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Prämierte Texte

Christoph Scheuring „Die sich selbst ein Rätsel sind

Dieser Text gewann den 2. Platz beim Egon-Erwin-Kisch-Preis 1989.

Die Fenster hatten keine Griffe, die Tür hatte keine Klinke, und die Lampe an der Decke war fugendicht in gelochtes Stahlblech eingelassen. Alle Wände wa­ren mit Linoleum beklebt, und der Boden war es auch und nichts stand in dem Raum außer einem weißlackierten, gummibezogenen Eisenbett. Der Mann, der darin schlief, hatte braune Haut und schwarze Haare und trug einen zerrissenen Pullover. Seit Stunden schon lag er regungslos auf dem Rücken, mit gefesselten Armen und auseinandergespreizten Beinen und einem breiten Gurt um die Hüfte. Manchmal nur, wenn er aufwachte, versuchte er an den Fesseln zu reißen und um Hil­fe zu schreien. Aber die Muskeln gehorchten sei­nen Befehlen nicht, und auch der Hilferuf fand den Weg nicht nach draußen. Dann zitterten die Hände des Mannes leicht und ein paar verhuschte Wortfetzen krochen ihm über die Lippen, als hät­te jemand Watte gestopft zwischen Mund und Gedanken.

Meistens öffnete sich die Tür, und in den Raum trat ein Pfleger mit weißem Kittel und wei­ßer Hose und einer Spritze in der Hand. Er mach­te sich nie die Mühe, das Gestammel des Mannes zu dechiffrieren. „Wir wollen, daß Sie sich erho­len!“, sagte er, griff einen Hautwulst von der Hüfte ab und drückte die Nadel ins Heisch. Dann hörten die Hände des Mannes auf zu zittern.

„Patient isoliert und abgespritzt“, schrieb der Pfleger danach auf einen linierten Zettel. Und: „Stimmungslage situationsadäquat". Das Papier schob er in die Akte „Andreas Halm".

Darin lag damals, im Juli 1980. außer solchen Zetteln nichts als das weiße Formblatt des Einwei­sungsprotokolls. Darauf hatte der behandelnde Arzt unter der Rubrik „Diagnose" die „cirkuläre Verlaufsform einer manisch-depressiven Psychose" vermutet: den immer wiederkehrenden Wechsel von panischer Angst und grundlosem Glücks­gefühl, der manche Patienten in den Selbstmord treibt und den Ärzte nicht anders zu stoppen wis­sen als mit Linoleumbunker und Spritze.

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Christoph Scheuring


Christoph Scheuring, *1957, absolvierte die Henri-Nannen-Schule und arbeitete danach als Redakteur und Reporter für Stern, Tempo, Spiegel, Spiegel-Special, Bild und Welt am Sonntag. Außerdem schrieb er für Geo, Zeit, Magazin d. Süddeutschen, Playboy, Merian und Max u. a. Heute ist er freier Autor und Geschäftsführer des Redaktionsbüros strich2. Scheuring gewann den Egon-Erwin-Kirschpreis 1990 und 1991 und war 1992 für den Joseph-Roth-Preis Klagenfurt nominiert. 2007 gewann er den Züricher Journalistenpreis.
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Dokumente
Die sich selbst ein Rätsel sind (PDF)

erschienen in:
GEO,
am 01.10.1989

 

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