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Prämierte Texte

Marie-Luise Scherer „Auf deutsch gesagt: gestrauchelt

Dieser Text gewann den 2. Platz beim Egon-Erwin-Kisch-Preis 1979.

Sieberts haben einen Sohn, der ihnen Ehre macht, und einen, der für den Vater "auf deutsch gesagt: gestrauchelt ist". Als eine erträgliche Balance können Sieberts das nicht empfinden. Herr Siebert hat als Kabelverleger in Postschächten angefangen und wurde dann Beamter im Telegraphenamt.

Sein durch diese Steigerung angehobenes Selbstgefübl und das Behagen an seinem Ältesten, der Medizin studiert, sind versickert in dem Kummer um Manfred. Manfred, der Manni genannt wird und in den Erzählungen seiner Mutter "mein Jenner" beißt, ist heroinsüchtig.

Sieberts wohnen jetzt im Kadettenweg in Berlin-Lichterfelde. Aus der Afrikanischen Straße im Wedding sind sie weggezogen, weil sie sich wegen Manni schämten. Anfang der Siebziger, sagt der Vater, gab?s ja noch kein Massensterben in den U-Bahn-Toiletten, da stand noch nicht der Tote des Tages in der BZ.

Manni, fanden seine Eltern, war als Schande einzig. "Herr Siebert", haben welche aus dem Haus gesagt, "so "n Neubau hat Ohren, wie wär?s denn mit Dämmplatten?" Der Manni, sagt Siebert, hat ja infernalisch kotzen müssen. Der ist laut gestorben; und damit er nicht wegmacht, haben wir die Feuerwehr gerufen. Und die Feuerwehr hat sich ihre Wichtigkeit auch nicht nehmen lassen. Die machte aus dem Retten eine Veranstaltung, welche Zuschauer anzieht, damit sie die vertreiben kann.

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Marie-Luise Scherer


Marie-Luise Scherer, in Saarbrücken geboren, war 24 Jahre lang Autorin beim "Spiegel". Für ihre Reportage „Die Hundegrenze“ wurde sie 1994 mit dem Ludwig-Börne-Preis ausgezeichnet. Zweimal erhielt sie den Egon Erwin Kisch-Preis. Sie hat zwei Bücher veröffentlicht: „Ungeheurer Alltag“ 1988 bei Rowohlt und „Der Akkordeonspieler“ 2004 im Eichborn Verlag. Sie lebt zurückgezogen in einem Dorf an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze.
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Auf deutsch gesagt: gestrauchelt (Spiegel Wissen)

erschienen in:
Der Spiegel,
am 03.12.1979

 

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