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Anne Zielke „Die Pille

Der "Countdown" ist ein beliebter dramaturgischer Kniff, um eine Reportage in Fahrt zu bringen: "Noch drei Stunden, noch zwei Stunden, noch eine Stunde, dann wird.... " das Wort fallen, die Bombe platzen, der Tsunami an den Strand schlagen. Der Autor weist von vornhinein auf das Hauptereignis hin, beginnt den Countdown, erzeugt Spannung und bereitet sich zugleich einen Raum, in dem er mit dem Erzählen beginnen kann.

Einen besonders schönen Countdown hat sich Anne Zielke für ihre Reportage "Die Pille" ausgedacht:

"Dreihundert. Zweihundertneunundneunzig. Vielleicht würde etwas anders sein heute. Das Blut klopfte im Sekundentakt. Zweihundertachtundneunzig. Zweihundertsiebenundneunzig. Vielleicht, klopfte es, ist die Hölle ein kleiner, roter Raum."

Von 300 auf Null zählt sie zurück, 300 Sekunden dauert es, bis die Droge Ketamin anfängt zu wirken, bis der Kopf explodiert und "etwas Fremdes in seine Glieder kroch. Es war, als gehörten sie nicht mehr zu seinem Körper. Sein Körper? Da war nur das Herz, das Ticken, das Herz. Das Ticken. Immer schneller wurde es, einhundert zwei, einhundert eins."

Ein informativer Text. Wir erfahren viel über die Droge. Treffen einen Psychiater. Gehen, leider, nicht in die Clubs, in denen Ketamin geschluckt wird. Aber, und das ist eigenartig, trotzdem liest sich dieser Text so, als wäre man dabei. Als hörte man die Bässe pochen. Vielleicht, weil so eine poetische Stimmung über dem Stück liegt. Hervorgerufen ... ja, durch was eigentlich? Den Countdown? Das offene Ende? Oder diese wunderbaren Einschübe?

"Die Stimme flüstert: ,Do I feel, do I feel.'"

Was, schon 12 Jahre alt, das Stück? Merkt man gar nicht. Oder?


                                                                     Ariel Hauptmeier


Die Pille

Dreihundert.

Zweihundertneunundneunzig.

Vielleicht würde etwas anders sein heute. Das Blut klopfte im Sekundentakt. Zweihundertachtundneunzig. Zweihundertsiebenundneunzig. Vielleicht, klopfte es, ist die Hölle ein kleiner, roter Raum.

Mike sagt, er kann die anderen sofort erkennen. Er erkennt sie sofort, wenn er am Wochenende in die Londoner Clubs geht; ins „Turnmills“ oder ins „Ministry of Sound“ oder ins „Aquarium“, das einem seiner Freunde gehört. Mike sagt, er wisse nicht genau, woran er sie erkennt. Es habe etwas mit den Augen zu tun. „Du kannst direkt durch ihre Augen hindurchschauen“, sagt er und streckt seine Arme weit über den Küchentisch, bis seine Finger die Benson-Packung berühren. „Hindurchschauen“, nickt er noch einmal, während er in seinen Hosentaschen nach dem Feuerzeug sucht. Er findet es nicht.

*

Es war Ende der achtziger Jahre, als Karl Jansen mit dem Motorrad verunglückte. Er studierte noch Medizin in seiner Heimat Neuseeland. Auf älteren Fotos sieht er aus wie ein Vampir – sehr groß, sehr bleich, sehr dürr, mit schwarzgefärbten Haaren und einem großen, goldenen Ohrring. Damals kam er sogar an Wochenende in die Kühlräume und Labors der Universität, weil er mehr über diese „große rosa Walnuß“ wissen wollte, die ihn schon als Kind fasziniert hatte. Wenn der Junge seinen Kopf abstützte, hatte er das Gefühl, er halte das Universum zwischen seinen Händen.

Als Medizinstudent erforschte Jansen, was in den Gehirnen von Alzheimer-Patienten vor sich geht; woran es liegen könnte, dass sie sich an immer weniger erinnern können. Er untersuchte Botenstoffe wie Glutamat und jene Rezeptoren, die im Gehirn eine wichtige Rolle beim Träumen, Denken, Schmerzfühlen und Erinnern spielen: die NMDA-Rezeptoren. Und weil er nicht an Übersinnliches, sondern an die Biochemie glaubte, beschäftigte er sich auch mit Nahtodeserfahrungen; ein Phänomen, das manchem Esoteriker als Hinweis auf ein Leben nach dem Tod gilt. Wenn bei Menschen, die einen fast tödlichen Unfall oder einen Herzinfarkt hatten, der Sauerstoff im Gehirn knapp wird, können ihnen merkwürdige Dinge passieren. Überlebende berichten nach der Reanimation, dass sie in einer dunklen Welt voller Tunnels waren, andere fühlten sich von einem Licht angezogen, mit dem sie verschmelzen wollten.

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Anne Zielke


1972 in Dresden geboren, studierte Anne Zielke Philosophie, Politik und Kommunikationswissenschaften in München und wurde als Journalistin bereits mehrfach ausgezeichnet, etwa 2003 mit dem ersten Platz beim Axel-Springer-Preis für junge Journalisten. Heute lebt sie als freie Autorin in Köln und arbeitet unter anderem für die Frankfurter Allgemeine, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Monopol, GEO Special und das SZ-Magazin. Im Jahr 2004 gab sie ihr Debüt als Romanautorin, das der Spiegel als »staunenswert und betörend« feierte.
Dokumente
Anne Zielke: Die Pille (pdf)

erschienen in:
SZ-Magazin,
am 12.09.1997

 

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