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18.10.17

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Andrea Böhm „Herr Kibala kriegt die Krise

Die Reportage als Doku-Soap

Stimmt: Auf den ersten Blick ist es nicht sehr überraschend, was wir hier über den Kongo erfahren. Von korrupten Zöllnern ist die Rede und Schlaglöchern in den Straßen, von marodierenden Rebellen und einem Gerichtsschreiber, der aus Papiermangel die Rückseiten der Aktendeckel vollkritzelt. Mangel allerorten, Afrika eben.

Und dennoch ist Andrea Böhms Reportage "Herr Kibala kriegt die Krise" ganz anders als die meisten anderen Reportagen über den Kongo. Weil sich die Autorin dem Geschehen nicht aus der fremden (manche würden sagen: kolonialen) Perspektive des zugereisten Reporters nähert, sondern – in weiten Teilen – die Sicht eines Einheimischen einnimmt. Die Perspektive Jean-Claude Kibalas, Vizegouverneurs der Provinz Süd-Kivu.

"»Zoll« und »Schmuggel« stehen an diesem Morgen auf (Kibalas) Arbeitsliste. 23 reale und virtuelle Behörden hat er gezählt, die Zolleinnahmen und Schmuggelprovisionen in die eigenen Taschen lenken. Dieses klassische kongolesische Soziotop der Selbsthilfe kostet den Staat jeden Monat ein paar hunderttausend Dollar, »und damit, Mesdames et Messieurs «, ruft Kibala, »ist jetzt Schluss. Ab morgen werde ich für vier Wochen mein Büro hierher verlegen, den Warenverkehr und die Bücher kontrollieren.« Eisige Mienen."

Und noch etwas macht diesen Text besonders: Er ist Teil einer Serie. Man kennt das Format aus dem Fernsehen, dort würde es (ungleich stärker inszeniert) als Doku-Soap firmieren. Im Print-Journalimus finden Doku-Soaps bislang kaum Verwendung: Serien, die das Leben in all seiner alltäglichen Besonderheit schildern und dabei auf die Identifikations- und Anziehungskraft eines sympathischen Helden vertrauen, der die Lasten seiner Welt schultert. Ein Held, der dem Leser vertraut wird:

„Und jetzt, ein Jahr danach? (Kibalas) Ringe unter den Augen sind tiefer geworden. Aber die plündernde Armeebrigade ist aufgelöst, die Sondersteuern für Benzin und Bier haben über 300.000 Dollar für den Bau von Schulen und Straßen eingebracht.“

Die Serie hat einen offenen Ausgang. Niemand weiß, wie es mit Jean-Claude Kibala weitergeht. Im Subtext schwingt mit: Er ist gefährdet. Er hat mächtige Feinde. Wird er scheitern? Im Kleinen siegen? Wir sind gespannt: auf die nächste Folge.


Ariel Hauptmeier


Seit gut einem Jahr bekämpft der Deutschkongolese Jean-Claude Kibala in seiner Heimat Chaos und Korruption. Jetzt muss er sich auch noch mit der globalen Rezession und drei Jacuzzis herumschlagen.

Wann genau die Weltkrise in Bukavu ankam, kann Kibala nicht mit Sicherheit sagen. Vielleicht an dem Tag, als Staatsanwalt Meli Meli in sein Büro kam und Notrationen für das Gefängnis forderte, um einen Hungeraufstand zu verhindern. Genau gesagt: 365 Gramm Bohnen pro Tag und Häftling. Das macht bei 819 Insassen 298 Kilo täglich, dazu drei Zentner Maniok plus Feuerholz zum Kochen. Rund 4000 Dollar pro Monat zahlt Kibala seither an das Prison Centrale de Bukavu, obwohl das Budget seiner Provinz stetig schrumpft. Aber eine Häftlingsmeuterei ist das Letzte, was er jetzt brauchen kann.

Es ist ein kühler Frühsommermorgen in Bukavu, der Betreiber des Freiluft-Copyshops wärmt sich die Hände an der Autobatterie, die sein Gerät mit Strom versorgt. Das Geschäft läuft gut, nebenan im Gouverneursbüro gibt es immer noch keine Kopierer - einer der Missstände, die zu beklagen Jean-Claude Kibala aufgegeben hat. 13 Monate ist er jetzt im Amt des Vizegouverneurs der Provinz Süd-Kivu, zuständig für Verwaltung und Finanzen und damit für das Fundament eines Staates, der unter jahrzehntelanger Kleptokratie und zwei Kriegen völlig zusammengebrochen ist. »Sie können ja wieder vorbeischauen«, hatte er im Juni 2008 bei unserer letzten Begegnung gesagt. Da war er gerade damit beschäftigt, plündernde Soldaten zu befrieden, die Karteileichen aus seinem Beamtenapparat zu fischen und neue Steuern einzuführen. Ausgerechnet er, Exilant und gelernter Bauingenieur, der 17 Jahre lang den Niedergang seines Heimatlandes aus einem Einfamilienhaus in Troisdorf bei Bonn beobachtet hatte, mustergültig integriert, verheiratet mit einer Rheinländerin, Vater zweier Söhne, eher vertraut mit deutschen Bauvorschriften und Kita-Satzungen als mit kongolesischen Rebellengruppen.

Und jetzt, ein Jahr danach? Die Ringe unter den Augen sind tiefer geworden. Aber die plündernde Armeebrigade ist aufgelöst, die Sondersteuern für Benzin und Bier haben über 300000 Dollar für den Bau von Schulen und Straßen eingebracht. Kibala hat Staatsbeamte wegen Unterschlagung angezeigt, hat zusammen mit anderen Vermittlern diverse Milizen von neuen Kampfhandlungen abgehalten; er hat die chinesische Blauhelmbrigade der UN zum Bau einer Mülldeponie in Bukavu überredet und vor ein paar Tagen auf der größten Schlaglochpiste der Stadt, der Avenue Patrice Lumumba, den ersten runderneuerten Abschnitt eingeweiht. »Nach deutschem Standard asphaltiert«, sagt er, »mit drei Schichten.«

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Andrea Böhm


Geboren 1961, ist Absolventin der Deuschen Journalistenschule in München und war fast zehn Jahre bei der taz als Lokalredakteurin, USA-Korrespondentin und Reporterin. Wechselte zum Dossier der ZEIT, arbeitete dann mehrere Jahre in New York als freie Journalistin für GEO und die ZEIT. Seit 2006 Redakteurin im Politik-Ressort der ZEIT. Lebt in Hamburg.
Dokumente
Herr Kibala kriegt die Krise (pdf)

erschienen in:
Die ZEIT,
am 20.05.2009

 

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