürcher Zeitung», 1996–2003 Stellvertretender Chefredakteur bei der Zürcher Kulturzeitschrift «du». Seit 1987 war er zudem als Übersetzer, Herausgeber und Autor für Hans Magnus Enzensbergers «Andere Bibliothek» tätig, in der er sechs Bände veröffentlichte. Seit 2004 lebt er als freier Autor, Reporter und Redakteur mit seiner Familie in Kenia.
Dokumente
Interview mit Georg Brunold
Auszug 1: Ein Pogrom (pdf)
Auszug 2: Sklavenhändlerkarawane (pdf)
Brunold: Vietnam - Zwischen Bollwerken der Vergangenheit
Brunold: Andere Begleitung - ein Porträt

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 01.10.2009

 

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