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30.05.17

Prämierte Texte

Johanna Romberg „Immer an der Emscher lang

Dieser Text gewann den 2. Platz beim Egon-Erwin-Kisch-Preis 1987.

Manchmal zieht es sie übern Deich, raus aus ihrem steinernen Bett, in dem sie sich nicht winden und nicht schlängeln kann. Dann stößt sie einen Hauch aus, einen Seufzer von Duft, der die Böschung hinauf in die Gärten kriecht. Die Leute auf den Campingstühlen schneiden angewi­derte Grimassen, die Kinder kichern und halten sich die Hände vors Ge­sicht. Ein Windstoß – und alles ist ver­flogen.

Nur selten geschieht es, daß der Seufzer die Nase eines Dichters er­reicht, wie vor drei Jahren an einem Sommerabend in Castrop-Rauxel. Der Dichter saß am Tresen - da strich es durchs Fenster und legte sich, aufs Gemüt, eine Stimmung packte ihn zwischen Melancholie und Galgenhumor, und Rudi Grabowski schrieb ein Lied: an die „kleine Schwatte", ihr dunkles, ölglänzendes Kleid, ihre sanften Li­nien, ihren strengen Duft... Es wur­de das erste und einzige Liebeslied, das je für einen Abwasserkanal gesun­gen wurde, zum 1150. Bestehen der Stadt Castrop-Rauxel.

Mir war nicht nach Lyrik zumute, als ich die Emscher zum ersten Male roch. Aber ich erinnerte mich an ein Kinder­spiel. Es hieß „Immer am Bach lang", und wir hatten es in den Ferien erfun­den, weit weg vom Kohlenpott auf dem Land, wo es noch richtige Wildbä­che gab. Die erste Regel ist einfach: Man muß einen Wasserlauf von der Quelle an verfolgen, ohne vom Ufer abzuweichen, ohne Rücksicht auf Ge­strüpp, Stacheldraht oder schimpfen­de Bauern. Warum nicht mal „an der Emscher lang", dachte ich. einfach der Nase nach, von einem stinkenden Ab­wasserrohr zum nächsten. Tatortbesichtigung per Geruchssinn, feststel­len, wer die Giftsuppe einbrockt, die der Emscher Tag für Tag den Garaus macht.

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Johanna Romberg


Johanna Romberg stammt aus dem Ruhrgebiet. Nach ihrem Studium (Schulmusik und Hispanistik in Köln und Sevilla) arbeitete sie als freie Musikkritikerin und Lokalreporterin bei der Neuen Ruhr/Neuen Rhein Zeitung in Essen. Sie besuchte den fünften Lehrgang der Henri-Nannen-Schule, wechselte danach in die Kulturredaktion des „Stern“. Seit 1987 ist sie Mitglied der Redaktion GEO. Für ihre erste Reportage – Thema: die Emscher – erhielt sie den Egon-Erwin-Kisch-Preis (2.Preis) 1987, einen weiteren (3.Preis) 1993 für eine Reportage über eine Moskauer Gemeinschaftswohnung. Ihr Bericht über den ersten GEO-Tag der Artenvielfalt wurde 2000 mit einem internationalen Preis der Reuters Foundation ausgezeichnet. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind, außer Porträts und Reportagen, Wissenschaftsreports und Essays – etwa über die Entwicklungspsychologie, menschliches Versagen, die Alltagskultur des Singens und, in GEO 12/08, über „moralischen Konsum“. Johanna Romberg lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen bei Hamburg.
Dokumente
Immer an der Emscher lang (PDF)

erschienen in:
GEO,
am 01.07.1987

 

Kommentare

Carrie, 25.04.2016, 02:15 Uhr:

You put the lime in the conocut and drink the article up.

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