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Prämierte Texte

Margrit Sprecher „Wie eine Kampfsau, schwarz im Gesicht

Dieser Text gewann den 2. Platz beim Egon-Erwin-Kisch-Preis 1991.

Viele hatten den Täter verflucht, ohne zu ahnen, daß er vor ihnen stand. In der Feuerwehr, wo er stets interessiert zu den Gruppen getreten war, die seine Taten diskutier­ten, wollten seine Kameraden »den Fotzelsiech sofort auf­hängen, wenn wir ihn erwischen«. Seine eigene Mutter schlug am Mittagstisch vor, »den Sausiech an einer Mist­gabel ins Feuer zu halten«. Und Ueli Keller hatte ihm und allen ändern, die es hören wollten, mit der ruhigen Selbst­sicherheit des größten Bauern im Ort kundgetan: »Wenn der hier auftaucht, kommt er nicht mehr lebend vom Hof.«

Ueli Keller hatte es auch als einer der wenigen auf dem Bözberg nicht für nötig befunden, sich einen zweiten oder gar dritten Wachhund zuzulegen. Ihm genügten seine Zie­gen, die beim leisesten Geräusch aufwachten.

Einige der Brände konnten sich die Bözberger noch mit einem Erbschaftsstreit erklären: Oft traf es den Hof, das Weizenfeld oder die Scheune der Familie Messer, deren Erben erbittert um das Gut kämpften. Um besser im Ren­nen zu liegen, hatten sich die Männer sogar landwirtschaft­lich fortgebildet, die Frauen Bäuerinnenschulen besucht. Als es aber im Laufe des Jahres 1990 auch an ändern Orten brannte, zog die Angst auf den einsamen Höfen ein. Halogenlampen, Lichtschranken und Videokameras wurden montiert, die Ketten der Hunde verlängert. Wer nachts er­wachte, konnte nicht wieder einschlafen. Der Arzt, wie viele andere Bözberger inzwischen bewaffnet, verschrieb nur mehr Beruhigungsmittel. Anfangs hatte man im »Bä­ren«, tagsüber Chauffeurenbeiz, abends »Bauernbörse«, noch über den Täter geflucht. Bald schwieg man lieber. Wer weiß, vielleicht hörte er mit, und morgen mußte man » selbst schwarze Hölzchen zusammenlesen«.

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Margrit Sprecher


Margrit Sprecher studierte in München und Wien Publizistik. Sie gründete und leitete das Ressort „Leben heute“ der Zürcher „Weltwoche“ und arbeitet seit sieben Jahren als Reporterin für schweizerische und deutsche Zeitschriften. Zürich. Ihre Reportagen-Sammlungen sind u.a. bei Suhrkamp, im Ammann-Verlag und bei der Neuen Zürcher Zeitung erschienen. Etliche Preise, darunter der Kisch-Preis, Preis für Publizistik in Klagenfurt und Preis für das Gesamtwerk des Zürcher Pressevereins. Margrit Sprecher lebt in Zürich und Graubünden.
Dokumente
Wie eine Kampfsau, schwarz im Gesicht (PDF)

erschienen in:
Weltwoche,
am 01.01.1991

 

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